Ein Hauch von Discokugel: Das Debütalbum der beiden New Yorker erscheint auf DFA Records
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 152

Nicholas Millhiser und Alexander Frankel sind die begehrtesten Newcomer aus dem Hause DFA. Die beiden New Yorker, die sich seit Grundschulzeiten kennen, treffen mit ihrem frühlingshaften Sound zwischen Indie und Disco seit ihrem Hit “Hold On” 2008 allerorts auf offene Ohren und legen nun mit ihrem ersten Album nach. Wir haben mit ihnen über ihre Heimatstadt, Eltern und die Funktionalität von Tanzmusik gesprochen.

Sneaker Pimps

Nicholas Millhiser und Alexander Frankel haben als Holy Ghost! ein Album aufgenommen, mit dem man sich perfekt nach allen möglichen Strapazen die Ohren durchspülen kann. Sneaker-Musik, könnte man sagen, die einen an die vermeintlich besseren Tage der Jugend erinnert. Das ist Pop in Reinform, den man sich gut und gerne auch mit den Eltern anhören kann. Die der beiden Jungs hinter dem Projekt kommen immer noch auf die Konzerte (wenn es nicht zu spät wird, versteht sich von selbst) und haben ihren Kids auch in Teenagertagen erlaubt, diese zu spielen, wenn auf sie ein Schultag folgte. “Meine Eltern haben mich immer unterstützt soweit sie konnten. Ich war ganz gut in der Schule und solang das so blieb, hatte ich im Prinzip Freilauf”, erinnert sich Nick. Eine ebensolche Entspanntheit findet man nun auch auf dem ersten Album des Duos in Form süßlich moderner Popsongs, immer mit einem Hauch Disco. Kein Wunder, dass sie dafür eine Schwäche haben – schließlich sind sie in der Hauptstadt des Disco aufgewachsen, in New York.

Teenage Kicks

Bevor Alex und Nick sich zum Electropop-Duo zusammengetan haben, waren beide schon zu High-School-Zeiten Teil des HipHop-Kollektivs Automato, mit dem sie zwischen 2000 und 2004 ein gleichnamiges Album sowie diverse EPs veröffentlichten. “Wir gründeten Automato zu einer speziell für HipHop interessanten Zeit in New York. Um 2004 aber kamen nicht mehr viele Platten heraus, die wir persönlich spannend fanden – wir gingen dann auch eher zu Konzerten von The Rapture oder LCD Soundsystem. Schon bevor wir uns aufgelöst hatten, schrieben Alex und ich discolastigere Sachen für Automato, die aber nie veröffentlicht wurden.” Zunächst war Disco eigentlich nur die Plattenkiste, die Nick und Alex auf der Suche nach Samples für Automato durchwühlten. “Natürlich fand ich in der High School Daft Punk cool, aber das war es auch schon. Zu der Zeit, als wir Tim Goldsworthy und James Murphy von DFA trafen, brachten wir ihnen ganz begeistert, weil es für uns neu war, ständig alten Disco-Kram mit und alles was sie sagten, war: ’Klar kenne ich das, die Platte hab ich zweimal.’” Murphy und Goldsworthy erwiesen sich als das perfekte Produzenten-Duo für Automato. Kennengelernt haben sie sich im Prinzip über den Sportplatz: “Unsere damalige Managerin spielte in einem Basketballteam mit Kathleen Hanna von Bikini Kill. Die wiederum war damals mit Ad Rock von den Beastie Boys zusammen, der zu jener Zeit an seinem Projekt ’BS 2000’ arbeitete. Das war dann eine der ersten Platten, die von den DFAs produziert wurde. Und so haben wir sie irgendwie getroffen. Und letztendlich haben sie dann auch unsere Automato-Platte produziert.”

Ein Lob der Anspruchslosigkeit

Dass sowohl dieses Album als auch das Debüt ihres neuen Projekts sich so nahtlos in die DFA-Soundästhetik einfügen, zeigt, dass Nick und Alex bei diesem Label ihren Platz gefunden haben, der über die Freundschaftsbasis hinausgeht: Immer klingen sie ein wenig quietschig, erfrischend modern und immer noch irgendwie jugendlich. Außerdem geblieben ist Nicks dynamisches, fast sportliches Schlagzeugspiel. Die simplen Rhythmen und deren Funktionalität ist es auch, was ihn an Disco fasziniert: “Es ist regelrecht utilitaristische Musik. Es reicht nicht, einen guten Song zu schreiben, er muss auch tanzbar sein, in gewissem Sinne funktionieren. Ich finde es schön, wie unprätentiös Disco ist. Vor allem wenn diese Musik aus New York kommt, ergibt das Sinn für mich: New Yorker sind tendenziell sehr hart arbeitende Menschen, da verwundert ein Verlangen nach einfachen aber originellen Klängen nicht.” In diesem Sinne stehen Holy Ghost! ganz in der Tradition des New Yorker Disco-Geists. Denn auch wenn sie musikalisch in anderen Gefilden unterwegs sind, wird ihr Sound doch von den tanzbaren Beats, eingängigen Melodien und Nicks alltagspoetischen Lyrics geprägt. Umgänglich, im besten Sinne. Aber immer mit einem Twist. So wie damals bei “I Feel Love”, hoffen die beiden zumindest. Und es stimmt: Holy Ghost! tragen diese Attitüde ohne Probleme in die Gegenwart. Ob es das Piano in “Wait And See” ist, das Chinatown-Flair aus jeder Pore schwitzt, oder das wunderbar käsige A-Capella-Intro bei “Slow Motion”: Nick und Alex beweisen Raffinesse und Humor. Und darüber führt definitiv einer der schnelleren Wege ins Herz des Hörers.

Holy Ghost! by DFA Records

Ein weiterer Grund für ihre angenehme Lässigkeit ist sicherlich außerdem, wie sie überhaupt zur Musik gekommen sind: “Als wir Teenager waren, hingen wir oft in Studios rum, die man stundenweise mieten konnte. Dabei war Produzieren aber nicht unbedingt der Anlass. Wir hingen da rum, tranken und rauchten – Dinge, die wir natürlich nicht zu Hause tun konnten. Im Prinzip waren wir zunächst einmal Kids, die keine Lust auf Erwachsene hatten.” Dieses Gefühl haben sie zu Holy Ghost! rübergerettet, hoffen sie, denn neben Bier und Kippen erinnert sich Nick an einen einschneidenden Moment hinter dem Mischpult bei James Murphy: “Ich erinnere mich, wie er mir eine sehr frühe und rohe Version von ’Dance Yourself Clean’ vorspielte. Ganz ohne Konkurrenzdenken wollte ich sofort intensiver mit Alex arbeiten. Ich dachte, wenn unsere Freunde das schaffen, dann können wir das auch.” Immer noch sind jene also Quelle der Inspiration, immer noch trifft man sich einfach nur so im Studio und versorgt sich gegenseitig mit neuen Ideen. Genau das ist der freundliche Vibe, den man Holy Ghost! in jeder Minute anhört, und bei dem man sich im Handumdrehen sehr gut aufgehoben fühlt.

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