Kanada, nicht gerade ein für HipHop berühmtes Nachbarland der USA, trumpft mit Sixtoo, Musiker, Writer, Skateboarder und reflektierter Redner, ein neues As aufs Indiehop-Parkett. Melancholisch zwischen Anticon und DJ Shadow klingt Sixtoo wie ein gezähmter Antagonist mit zerbrochenem Kamm.
Text: Clara Völker aus De:Bug 70

Manchmal missverstanden

Zuerst kam Graffiti, dann Musik. Punkrock. Danach Dancehall, und die ersten Turntables. Schließlich eine MPC, inzwischen ein mit den üblichen neuen und ein paar älteren Sachen ausgestattetes Homestudio. Was nicht heißt, dass Sixtoo für seine Musik nicht ab und an mal zu Instrumenten wie Bass oder Gitarre greift, Kanada und die USA liegen ja nicht so weit auseinander. Aber Samples und “das Menschliche an maschineller Musik” bleiben auch auf seiner neuen Platte “Antagonist Survival Kit” die Basis für die eher schwermütige oder melodische Musik mit zum Teil anklagenden Texten. Weswegen er beim amerikanischen Bröckelhiphop-Label Anticon auch gar nicht so falsch aufgehoben war. Durch eine Radiosendung von Buck65, der anderen Hälfte seiner Gruppe “The Sebutones”, traf Sixtoo Mitte der 90er Sole und Alias von Anticon, mit denen er später zwei Jahre lang in Oakland, Kalifornien zusammen wohnte. Inzwischen nicht mehr in der kanadischen Kleinstadt Halifax, sondern der Metropole Montreal wohnhaft, hat Sixtoo seine nicht nur ortsbedingte Außenseiterposition zum exklusiven Wert umfunktioniert. Schließlich ist die Konkurrenz an HipHop-Musik in Kanada nicht besonders groß, HipHop an sich allerdings nicht so klein, wie man vielleicht vermuten könnte. Immerhin gibt es auch dort massig Graffiti, Skateboards, Plattenspieler, Kunst, Gedanken und Schlaflosigkeit.

DEBUG: Bitte stell dich vor.
SIXTOO: Vaughn Robert Squire. Sixtoo. Sebutone. 1200hobo. Vollzeit-Anthropologist und Teilzeit-Kleinkrimineller. 38 Jahre alter Schurke. Nomadischer Zeitreisender. Scum, Punk Rocker.

DEBUG: Was magst du an HipHop nicht?
SIXTOO: Die kurzlebige und geldgeile Industrie, die durch das, was die Konsumkultur als HipHop adaptiert hat, aufgeblüht ist. Ich hasse diesen Scheiß. Es macht mich krank. All diese “Wir-unterstützen-Rap”-Bekleidungsfirmen können mich mal. Mode hat den HipHop, den ich kannte und liebte, zerstört. Insbesondere die politische Überzeugung darin, die mich als Punkrock-Kid da reingezogen hat, in die “drop dead fuck america”-Musik.

DEBUG: Was gefällt dir an Rock/Alternative und elektronischer Musik?
SIXTOO: Die DIY-Ethik, die an Rockmusik hängt, genauso wie die Produktion der Musik selber. Indiekünstler haben gelernt, minimale Musik zu restrukturieren, um sie wieder interessant zu machen. Einflüsse aus verschiedenen Genres sind wichtig, aber im Grunde leben wir in einer Post-alles-Gesellschaft. In dem Moment, in dem etwas passiert, wird es auch schon global verteilt. Es gibt keine langsame Entwicklung mehr, Musik wird auf Nachfrage hin produziert. Was gut und schlecht sein kann, je nachdem, ob man sich anpassen kann.

Ich glaub’, ich dreh’ am Rad

DEBUG: Was sind deine Einflüsse, musikalisch und sonst?
SIXTOO: Mich beeinflusst alle mögliche Musik, von Komponisten wie Cage und Stockhausen, populären HipHop-Produzenten wie Primo und Large Professor zu Underground-Leuten wie OD und Jel. Ich beziehe mich auch auf Krautrock genauso wie auf die Montreal Minimal Rock Community. Die Produktionsweise und der Rhythmus von Dub … Albinis Wiedererfindung von Rockproduktion. Ich sehe alles als Referenzpunkt, aber versuche etwas Einmaliges und gleichzeitig Anerkennendes daraus zu machen. Außer Musik mag ich japanisches Magazindesign, deutsche Technik, kalte harte Linien an konkreten Gebäuden. Science Fiction. Ich mag Ziegelsteine. Metall. Züge, Filme, am liebsten von Jim Jarmusch.

DEBUG: Magst du die Welt, in der du lebst? Was würdest du gerne ändern?
SIXTOO: In meiner idealen Welt würden Leute den wirklichen Wert ihrer Begabungen erkennen, das ist alles. Nichts Drastisches, aber man sollte mal drüber nachdenken. Man sollte wissen, dass es nicht das Cleverste ist, 150$-Schuhe von einer Firma, die 3$ pro Schuh zahlt, zu kaufen. Letzten Endes hat man dann ein Monopol, das von geldgeilen Bastarden geführt wird. Amerika ist ein gutes Beispiel für das, was in der Welt schief läuft, aber nicht das einzige Beispiel. In einem sehr egoistischen Sinn würde ich die Wahl gerne von Bush zu Nader ändern und das ökonomische Rad 20 Jahre zurückdrehen, vielleicht wäre dann das Wertemodell für den Rest der ersten Welt weniger korrupt. Ich würde auch gerne das ganze Blut vom Geld waschen, aber vielleicht würde das die Sachen etwas zu friedlich machen.

DEBUG: Siehst du Technologie als Verbesserung oder würdest du eine langsamere Entwicklung bevorzugen?
SIXTOO: Technologie ist schon der Motor aller Entwicklungen heute. Ob Leute daran teilnehmen oder nicht, hat nichts mit meiner Sicht zu tun. Ich mache Kunst und Musik und verkaufe das dann als digitales Produkt. Es wäre also eine Lüge, zu sagen, ich würde es nicht unterstützen. Dennoch bewundere ich Leute, die bei analogen Methoden bleiben, und würde Qualität Quantität jederzeit vorziehen. Wenn ich es mir leisten kann, werde ich mich auf jeden Fall zu den guten alten 2″-Tonbändern und einem schönen alten Mischpult zurückentwickeln, weil damit meine Lieblingsaufnahmen entstanden sind. Und da 20 Jahre altes Equipment offensichtlich immer noch funktioniert, ist es wohl korrekt hergestellt worden. Ich frage mich, ob mein G4 in 20 Jahren wohl auch noch laufen wird. Irgendwie glaube ich es nicht. Meine EMU SP 12 Drummachine ist von ’85 und läuft und läuft und läuft …

DEBUG: Siehst du dich als Antagonisten?
SIXTOO: Nicht als Antagonist per se, aber manchmal missverstanden.

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Elektronische Lebensaspekte.