Peter Rehberg ist Editions Mego - Labelportrait aus De:Bug 167

Peter Rehberg und Hund Amos in Wien

Peter Rehberg und Hund Amos in Wien

Das Label Editions Mego ist im Laufe der letzten Jahre zum wahren Experimental-Imperium angewachsen. Der kreative Lauf scheint kein Ende zu nehmen, brachialer Noise wird genau so propagiert wie futuristische Synthesizermusik. Ein Besuch bei Labelmacher Peter Rehberg in Wien bringt Licht ins Dunkel der Drones.

“‘Experimentell’ ist eigentlich ein schlimmer Begriff,” sagt Peter Rehberg. “Er legt nahe, man wüsste nicht, was man tut. Und das stimmt auch noch, irgendwie!”, lacht er laut los. Er lacht tatsächlich ziemlich oft. Ist es ein manisches Lachen? Oder doch das eines grundjovialen mittelalten Mannes, der da ohne Schuhe vor mir in seinem Schreibtischstuhl zappelt, als ich ihn in seiner weitläufigen Wiener Wohnung besuche. Rehbergs kleiner schwarzer Hund Amos hat mich lange nervös beschnuppert, jetzt wacht er scheinbar still am Boden und fixiert den Fremden. Herr und Hund sitzen vor mir in Rehbergs Arbeitszimmer. Man wusste ja nicht, was einen erwartet. Difficult music for difficult people, heißt es doch. Oder wie angeblich ein nicht gerade kunstsinniger Psychiater zu sagen pflegt: Kranke Menschen machen kranke Musik für andere kranke Menschen. Würde man eine Durchschnittsperson eine Weile in einen Raum mit viel lauter Musik aus dem Hause Mego sperren, jener Nervenarzt würde es Psychofolter nennen. Ist es der Moment, in dem die Eltern Recht behalten? Das ist doch keine Musik mehr. Manchmal fragwürdig, meistens aber einfach viel mehr als “nur” Musik. Lebendiger Sound, wilde Expressivität. Fremdartiger, liebenswürdiger Krach. Peter Rehbergs Leben.

Sein Label Editions Mego ist 2006 als bunter Schmetterling aus der alten Larve Mego geschlüpft. Die Vorgängerfirma wurde 1994 gegründet und stand in Sachen avantgardistischem Innovationstriebs und Widerborstigkeit in einer Reihe etwa mit Raster-Noton und Mille Plateaux. Dort wurde, auf jeweils unterschiedliche Weise, eine Techno-Gegenkultur gepflegt, die anders sein wollte und musste. Zu einer Zeit, wo man überall raven konnte, bekam man hier Brainfood, an dem oft genug schwer zu knabbern war.
Wirklich jeder, der sich in den Nuller Jahren für die Weiterentwicklung von elektronischer Non-Dancemusic interessiert hat, besitzt mindestens eine Platte von (Editions) Mego – ob nun eines der kanonischen Alben von Laptop- und Gitarren-Glitcher Christian Fennesz oder das 2010 veröffentlichte “Returnal” von Oneohtrix Point Never, das doch viel einnehmender und visionärer ist als sein letztjähriger Durchbruch “Replica” auf einem anderen Label. Oder, ebenfalls zwei Jahre alt und einer der bisher größten Würfe im eMEGO-Katalog, “Does It Look Like I’m Here” der Emeralds.

Da wären auch die hypnagogischen Loop-Gitarren-Epen von Emeralds-Mitglied Mark McGuire oder das eMEGO-Sublabel Spectrum Spools, wo viele aufregend-komplizierte Synthpop-Platten erschienen sind. Das sind die beiden Sphären – einerseits träumerische Ambient- und Synthesizermusik, satt an endlosen Loops und Arpeggio-Schleifen, andererseits radikale Klangexperimente, die den aufreibenden Gegensatz zwischen höllischen Lärmorgien und tödlich leiser Stille zelebrieren. Hier werden Welten erschaffen, zwischen denen Raum für diverseste Ansätze und Sounds ist. Neuerdings remixt man mit Sensate Focus sogar die alte Dame House mit frischen Impulsen, mit denen man gar nicht mehr gerechnet hat. Editions Mego ist mehr denn je zu einem Hort für “advanced sound” geworden, Peter Rehberg sei Dank.

Katalognummern-Fetisch
Rehberg ist ein grandioser Musikspinner, ein Popnerd mit Hang zum Unorthodoxen von Beginn an. Wir begutachten sein Plattenregal, er streift über die Coverrücken. “Auf jeden Fall höre ich immer noch viel Human League und sehr gern das erste Heaven-17-Album. Oder Soft Cell, frühe Depeche Mode, viel altes Techno-Zeug. Im Moment bin ich aber eher damit beschäftigt, mir die Dinge anzuhören, die ich rausbringe”, schmunzelt er. Es ist nämlich fast nicht mehr zu überblicken, was auf eMEGO und seinen mittlerweile fünf Sublabels pro Monat veröffentlicht wird. Zählt man nach, kommt man auf über 50 Veröffentlichungen in diesem Jahr, zum Großteil Alben, und weitere neun LPs sind schon für November und Dezember angekündigt. Das ist nicht nur in der Masse einzigartig, in einer Zeit, in der ja “niemand” mehr Musik kauft. Rehberg kann sich nicht helfen. “Ich versuche mich selbst dazu zu zwingen, für zwei Monate nichts zu veröffentlichten, ab nächstem Jahr. Es ist nur verdammt schwierig, weil so viele Leute mir ständig tolle Platten schicken, die ich veröffentlichen muss. Da kann ich nicht wirklich lange warten.” Rehberg zieht wahllos Platten aus dem Regal und hat die nötigen Infos stets parat. “Mich fasziniert die Geschichte, wie Platten entstehen. Mein Geschmack hatte immer damit zu tun, ich wollte die Hintergründe kennen, deshalb habe ich Musikmagazine gelesen, seit ich Elf war. Ich wollte Dinge rausfinden – man las von Cabaret Voltaire, aber wer war denn jetzt Can? Und dann lernt man was über Faust, oder stößt auf Psychic TV und Throbbing Gristle durch Marc Almond, weil er bei Top Of The Pops mit einem Psychic-TV-Kreuz auftritt. Die einzelnen Punkte zusammenbringen, einen Zusammenhang herstellen. Das war mein Ding, und das mache ich noch immer. In meiner Jugend war es wirklich einfach, von einem zum anderen zu kommen – wenn man etwa Depeche Mode gehört und sich die Katalognummern bei Mute angeschaut hat, da war STUMM 9 “A Broken Frame” und STUMM 10 war NON – also extremer Noise gleich nach Synthpop. Ich stand schon sehr früh auf die Idee von Katalognummern – das Kind, das in der Schule Katalognummern von Labels auflistete. Davor habe ich übrigens Autokennzeichen in einem kleinen Buch notiert. Ich bin immer noch so einer”, sagt er und fängt wieder laut zu lachen an. “Wenn man das also gemacht hat, fragte man sich: Wieso ist da diese harte Noise-Platte und kurz davor die Band, die bei Top Of The Pops spielt? Das Ziel ist Ausgeglichenheit, und so versuche ich das Label bis heute zu machen.”

In the Leftfield
Peter Rehberg hat österreichische Wurzeln, geboren wurde er 1968 aber in London und ist in England aufgewachsen. Ende der Achtziger zog es ihn nach Wien, wo er bis heute lebt, obwohl er mittlerweile keine besondere Verbindung mehr zur Stadt hat. “Je erfolgreicher du nach außen bist, desto weniger interessieren sich die Leute hier für dich,” stellt er emotionslos fest. Als er nach Wien kam, ging dort absolut nichts, “noch keine Spur von einer Techno-Szene, nicht mal eine Indie-Rock-Szene gab es, es war einfach nur grau!”, kichert er. “Aber dann bin ich in verschiedene Dinge verwickelt worden, Fanzines, Auflegen, Radio machen, und bin dann langsam in diese ganze …’Techno’-Szene reingekommen. Da waren auf einmal viele interessante Menschen, ein paar gute DJs und Clubs, es entwickelte sich was. Ich meine die Zeit vor dem großen Hype Mitte der 90er, das war schon sehr wichtig für mich. Aber ich finde Städte als musikalische Szenen überhaupt nicht bedeutend und finde es eher abstrus, deswegen in eine Stadt zu ziehen. Ich lebe immer noch gerne hier, habe aber mit der Musikszene überhaupt nichts zu tun.” Was war da los Mitte der Neunziger? Kruder & Dorfmeister machten Wien zur Downtempo-Hauptstadt des Festlands, Patrick Pulsinger setzte dem die schnelle harte Bassdrum entgegen und gründete mit Cheap Records das wichtigste Techno-Label Österreichs. Und Mego besetzte das noch freie Leftfield.

“Es kam eines zum anderen und alles führte darauf zu, langsam ein Label zu gründen”, resümiert Rehberg. “Einer der besten Aspekte an Techno war damals, dass sich alles dezentralisierte. Wenn du vorher ein Label sein wolltest, musstest du in London, New York oder L.A. sein, in einem dieser klischierten Zentren der Musikindustrie. Aber plötzlich gab es Labels aus Helsinki, Wien, schrägen Orten in Frankreich, überall sind die Dinger aus dem Boden geschossen. Es hat sich alles wegbewegt von dieser angloamerikanischen Tradition, dass Rock’n’Roll die treibende Kraft des Musikbusiness ist. Und deshalb fand ich es auf einmal sehr spannend, an einem Ort wie Wien zu sein.” Genau genommen wurde Mego 1994 von Ramon Bauer und Andi Pieper gegründet, die vorher das Techno-Label Main Frame machten, die aber Rehberg sofort als Partner hinzu holten – zunächst nur, um gemeinsam Musik zu machen. Das erste Release auf Mego stammt folglich auch von Bauer und Pieper alias General Magic und Rehberg unter seinem Alias Pita: “Fridge Trax”, abstrakte Elektronik konstruiert aus den Aufnahmen von – richtig – Kühlschrankgebrumme.

Mego-Zeiten: Rehberg und Ramon Bauer anno 1996

Mego-Zeiten: Rehberg und Ramon Bauer anno 1996

Und so nahm alles seinen Lauf, Mego wurde eines der wichtigsten europäischen Labels für verschiedene Spielarten von Laptop-Elektronika, bis es sich gegen Mitte der 2000er nicht mehr tragen konnte. Bauer und Pieper gaben auf, Rehberg nicht: “Ich dachte mir, das muss nicht sein. Diese eine Version davon kann zusammenbrechen, ok, aber ich wollte weitermachen, auf meine eigene Art.” Mit neuem Geschäftsmodell, ohne Angestellte und teures Büro, sondern alleine von zu Hause aus. Rehberg, sein Computer und sein Netzwerk sind bis heute die ganze Firma. In seinem Arbeitszimmer stehen wenige Kartons mit CDs und Vinyl, ein kleiner Back-Stock, mit dem er den weltweiten Mailorder über die Label-Webseite betreibt. Man fragt sich, wie das alles funktionieren soll. Editions Mego ist nicht Warp, aber mit einer solch kleinen Bude konnte man nicht rechnen.

Trainspotting im Club
Denn Editions Mego ist gehörig in die Breite expandiert. Spectrum Spools wurde Anfang 2011 das erste Tochterlabel, das John Elliott von den Emeralds betreut, der auch die Idee dazu hatte. Rehberg war sofort Feuer und Flamme. “Seit ungefähr sechs Jahren bin ich total begeistert von dieser neuen amerikanischen Synth-Szene. Es gibt unfassbar viel gutes Zeug aus dieser Ecke, ich kaufe mir alle Tapes, die ich kriegen kann. John lebt ja auch dort, es klappt ganz gut so.” So gut, dass weitere Ableger gegründet wurden: das von Stephen O’Malley kuratierte Ideologic Organ, Recollection GRM als Reissue-Plattform für rare Musique Concrète aus den 70er Jahren, und zuletzt, vor einem halben Jahr, Sensate Focus für Mark Fells House-Abstraktionen. Für letzteres können sich viele Mego-Fans allerdings nur schwer begeistern, sagt Rehberg. “Manche sehen nur Hecker und Haswell und das noisigere Programm des Labels, aber wir waren von Anfang an, naja, eher ein Ambient-Label. Vielleicht wirkt Sensate Focus merkwürdig, für mich ist es ganz natürlich. Auch auf die Pseudo-Trance-Platte von Lorenzo Senni gab es entsetzte Reaktionen. ‘Was soll das sein, Trance?!’ Und ich sagte: ja, und? Das sind auf gewisse Art die Wurzeln von Mego, es war in meinen Augen eigentlich immer ein Techno-Label. Ich will Dinge zusammenbringen, und heute denke ich: Ja, ich kann Jeff Mills und auch die neue Earth-Platte hören, kein Problem. Für mich ist es die selbe sonische Erfahrung.”

“Sehr interessant war ja, wie im Laufe der Jahre Leute, die mit experimenteller elektronischer Musik zu tun haben, versuchten, sich von Techno zu distanzieren, obwohl sie selbst Teil davon waren. Das geht bis in die alten Industrial-Tage zurück: Alle liebten Throbbing Gristle und Cabaret Voltaire, und dann kam Mitte der 80er diese Entscheidung – bewegst du dich Richtung Dance Music oder in schmutzigen Neo-Folk-Nazi-Quatsch à la Death In June, also Industrial für Leute, die nicht mit Beats klarkommen. Für mich war die experimentellere Schiene von Dance kein Problem. Natürlich gehe ich nicht tanzen, ich geh’ in den Club um beim DJ abzuhängen und zu gucken, was er für Platten spielt. Ich bin nur ein Trainspotter!”

Der schmale Grat
Als das Label neu startet, beginnt Rehberg außerdem mit Gitarrist Stephen O’Malley von der Drone-Metal-Band Sunn O))) und der französischen Choreographin und Künstlerin Gisèle Vienne zu arbeiten. Zusammen mit O’Malley bildet Rehberg das Projekt KTL (“Threatening new collaboration taking in parallel worlds of Extreme Computer Music and Black Metal”), ursprünglich, um für die Vertonung von Viennes Theaterproduktion “Kindertotenlieder” zu sorgen. Solche Kollaborationen, interdisziplinär und Genre-sprengend, sind für Rehberg zu Grundklammern des Labels geworden. Gleichzeitig hat Editions Mego mittlerweile einen derartigen Status als Taste-Maker im Experimental-Dschungel, dass man an den Veröffentlichungen fast nicht zweifeln möchte. Aber nach welchen Kriterien wählt Rehberg selbst aus? Wo verläuft dieser schmale Grat zwischen Avantgarde und schrottigem Lärm? Selbst er scheint das intuitiv zu entscheiden: “Meistens weiß ich einfach, dass etwas gut ist, weil ich den Musikern vertraue. Als Musikfan mochte ich immer Dinge, die zugänglich sind, aber auch sehr schwierige Sachen. Es geht nur um Geschmack, so blöd das klingt. Viel angeblich zugängliche Musik finde ich echt kompliziert und umgekehrt. Ich habe allerdings noch nie bei einer Platte, bevor ich sie rausgebracht habe, gedacht: ‘Oh Gott, das wird jeder hassen.’ Wo die Grenze zwischen genial und grausam liegt, weiß ich oft auch nicht. Das verwischt ganz schnell. Worum es bei dieser Art von Musik zu 90% geht, ist eine sehr unbekannte, graue Zone, und die heißt Talent. Niemand weiß, woher es kommt. Das macht es so spannend, sich damit zu beschäftigen, und ist gleichzeitig der Risikofaktor. Man weiß nie, deshalb mache ich das. Es hält mich auf Trab.”

Herr & Hund & Hits

Herr & Hund & Hits

Rehbergs eigene Künstleridentität sagt einiges über sein Musikverständnis aus. Er nennt sich Nicht-Musiker, wollte nie ein Instrument spielen. Industrial-Fan ist er genau deshalb – keine Musik spielen können und es trotzdem tun. Er tritt nicht mehr oft solo auf, aber bevorzugte immer, hinten im Raum zu spielen, bloß nicht auf einer Bühne. “Als Kind war ich sehr klein, also konnte ich die Bands eh nie spielen sehen. Trotzdem liebte ich die Live-Atmosphäre, den verstärkten Sound. Darum geht es einzig und allein, deshalb ist es völlig richtig, einfach nur mit seinem Laptop dazustehen – it’s about the amplification! Was aus den Boxen kommt, zählt, was Musiker machen ist sekundär. Diese Jazz-Virtuosen könnten mir nicht egaler sein. Es gibt da nichts zu sehen. Jemandem beim Musikmachen zuzusehen ist fürchterlich, ekelhaft!” Sagt er – und lacht.

Erschienen in De:Bug #167 / Oktober 2012