Obwohl die Digitalisierung der Datenwelt voranschreitet, gibt es die alte Musikkassette noch immer. Jetzt wurde sie sogar erforscht – als Mixtape. Nicht die einzige Initiative zur Errettung des artgefährdeten Speichermediums.
Text: Jan Freitag aus De:Bug 72

Grundrauschen
Mythos Mixkassette

“Vergessen Sie Ihre audiophilen Ansprüche – es lebe die Analogie.” Eine Durchhalteparole im digitalen Zeitalter. Oder doch nur ein Pfeifen im Walde, denn wer auch immer sein Mixtape mit diesem Spruch versehen hat, kämpft gegen mächtige Gegner: CD, DVD, MP3, MD und wie die Datenträger von heute auch alle heißen mögen. Aber er kämpft immerhin mit standhaften Verbündeten wie Daniela Schuster oder Christian Menke. Vor einem Jahr haben die zwei Studierenden um die 30 einen Hilferuf in die Welt gesandt, einen unkommerziellen Kettenbrief mit dem Titel “rettet die mixkassette”. Versehen mit eigenhändig kompiliertem Liedgut auf 90 Minuten – Elektrogefrickel, Indiepop, ein paar Klassiker -, fordern sie die Menschheit im revolutionären Kleinschreibgestus zum massenhaften Taperecording auf. Und das mit einem Speichermedium, das eigentlich seit Jahren zum Tode verurteilt beharrlich in seiner Liebhabernische überlebt: der Audiokompaktkassette.

Fast 50 handbemischte Exemplare haben sie schon in ihren Hamburger Briefkästen gefunden, aus ganz Deutschland, Österreich, sogar Südafrika. Wie viele insgesamt kursieren, bleibt ein Geheimnis – ein Kettenbrief eben. Eines davon zierte jedenfalls jenes kämpferische Plädoyer für die Analogie. Das beweist: Bei der MC geht es um mehr als Eisen-bedampfte Magnetbänder in plastiner Hülle. Und in ihrer kreativsten Verabreichungsform als Mixtape geht es gar um richtig viel Herzblut.

Herzblut wissenschaltlich bewiesen

Das ist jetzt sogar wissenschaftlich bewiesen. “C90 – Vom Umgang mit einem technischen Speichermedium” hieß ein Seminar am Hamburger Volkskundeinstitut – dem allerersten Versuch, die Mixkassette akademisch zu ergründen. Gut eineinhalb Jahre lang haben die Doktoranden Thomas Overdick und Gerrit Herlyn mit fast 25 Teilnehmern das Musikdepot der 70er- und 80er-Jahre erforscht. Noch bis 29. Juni sind die Untersuchungsergebnisse unter dem Titel “KassettenGeschichten” multimedial aufgearbeitet im örtlichen “Museum für Kommunikation” zu sehen. Im Internet, mit Annoncen oder per Mundpropaganda hatten die Wissenschaftler nach Probanden gesucht. 80 wurden schließlich interviewt und gewährten zusammen mit 120 E-Mails und Briefen tiefe Einblicke ins Seelenleben der Freunde musikalischer Analogtechnik. “Die Mixkassette ist weit mehr als ein reines Speichermedium”, meint Thomas Overdick. Sie ist Kommunikationsmittel, Erinnerungsspeicher und Duftmarke in einem. Sie dient als Liebeserklärung, Briefersatz, Druckventil, Visitenkarte, Schmerzmittel, Geschenk oder Zeitvertreib. “Soundtrack zum Leben”, nennt es einer der interviewten Fans.

Die alteingesessenen, wieder belebten oder nachgewachsenen MC-Fans schwimmen auf einer kleinen, aber beständig schwappenden Retrowelle. So wie Kopfhörer in Übergröße, C64 und BMX-Rad ein Revival nach dem anderen feiern, treibt auch die 1963 von Philips auf den Speichermarkt geworfene Kompaktkassette im Sog der 80er-Jahre-Shows. Der Mainstream wildert in der Subkultur. Seit einiger Zeit darf auf vielen Partys das Tapedeck nicht mehr fehlen, in Clubs wie der Hamburger “Kassettentanke” kann man Discjockeys bei der Arbeit mitschneiden, der HipHop- und Reggae-Underground verbreitet sich vornehmlich über die 2,81 Millimeter breiten Spuren, das Netz ist voller Tracklists, Coverdownloads, Tauschbörsen, Google weist 62.000 Einträge aus, über großstädtische Äther laufen Mixtape-Sendungen. “Heute nehmen nicht mehr so viele Leute Musik aus dem Radio auf”, klagt der Pop-Satiriker Max Goldt in “Mind-boggling” über “rezessives Brauchtum” und befindet sich bei der Thematisierung des Mixtapes in prominenter Gesellschaft von Nick Hornby bis zum unvermeidlichen Benjamin von Stuckrad-Barre. Sie alle sind auf der Suche nach einem Stück Heimat in der digitalisierten Welt und glauben sie im Rauschen vergänglicher Tapes zu finden. Eine “Kassette stirbt auch irgendwann”, halluziniert ein leicht morbider Feind des CD-Brenners in der Hamburger Studie. Vergänglichkeit, Wärme, Ehrlichkeit – das alles vermissen wahre Fans in der Kälte des neuen Jahrtausends und bewahren sich ein Stück analoger Verletzbarkeit. Kassettenmischer sind für Seminarleiter Overdick keine verzogenen Konsumgören, sondern “ganz bewusste Nutzer der Technik”. So ein Bewusstsein ist allerdings auf dem vollgestopften Audiomarkt auch dringend nötig, wenn man eine stinknormale Reineisenkassette oder, was aufgrund der viel höheren Herstellungskosten immer schwieriger wird, IECII-Chromdioxidbänder sucht. Die Hersteller drängen das Segment an die Ränder des eigenen Brandings. Nicht einer mag den Antiquitäten noch die Bestandsgarantie aussprechen, ihre Erfinderin Philips hat sich längst aus der Softwaresparte zurückgezogen und stellt kaum noch Hardware außerhalb von Kompaktanlagen her. Kein Wunder, dass bei ebay 2000 Tapedecks im Angebot sind. Nun ja – bei MP3-Playern sind es dreimal soviel.
Es soll die MC zwar noch einige Jahre geben, sagt Jean-Paul Eekhout vom Marktführer TDK. Doch “bahnbrechende Entwicklungen in der analogen Technik werden nicht mehr erwogen.” Und auch vom BASF-Spartennachfolger Emtec ist zu hören, dass nur bei anhaltender Nachfrage weiterproduziert wird. Nur – die Größenordnung von 24 Millionen verkauften Leerkassetten im Jahr 2002 verhält sich bei 486 Millionen CD-Rohlingen ungefähr wie High-End zu Hi-Fi. Dabei war die Vergangenheit so schillernd. Im Spitzenjahr 1991 gingen bundesweit 151 Millionen Leerkassetten über die Ladentische. Nicht ganz so dramatisch ist der Einbruch bei bespielten Tapes. Mitte der 80er-Jahre lag der Anteil am Gesamtabsatz bei 60 Prozent, jetzt – schönen Dank an Volksmusik und Kinderhörspiele – immerhin noch bei zehn.

Abwarten und Limo trinken

Aber wen wundert der Absturz? Im liebsten Spielzeug der Deutschen machen sich CD-Player zum Autoradio breit, der Walkman in seiner Sony-Variante ist Geschichte oder Retrokitsch. Die MC steht heute in etwa so für jugendliche Mobilität wie vor 40 Jahren das später verdrängte Tonbandgerät – also irgendwie gar nicht. Und kennt eigentlich noch jemand die Datasette? Für Spätgeborene: Die gewöhnliche Audio-MC war in den Anfangsjahren des Heimcomputers der wichtigste, weil billigste Datenspeicher im Laufwerk mit dem postmodernen Mischnamen. “Nun können Sie erst einmal in Ruhe eine Limonade trinken gehen”, empfahl die Anleitung der legendären Computer-Club-Datasetten von Europa und verwies damit auf den entscheidenden Nachteil: Laden und Speichern funktionierte in Echtzeit. Bis zu 30 Minuten waren C64, Atari oder Schneider CPC für jede andere Aktivität lahm gelegt. Die gewonnene Zeit zur Erfrischung erzeugte also eine eher ungewollt mobile Jugend.
Mittlerweile teilen Tonband und MC das gleiche Schicksal mit der LP. Auf dem Schlachtfeld der Musikwirtschaft hat das unkomplizierte Klangwunder Compactdisc seit 1982 alle Konkurrenten aus dem Feld geschlagen. “Digital ist besser” sangen die Hamburger Diskurspopper Tocotronic 1995, als die DVD noch weit davon entfernt war, der CD ernsthafte Probleme zu bereiten. Die hat zwar als Tonträger alle Hoffnungen betrogen, wie versprochen zehn Mark zu kosten. Dafür gibt es CD-R im Zehnerpack hinterher geschmissen. Und das bei steigendem Speicherplatz, Wiederbespielbarkeit und Brennerrundumversorgung in jedem Supermarktrechner. Sogar die lange gestreuten Gerüchte langfristiger Datenverluste haben sich als Zweckoptimismus audioreaktionärer Vinylfanatiker erwiesen. Warum also gibt es die Rauschware eigentlich noch immer? Nicht mal dem Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft, dem sonst kein Gezeter über Musikpiraterie zu hysterisch klingt, bereiten Kassettenduplikate Kopfzerbrechen: “Analoges Kopieren ist für uns kein Problem mehr”, gibt sich sein Sprecher Hartmut Spiesecke locker und propagiert energisch Kopierschutzprogramme. Vielleicht ist das die Rettung – wenn irgendwann die Software zum Cracken teurer wird als Originale, entdeckt die Piraterie wieder ihre Liebe zur MC. Es lebe die Analogie.

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Elektronische Lebensaspekte.