Schlitzohr Steve Jobs setzt auf Hardwarediktatur und Softwaresozialismus. Während Apple-Hardliner noch jammern, sehen wir schon die absolute Assimilation am Horizont.
Text: Johnnie Stieler aus De:Bug 102

Spätestens seit der Ankündigung des MacIntels wurden dem Mysterienstadl rund um Steve Jobs ganz neue Impulse versetzt. Nach der ersten Welle der Entrüstung über den Verrat (vor allem in den Medien, weniger bei Besitzern von Apple-Hardware) – man erinnert sich an die Tränen der Apple-Evangelisten anlässlich der Star-Trek-ähnlichen Präsentation, bei der der Intel-Chef im Cleanroom-Anzug und mit gelbem Nebel aus den Tiefen der Bühne, auf der gerade Steve mal wieder Neues zu enthüllen vorgab, gefahren kam, um Ups! Herrn Jobs zu verkünden, Intel sei “ready” – folgte ein Blick auf den Börsenkurs und schon waren die Tränen wieder getrocknet.

Back in Time

Zu den finanzpolitischen Erwägungen des ganzen Theaters um ein paar Schaltkreise komme ich später noch einmal zurück. Warum? Weil neben dem schnöden Mammon der schlitzohrige Steve mit der Einberufung von XP ins Bootcamp einen historischen Quantensprung vollführt. Wie das eben so ist bei Quantensprüngen. Man sieht es kaum, aber es fühlt sich ein wenig seltsam an, wenn die Hose einen Quark weiter links sitzt. Wir erinnern uns: IBM hatte mit der damals durchaus verständlichen Arroganz als Mainframe-Übermacht den “Microcomputer”-Markt stets belächelt und die Entwicklerhände tief in den blauen Anzugshosen vergraben gelassen. Plötzlich und unerwartet machte es Pling am Horizont und auch der Riese wollte seine eigenen PCs. In einer nebulösen Aktion wurde der eigentliche Entwickler des Betriebssystems CP/M ausgebremst, Bill Gates erwarb ganz fix eine Frickelbude, die mit QDOS eine eigene Variante von CP/M auf den Markt gebracht hatte, benannte sie in MS-DOS um und verkaufte das Ganze an IBM. Der blaue Riese schielte mehr auf das Software- und Lizenzgeschäft und ließ andere Hersteller IBM-kompatible PCs nachbauen, auf denen “natürlich” MS-DOS zu laufen hatte. So geschehen am Anfang der Achtziger. Obwohl der Beschiss von Gates natürlich aufflog und IBM an den eigentlichen Computervisionär Gary Kildall, Gründer von Digital Research, 800.000 Dollar zahlte, um einen Rechtsstreit zu vermeiden, galt Bill Gates als der schlaue Fuchs. Ein paar Milliarden später und nach zwanzig Jahren Diktatur, Monotonie und Langeweile nun das Husarenstück. Fenster putzen auf dem MacIntel.

Do Windows on a Mac

Die Sache selbst ist so unspektakulär wie viele als Marketingsensationen gefeierte Innovationen. BootCamp laden, auf eigener Partition installieren, vorher per Hardwarecheck die Windows-Treiber generieren, Windows installieren, Treiber installieren. Fertig. Kostet nichts – außer ein wenig Platz auf der Harddisk. Raider ist jetzt Twix, Persil wäscht jetzt noch weißer und Radeberger wird in der Semperoper gebraut. Was soll schon kompliziert dran sein, Windows auf einem Intel-prozessierten Personalcomputer zu installieren? Wer also zu viel Geld auf dem Konto hat, darf sich dann Software zweimal kaufen, denn logischerweise liefert Apple weder Windows noch Microsoft-Ware. Also: auf Wiedersehen VirtualPC, aber der Abschied fällt leicht.

Widerstand ist zwecklos – sie werden assimiliert

Man muss schon mindestens dreimal hinschauen, um sich vom Tunnelblick der grauen Vorzeit zu befreien. Was bedeutet der Sturm im Wasserglas, das Windows XP auf einem Intel-Mac läuft?
Die erste Dimension: Hardware. Seit den seligen Tagen in den Achtzigern ist Hardware letztlich auf dem Dilemma von Copyshop vs. Buchdruck angekommen. Sicher kann man auch eine auf A4-Seiten abkopierte Version von “Der Herr der Ringe” lesen – aber so richtig komfortabel ist das nicht. Die Computerwelt versinkt im Hardware-Chaos. Wo immer eine Masse ist, sinkt der allgemeine Qualitätsdurchschnitt, und so hinkt Windows – wie schon zu seiner Zeit MS-DOS – der Softwareentwicklung um Lichtjahre hinterher. Süffisant bemerkt dazu der Begleittext auf der Apple-Site: “Macs use an ultra-modern industry standard technology called EFI to handle booting. Sadly, Windows XP, and even the upcoming Vista, are stuck in the 1980s with old-fashioned BIOS. But with Boot Camp, the Mac can operate smoothly in both centuries.” Fazit: Ein klares Hardwarekonzept wie das von Steve Jobs hat kein Problem damit, auch einen Intel-Prozessor im Herzen zu tragen und Windows XP zuzulassen, währenddessen sich Microsoft mit einer Müllhalde von Herstellern herumschlagen muss, die Bill Gates’ Monsterkonzern weiter an Software-Oldtimer bindet.
Wer sich dem Apple-Kollektiv allerdings zu entziehen versucht, bekommt es mit der gut geölten Keule der Rechtsabteilung zu tun. Ganz emotional wird bei diesem Thema der Marketingchef von Apple, Phil Schiller: “”Wir werden nicht zulassen, dass OS X auf irgend etwas anderem läuft als einem Apple Macintosh.” Der Grund dafür: Apple verdient an der Hardware mit 20% weit mehr als klassische PC-Hersteller. Es ist allerdings nicht damit zu rechnen, dass Mac OS X auf mehr als einem Sony-Notebook essentiell gleich performativ funktionieren wird. Dafür werden die Herren Programmierer schon gesorgt haben.
Die zweite Dimension: Software. Da bestimmte Software für den Mac “nicht verfügbar” war, aber nun eben dank Bootcamp auf dem MacIntel genutzt werden kann, gilt die Ausrede nicht mehr, dass man wegen Spezialsoftware keinen Apple kaufen kann. Das Bootcamp vergrößert, ohne einen Cent zu verschlingen, das Softwarespektrum für Apple-Nutzer erheblich. Zuckerbrot und Peitsche heißt nach der Lingua von Steve Jobs: Hardwarediktatur und Softwarekommunismus. Ein fundamentalistisches Phantasialand entsteht. Im Download-Zeitalter eine betriebswirtschaftlich sicher nachvollziehbare Entscheidung, denn anders als zu den traurigen Zeiten von MS-DOS am Anfang der Achtziger ist die freie Wahl des Betriebsystems auf einer Maschine eine langfristig profitable Entscheidung, der sich Microsoft allerdings kaum zu entziehen vermag.
Die dritte Dimension: Strategie und Markt. Kein Wunder, dass der frühzeitige Release von Bootcamp den User nichts kostet, denn die Rochade von Jobs brachte dem Kurs der Aktie einen attraktiven Hüpfer ein. Bedenkt man, dass jeder Prozentpunkt im Absatzmarkt 2 Milliarden Dollar in die Kasse bringt und der Kurs einen Quantensprung von ca. 60 Dollar auf 70 Dollar innerhalb einer Woche hinter sich brachte, dann wundert man sich auch nicht über die eitle Freude der Analysten. Von outperform bis overweight – also nur Bienchen und Einsen für Steve Jobs. Die Gschaftlhuber von Morgan Stanley sehen sogar ein Kursziel von 90 Dollar, was vor allem mit den Entwicklungsperspektiven von Apple zu tun hat, denn: Auch der gewählte Zeitpunkt und das Produkt selbst sind kein Zufall. Hätte Apple auf das Bootcamp verzichtet und dessen natürliche Integration in den nächsten OS X-Release “Leopard” abgewartet, hätte das Mysterium und Denkmal Steve Jobs in ca. 500 Lux weniger Ruhmesglanz gestanden. Wer bis fünf zählen kann, der wird sich ausrechnen, dass mit einem MacIntel und Leopard auch der direkte Switch zwischen Windows XP und OS X möglich sein wird. Bereits jetzt gibt es eine Emulationssoftware von Parallels, die Apple mit einiger Sicherheit in den Leoparden einbauen dürfte. Das gilt natürlich auch für viele andere Betriebssysteme. Fazit: Widerstand ist zwecklos, sie werden assimiliert.

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Elektronische Lebensaspekte.