Hood sind wie eine dieser Plexiglas-Halbkugeln, in denen es nach dem Schütteln schneit. Auf ihrem neuen Album "Outside closer" schütteln sie mehr und lassen es weniger schneien. Aber ein minimaler Anflug von Ironie in all der Melancholie hebt nur das Trost-Kapital des Quartetts aus Leeds.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 89

Dann heul doch …
Hood

Die Musik von Hood kann man nicht einfach nur hören, sie zwingt dich eher dazu sich ihr hinzugeben. Vielleicht weil jenseits aller musikalischen Kategorien und Moden der Kern von Hoods Musik absolut beständig bleibt: Kaum eine andere Musik vermittelt so perfekt das Gefühl eines Zustands somnambuler Melancholie. Die Welt durch die Musik von Hood wahrzunehmen, bedeutet durch einen Schleier zu blicken. Einen Schleier, der die eindeutigen Grenzen verschwimmen lässt und die harten Kontraste der Wirklichkeit weich zeichnet, nicht um deine Umgebung schöner und zugänglicher erscheinen zu lassen, sondern um endlich die Distanz zum Draußen zu schaffen, die man sich nicht selten herbeisehnt. Hood sind die musikalische Reaktion auf einen vielen sicher nur zu vertrauten Zustand, den sie selber in dem Songtitel “Blindly dragging my body through“ so treffend auf den Punkt gebracht haben. Diesen Zustand leuchten Hood immer wieder in jeder noch so kleinen Nuance mit wechselnden stilistischen Feinheiten aus.

An der Grundstimmung hat sich auf dem neuen Album “Outside Closer“, wie der Titel vielleicht schon andeutet, zumindest an der Oberfläche ein ganz klein wenig geändert. Chris und Richard Adam, der enge Kern von Hood, polieren zaghaft die sie umschließende, milchige Glasglocke. Die Arrangements sind üppiger, man verzichtete fast ganz auf die clickerigen Beats von “Cold House“ und Chris’ Gesang pendelt lose auch mal in höhere Tonlagen. Aber Hood wären nicht Hood, wenn sie letztendlich nicht immer wieder bei ihrem Grundthema ankommen würden: eben diesem universellen melancholischen Gefühl, irgendwie abgetrennt zu sein von allem, ohne sich aber komplett und konsequent abgewendet zu haben. Diesmal vielleicht einfach stilistisch ausgefeilter, offener für eine weitere emotionale Bandbreite und weniger bemüht, die elektronischen Aspekte ihrer Musik in den Vordergrund zu rücken. Fest steht, dass Hood musikalisch noch nie geschlossener geklungen haben. So geschlossen vielleicht, dass sie, wie der Songtitel des letzten Stückes der Platte “This is it, forever“ nahe legt, etwa alles gesagt haben, was sie zu sagen hatten?

Debug:
Ist das neue Album ein Schritt aus dieser introvertierten typischen Hood-Stimmung?

Richard:
Ja, schon so ein bisschen. Es ist schon ein wenig heller und offener. Wir haben versucht, andere Sachen auszuprobieren und fühlten uns beim Schreiben der neuen Songs sehr sicher und zuversichtlich. Was uns aber auch immer wichtig war, ist den emotionalen Kern der Hood-Stücke zu bewahren und nicht komplett fallen zu lassen. Aber letztendlich wollten wir kein komplett düsteres, introvertiertes Album produzieren, weil wir davon ja schon so einige gemacht haben.

Debug: Wie lief die Produktion ab? Habt ihr viel zu Hause am Rechner gearbeitet oder mehr in externen Studios?

Richard:
Wir haben erst viel zu Hause gemacht, haben alles mit dem Rechner aufgenommen und sind dann zwischen zwei verschiedenen Studios gependelt. Insgesamt haben wir anfänglich vielleicht zu viel vorm Computer gesessen, denn zu einem bestimmten Zeitpunkt haben wir gemerkt, dass wir der Musik eher zusehen, als sie wirklich zu hören. Wir sind daraufhin einen Schritt zurückgetreten, wieder in unser eigenes Studio gegangen und haben mit einem alten 16-Spur-Gerät aufgenommen. Das war für uns sehr wichtig, denn es hat uns geholfen, die Musik wieder mehr in den Fokus zu nehmen. Vorher waren wir für kurze Zeit ein wenig orientierungslos.

Debug:
Ging es dabei auch darum, diese clickerigen Sounds hinter euch zu lassen?

Richard:
Ja, zum einen war es das. Wir waren schon leicht gelangweilt von diesen Sounds. Es ging aber letztendlich auch darum, nach neuen interessanten und modern klingenden Sounds zu suchen und sie zu benutzen. Für uns war dieser Schritt zurück dabei sehr hilfreich.

Debug:
In wie fern spielt Ironie eigentlich bei euch eine Rolle?

Richard:
Wir versuchen schon immer wieder, mit kleinen Anspielungen und Zitaten ein wenig Ironie und Humor mit in die Songs zu legen, um die ganze Melancholie ein wenig aufzulockern. Manchmal denke ich aber, diese kleinen Anspielungen und Scherze versteht keiner außer uns. Sie sind jedenfalls da und sollen den Hörer schon auch zum Schmunzeln bringen. Andererseits gibt es aber so viel ironische Musik, und das macht einen der Ironie überdrüssig. Es gibt wenig Musik, die wirklich meint, was sie sagt, und in gewisser Weise “echt“ ist. Das ist schon ein Problem und wir sind uns darüber bewusst, wenn wir ironische Teile in unsere Songs integrieren.

Debug:
“This is it, forever“ ist also nicht euer letztes Wort, sondern auch eher ironisch gemeint, oder?

Richard:
Wer weiß …(lacht). Wir haben das ja schon mal mit dem Titel “Hood is finished“ gemacht. Das hat sich ja auch nicht bewahrheitet, also wenn wir einmal mit diesem Scherz davongekommen sind, dann klappt das ja vielleicht auch ein zweites Mal. Wir werden jedenfalls erstmal Anfang des Jahres auf Tour gehen und proben dafür gerade an dem Live-Set. Also momentan sieht es auf keinen Fall so aus, als ob diese Platte das Ende von Hood bedeutet.

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Elektronische Lebensaspekte.

Gitarrenmusik ist am Ende. Seit das auch Musiker sagen, die mit Marshalls und Fender groß geworden sind, muss man nicht um seinen Kopf fürchten bei so einem Statement. Hood aus Leeds jedenfalls sind schon längst woanders. Und die Anticon HipHop Crew ist ihr größter Fan. Gut so.
Text: thaddeus herrmann | thaddi@debug-digital.de aus De:Bug 53

indietronics

From the Hood I came, in the Hood i must return

Hood

Hood, das geht ungefähr so. Anfang der 90er Jahre, da saßen ein paar Jungs in Wetherby in West Yorkshire im Vereinten Königreich und daddelten so rum. Mit Gitarren, ohne dabei eine große Idee davon zu haben, was sie da tun. In einem Keller rumhängen und Dinge ausprobieren, den Gitarren ein paar Akkorde entlocken und den verregneten Norden Englands vergessen, war schon Grund genug. ‘Oh Gott’, werdet ihr jetzt sagen, aber der Thatcherism hatte damals im Norden des Inselreichs voll eingeschlagen, und jeder, der zu dieser Zeit mal ‘way up north’ war, wird sich hüten, so eine Motivation als ‘pathetic’ abzukanzeln. Nur für einen Moment den Regen und den Laden an der Ecke vergessen: das war Hood. Nicht die Shoegazer-Nummer mit Breitwand-Gitarreninfernos, sondern die Suche nach einem kleinen Paralleluniversum, in dem man für einen kurzen Moment so etwas wie ein neues Zuhause findet, darum ging es in diesem Keller. “Wir hörten damals vor allem Musik aus Neuseeland”, erzählt Chris Adams, der gemeinsam mit seinem Bruder Richard die Band von Anfang an nach vorne gedrückt hat, als wir in Manchester zusammensitzen. Natürlich regnet es auch jetzt wieder, und zwei ehemalige Mitglieder seiner Band, die heute als “The Remote Viewer” ihr eigenes Projekt haben, sind nebenan gerade beim Soundcheck. “Ich habe das nie verstanden. Außer ‘My Bloody Valentine’ hatte die englische Gitarrenmusik der 90er Jahre absolut nichts zu bieten. Alle Bands, die vom ‘NME’ oder dem ‘Melody Maker’ gefeiert wurden, haben nichts anderes gemacht, als die Valentines zu imitieren. Das hat uns nie interessiert. Warum auch? Wir hatten das Glück, in diese DIY-Szene reinzurutschen, und bevor wir uns versahen, hat jemand unsere Musik veröffentlicht. Ich hatte dieses kleine Sampling Keyboard, und in allen Studios, in denen wir aufgenommen haben, musste das gesamte Equipment herhalten.” Gepresst auf Vinyl kulminierte das in 26 Songs pro Platte. Kleine Experimente, die vor allem eine Suche nach etwas Unbestimmtem beschrieben. Dann kam der Umschwung. Die Songs wurden länger, bekamen Struktur, und die Elektronik wurde immer wichtiger. “Als nach unserem 99er Album ‘Cycle Of Days And Seasons’ Craig und Andrew aus der Band ausstiegen, um The Remote Viewer zu gründen, habe ich mich mit Richard zusammengesetzt und überlegt, ob wir Hood fortan zu zweit machen sollten. Die ganze Technologie, die plötzlich verfügbar war, war schon sehr verlockend. Zum Glück haben wir uns dagegen entschieden und die Band nicht sterben lassen. Auch wenn wir uns alle sehr für elektronische Musik und HipHop interessieren: Es ist gut, Einflüsse zu adaptieren, aber nichts in der Welt kann die Energie einer Band ersetzen. Wir beide vor Maschinen und Monitoren, das wäre nicht gut gegangen.

Kalt hier

Mit ‘Cold House’ haben Hood nun ihr zweites Album für den englischen Major-Indie Domino aufgenommen. Ein Album, das in die Geschichte eingehen wird. Wie kaum eine andere Band zur Zeit haben Hood verstanden, das, was sie von der musikalischen Welt da draußen aufgeschnappt und lieben gelernt haben, in ein klassisches Band-SetUp zu integrieren. Songs, die einen vor lauter Wärme und Tiefe anspringen, Texte über Dinge, die jeden berühren, auch wenn man das nie zugeben würde. All das funktioniert aber nicht wie eine herkömmliche Gitarrenband, deren Mitglieder weite Strickpullis tragen und im Tourbus immer noch Jazzrock hören oder Steve Albini für den Größten halten. Hood ist anders. “Wir haben die letzten Jahre eigentlich nur Elektronik und HipHop gehört. Dann haben wir Dose One von Anticon kontaktiert, und wie sich rausstellte, kannte er unsere ganzen Platten und war total glücklich, mit uns zu arbeiten. Wir wussten nicht wirklich, wie wir das am besten vorbereiten sollten, aber am Ende war klar, dass wir einfach unsere Songs geschrieben und ihm ein bisschen Platz gelassen haben. Er hat uns dann erzählt, dass es genau diese Projekte sind, die ihn interessieren. Angebote, mit HipHoppern zusammenzuarbeiten, hat er genug. Doch was kann er bei einem fertigen HipHop-Track auf 90 BPM noch machen?” Cold House ist eine Sammlung wunderbarer Songs. Immer melancholisch, angefüllt von weichen Gitarren, sanften Synthesizern und allerhand knurschpeligen Beats, rollt das Album jedem den roten Teppich aus. “Es war eine schwere Geburt, vor allem weil wir nicht wussten, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Postrock langweilt uns immens, weil sich diese Leute nicht trauen, richtige Songs zu schreiben, Angst vor Melodien haben. Das alles zusammenzubringen und dann noch Dose One da unterzubringen, hat eine Weile gedauert.” Es hat sich gelohnt, nicht nur weil ein adaptierter HipHop Groove, gespielt von einem ‘normalen’ Schlagzeug, dem Ganzen eine völlig neue Dynamik gibt, sondern vor allem, weil wir alle solche Platten brauchen. CutUp-IDM mit HipHop war gestern, jetzt bleibt abzuwarten, ob mehr Bands den Schritt wagen und ihr kleines Universum für andere Einflüsse öffnen, ohne sich dabei auf Biegen und Brechen irgendwo anbiedern zu wollen. Hood haben das geschafft. Und wie. Mit einer Platte, die nicht nur im verregneten englischen Norden keinen Stein auf dem anderen lassen wird.

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