Wie wäre es in der Paradise Garage ohne Aids weitergegangen? Robi Insinna baut utopische Party-Historie als geläuterte Italodisko nach.
Text: Felix Denk aus De:Bug 91

Hirndisko mit Haltung
Manhead

Auf dem hippen Retro-Floor treten sich die merkwürdigsten Gestalten auf die Füße: Da tanzen die Sentimentalen, die sich mit der Gegenwart einfach nicht anfreunden können, mit den Schlaumeiern, die aus sicherer zeitlicher Distanz glauben, alles erklären zu können. Die schlimmsten Nervensägen sind jedoch die Ironiker, die es witzig finden, sich über das Plakative lustig zu machen. “Eine Zeit lang war alles geil, was Trash war – ganz viel pink überall“ stöhnt Robi Insinna über Schenkelklopfer auf Kosten der achtziger Jahre. Solche geschmacklichen Untiefen würde sich der Schweizer nie erlauben. Weder als Headman noch als Manhead. Insinna mag zwar ästhetisch gesehen eine multiple Persönlichkeit sein, aber in dem grundsätzlichen Verständnis, wie man Musik macht, die von alter Musik inspiriert ist, ohne dabei ein Recycling oder Revival zu betreiben, sind sich seine beiden Produzenten-Pseudonyme ganz einig.

Als Headman bastelte Insinna 2001 die Club-Bombe ”It Rough“ samt zugehörigem Album für das Münchner Label Gomma zusammen. Die Schockwellen der Detonation reichten so weit, dass letztes Jahr sogar Franz Ferdinand ihn um einen Remix baten. “Headman“, erklärt Insinna, “ist meine imaginäre Band, da geht es eher um einen Live-Sound.“ Von New Wave, No Wave und Discopunk ist dagegen Manhead, sein etwas weniger bekanntes Projekt, weit entfernt. Manhead klingt mehr diskoid, elektronisch, synthetisch und poppig. Da muss man natürlich auch im Studio anders zu Werke gehen: “Bei Manhead verwende ich viele alte Synthies und Drummachines. Der Bass darf nicht so Punkdisko-mäßig klingen.“

Tut er nicht, wie man auf dem Manhead-Album hören kann. “Birth, School, Work, Death“ setzt in etwa da an, wo Italo-Disko sich in Proto-House verwandelt. Tony Carrasco und Mike Pickering winken aus der Ferne. Die meisten Stücke des Albums sind bereits auf Insinnas Label Relish erschienen, doch Relish-Maxis liefen bislang auch für ambitionierte Plattenkäufer eher unter dem Prädikat “hard-to-get“. In England ist das anders. Da stehen sie mittlerweile in der Riesenkette HMV gut sichtbar im Regal. Und Trevor Jackson hat Manhead schon lange auf seiner “Cooler Kram vom Kontinent, den ich dringend lizenzieren muss“-Liste. Der Track Doop schaffte es auf die dritte Output-Compilation. Birth, School, Work Death, bei dem Christian Kreuz (Dakar von Dakar&Grinser) den Text des gleichnamigen Godfathers-Hits von 1988 nachsingt, wurde mit einer Maxi-Veröffentlichung geadelt.

Wie weitet man Pupillen?

Coverversion? Disko-Mix? Oder vielleicht beides? Manhead bügelt Eindeutigkeiten gekonnt aus. An den Stellen, wo Italo-Disko aus den plakativen Sounds auch noch plakative Kitsch-Melodien draufsetzt, klinkt sich Manhead schnell aus. Ist das eine bewusste Strategie, so etwas wie eine Subtilisierung von Italo-Disko zu betreiben? “Naja, im Studio entscheide ich eher aus dem Bauch heraus“, meint Insinna zurückgelehnt. Ist ja nicht sein Job, die Interpretation. Er stöbert eben gerne in Plattenläden und kauft viele alte Platten, erklärt er. Und Italo-Disko fand er immer super: “Diese Mischung aus alten Synthies und organisch klingenden Instrumenten, die aber trotzdem sehr dance-mäßig sind. Interessant ist, was diese Musik alles losgetreten hat. New Order war ja auch inspiriert von diesen Sachen.“

Das Praktische an der Vergangenheit ist, dass sie vorbei ist. Zusammenhänge werden im Rückblick deutlich sichtbar, und Momente, die einem gefallen, kann man sich rauspicken und den unangenehmen Rest einfach ausblenden. Paradise Garage minus Aids zum Beispiel. Oder Hacienda ohne Sperrstunde um 2 Uhr morgens. Statt sich konkret an einzelnen Musikstilen abzuarbeiten, sind es die Übergangsphasen und Zwischenperioden, die Manhead musikalisch fortspinnt. Balearic wäre so ein Beispiel euphorischer Unklarheit – englische Rave-Ursuppe, die musikalisch immer etwas ungreifbar zwischen Disko, House und Pop pendelte. Wichtig war, dass sich die Pupillen weiten. Ob nun mit Piano-Break oder gezupfter Gitarre – wen kümmert das, wenn es doch um den richtigen Vibe geht. Wie könnte Balearic heute klingen? Oder was würde heute im Baia Degli Angeli laufen, dem 1970er Jahre Superclub an der italienischen Adria, wo die DJ-Kanzel in einen gläsernen Fahrstuhl eingebaut war? Manhead formuliert Antworten – und kommt damit auf dem House-Floor bestens an. Auch wenn das gar nicht unbedingt Sinn der Übung war.

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Elektronische Lebensaspekte.