Er war die markante Schreistimme der NDW-Supergroup Palais Schaumburg mit Thomas Fehlmann und Moritz von Oswald. Als sich kommerzieller Erfolg abzeichnete, verließ Holger Hiller die Band und widmete sich experimentellen Soloprojekten. Seit neuestem tritt er sogar wieder live auf. Im Interview erzählt er vom dadaistischen Textflow, seinem finanziellen Ruin am Aktienmarkt und dem Leben als Nachhilfelehrer.
Text: Till Huber und Ingo Niermann aus De:Bug 137


Fotos: Andreas Chudowski

Text von Till Huber und Ingo Niermann

Wie vertrackt, krachig und traumatisch kann Funk sein? Das 1981 von David Cunningham produzierte Debütalbum von Palais Schaumburg gibt bis heute die Antwort. Holger Hiller verließ bald nach Erscheinen der ersten Platte die Hamburger Band, der es ohne seinen sich überschlagenden Sprechgesang an Markanz fehlte – Fehlmann und von Oswald sollten später mit Instrumentalmusik mehr Erfolg haben. Hiller zog nach London und veröffentlichte bis zum Jahr 2000 fünf Soloalben, auf denen er sich dem Sampling, der Neuen Musik und dem Drum and Bass zuwandte.

Dann wurde es still um ihn. Seit einigen Jahren wohnt der Musiker nun in Berlin. Als Treffpunkt schlug Hiller das Restaurant Hackescher Markt vor, dort sei es angenehm ruhig. Nach der Begrüßung fragte Hiller, der mit 52 noch genauso hager ist wie vor dreißig Jahren, die Haare streng zum Seitenscheitel gekämmt und mit durchdringendem Blick, ob ihm unser Budget neben einem Getränk auch ein Mittagsgericht für zehn Euro erlaube, er sei recht hungrig. Wir bejahten, und Hiller entschied sich für Rehrücken-Ragout und ein kleines Bier.

De:Bug: Palais Schaumburg wird heute meist als obskur und eher nervig wahrgenommen, aber für mich war euer erstes Album damals geradezu Mainstream, im besten Sinne. Habt ihr nicht trotz deutscher Texte sogar auf ein internationales Publikum gezielt? Etwa mit der Entscheidung für David Cunningham von den Flying Lizards als Produzenten?

Holger Hiller: Wir hatten einen Schallplattenvertrag mit einer Majorfirma, Deutsche Grammophon. Das kam mit unserem ersten Album, davor waren wir bei Alfred Hilsberg auf ZickZack. Wir waren Teil einer Szene und vieles lief unbewusst, weil man sich an der Szene orientiert hat und nicht so sehr an einem Masterplan internationaler Wahrnehmung. Nachdem wir dann auf einem kommerziell orientierten Label waren, wurde das natürlich immer wichtiger: Dass man versucht, kommerziell zu wachsen, mehr Umsätze zu generieren und dann auch im Ausland wahrgenommen zu werden. Ich fühlte mich nicht in der Lage der Situation ästhetisch gerecht zu werden – nicht in diesem Tempo jedenfalls. Und es erzeugte in mir auch so ein unbestimmtes Gefühl von Absurdität. Daraufhin habe ich die Band verlassen.

De:Bug: Aber in Bezug auf euer erstes Album hast du nicht das Gefühl, dass es da schon Kompromisse gab?

Hiller: Nee.

Foto: Andreas Chudowski

De:Bug: Es gibt auf Youtube eine Live-Aufnahme von “Telefon“, bei der man das Publikum nicht sieht, sondern nur die Band. Wie muss man sich die Situation vorstellen? Ist es sehr abgegangen? War Palais Schaumburg bei allem Kunstanspruch auch eine Party-Band?

Hiller: Absolut. Es gab ja sogar Artikel in der Bravo über uns.

De:Bug: Als Solo-Künstler bist du aber weniger live aufgetreten?

Hiller: Als ich bei Palais Schaumburg war, gab es generell eine Expansion innerhalb dieser ganzen Szene – der Neuen Deutschen Welle -, so dass wir von unserer Musik leben konnten, durch Live-Auftritte und so weiter. Als ich die Band verließ, fiel das weg. Ich dachte mir: Okay, ich gehe nach England, da gibt’s Studios, da kann ich irgendwie überleben. Ich war dort aber sehr isoliert. Habe Soloalben gemacht und hatte noch größere Schwierigkeiten, eine Band zusammenzustellen, die mein Repertoire spielt. Es war eben alles teurer in England.

De:Bug: Du sagst, du bist nach England gegangen, um in Studios unterzukommen. Als was? Als Produzent?

Hiller: Nein, als Toningenieur, als Editor. Editor war damals noch ein gefragter Job, bevor es diese tollen Computerprogramme gab. Damals hat man Tonbänder tatsächlich noch geschnitten, auf dem Fußboden oder dem Tisch und dann neu zusammengesetzt. Als Produzent empfand ich mich damals nicht, da hätte ich die Begabung haben müssen die Schnittstelle zwischen Plattenfirma und Künstler zu sein und die Musik in einer Form zu kanalisieren, die dann sehr breit zu vermarkten ist. Das war ja genau der Grund, warum ich Palais Schaumburg verlassen hatte.

De:Bug: Wie kam es zu dem Kontakt mit dem Label Mute?

Hiller: Daniel Miller – Mute Records war praktisch ein Ein-Mann-Betrieb – interessierte sich sehr für deutsche Musik. Nicht erst seit der Neuen Deutschen Welle, sondern seit Krautrock, seit Neu! und so weiter.

De:Bug: Der Umgang mit fremdem Material ist ein Kernpunkt in deiner Kunst. Manchmal gibt es eindeutig nachweisbare intertextuelle Verweise, etwa den Paul-Hindemith-Text in “Wir bauen eine neue Stadt“, manchmal ist die Herkunft unklar. Wie sind deine Texte entstanden?

Hiller: Naja, nicht dass ich die Frage nicht beantworten möchte, aber frag mal einen Künstler, Picasso: ”Wie sind deine Bilder entstanden?” Ich habe halt gemalt.

De:Bug: Zum Beispiel “Grünes Winkelkanu“: Es gibt in Hamburg an einem Alsterausläufer die Straße ”Grüner Winkel”.

Hiller: Oh, das wusste ich nicht.

De:Bug: Gar kein Bezug?

Hiller: Nein. “Grünes Winkelkanu, ich dreh dir den Hals um, nimm die Flossen von meiner Frau“ – Es gibt einige Texte auf diesem Album, die eher strukturell zusammengesetzt sind und nicht getrieben von einer Message, die unbedingt transportiert werden soll. Ich bin der Ansicht, dass Texte, Musik oder andere Formen der Kunst nicht für sich existieren, sondern immer im Dialog mit dem Publikum. Vielleicht habe ich deswegen bestimmte Aspekte thematisiert, die wegführen von der Abgetrenntheit und der individuellen Darstellung der eigenen Persönlichkeit, hin zu diesem Dialog. Ich kann nicht sagen, dass ich nun genau wüsste, worum es in dem Text geht. Die Bedeutung entsteht sehr stark dadurch, dass man es veröffentlicht.

Foto: Andreas Chudowski

De:Bug: Aber wie ist der Text entstanden?

Hiller: Diese Texte stehen im Zusammenhang mit Musik, sie sind keine reine Literatur. Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen geht. Ich persönlich empfinde Musik als eine Form der, ich sage mal, Kunst (lacht), die starke emotionale Wirkung hat. Wenn man sich etwas anhört, Klassik zum Beispiel, Chopin oder so was, dann hat man das Gefühl‚ das sagt mir was – also, wenn man drauf steht. Man hat manchmal sogar das Gefühl, da wird etwas sehr deutlich formuliert. Wenn man aber präzisieren soll, was das eigentlich ist, wird es schwierig. Ich persönlich habe zum Beispiel die Musik von Bach sehr geliebt und seine Werke auch selber lange Zeit auf der Gitarre gespielt. Ich hatte immer das Gefühl, tief spirituell berührt zu sein. Aber wovon eigentlich? Keine Ahnung. Insofern sind die Lyrics ein Spiel mit dieser starken Wirkung der Musik und der Kanalisierung dieses starken Gefühls in eine bestimmte Richtung. Ich selber wollte es auf eine relativ undefinierte Art kanalisieren, nicht wie James Brown mit ”Say it loud, I’m black and I’m proud” oder Bertolt Brecht. Nun habe ich mir oft gesagt: “Warum kann ich nicht Songs machen wie Bertolt Brecht? Das ist doch klasse! Endlich mal: Hier geht’s lang.” (lacht) Ich habe aber festgestellt: So einfach ist das eben nicht. Ich kann nur etwas reflektieren und wiedergeben, das meinem Horizont in irgendeiner Form entspricht.

De:Bug: Du hast von der expansiven Bewegung gesprochen. Wenn es für die anderen bei Palais Schaumburg es nicht so eilig gewesen wäre, hättest du ja dabei bleiben können und auf der dritten oder vierten Platte wären – vielleicht auf englisch – Brecht- und Beatles-artige Texte drauf gewesen?

Hiller: Ja klar, warum nicht? (lacht) Im Englischen gibt es dieses berühmte Sprichwort “the neighbours’ grass is always greener“. Mich haben immer die Sachen fasziniert, die ich nicht gemacht habe. CutUp-Lyrics und William Burroughs haben mich nicht besonders fasziniert. Ich hatte das Gefühl, das kann ich selber ganz gut. Brecht hat seine Ideen und Konzepte so stringent verfolgt! Aber wenn ich Expansion sagte, ging es um Einkommen. Womit ich das Einkommen erziele, ist ja letztendlich egal. Es hat also nicht so viel mit dieser formalen und inhaltlichen Ebene zu tun.

De:Bug: Dann hast du immer genau die Musik gemacht, die du machen wolltest?

Hiller: Das ist der Vorteil. Bei mir hat keine sogenannte “Ausverkaufsphase” stattgefunden, das ist klar. Deswegen arbeite ich heute als Deutschlehrer für 15 Euro die Stunde (lacht). Deutsch als Fremdsprache.

De:Bug: Du hättest dich auch irgendwann entscheiden können, dich in der Neuen Musik zu positionieren. Aber du bist an der Popmusik drangeblieben, auch an ihren Entwicklungen: Sampling, später Drum and Bass.

Hiller: Ich fand das akademische Umfeld einfach weniger spannend. Noch nicht mal die musique concrète – Pierre Schaeffer und Pierre Henry – sind in dem Umfeld etabliert gewesen. Ich bin kein Intellektueller von meiner Herkunft sondern in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen und habe dann sehr früh – im Osten Hamburgs, eher so im Vorort, in diesen Neubausiedlungen – durch etwas wie Velvet Underground einen Bezugpunkt gefunden. Auch durch Warhol und diese industrielle Reflexion. Ich habe mir die Welt über Kunst erschlossen.

De:Bug: Hast du Kunst studiert?

Hiller: Ja, aber nicht ausstudiert. In meiner Kindheit oder frühen Jugend haben mich Filme wie 2001 – Odyssee im Weltraum fasziniert, die einerseits technologische Zukunftsvision waren und andererseits Avantgardemusik neben Wiener Walzer stellten. Deswegen bin ich auf eine Art sozialisiert, wo sich nicht diese Frage stellten: Was machst du jetzt? E oder U? Oder: Bist du jetzt ernsthaft Künstler oder machst du was Kommerzielles?

Foto: Andreas Chudowski

De:Bug: Warum bist du aus London wieder nach Deutschland zurückgekehrt?

Hiller: Das hatte ganz persönliche Gründe. Erstmal konnte ich von der Musik nicht leben. Ich habe zeitweise auch Werbemusik gemacht, London ist keine billige Stadt. Außerdem war es so, dass meine Mutter krank wurde. Damals habe ich mein ganzes Geld am Aktienmarkt verloren, in diesem Internet-Crash. Ich hatte in London eine Wohnung, die habe ich verkauft, und dann kam der Aktien-Crash. Dann hatte ich auch nicht mehr die Möglichkeit zurückzugehen, das war’s dann (lacht).

De:Bug: Ist es nicht seltsam, dass man aus einem Idealismus heraus die kommerziellste Musik per se – Werbemusik – macht?

Hiller: Die Frage war: Was ist einfacher? Mir war ja klar, dass es in meiner künstlerischen Produktion bestimmte Elemente gab, die dazu geführt haben, dass weniger Akzeptanz auf einer breiten Basis da war. Jetzt hätte ich natürlich sagen können: Okay, das ändere ich. Die und die Elemente wechsel ich in erkennbare, erzählerische – oder wie auch immer – Elemente, damit die Sache für ein breiteres Publikum akzeptabler wird. Ich weiß nicht, wie dieses Experiment ausgegangen wäre. Vielleicht wäre es das Beste gewesen, was ich jemals gemacht habe, keine Ahnung. Insofern habe ich mich nicht dagegen gestemmt. Für mich war die Frage: Verdiene ich jetzt 4.000 Euro mit einem Zehn-Sekunden-Werbespot oder mache ich das, was ich gerade beschrieben habe. Ich habe mich für den Werbespot entschieden. Du kriegst das Geld überwiesen (klatscht in die Hände). Weiter! (lacht).

De:Bug: Seit du aus London weg bist, hast du auch keine Platten mehr gemacht.

Hiller: Mein letztes Album habe ich im Jahr 2000 gemacht, das war ungefähr in der Zeit des Aktiencrashs. Ich bin auch durch eine große persönliche Krise gegangen: Meine Freundin hat mich verlassen und es war die Art von Beziehung, bei der ich dachte, wir bauen uns eine goldene Zukunft auf. Das war mit einem Mal alles Tilt – Neustart. Geld weg, du kannst nicht zurück nach London, Freundin weg, wo wohnst du jetzt, was machst du jetzt, du musst sofort arbeiten, du hast kein Geld mehr und so weiter. Psychisch hat mich das in den Grundfesten erschüttert. Ich habe Musik für lange Zeit aufgegeben.

De:Bug: Wie ist es jetzt?

Hiller: Ich habe weder die Schnauze voll von Musik, noch hatte ich damals das Gefühl, dass ich das nicht mehr könnte. Ich habe das relativ neutral empfunden, mich mit anderen Dingen beschäftigt, würde aber gerne wieder Musik machen, weil ich jetzt in einer sehr viel gesettelteren Position bin. Ich habe meine Wohnung, meine Sachen, meine Freunde. Ich würde gerne wieder live spielen. Im Moment probieren wir in den unterschiedlichsten Konstellationen einfach viel aus. Durchaus auch mit Instrumenten, aber ich weiß noch nicht genau in welche Richtung.