Deutsche Hip Hop-Aktivisten packen aus. Ich war Hip Hop, bevor du Hip Hop warst. Das Buch "Bei uns geht einiges; Die deutsche Hip Hop-Szene" verrät, wer wann das erste Mal "Yo!" gerufen hat und warum früher die Arme höher gingen.
Text: Joachim Landesvatter [jock@zedat.fu-berlin.de] aus De:Bug 38

/hiphop/buch An der Punica-Oase geht einiges deutscher HipHop zwischen zwei Buchdeckeln Beim Potsdamer Jugendradio Fritz gab es vor einiger Zeit eine “Talk-In”-Sendung zum Thema HipHop, in der ein Moderator erzählte, er hätte als Kind Grand Master Flashs “The Message” im Radio gehört, und von da an sei ihm klar gewesen, dass er später mal zum Hörfunk gehen würde. Dieser zielgerichtete Lebenslauf geradeaus hört sich ziemlich absurd an. Jetzt gibt es ein Buch voll mit ähnlichen autobiographischen Gegebenheiten, Geschichten und Anekdoten, die alle das Ziel haben, zu belegen, dass die Schreiber schon besonders früh mit HipHop angefangen haben und nichts sie seit ihrer jüngsten Kindheit von ihrem Weg abhalten konnte. “Die deutsche HipHop-Szene” soll durch Selbsterfahrungsberichte beleuchtet werden. Quintessenz des Ganzen ist jedoch nur: Früher war alles besser. Egal, ob der Zusammenhalt der DDR-HipHopper, die Jams in Ost und West oder generell gesagt: die Zeit vor der bösen Kommerzialiserung. Die Vier-Faltigkeit von HipHop wird von allen Schreibern bemüht, mittlerweile kann ja schon jedes Kind die legendären Grundsäulen des HipHop aufzählen. Und jeder war überall dabei. Sogar Smudo hat mal gesprüht und Kontrahent Torch, ehemals Advanced Chemistry, hat deswegen Stress mit der Polizei. Die Jams der guten alten Zeit: Smudo hat ein Video, auf dem sich Torch bei einer Jam Ende der 80er mit ihm auf einer Bühne tummelt. Torch bestreitet das, schliesslich hat er die Fanta 4-Leute ja nie auf so einer Veranstaltung gesehen! So geht das schon seit fast 10 Jahren zwischen Heidelberg und Stuttgart hin und her. Demnächst gibt es ja dann vielleicht doch mal eine Torch-LP bei V2, sein Rechtfertigungszwang für den Industrie-Deal scheint enorm zu sein, dann geht die pubertäre Disserei wahrscheinlich erst richtig los. Die meisten Texte des Buches sind reine Aufzählungen von Lebensstationen und Bekanntschaften verschiedener HipHop-Karrieren in Deutschland mit Schwerpunkt Berlin. Ausser HipHop scheint es da an Einflüssen nichts anderes gegeben zu haben. Von “Beatstreet”, “Wildstyle” oder Eisi Gulp angefixt , über Lutz Schramm bei DT64 oder Monika Dietl beim SFB bis zum momentanen “Ausverkauf”, alles wurde begleitet oder mitgemacht. Das ständige Beschwören von Familie, Herkunft und lokalpatriotisch eingefärbten Identitäten bzw. Klischees ist bei vielen “Aktivisten” ähnlich. HipHop bietet Heimat, ist aber immer ein Abgrenzen von anderen. Meist von anderen Städten. Die Schreiber bemühen sich durchweg, “Klartext” zu reden, oft kommt das etwas prediger-mässig rüber oder ist einfach nur lustig. King Kool Savas: “Ich versuche kein Pimp Rapper zu sein. Von 1996 bis 1998 habe ich nur über Fotzen geredet und irgendwann hatte ich darauf keinen Bock mehr.” Berlin wird von vielen Schreibern als die Style-Haupstadt der Zukunft angesehen. Von den harten Berlinern sagt allerdings niemand etwas zur Verwendung des Harlekinz-Tracks “Berlin Love” in einer Fruchtsaftwerbung. Teilweise veraltete Interviewtexte, viele Bilder in unglaublich miserabler Qualität und eine ganze Reihe fehlender einflussreicher HipHop-Leute (Stieber Twins, Moses Pelham, Absolute Beginner, Dj Stylewarz, Freundeskreis, Massive Töne, Storm, Ferris Mc, Dynamite Deluxe, Mc Rene, Dj Tomekk, Spax usw.) lassen den Anspruch des Buches vermessen klingen, die deutsche HipHop-Szene umfassend beleuchten zu wollen. Ein deutsches “Rap Attack” lässt immer noch auf sich warten.

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Elektronische Lebensaspekte.