Eine Schlappe, wie sie die Musikbranche mit Napster erlitten hat, will sich die Unterhaltungsindustrie nicht noch einmal zufügen lassen. Und statuiert mit dem Verbot des Film-Sharing Programmes Gnutella ein Exempel, noch bevor das Netz für den Austausch von Filmen wirklich bereit ist.
Text: nico haupt, mercedes bunz | bug@de-bug.de aus De:Bug 48

Hollywood wird komprimiert
Streamingportale und die Filmindustrie

Bang! Da ist er also. Der erste deutliche Vorstoß der Filmindustrie gegen das Austauschen von Filmen im Netz. Im Visier des Exempelstatuierens: Das Filesharing-Programm “Gnutella”. Doch wie dagegen vorgehen? Anders als bei Napster ist das Programm als Open Source Software programmiert und hat damit keinen haftbaren Eigentümer zum verklagen. Außerdem tauscht man bei Gnutella die Daten nicht über einen zentralen Server, sondern direkt peer-to-peer unter den verschiedenen Usern. Dermaßen gedeckt von der Logik des Netzes musste sich die Motion Picture Association of America (MPAA) – mit den acht größten Filmstudios “Hollywood” sozusagen – schon was ausdenken, um gegen Gnutella vorgehen zu könne. Das Ergebnis: Man forderte Provider auf, den Default Port von Gnutella mit der Nummer 6346, über den das Programm Daten empfängt, zu blockieren.

Der Anwalt als Strategie digitaler Abschreckung
Im April verschickte man ein Schreiben des Interessenverbandes, das hunderte Internet-Provider vor möglichen Urheberrechtsverletzungen durch Gnutella-Nutzer vorbeugend gewarnt hatte. Eine Taktik, mit der durch vorbeugende Inanspruchnahme von Grauzonen versucht wird, die Stimmung für sich zu vereinnahmen. “Wir versuchen der Bevölkerung beizubringen, welches Verhalten im Umgang mit urheberrechtlich geschütztem Material ethisch und rechtlich vertretbar ist”, sagte Vize-Chef Ken Jackson. Das Schreiben offenbarte jedoch gleichzeitig die BigBrother-Mentalität der Industrie: “Wir beobachten kontinuierlich Tauschbörsen à la Napster. Gnutella war eine davon.”
Auch wenn das Sperren eines Ports außer vorübergehendem Chaos wenig Effekte haben dürfte – die Port-Nummer ist austauschbar, wenn man den Port nicht mehr nutzen kann, nimmt man eben einen anderen – sie ist das erste Zeichen dafür, dass die Unterhaltungsindustrie sich eine Schlappe, wie sie die Musikbranche mit Napster erlitten hat, nicht noch einmal zufügen lassen möchte. Schon vor Beginn des fleißigen Filmetauschens – noch sind die Kanäle zu lahm und die Komprimierungsraten zu schlecht – beginnt man deshalb mit Abschreckung. Doch seitdem Napster die Filter der Firmen “Relatable” und “Gigabeat” in ihr populäres Netzwerk eingebaut hat und User dadurch zu phantasievollen Umbenennungen ihrer Lieblingsmusiker zwang, sind viele genervt zu anderen Filesharing-Programmen wie Gnutella übergewechselt. Dort können sie nun neben MP3s auch begehrte .mov-, .mpeg- oder .avi-Dateien sowie die umstrittenen DivX- oder OpenDivx-Movies herunterladen. Das Video-Kompressionsverfahren DivX basiert auf der gehackten Version des Mpeg4-Video-Codecs von Microsoft und bietet mittlerweile eine viel bessere Kompressionsrate bei relativ guter Bildqualität. Zusammen mit dem gehackten DVD-Kopierschutzverfahren CSS ermöglicht es das Herunterladen von Filmen aus dem Netz.

Kopierschutz umgehen
Das Hacken des digitalen Wasserzeichens CSS (Content Scrambling System) war Voraussetzung für DivX. Schließlich muss man erst mal an Daten kommen, die komprimiert werden können. Der Presse wurde der 15jähriger Schwede Jon Johansen als Digitalheld vorgeschoben (in Schweden kann Hacken mit 15 nicht bestraft werden). Hintergrund waren Linux-Programmierer, die DVD-Player unter Linux zum Laufen bringen wollten. Sie krempelten den Code durch “reverse Engineering” um, dabei kam ihnen das Scheunentor im Kopierschutz auf den Bildschirm. Der Hack wurde im Netz verbreitet, gelinkt und gespiegelt. Da die Industrie dabei keinen Hacker erwischen konnte, verklagte man eben die Verbreitung der Information – Anwälte sind schließlich die Waffe der Unterhaltunsbranche.
Derzeit geht das Verfahren um die Verbreitung des geknackten Codes in New York in die zweite Runde, also in die Revision. Im Visier: das Hacker-Ezine 2600.com. Acht Hollywood-Studios vertreten durch zwei Top-Anwälte verklagen derzeit Eric Corley, weil dieser im Rahmen eines Artikels den Quellcode zum Download angeboten hatte. 2600.com verteidigt sich mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit und setzte im ersten Verfahren Guerillataktiken ein wie das Tragen von T-Shirts mit dem verbotenen Quellcode – gefundenes Motiv für die TV-Berichterstattung. Der Prozess wurde verloren, der Quellcode jedoch geistert seitdem tausendfach gespiegelt durch das Internet.

Komprimieren
Auf Entwicklerseite der Open Source Gemeinde ist seit der “inoffiziellen” Freigabe von DeCSS ein neuer Pioniergeist entstanden. Man ist sich sicher: Breitband ist die kommende Technologie, und da will man sich seine Fangemeinde jetzt schon sichern. Die Entwicklung von Filesharing-Modellen, die auf Breitband aufsetzen, wird also vorangetrieben. Zu den bekanntesten und gefürchtesten Filesharing-Modellen gehört Bearshare und Limewire, die auf Gnutella aufsetzen und eben jene DivX oder OpenDivX Filme anbieten.
Der Genuss der Filme über DivX leidet jedoch an verzögertem Abspielen. Man muss also entweder viel Geduld aufbringen, sich mehr Arbeitsspeicher besorgen oder – wenn man Fachmann ist – seinen CPU heruntertunen. Das Entwickler Board hat sich deshalb entschlossen, den Video-Codec, der auf einer gehackten Version des MPEG4-Video-Codec von Microsoft basiert, als Open Source Format weiter zu entwickeln, um bessere Komprimierungsraten und Downloadgeschwindigkeiten zu ermöglichen. Natürlich gibt es für “OpenDivx” auch schon eigene kompatible Player. Der beliebteste ist zur Zeit “thePlaya” auf http://www.projectmayo.com. Die Entwicklersourcen werden über das befreundete Project mpeglib.sourceforge.net vertrieben, und beschleunigen weitere Ergebnisse. Sourceforge ist die älteste Mailingliste, die sich mit Gnutella und seinen weiteren Vorzügen beschäftigt. Zur Zeit gibt es für die Anwenderseite den Mplayer (MPEG ES/PS/VOB streams und AVI files). Er läuft nur auf den neueren Versionen von RedHat 6.1 (Intel), Caldera 2.2, Debian oder RedHat 5.2 (Intel/Alpha).
Ein gestarteter Mausklick am Abend, und man kann über Nacht mindestens einen Film herunterladen – zumindest wenn einem keine verstopften Server in die Quere kommen. Doch während OpenDivx Movies noch Mangelware sind, ist DivX in den Sharerz häufig vertreten. Neben vielen Dauerbrennern aus dem Fernsehen wie Simpsons, Star Trek oder Futurama waren als weitere Filmbeispiele auffindbar: “Hannibal” (382 MB), “Starship Troopers” (733 MB), “Traffic” (694 MB) und als Festplattenkiller “1984” mit mit 870 MB!

Alternative zu Hollywood?
Während die Hollywoodisierung letztes Jahr erneut gezeigt hat, dass die klassischen Erzählerdramen langsam aussterben und Autoren- oder Kurzfilme es immer schwerer haben, ein großes Publikum zu erreichen, bietet Filesharing eine Chance für Nachwuchsregisseure. In den USA sind Kurzfilmportale bereits jetzt schon populär. “Ifilm” oder “Shorftest” plazieren sich mit legalem Streaming in genau diese Nische. Die Abschreckungstaktiken von Hollywood können jedoch nicht über ihre Unbeweglichkeit hinweg täuschen. Vom Crash der Musikindustrie hat man nicht gelernt. Statt eigene Modelle zu entwickeln, will man die Euphorie der Open Source Programmierer zwar über Klagen im Keim ersticken, das wird jedoch kaum gelingen. Der bequemere Griff zur VHS oder DVD wird nur noch eine Zeit über die Veränderungen hinwegtäuschen, die da kommen werden. Jordan Greenhall, 29, Chef der Startup-Firma DivX Networks, plant das Format kommerziell weiter zu entwickeln. Auch Konkurrenten wie 3Divx aus Belgien versuchen, das Tempo mitzuhalten. Erste Berichte über Projekte der Filmkonzerne tauchen zwar auf, scheinen sich aber nicht zu konkretisieren. Neben MIRAMAX, die einen 1Tages-Schlüssel entwickelt hatten, arbeiten Disney und Sony (MovieFly) an eigenen Portalen. Format, Methodik und Erscheinungsdatum ihrer Angebote bleiben jedoch geheim. DivX und dessen weiterentwickelten Formaten scheint jedoch in jedem Fall die Zukunft zu gehören. Das Wort “komprimieren” zeigt eben, dass es auf lange Zeit gegenüber “kompromittieren” gewinnt. Es ist kürzer!

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Elektronische Lebensaspekte.