Pop steckt im Karussell und uns dreht sich der Kopf, bis alles nur noch indifferentes Allerlei ist. Alles geht, nichts muss. Stimmt das?
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 99

I think I heard this one before

Einst war in der elektronischen Musik der jeweils aktuelle Output im Monat davor noch undenkbar. Es ging um die stetige Weiterentwicklung der Stile, um die Neuerfindung von Stilen – stattdessen stehen heute Kombinationen und die Aktualisierungen von Vergangenem im Vordergrund.

Heute ist fast alles möglich, aber kaum etwas unbedingt zwingend: In der Jamie-Lidell-Titelstory (in Debug 06/05) werden die Bezüge von Lidells Album in die Soulgeschichte aufgefächert – es wird aber kaum erklärt, warum jetzt auf einmal ein Soul-Album für das Magazin für elektronische Lebensaspekte titelstiftend ist. Einst waren die verschiedenen Routen durch die Archive der Popmusik tatsächlich mit sich widersprechenden sozialen Praktiken verbunden. Jede subkulturelle Neuerung wurde von den einen als Verrat, von den anderen als Verheißung aufgenommen. In den letzten Jahren werden die Distinktionen schmaler und konturloser. Wer will sich noch ernsthaft über Neo-Trance aufregen oder wirklich heftig auf Grime abgehen? Das Problem liegt darin, dass kaum jemand Grime extrem geil findet – umgekehrt aber auch niemand die Musik wirklich hasst. Man begegnet Grime mit der positiven Indifferenz, mit der mit jedem subkulturellen Produkt umgangen wird: Es wird abgenickt, lockt aber nur wenige nachhaltig hinter dem Ofen hervor. Einst konnte man Monat für Monat auf das Geilere hinweisen, im Moment erweist sich die Verpflichtung zum Neuen oft als Fluch. Musiker erklären gerne, dass sie den Anspruch des Neuen hinter sich gelassen hätten, dass die aktuelle Herausforderung in der Rekombination liege – und im Eigenen, ganz Persönlichen.

Die Stil-Entscheidungen sind immer weniger Produkte von Kollektiven, sondern individuell erdachte Masterpläne. Entsprechend viele gibt es. An dem Punkt, an dem die Musik weniger den Charakter eines Soundstroms hat, der von einer ganzen Gruppe von Produzenten/innen weiterentwickelt wird, sondern ein Produkt der Initiative von Einzelnen ist, erhält die neue Rockkultur tatsächlich eine Notwendigkeit: Man könne sich dort mehr als in der elektronischen Musik die Blöße geben, erklärt Stewart Walker. Sind die sozialen Räume tatsächlich so atomisiert, dass Musik hauptsächlich aus dem individuellen Engagement, dem individuellen Interesse heraus entsteht? Die gegenwärtige extreme stilistische Ausdifferenzierung und die endlosen Kombinationen erinnern an die siebziger Jahre, und tatsächlich warten alle auf einen neuen Punk. Aber Punk gab es ja schon, und ein neuer, elementarer Produktionsmodus ist nicht in Sicht.

Weil es keine solche Explosion, keine solche Relativierung gibt, bleibt die ganze Geschichte der Popmusik seit Rock’n’Roll zumindest potentiell gültig. Jede dort entwickelte Figur kann in der Gegenwart wieder auftauchen und sie hat weniger das Problem, dass sie aus sich heraus sinnlos ist, sondern dass sie nicht wesentlich attraktiver ist als die vielen Konkurrenten. Es gibt einen Reichtum und eine Verfügbarkeit, die nie größer war – aber dementsprechend einen Mangel an Dynamik und Distinktion. Dass Gegenwart als Faktor unwichtiger wird, hat auch medientechnische Gründe: Durch die digitale Speicherung werden die Archive immer zugänglicher und gegenwärtiger. Vinyl und CDs haben eine gewisse Trägheit. Was einmal im viel zitierten Plattenschrank verschwunden war, ist weiter weg als die neuerdings gekauften Platten. Auf der Festplatte sind Stücke genau gleich weit entfernt.

Immer öfter schweift der Blick ins Fernsehen: In der sechsten Season von “Sex and the City” erhält die bis dahin weitgehend geschichtslose Heldin Carrie Bradshaw eine Geschichte: in der Partyszene des New Yorks der achtziger Jahre, das ja eines der maßgeblichen Fundamente der europäischen Feierkultur der neunziger Jahre bis in die Gegenwart ist. Damit handelt “Sex and the City” als Ganzes davon, was passiert, wenn die Party vorbei ist, wenn die Attraktivität des Underground der Sehnsucht nach Mittelständigkeit weicht. Im materiellen Idealzustand der Serie wird das Studio 54 durch die Prada-Filiale ersetzt. Was früher die Clubs und Bars waren, sind heute die zahllosen Cafés, in denen sich Carrie und ihre Freundinnen in jeder Episode zum samstäglichen Brunch treffen. In der 92. Folge kommt es zum darksten Moment in der gesamten Serie: Das einstige It-Girl Lexi Featherston wird auf einer Party gebeten, ihre Zigarette in der Nähe des Fensters zu rauchen. Angeekelt von dieser Stigmatisierung tritt sie ans Fenster und erklärt: “I’m so bored I could die.” Im nächsten Moment stolpert sie über ihre Schuhe – und stürzt aus dem 42. Stock.

Eine solche Dramatik bleibt nur ganz wenigen vorbehalten. Für die anderen ist der Eindruck des Deja Vus bestimmend: Erinnerung und Gegenwart werden ununterscheidbar – genau wie jene endlose Serie von Cafés, die sich immer ähneln, sich aber doch nie gleichen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Pop steckt im Karussell und uns dreht sich der Kopf, bis alles nur noch indifferentes Allerlei ist. Alles geht, nichts muss. Stimmt das?
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 99

I think I heard this one before

Einst war in der elektronischen Musik der jeweils aktuelle Output im Monat davor noch undenkbar. Es ging um die stetige Weiterentwicklung der Stile, um die Neuerfindung von Stilen – stattdessen stehen heute Kombinationen und die Aktualisierungen von Vergangenem im Vordergrund.

Heute ist fast alles möglich, aber kaum etwas unbedingt zwingend: In der Jamie-Lidell-Titelstory (in Debug 06/05) werden die Bezüge von Lidells Album in die Soulgeschichte aufgefächert – es wird aber kaum erklärt, warum jetzt auf einmal ein Soul-Album für das Magazin für elektronische Lebensaspekte titelstiftend ist. Einst waren die verschiedenen Routen durch die Archive der Popmusik tatsächlich mit sich widersprechenden sozialen Praktiken verbunden. Jede subkulturelle Neuerung wurde von den einen als Verrat, von den anderen als Verheißung aufgenommen. In den letzten Jahren werden die Distinktionen schmaler und konturloser. Wer will sich noch ernsthaft über Neo-Trance aufregen oder wirklich heftig auf Grime abgehen? Das Problem liegt darin, dass kaum jemand Grime extrem geil findet – umgekehrt aber auch niemand die Musik wirklich hasst. Man begegnet Grime mit der positiven Indifferenz, mit der mit jedem subkulturellen Produkt umgangen wird: Es wird abgenickt, lockt aber nur wenige nachhaltig hinter dem Ofen hervor. Einst konnte man Monat für Monat auf das Geilere hinweisen, im Moment erweist sich die Verpflichtung zum Neuen oft als Fluch. Musiker erklären gerne, dass sie den Anspruch des Neuen hinter sich gelassen hätten, dass die aktuelle Herausforderung in der Rekombination liege – und im Eigenen, ganz Persönlichen.

Die Stil-Entscheidungen sind immer weniger Produkte von Kollektiven, sondern individuell erdachte Masterpläne. Entsprechend viele gibt es. An dem Punkt, an dem die Musik weniger den Charakter eines Soundstroms hat, der von einer ganzen Gruppe von Produzenten/innen weiterentwickelt wird, sondern ein Produkt der Initiative von Einzelnen ist, erhält die neue Rockkultur tatsächlich eine Notwendigkeit: Man könne sich dort mehr als in der elektronischen Musik die Blöße geben, erklärt Stewart Walker. Sind die sozialen Räume tatsächlich so atomisiert, dass Musik hauptsächlich aus dem individuellen Engagement, dem individuellen Interesse heraus entsteht? Die gegenwärtige extreme stilistische Ausdifferenzierung und die endlosen Kombinationen erinnern an die siebziger Jahre, und tatsächlich warten alle auf einen neuen Punk. Aber Punk gab es ja schon, und ein neuer, elementarer Produktionsmodus ist nicht in Sicht.

Weil es keine solche Explosion, keine solche Relativierung gibt, bleibt die ganze Geschichte der Popmusik seit Rock’n’Roll zumindest potentiell gültig. Jede dort entwickelte Figur kann in der Gegenwart wieder auftauchen und sie hat weniger das Problem, dass sie aus sich heraus sinnlos ist, sondern dass sie nicht wesentlich attraktiver ist als die vielen Konkurrenten. Es gibt einen Reichtum und eine Verfügbarkeit, die nie größer war – aber dementsprechend einen Mangel an Dynamik und Distinktion. Dass Gegenwart als Faktor unwichtiger wird, hat auch medientechnische Gründe: Durch die digitale Speicherung werden die Archive immer zugänglicher und gegenwärtiger. Vinyl und CDs haben eine gewisse Trägheit. Was einmal im viel zitierten Plattenschrank verschwunden war, ist weiter weg als die neuerdings gekauften Platten. Auf der Festplatte sind Stücke genau gleich weit entfernt.

Immer öfter schweift der Blick ins Fernsehen: In der sechsten Season von “Sex and the City” erhält die bis dahin weitgehend geschichtslose Heldin Carrie Bradshaw eine Geschichte: in der Partyszene des New Yorks der achtziger Jahre, das ja eines der maßgeblichen Fundamente der europäischen Feierkultur der neunziger Jahre bis in die Gegenwart ist. Damit handelt “Sex and the City” als Ganzes davon, was passiert, wenn die Party vorbei ist, wenn die Attraktivität des Underground der Sehnsucht nach Mittelständigkeit weicht. Im materiellen Idealzustand der Serie wird das Studio 54 durch die Prada-Filiale ersetzt. Was früher die Clubs und Bars waren, sind heute die zahllosen Cafés, in denen sich Carrie und ihre Freundinnen in jeder Episode zum samstäglichen Brunch treffen. In der 92. Folge kommt es zum darksten Moment in der gesamten Serie: Das einstige It-Girl Lexi Featherston wird auf einer Party gebeten, ihre Zigarette in der Nähe des Fensters zu rauchen. Angeekelt von dieser Stigmatisierung tritt sie ans Fenster und erklärt: “I’m so bored I could die.” Im nächsten Moment stolpert sie über ihre Schuhe – und stürzt aus dem 42. Stock.

Eine solche Dramatik bleibt nur ganz wenigen vorbehalten. Für die anderen ist der Eindruck des Deja Vus bestimmend: Erinnerung und Gegenwart werden ununterscheidbar – genau wie jene endlose Serie von Cafés, die sich immer ähneln, sich aber doch nie gleichen.

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Elektronische Lebensaspekte.