Der Londoner Plattenladen kümmert sich seit über zwanzig Jahren um die Musik jenseits der angloamerikanischen Scheuklappen.
Text: Alexandra Dröhner aus De:Bug 125


Vorsicht: Sagen Sie nie Weltmusik, wenn sie zu Honest Jon’s gehen. Der Londoner Plattenladen kümmert sich seit über zwanzig Jahren um die Musik jenseits der angloamerikanischen Scheuklappen. Da liegt Oasis nicht näher als Tony Allen, der Drummer von Fela Kuti. Alexandra Dröhner hat sich vor Ort die Philosophie von Laden und Label erklären lassen.

Es regnet. Eine bunte Masse billiger Schirme schiebt sich die Portobello Road entlang. Wie jeden Samstag drängeln sich aberhunderte von Touristen an den Ständen voll teurem Silberramsch und kitschigem Porzellan vorbei, wer was kauft, ist ein Depp, dabei sein ist das Ding. Mein Schirm hat drei Pfund gekostet und hält nicht besonders dicht, aber was macht das schon inmitten der feuchten Menge.

Der Nylonstrom spuckt mich am Portobello Green wieder aus, da wo der Flohmarkt sich nach rechts und links ausbreitet und endlich interessant wird, ausgesuchte Second-Hand-Klamotten, bunte Militärjacken, junge Kreative verkaufen Selbstgemachtes und manchmal landet einer damit sogar in der Vogue. All das ist mir egal, mein Ziel ist ein anderes, nur wenige Schritte die Straße hinauf liegt einer der besten Plattenläden der Welt. Das Wetter ist ideal, um sich ein, zwei Stunden lang im erstaunlichen Sammelsurium von Honest Jon’s zu verlieren.

Seit den späten 70ern trotzt der Shop der unausweichlichen Gentrifizierung Notting Hills und dem Exodus der Musikindustrie, wie wir sie kannten. Wer sich dem Markt nicht beugt, bricht auch nicht mit ihm zusammen. Die Tür geht auf und der Laden empfängt mich mit schweren Dancehall-Beats, Platten und CDs überall, jeder Fleck bedeckt mit Covern, Postern und Memorabilia, Jazz, Reggae, Afrobeat, Soul, arabische Liebeslieder oder Nu Cumbia, als stünde man im Kopf eines heimatlosen Musikwissenschaftlers.

Der nette, junge Vinylnerd hinterm Tresen, bei dem ich vorstellig werde, gratuliert mir zur De:Bug im Allgemeinen und zu Ricardo Villalobos im Besonderen und bedauert, dass es keine englische Ausgabe gibt. Ich bin mit Alan Scholefield, einem der drei Honest-Jon’s-Betreiber verabredet, zumindest glaube ich das, bis er hinter einer Ecke auftaucht, achselzuckend von nichts weiß und leider auch keine Zeit hat, weil schon halb auf dem Weg in die Ferien nach Griechenland.

Wie lange ich ihn denn ausfragen wolle? Eine halbe Stunde? Nein, das geht nicht. Aber fünf Minuten vielleicht? Ich darf die enge Treppe ins Kellerlager hinunterklettern und zwischen hohen Stapeln von Kisten mit Platten und CDs Quartier beziehen, während Alan weiter Listen und Quittungen durchgeht.

Kein Hype, keine Worldmusic
“Was hältst du vom aktuellen Dancefloor-Hype um afrikanische Musik wie zum Beispiel DJ Mujaves Township Funk?” Scholefields gerunzelte Stirn macht deutlich, dass “Hype” nicht zu seinem Sprachschatz gehört, ebenso wenig, wie er mich später wissen lässt, wie der Terminus Worldmusic, eine Kategorisierung, die er und sein Partner Marc Ainley strikt ablehnen und im Labelkatalog mit “Outernational” umschreiben.

“Afrikanische Beats haben doch von jeher europäische Dancefloor-Musik beeinflusst. Ich habe von DJ Mujave gehört, aber ich weiß nichts über ihn.” Okay, falsche Fährte, der Mann hat wirklich anderes zu tun, als sich mit Blogs oder Kids mit bunten Caps zu beschäftigen. “Für uns hat in Afrika alles mit Fela Kuti angefangen”, und er zieht eine der ersten (von Kuti produzierten) Honest Jon’s Releases aus einem Karton CDs, “Mr. Big Mouth” von Tunde Williams, dem Trompeter von Felas nigerianischer Band Afrika ’70.

Honest Jon’s, der Plattenladen, ist im Lauf der Zeit durch verschiedenste Besitzer geprägt worden, der Endvierziger Alan ist schon ewig dabei, später ergänzt durch Marc Ainley. Die Erweiterung vom Shop zum Label wurde (nach einem halbherzigen ersten Versuch mit dem Jazz-Imprint Boplicity in den 80ern) erst 2001 von Blur-Frontmann Damon Albarn initiiert. Gerade zurück aus Mali, stand er mit einem Haufen Tracks, die er dort mit einheimischen Musikern produziert hatte, in seinem Lieblingsshop, das Material musste raus und Honest Jon’s Records ward aus der Taufe gehoben. Seitdem veröffentlichen die drei Spezialisten, was ihnen gefällt, und nur das.

Lagos bei Regen
“Wie kommt ihr zu der Musik, die ihr herausbringt? Wie verläuft die Recherche?” Und damit habe ich ihn. Die fünf Minuten sind längst um, als wie aufhören, wenn es doch zu jeder Release eine Geschichte zu erzählen gibt, wie diese zum Beispiel:

“An einem verregneten Tag wie heute sind Marc und ich durch Lagos gelaufen, die Straßen eine einzige Flut aus Wasser und Schlamm, bis wir in einer Seitenstraße Schutz suchten und plötzlich in diesem kleinen Verschlag standen, in dem ein Mann riesige Taschen mit Platten feilbot. Wir haben sie alle durchgehört und so hat dieser eine Tag gleich zwei Compilations hervorgebracht”, und er zaubert die nächsten CDs von irgendwo her:

“Lagos All Route” und “Lagos Chop Up” eine Sammlung Juju, Highlife, Apala, Fruji und Afrobeat aus den 60ern und 70ern.
So funktioniert das bei den ehrlichen Jungs, sie reisen, sie netzwerken, sie lassen sich begeistern, kein ausgeklügeltes, profitorientiertes Labelkonzept bestimmt den Releaseplan, sondern Gelegenheit und Obsession: “It’s a progression.” Und genau da liegt der Mehrwehrt.

Auch der Schlagzeuger Tony Allen, der jetzt mit Damon Albarn bei The Good, The Bad and The Queen spielt, ist eng verknüpft mit dem Labelprofil.

Er entstammt ebenfalls Fela Kutis Afrika ’70 Band, gilt als sein offizieller Nachfolger und als Miterfinder des Afrobeat. Kürzlich konnten sie ihn überzeugen, anstatt wie üblich in UK aufzunehmen, für das Album “Lagos no shaking” wirklich zurück nach Nigeria zu gehen. “Wir wollten sehen, wie er mit Lagos, seiner Heimatstadt, interagiert.” Ein gelungenes Experiment, bei dem auch die Idee entstand, einige Stücke des Albums remixen zu lassen. Denn natürlich sind die Honest Jon’s nicht so unbeleckt von aktuellen Trends und Dancefloor-Strömungen, wie Alan den Anschein machen möchte.

Die Remix-Compilation “Lagos Shake” schlägt die Brücke von der nicht ganz zu leugnenden Angestaubtheit von Afrobeat und Afrofunk zu kontemporären Clubstars wie Diplo, Bonde do Role oder den UK-Grimern Newham Generals, insgesamt aber seien die Remixer eine Ansammlung von Freunden, unter denen selbstredend auch Mark Ernestus und Moritz von Oswald nicht fehlen durften, Alans und Marcs besondere Berlin Connection. Moritz mastert alle Honest-Jon’s-Platten und Mark und Marc kennen sich schon lange, fahren gemeinsam in den Urlaub und Ernestus Junior arbeitet im Shop, wenn er gerade in London ist.

Apropos Urlaub, das war’s nun wirklich, Alan Scholefield muss nach Hause die Familie einpacken, er verabschiedet mich herzlich: “Wie war noch mal dein Name?”, gibt mir seine Handynummer und hofft, mir bald ein langes, sehr langes Interview geben zu können.

In der Zwischenzeit wird sich das Releasekarussel nicht langsamer drehen – die spannenden neuen Fischgründe des Trios liegen momentan nicht irgendwo auf der Welt in Äquatornähe, sondern in der britischen Provinz: das Honest-Jon’s-Team darf das “The Hayes Archive” durchforsten, ein enormer Lagerraum vom Platten-Major EMI in Middlesex, vollgestopft mit raren Aufnahmen aus zwei Jahrhunderten und unzähligen Ländern. Bislang konnten sie “Living is hard. West African Music In Britain, 1927-1929 ” und “Give me Love. Songs Of The Brokenhearted – Baghdad, 1925-1929” aus den langen Regalreihen sichern, viele Compilations mehr werden hoffentlich folgen, bevor die EMI den Geldhahn zudreht und das Archiv, so wird gemunkelt, aufgeben will.

Honest Jon’s Records erzählt bislang ungehörte Geschichte(n), stellt Bezüge her, emanzipiert die Musiken der Welt, ihr Ansatz ist ein ernsthafter, ihre Vorgehensweise liebevoll und persönlich.
Wie Marc Ainley an anderer Stelle einmal sagte: “Honest Jon’s is not just a shop – we are an idea.”
http://www.honestjons.com

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Elektronische Lebensaspekte.