So fucked im Anzug
Text: Jan Joswig aus De:Bug 112


Als die 68er gegen den Autoritätspanzer Anzug psychologisierten, war er noch relativ jung, gerade 100 Jahre alt. Erst in der Gründerzeit hatte es sich durchgesetzt, Jacke und Hose aus gleichem Stoff in gleicher Farbe zu kombinieren. Ab dann trugen alle Männer Anzug, ob Kommunisten wie Antonio Gramsci, Revolutionäre wie Franz Jung oder adelige Reaktionäre wie der Herzog von Westminster. Die Frage war nicht: Anzug ja oder Anzug nein? Die Frage war: Was für ein Anzug? Gramsci trug Maßanzüge, zum Beispiel.

Da kommen wir nach vierzig Jahren Casual-Dominanz wieder hin. Signifikanterweise wurde in Florenz dieses Frühjahr zur Pitti-Uomo-Messe eine Ausstellung über die Savile Row gezeigt, die traditionelle Maßschneider-Adresse in London seit Anfang des 19. Jahrhunderts. “The London Cut“ war die erste Ausstellung zu dem Thema überhaupt. Wer heute noch über die Hoodies von “Supreme“ und “aNYthing“ fachsimpelt, wird morgen die Reversbreite diskutieren und ob der Manschettenknopf bei hängendem Arm unter dem Sakkoärmel herausgucken darf. “The Sartorialist“ doziert darüber schon heute auf seinem Blog.

Pedantischer Etikette-Huber, nostalgischer Dandy oder uniformierter Bürohengst sind längst nicht mehr die einzigen Optionen, die sich mit einem Anzug verbinden.

Aber die Annäherung an den Anzug fand nur schleichend statt. Erst die khakifarbenen Kittel-Sakkos in betont legerem Baumwollstoff ohne Schulterbetonung aus dem Sommer 2005. Die waren noch nicht so weit weg von den geliebten Carhartt-Safarijacken. Dann Hedi Slimane mit seinen scharfen Skinnyboys, deren Sakkos man sich zwar nicht leisten konnte, die aber die Haltung vormachten. In Schritt drei Viktor&Rolf bei H&M.

Nun ist die Vorbereitungsphase abgeschlossen, Stefano Pilati löst Pete Doherty als Rolemodel ab und der Blick wird frei für Anzüge, die sowohl aus dem Herzen des Clubs wie der Herrenschneiderzunft kommen: Anzüge von Holland Esquire und Göran Sundberg.

Nick Holland residiert mit seinem Label “Holland Esquire“ in Mittelengland auf dem Land, nennt seine Sakkos “So fucked“ und hat eine diebische Freude daran, sie mit kleinen Details aus der Trivialunterhaltungswelt zu verzieren. Space-Invader-Figuren dienen als Stoffmuster, James-Bond-Darsteller und Kartenspiel-Farben als Knopf-Verzierungen. Aber erst mal müssen seine Anzüge sitzen, dann kommt der Humor. Bevorzugt stellt er komplette Outfits zusammen, Hemd, Krawatte, Weste, Jacke, Hose, gerne auch Mantel, alles von ihm aufeinander abgestimmt. Ihr könnt euch das so vorstellen wie die eingeschweißten Hemd-Krawatte-Kombinationen, die es bei Aldi und Woolworth für den geschmacksunsicheren Hinterhausbewohner gibt. Nur eben in der Nobelvariante. Nick Hollands Outfits changieren von Psychedelik-Dandy bis Ostküsten-WASP und düstrem Lord-Byron-Romantiker.

Einstecktücher, Seidenschals, Gehstöcke, zweifarbige Schuhe – Holland Esquires Image bedient den ganzen Katalog klassischer Herrenattitüde, ist dabei nur nicht so gefangen in den 20ern wie zum Beispiel Herr von Eden, dem Hamburger Spezialisten für Männer- und Frauengarderobe, zu der Monokel und Federboa passen. Während man in Herr von Eden schnell historisch kostümiert aussieht, behält Holland Esquire den Anschluss an die Jetztzeit. Das liegt weniger an den eher Lad-humorigen Space-Invader-Verweisen als an dem subtilen Gespür dafür, wie man zwischen Etikette und Schärfe vermitteln kann. Nick Holland: “Ich verkaufe viel an City Boys, die smart nach außen und rebellisch nach innen wirken wollen.“

De:Bug: Warst du selbst schon immer ein Anzug-Typ?
Nick Holland: Als Teenager gehörte ich zur Ska- und Two-Tone-Szene. Ich habe gerade die ganze Musik aus der Zeit von meiner Vinyl- und TDK-Kassetten-Sammlung auf meinen iPod überspielt. Du sahst mich nie ohne Hose mit Bügelfalte und in hautengen Polohemden … Mein Vater war Schneider. Er schneiderte mir meinen ersten Kaschmirmantel, als ich vier war. 1973, ich war sieben, bekam ich den ersten Anzug von ihm, aus grünem Samt mit Schlaghosen und breitem Fuck-Off-Revers. Ich bewahre ihn immer noch auf.

De:Bug: Warum schneiderst du nicht für Frauen?
Nick Holland: Damit beginne ich gerade. Ich arbeite mit Harrods zusammen. Sie haben diesen Laserscanner für Körperabmessungen, mit dem man problemlos die Maße nehmen kann. Eine Ready-to-wear-Kollektion ist für den Winter geplant.

De:Bug: Wie stellst du dir das Outfit einer Frau vor, die einen Mann in einem Anzug von dir begleitet?
Nick Holland: Ich sage es mit einem Song: The secretarial slut look (Couture Remix).

De:Bug: Wo lässt du deine Anzüge produzieren?
Nick Holland: Die Stoffe stammen von italienischen Herstellern. Geschneidert werden sie in UK und Portugal. Ich arbeite seit zwanzig Jahren mit der gleichen Schneiderwerkstatt zusammen, Familienbusiness: Fatima, ihre Großmutter, ihre Urgroßmutter und zwei Schwestern fertigen die gesamte Handarbeit von ihrem Zuhause aus an.

De:Bug: Was bedeutet dir die Savile Row?
Nick Holland: Sie ist ein Monument der Oldschool-Schneiderkunst. Sehr speziell. Es war eine einzigartige Erfahrung, sich dort einen Anzug machen zu lassen. Aber die Straße verliert ihren Charakter. Der Mietwucher vertreibt die alten Schneider. Jetzt gehst du in die Savile Row, um bei Abercrombie & Fitch einzukaufen …

De:Bug: Welche historische Epoche ist für die Entwicklung des Anzugs am wichtigsten?
Nick Holland: Wahrscheinlich die 40er. Die Mafia machte den Anzug für die Arbeiterklasse erreichbar. Vorher konnten sich nur die oberen Klassen maßgeschneiderte Anzüge leisten.

De:Bug: Es gibt zwei Anzugtraditionen. Die eine ist die Arbeiter/Bohemian-Richtung der “Specials“: zu enge Sakkos, kleine Hüte und Creepers. Die andere ist die Yuppie-Richtung, die “Heaven 17“ mit linker Haltung besetzten: breite Zweireiher mit gestreiften Krawatten. Welche bevorzugst du von heute aus?
Nick Holland: Ich war ein Ska-Kid, also komme mir nicht mit Yuppie-Style. Wenn ich irgendjemanden in einem Sakko von mir sehe mit hochgekrempelten Ärmeln – ich hacke ihm die Arme ab! Es sei denn er kann sich mit einer Miami-Vice-Party rausreden.

De:Bug: Was ist dir wichtiger: sich an die Tradition zu halten oder sie zu brechen? Willst du den Anzug revolutionieren oder reformieren?
Nick Holland: Du kannst niemals mit der Tradition brechen oder zu sehr nach Anti-Establishment aussehen. Aber du kannst die Tradition nach deiner Vorstellung hinbiegen.

De:Bug: Gibt es einen Bezug zwischen gutem Benehmen und Schärfe?
Nick Holland: Die schärfsten Typen im Kino sind meistens die mit dem schlechtesten Benehmen: The Sopranos, Lock Stock, Casino. Auf der anderen Seite stehen Gentleman-Ikonen wie Cary Grant, Rock Hudson oder Gregory Peck.

De:Bug: Wer sind deine Stars im Anzug?
Nick Holland: Vor allem die Oldschool-Jungs aus den 50ern und 60ern, das Rat Pack um Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. oder Michael Caine. Heute lassen sich die Schauspieler und Promis ihre Garderobe nur noch von ihren Stylisten zurechtlegen, das hat nichts mit persönlichem Stil zu tun. Ich freue mich mehr über Freunde und Bekannte in meinen Anzügen.
http://www.hollandesquire.com

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Elektronische Lebensaspekte.