Niemand bannt die After-Hour-Stunden zwischen Sonntagnachmittag und Montag in so Energie-flirrende Tracks wie Matt John. Kein Wunder, dass er in Ricardo Villalobos Feiertross gelandet ist.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 102

Matt John redet mit fester, aber leiser Stimme. “Bin ich laut genug?” Er beugt sich über den MD-Recorder. Der Aufnahme-Pegel schlägt sachte aus, gerade so, dass man die Umrisse seiner Stimme von den murmelnden Hintergrundgesprächen der Kneipe trennen kann.
Seltsam, Matt John scheint auf den ersten Blick so gar nicht dem Bild zu entsprechen, das sich aufdrängt, wenn man auf die Eckdaten seiner kurzen und exzessiven Karriere zurückblickt. Richie Hawtin hat ihn Gerüchten zufolge zum vielversprechendsten Produzenten des Jahres 2006 erklärt. Perlon veröffentlicht gerade seine zweite Maxi “Joker Familiy Park part two”, ein Album wird im Herbst folgen. Vor zwei Jahren nimmt ihn Ricardo Villalobos, der Don des Sensual Techno, in den Club seiner Gefolgschaft auf. Matt John zieht mit in Ricardos Studio. 2005 wird er Teil des Circo Loco DJ Pools und tourt um die Welt, durch die USA, Kanada, Italien, spielt regelmäßig im DC 10 Club auf Ibiza und wird Resident in der Berliner Bar 25, dem After Hour Hot Spot des letzten Jahres. Auf dem Bar-25-Label veröffentlicht er deren erstes und einziges Release. Es ist sein bislang bestes, vielleicht sein Signature Release. Fünf poetisch stolpernde Hymnen auf einen verfeierten, euphorischen Sommer, einen Sommer der endlosen After Hour, fest in der Hand der Verstrahlten.
“Genau vor einem Jahr hatte ich so einen Produktionshype. Da war ich nur noch im Studio. Das war für mich wie so eine Neugeburt, ich bin richtig in neue Dimensionen vorgestoßen. Ich war so begeistert und hatte so viel Energie, dass ich nur noch im Studio geklebt habe. Das Ergebnis war dann die erste Maxi auf Perlon ‘Joker Familiy Park Part One’. Umso mehr Zeit und Energie man investiert, andere Dinge loslässt, um so schneller geht es dann weiter”, erzählt Matt John mit gebremster Euphorie. Ganz so, als wäre Erfolg einfach nur eine Frage der Zeit. Aber da ist mehr: Matt John ist jemand, der sich in die Dinge kompromisslos vergräbt, sich von seiner eigenen Begeisterung mitreißen lässt und vollständig darin aufgeht. Die Länge seiner DJ Sets ist legendär, in der Bar 25 spielte er gnadenlose 14 Stunden am Stück von Sonnenuntergang bis Mittag am nächsten Tag. “Ich kann nie aufhören. Ich konnte als kleines Kind in der Nacht von Sonntag auf Montag schon nicht schlafen. Ich habe von Sonntag auf Montag immer so eine Energie. Das Ende ist für mich dann meistens der Moment, in dem der Club schließt, dann muss ich aufhören. Das ist wahrscheinlich auch ganz gut so, sonst würde ich Dienstag noch da stehen.”
Im Oktober letzten Jahres meldete sich sein Körper zu Wort. “Luciano hatte mich angerufen und gefragt, ob ich nicht im DC 10 auf Ibiza ein Live-Set spielen will. Ich habe zugesagt und wir haben so ausgiebig gefeiert, ich glaube drei Tage durch. Eine Woche später hatte ich dann einen Kollaps.”
Da kam der Winter genau richtig. Zeit, Energie zu tanken, die Dinge ruhiger anzugehen und Kraft zu sammeln für den nächsten Sommer.
“Dieses Zuviel kam durch den Körper. Vom Kopf könnte es ewig gehen. Aber es ist auch ok. Der Winter ist die Zeit, wo man zurückfährt. Das ist ja auch das Gute am Winter. Zum Glück gibt es den noch. Stell dir mal vor, wir hätten immer Sommer.”

Ricardo in der Dorfdisko
Matt John wohnt seit drei Jahren in Berlin. Aufgewachsen in Nordhausen, nahe Erfurt, sammelt er erste DJ-Erfahrungen auf Parties in der Dorfdisko seiner Tante. Auf den Plattentellern drehte sich Daft Punk, Depeche Mode und Timo Maas. Kurze Zeit später entdeckt er zusammen mit Marcel Knopf – heute DJ und Produzent aus dem Mo’s Ferry Umfeld – den Club “Alte Weberei”, damals der einzige engagierte Club der Region. “Da wurden damals sämtliche großen DJs eingeflogen. Das war auch meine erste Zeit, in der ich richtig mit Techno in Berührung gekommen bin. Ich bin mit Marcel in diesen Club gegangen und hatte so ein Erweckungs-Erlebnis.”
Matt John eröffnet in Nordheim einen Plattenladen, macht in der “Alten Weberei” die Bookings für den Minimal Floor und wird dort DJ. Unter den Bookings ist auch Ricardo Villalobos. Ricardos Set ist für ihn eine erneute Techno-Initiation. Matt John orientiert sich euphorisiert und zielstrebig in Richtung Berlin, geht in die Panorama Bar und steht wie so viele zu diesem Zeitpunkt beeindruckt vor dem DJ-Pult, hinter dem Zip und Sammy Dee ihren verdrehten, dezentralen Perlon-Funk spielen.
2001 zieht er schließlich nach Berlin. Doch der Empfang ist anfänglich ein unfreundlicher: “Ich habe in Berlin noch mal einen kleinen Plattenladen aufgemacht, aber das hat nicht funktioniert. Es wurde eingebrochen und alles geklaut, die Versicherung hat nicht bezahlt und dann ging es bergab, auch mit mir selber. Heute bin ich dankbar dafür, denn die Insolvenz des Ladens ist ein Grund, warum ich heute nur noch Musik mache. Mittlerweile hab ich mich ganz gut gefangen.”
Apropos Musik. John beginnt 2001 überhaupt erst damit. Vorher war da nichts, keine Banderfahrungen, keine peinlichen Trance-Projekte, nichts. Er vergräbt sich in die Sequenzer und PlugIns. Erstes Release ist 2002 ein Remix für Dapayk. Anschließend geht alles ziemlich schnell. Das erste Release auf Jay Hazes Textone-Label, dann ein Remix auf Contexterrior, die Bar-25-Maxi. Dann die erste “Joker Familiy Park”-12″ auf Perlon, deren Hit “Rising Scope” ihm das Tor zur Welt öffnet.
Und nun “Joker Family Park Part Two”, eine Doppelmaxi und ein Teaser für das Album im Herbst diesen Jahres. Die neue Maxi ist voll mit diesen seltsamen Matt-John-Tracks, die genau deshalb so wunderbar funktionieren, weil sie immer ein wenig drüber sind und ganz bewusst danebengreifen. Sie setzen sich aus Fragmenten verschiedener Genres zusammen, die aus dem Kontext gerissen und neu verklebt werden, bis sie zu perfekt austarierten, fragilen Gebilden zusammenwachsen. Die Spannung der Tracks entfaltet sich gerade deshalb, weil sie immer kurz davor stehen auseinander zu fallen. Es ist nicht so sehr ein langfristig angelegter Spannungsbogen, der sie vorantreibt, sondern eine Energie, die von Moment zu Moment neu aufgeladen wird. Das ist ganz im Sinne des Perlon-Sounds. Matt John ist da vielleicht nur insofern eine Ausnahme, als dass bei ihm Bass und Snare im Vergleich zu anderen Label-Acts präsenter sind. Er ist einer der clubbigsten, floororientiertesten im Perlon-Cosmos.
Matt John selber bezeichnet seine Musik als holografisch. “Musik ist für mich räumlich wie ein Hologramm. Wenn ich produziere, dann nehme ich verschiedene Parts aus verschiedenen Zeiten. Die verschiedenen Zeiten sind dann im Raum, werden aber im Track zu einer Ebene. Ein holografisches Universum, das man in einem Moment fixieren kann. In dem Stück Jokebox auf der kommenden Perlon-Maxi zum Beispiel finden sich Fragmente aus über zwanzig Tracks. Auf holografisch bin ich gekommen, als man mich gefragt hat, welche Musik ich denn spielen würde. Und ich konnte nicht sagen, dass es Techno oder House ist. Für mich ist es holografische Musik. Meine eigene Musik.“ Holografisch bedeutet für ihn auch, dass es immer eine dritte Dimension gibt, die nicht nur die basalen Dinge wie den Körper und das Hören betrifft. Da ist mehr: ”Bis ich zwanzig war, habe ich unglaublich viel mit Elektronik gebastelt, Astronomie hat mich total fasziniert. Wenn ich durch ein Teleskop einen Stern anschaue, dann sehe ich das, was ich anschaue, nur durch das Teleskop und nur in diesem Moment. Bei Musik im Club ist das genauso. Man schafft ständig latente Universen, die jeder, der damit in Berührung kommt, mit nach Hause nimmt und damit seine eigene Welt bastelt.” Matt lächelt verhalten, schweigt ein wenig. Die Worte klingen nach: Das Feiern wird zum Multiplikator von mikroskopischen Universen, die sich endlos fortspinnen. “Ich glaube schon, dass in Techno immer noch etwas Revolutionäres steckt.” Schön, das zu hören. Auf dem Weg zur U-Bahn gehen wir ein wenig nebeneinander her. Sein Gang ist schnell, ungewohnt schnell, aber es ist kein getriebener, hastiger, fluchtartiger Gang. Es ist der Gang von jemandem, der die Zukunft nicht abwarten kann. In jedem Schritt liegt ein kleines bisschen Euphorie.

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Elektronische Lebensaspekte.

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