Drahtlose Datenübertragung gibt es nicht erst seit dem Radio. Schon der Fall vom alten Troja wurde drahtlos übermittelt, per Feuertelegraf. Aber auch Windmühlenflügel dienten eine lange Zeit drahtloser Nachrichtenübertragung. Eine Vorgeschichte von Wireless.
Text: markus krajewski aus De:Bug 59

Hundert Jahre Verbundenheit
Kleine Geschichte drahtloser Nachrichtenübertragung

500 km: Als Agamemnon von Mykene auszieht, um die Stadt der Trojaner zu erobern, vereinbart er mit seiner Frau Klytämnestra, vom Erfolg, d.h. der Einnahme der Stadt unmittelbar Nachricht zu geben mit einem Feuerzeichen, das von Kleinasien auf die Peloponnes über eine stattliche Luftlinie von 500km hinweg zu übermitteln ist. Zehn lange Jahre wartet Klytämnestra vergeblich, derweil nicht untätig und mit anderen Männern beschäftigt, auf das vereinbarte Signal ihres Gatten. Agamemnon, durch die berühmte List mit dem hölzernen Pferd in den Besitz der Stadt gelangt, lässt den Scheiterhaufen schließlich abbrennen, wodurch sich das Feuer entlang von sechs Zwischenstationen bis Mykene fortpflanzt. Eingerechnet der Belagerungszeit kommt diese Nachricht antiker Telekommunikation auf eine Übermittlungszeit von gut einem Jahrzehnt. Die Geschichte der drahtlosen Telekommunikation beginnt spätestens mit dem Fall von Troja. Das war 1184. Vor Christus, versteht sich. Von da an steigt die Rate der Datenübertragung von einem Bit pro Dekade bis hin zum wohl kaum zufällig so genannten FireWire – laut Apple und auch in der drahtlosen Variante – von bis zu 400 Megabits pro Sekunde.

Optische Signale
Während sich in Japan Feuertelegraphen noch bis 600 n.Chr. in regem Betrieb befunden haben sollen, steht Mitteleuropa ganz unter dem Einfluss römischer Post- und berittener Botensysteme. Das Wissen um die Telegraphie im abendländischen Mittelalter und in der Frühen Neuzeit erfährt demzufolge nur geringe Bestrebungen, weiterentwickelt zu werden. Nur vereinzelt wird von Experimenten der Fernmeldung mit Zeichen berichtet. So etwa eine Telegrafen-Anordnung 1695 in Frankreich, bei der Guilleaume Amontons Buchstaben an langsam rotierenden Windmühlenflügeln aufhängt, um so seine Nachricht von Meudon, einem Vorort von Paris, in die nahe gelegene Hauptstadt zu übermitteln. Rund hundert Jahre später wird in ebenjener Metropole der optische Telegraf (auch “Semaphor” genannt) durch die Gebrüder Chappe und ganz zur Freude des Konsuls Napoleon Bonaparte mit großem Erfolg erprobt. Letzterer weiß diese Nachrichtentechnik auch ebenso schnell wie kriegsentscheidend für seine Eroberungsfeldzüge zu nutzen. Der Semaphor konstituiert einen Generalstab und die Wehrpflicht. Nur bei Regen, Schnee, Nacht oder Nebel versagt das System vollständig.

Gymnastik auf Drähten
Derweil der in Goethes Wahlverwandtschaften als Hauptmann zu Ehren gekommene Freiherr von Müffling 1832 noch den Bau einer optischen Telegrafenlinie für Preußen veranlasst, wird in Göttingen bereits über die eineinhalb Kilometerdistanz vom physikalischen Institut hin zur Sternwarte erfolgreich elektrisch gekabelt, und zwar dass sich der Institutsdiener auf den Weg ebendorthin befinde: “Michelmann kommt” heißt diese Nachricht im später weithin gepflegten Telegrammstil. Von dieser fest verdrahteten privaten Telekommunikation ist es nicht mehr lang oder – gemessen an der Länge der Drähte, die sich unterdessen vervielfachen: – nicht mehr weit bis zum Fräulein vom Amt, das Telefonate zwischen unterschiedlichsten Fernsprechteilnehmern vermittelt.

Angeleint
Pioniere des Rund- und Richtfunks, die Großväter des Satellitentelefons oder des Mobilfunks, also etwa der junge Guglielmo Marconi in Italien oder der Hochfrequenz-Magier Nikola Tesla in New York, wissen um die imperialistische Relevanz von Datenleitung ohne Draht, die insbesondere für die Schifffahrt gilt. Die interkontinentale Nachrichtenübertragung, vor den ersten Hochseekabeln betrieben mit nautischen Übertragungsmedien wie Marine, Passagierdampfern oder schwimmenden Telegrafenämtern wie dem Transatlantikkabelverleger Great Eastern, emanzipiert sich ab 1900 unaufhaltsam vom fest verdrahteten Netzwerk, von der ehernen Verknüpfung zwischen Sender und angeleintem Empfänger, von deren enger Seilschaft. Nur kurz und – aus heutiger Perspektive lässt sich’s schreiben – glücklicherweise wurde dem Mensch das besondere und in der dreitausendjährigen Geschichte der Fernmeldung einzigartige Schicksal zu Teil, das Herman Melville bereits 1850 weise für sein Jahrhundert notierte: “Alle Menschen sind in Walleinen verstrickt. Alle werden sie mit dem Strick um dem Hals geboren”.

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Elektronische Lebensaspekte.