Die Rechtsprechung beeinflusst die Kunst. HipHop würde anders aussehen, wenn Sampling frei wäre. Vier prominente Fälle.
Text: jan simon aus De:Bug 90

Sampling vor dem Kadi

Mitte September 2004 haben die Aktivisten von Downhill Battle, die sich der Befreiung der musikschaffenden Künstler von der Major-Industrie verschrieben haben, auf ihrer Website downhill.org eine neue Aktion ins Leben gerufen: “Three Notes And Runnin´“. Der Name nimmt Bezug auf den Song “100 Miles And Runnin´“ der ehemaligen Dr.-Dre-Formation NWA und ein darin enthaltenes, drei Noten umfassendes Sample eines Gitarrenlicks der Band Funkadelic von George Clinton. Obwohl das Sample nur zwei Sekunden lang ist, verlor NWA kurz zuvor einen deswegen angestrengten Prozess. Erwartungsgemäß hatte die Entscheidung einen Aufschrei der Entrüstung zur Folge. Im Rahmen von “Three Notes And Runnin´“ rief Downhill Battle auf, 30 Sekunden lange Stücke einzusenden, die ausschließlich unter Verwendung des zwei-sekündigen Samples entstehen durften. Es kam zu 177 Einsendungen, die gemeinsam das kreative Potential samplebasierter Musik unter Beweis stellen sollten.

Wie die Aktion stellvertretend belegt, ist die Thematik “Sampling“ ein nie versiegender Quell großer Emotionen und rechtlichen Klärungsbedarfs. Als Mutterland des HipHop sind gerade die USA prädestinierter Austragungsort eines Großteils der bekannteren Rechtsstreitigkeiten, die die Verwendung von Samples betreffen. Wer ein wenig forscht, stellt fest, dass es hierzu Unmengen von Veröffentlichungen gibt, auch komplette Gerichtsentscheidungen stehen als PDFs im Internet zum Download bereit. Abgesehen von rechtlichen Aspekten werden die betreffenden Prozesse v.a. auch durch die ihnen zugrunde liegenden Sachverhalte und die sie begleitenden Geschichten interessant und unterhaltsam.

Die Rechteklärung kann eine mühsame Angelegenheit werden – dies vor allem dann, wenn zunächst nicht klar ist, wer die betreffenden Copyrights überhaupt hält. Selbst wenn das festgestellt wurde, muss eine anschließende Anfrage jedoch keinen Erfolg haben. Sie kann z.B. auch an Eheproblemen scheitern, wie mir Chief XCel von Blackalicious neulich erzählte. Ich hatte gefragt, welche Probleme beim Song “Purest Love“ aufgetaucht waren, der sich auf der Promo-Copy des “Blazing Arrow“-Albums noch ganz anders anhörte als auf der dann veröffentlichten Version: “Wir konnten das Sample der ursprünglichen Version nicht klären, was mich sehr enttäuscht hat, weil das einer meiner Lieblingsbeats ist. Es war ein Leon-Ware-Sample. Sein gesamter Katalog (also die Rechte an den Kompositionen) wird gemeinsam von ihm und seiner Ex-Frau gehalten. Er wollte uns die Genehmigung geben, seine Ex aber nicht.“

Rechtliche Aspekte
Juristisch gesehen ist (in den USA wie in Deutschland) von Bedeutung, dass beim Sampling bzw. der Veröffentlichung von samplebasierten Tracks grundsätzlich potentiell zwei Rechte betroffen sind, zwischen denen das Urheberrecht unterscheidet: Das Recht an der Aufnahme, von der das Sample kommt, und das Recht an der Komposition, die der Aufnahme zugrunde liegt. Schon diese “Zweigleisigkeit“ ist für viele Sample-Nutzer nicht nachvollziehbar, vor allem wahrscheinlich, weil die Komposition heute zumeist nicht mehr separat auf Papier festgehalten wird, was aber nichts an ihrer Existenz und ihrem rechtlichen Schutz ändert. Aufnahme und Komposition dürfen grundsätzlich nur diejenigen nutzen, die die Rechte an ihnen halten. Bei der Aufnahme ist das in aller Regel ein Label, bei der Komposition entweder der Komponist selbst oder ein Verlag, dem er seine Rechte übertragen hat. Bei der Nutzung durch Sampling besteht jedoch die Besonderheit, dass ein Sample “so klein“ sein kann, dass es keinen urheberrechtlichen Schutz mehr genießt, wobei hier im Einzelnen vieles umstritten ist. Ab einem gewissen Umfang des verwendeten Samples, der allerdings nicht abstrakt und somit für alle Fälle vorab festgelegt werden kann (genau hier liegt das Problem), ist für eine rechtmäßige Nutzung erforderlich, dass man die betreffenden “Nutzungsrechte“ im Wege der Lizenzierung vom Rechteinhaber einholt. Tut man dies nicht, macht man sich schadensersatzpflichtig und unter Umständen auch strafbar. Die Erforderlichkeit der “Rechteklärung“ muss jedoch für jeden Einzelfall individuell beurteilt werden, wobei zwischen den Rechten an Aufnahme und Komposition jeweils streng zu trennen ist. Auch wenn das angelsächsische Copyright und das kontinentaleuropäische Urheberrecht in der Praxis oft zum selben Ergebnis kommen, gibt es bei Details doch fundamentale Unterschiede. Die vier im Folgenden geschilderten prominenten “US-HipHop-Sampling-Lawsuits” sind für die Rechtslage in Deutschland daher nicht durchweg aussagekräftig, auch wenn sie für bestimmte Phänomene und rechtliche Gesichtspunkte des Samplings generell repräsentativ sind. Der Einfachheit halber sind sie durch die “beteiligten Künstler“ gekennzeichnet, während tatsächlich jedoch häufig deren Plattenfirmen und/oder Verlage die eigentlichen Parteien der Rechtsstreitigkeiten waren.

Turtles vs. De La Soul (1989)
Die späten 80er und frühen 90er bilden quasi die Sampling-Hochphase im HipHop. Alben wie “Supernatural“ von den Stereo MCs, “Paul´s Boutique“ von den Beastie Boys oder Public Enemys “It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back“ sind Meilensteine der Sampling-Kunst. Schon wenige Jahre später war klar, dass es so etwas in dieser Form – zumindest auf potentiell erfolgreichen Platten – nie wieder geben würde. Ein Grund dafür ist der Prozess, den die Band The Turtles gegen De La Soul anstrengte und der von vielen als erster Prozess wegen Samplings überhaupt gesehen wird. Darauf angesprochen entgegnete mir Prince Paul, der damalige Produzent von De La Soul: “Ich glaube, dass vor uns bereits Public Enemy und Rakim von James Brown verklagt wurden, weil sie ‘Gotta Have Soul’ benutzt hatten. Unser Prozess wurde aber stärker wahrgenommen, weil es um eine so hohe Summe ging, weil es die Turtles waren und auch, weil unsere Platte damals groß war. Sie zog eine Menge Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde allerdings nie wirklich geklärt, wie man so etwas regeln soll oder welche Summen eigentlich fair sind.“ Prince Paul hatte für das auf Tommy Boy im Frühling 1989 erschienene Album “Three Feet High And Rising“ und den darauf befindlichen, etwas über eine Minute langen Skit “Transmitting Live From Mars” ein von Pos angeschlepptes Sample vom Turtles-Song “You Showed Me” aus dem Jahr 1969 verwendet. Die Instrumental-Sequenz wurde dafür mit 33 statt 45RPM abgespielt, geloopt und mit Auszügen einer Lernkassette für Französisch kombiniert. Das Ergebnis: typischer De La Soul-Humor. Laut Prince Paul hat Tommy Boy von De La Soul eine komplette Liste der verwendeten Samples erhalten, sich dann aber entschieden, in diesem Fall keine Rechte einzuholen. Die Turtles klagten ursprünglich auf Zahlung von 1,1 Millionen Dollar, verglichen sich jedoch mit De La Soul auf 50.000 $, die laut Maseo jeweils zur Hälfte von der Band und Tommy Boy beglichen wurden. Auch wenn hier mangels abschließenden Urteils kein Präzedenzfall geschaffen wurde, gab es bedeutende praktische Auswirkungen. Neben vielen anderen Platten wurde u.a. das zweite De La-Album “De La Soul Is Dead“ wiederholt verschoben, weil man in Sachen Sampling nun ganz sicher gehen wollte. Das Bewusstsein für die Problematik war sowohl auf Seiten der Rechteinhaber wie auch auf Seiten der Sample-Nutzer gestiegen. Außerdem ist der Fall für die gerade auch bei solchen Prozessen überwiegende Prozessbeendigung durch Vergleich repräsentativ, die dazu führt, dass es unterm Strich immer noch sehr wenige gerichtliche Entscheidungen in Sachen Sampling gibt.

Gilbert O´ Sullivan vs. Biz Markie (1991)
Auch Rapper Biz Markie hatte von diesem Prozess gehört. Folgerichtig hatte er sich für seinen Song “Alone Again“, der 1991 auf seinem dritten Album “I Need A Haircut“ erschien, an Gilbert O´ Sullivan gewandt, dessen “Alone Again (Naturally)“ aus dem Jahre 72 für den Biz-Track als Inspiration und Sample-Quelle gedient hatte. O´ Sullivan war von Biz Markies Werk jedoch nur mäßig begeistert und verweigerte daher die Rechtseinräumung. Nun machte man bei Biz´ Label Warner Brothers/Cold Chillin´ einen angesichts der Vorgeschichte dreisten wie folgeschweren Move: Mit der Attidüde “That ´s the way of HipHop, we don ´t give a shit“ brachte man die Platte einfach ohne die Zustimmung O´ Sullivans raus. Prompt klagte dieser vor dem Bezirksgericht des Southern District Of New York und stieß bei Richter Kevin Duffy auf offene Ohren. Das Warner-Argument, Sampling sei im HipHop quasi gewohnheitsrechtlich zulässig, konterte dieser in der Einleitung seines Urteils mit dem pathetischen Bibelzitat: “Thou shalt not steal”, welches seine Wirkung nicht verfehlte. Sampling ohne vorherige Lizenzeinräumung konnte fortan als Verbrechen abgestempelt werden, eine ganze Kunstform wurde pauschal kriminalisiert. Infolge des Urteils wurde Biz Markies Album aus dem Verkehr gezogen – O´ Sullivan verhielt sich konsequent. Im Gegensatz zu den meisten seiner gesampleten Kollegen erstrebte er keine finanzielle Entschädigung oder Beteiligung, sondern verhinderte die Auswertung der Platte, die nach seiner Auffassung seine Rechte verletzte. Im Ergebnis war das Urteil wahrscheinlich sogar richtig, auch wenn dies nie durch ein höheres Gericht bestätigt wurde. Dennoch erfuhr die Entscheidung heftige Kritik. Vor allem Richter Duffys Ansicht, allein schon der von Warner zugestandene Sachverhalt, das Sample ohne Genehmigung O´ Sullivans genutzt zu haben, begründe ohne weiteres eine Verletzung des Copyrights an der Komposition, wurde vielfach abgelehnt. Auch andere Details machen den Prozess interessant. So soll Duffy, der 1996 wegen ungebührlicher Behandlung eines Anwalts abgemahnt wurde, Gilbert O´ Sullivan um ein Autogramm gebeten und während des Prozesses einen Zeugen gefragt haben, was R’n’B denn eigentlich sei. Biz Markies Karriere jedenfalls war geblockt. Sein 1993 erschienenes Album “All Samples Cleared“ konnte keinen nennenswerten Erfolg mehr einfahren. Anschließend fiel das Rap-Schwergewicht nur noch durch vereinzelte Features und als DJ auf den Privatpartys von Puff Daddy und Diana Ross auf.
Auch sonst hatte das Urteil erhebliche Auswirkung auf die Industrie. Es entstanden sog. “Sample Clearing Agencies“, die als Dienstleister vornehmlich für größere Plattenfirmen die rechtliche Abwicklung der Samples im Vorfeld der Veröffentlichung erledigen. Allerdings werden natürlich auch heute noch längst nicht alle Samples geklärt. Recht repräsentativ dürfte ein Statement RJD2s sein, der mir neulich erzählte, wie die Sache bei DefJux gehandlet wird: “Das Label hat eine Anwältin angeheuert, um das rechtliche Risiko abzuschätzen. Wenn ich eine Platte mache, schildere ich ihr genau, was alles darauf ist, wo es herkommt, wer performt und wer es geschrieben hat. Das ist ein sehr auslaugender Prozess, an dessen Ende sie sagt: ‘Ok – das Risiko ist so und so hoch.’ Danach liegt es dann an uns zu entscheiden, ob wir das Risiko eingehen oder nicht.“

James Newton vs. Beastie Boys (2004)
Die Beastie Boys sampleten für ihren Song “Pass The Mic“ vom 92er-Album “Check Your Head“ eine Passage aus dem Stück “Choir” des Jazz-Flötisten James Newton aus dem Album “Axum”, das 1982 auf ECM erschien. Das Sample ist sechseinhalb Sekunden lang und wiederholt sich während “Pass The Mic“ über 40 Mal. Es bildet ein Beispiel für sog. “Multiphonics“, einer Flötenspieltechnik, bei welcher der Flötist gleichzeitig auf der Flöte spielt und falsetto singt. In dem Ausschnitt spielt Newton ein “C“ auf der Flöte, während er dazu die Tonfolge “C, Db, C“ singt, was zu einem interessanten Effekt führt. Besonders an diesem Fall ist, dass die Beastie Boys zwar die Rechte an der Aufnahme, nicht aber die Rechte an der Komposition, die in diesem Fall beim Künstler selbst liegen, geklärt hatten. Newton machte infolgedessen die Verletzung seines Urheberrechts an der Komposition geltend, verlor aber in allen Instanzen. Entscheidend war, dass die simple Tonfolge des Samples nicht ausreichend originell war, um als solche isoliert gesehen Urheberrechtsschutz zu genießen. Hinsichtlich des besonderen Sounds, der von Newtons Spielweise herrührt, hatten sich die Beastie Boys durch die Lizenz für die Aufnahme abgesichert. Der Prozess ist ein Präzedenzfall für Sampling, welches das Recht an der Komposition nicht verletzt.

George Clinton vs. NWA (2004)
Das Neue am bereits erwähnten Prozess George Clinton vs. NWA ist, dass ein US-Gericht hier erstmals entschied, dass das Recht an der Aufnahme – im Gegensatz zum Recht an der Komposition – unabhängig von der Länge des verwendeten Samples immer eingeholt werden muss. Sofern dieses Urteil aufrechterhalten bleibt, bedeutet das z.B., dass selbst das Sample einer einzelnen Kickdrum geklärt werden müsste, auch wenn das natürlich nie passieren wird. Wie der Fall in Deutschland entschieden würde, ist schwer vorhersagbar. Ein Urteil des OLG Hamburg aus den frühen 90ern ging noch davon aus, dass die lizenzlose Übernahme kleiner Teile einer Aufnahme das Recht an der Aufnahme nicht verletzt. Teilweise wurde sogar geäußert, das Recht an der Aufnahme solle nur vor Raubkopien schützen, so dass es nur durch Kopieren des gesamten Tonträgers verletzt werden könne. Dass dieser Auffassung berechtigte Interessen der Label entgegenstehen, ist offensichtlich – sie findet auch keinen Widerhall in der deutschen Lizenzierungspraxis. Dementsprechend vertreten die meisten Urheberrechtler in Deutschland dieselbe Ansicht wie das US-Gericht hier.

Gerade dieser letzte Fall zeigt, dass beim Sampling rechtlich gesehen noch vieles im Fluss ist. Generell beruhen die Schwierigkeiten der Beurteilung mit darauf, dass die Sampling-Technik, ihr zwischenzeitlich angenommenes Ausmaß und ihre generelle Bedeutung bei der Verabschiedung vieler einschlägiger Urheberrechtsgesetze/Copyright Acts noch unbekannt war. Gleichzeitig hat die Thematik trotz ihrer grundlegenden rechtlichen Relevanz in der Praxis oft nur geringe Auswirkungen, wie ein Statement DJ Spinnas belegt: “… for you to get sued these days, you ´ve got to be on the radar screen.“

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Elektronische Lebensaspekte.