Ich fühle mich nicht mehr sehr kultiviert
Text: Constantin Köhncke aus De:Bug 119

Wer bisher Hot Chip als einen Danceact verstanden hat, wird bei der neuen Platte eines Besseren belehrt. Denn hier proben sie den Aufstand gegen die Party-Schublade und kombinieren Balladen mit Einflüssen wie Willie Nelson und Paul Simon.

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Damals spielten sie ihre Konsens-Pop-Hymnen mit strahlenden Gesichtern, lediglich versteckt hinter überdimensionierten (Sonnen-)Brillen. Zwischen großen Baggern in Massen von Menschen im Licht der untergehenden Sonne und ihrer Reflexion in der Discokugel habe ich Hot Chip live gesehen. Im T-Shirt im Sommer. Am zweiten Tag dieses Festivals, dass sich selber gleichermaßen als Magnet der Indierock- und Elektronikszene feiert.

Der Festival-Samstag hat immer eine besondere Stimmung. Sonnenverbrannte Gesichter täuschen über große Schlafdefizite hinweg, dies ist der Zeitpunkt, an dem das Publikum sich der Musik nicht mehr so leicht entziehen kann, in der das ewige Wandern zwischen Techno, Live-Elektronika und Indie zur Ruhe kommt, in der sich das musikinteressierte Publikum auf eine lange Zeit vor der Hauptbühne einrichtet. Die Band um Sänger Alexis Taylor wusste damit umzugehen und spielte ein zusammenhängendes Set aus Hits ihres Albums The Warning. Over and Over, No Fit State, Boy from School – jeder Track ein potentieller Mitsinger. Auf dieses Gefühl können sich alle einigen.

Gräfenhainichen im Sommer liegt Meilen weit entfernt von Berlin im Winter. So grau und dunkel sah der Himmel lange nicht mehr aus. Als ich nach dem Interview Alexis Taylor und Owen Clarke verabschiede und auf die Berliner Oranienstraße trete, erscheint in nebligen grauen, verregneten Schwaden rechts das Axel-Springer-Hochhaus, in die andere Richtung ist auch nicht viel zu sehen. Made in the Dark heißt das neue Album von Hot Chip. Im Vergleich zu The Warning zeigt dieses Album eine viel größere Spannbreite der als Dance-Act verschubladeten Band Hot Chip.

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Während die erste Hälfte des Albums in Sachen Tanzbarkeit und Rave-Feeling sogar noch weiter geht als zuvor, schneller und direkter, besitzen die Songs der zweiten Hälfte Strukturen von Folk und die Melodien melancholischer Popmusik. The Warning war Brian Wilson, Prince, Devo, Aphex Twin. Made in the Dark ist Willie Nelson, Nôze, Terry Riley, Audion und R Kelly.

Alexis Taylor und Owen Clarke sitzen in Kreuzberg bei ihrem Label EMI zwischen weihnachtlichen Süßigkeiten und Sprudelwasser. Die Zeit ist knapp, 45 Minuten sind nicht viel, um eine Zeit von fast zwei Jahren zu verarbeiten, um das neue Album zu verstehen. Im Frühjahr 2005 wurden aus den fünf Freunden fünf Mitglieder einer Band, die von nun an im Mainstream des Pop standen. Mit allem, was dazugehört. Welttournee, Fans, die die gleichen Sonnenbrillen tragen.

“Früher haben wir jede Woche Fußball gespielt, sind zusammen ins Kino und zu Konzerten gegangen. Jetzt verbringen wir noch die Zeit zwischen Soundcheck und Auftritt miteinander. Ich fühle mich nicht mehr sehr kultiviert“, sagt Alexis, während er doch recht kultiviert wirkend und langsam sprechend durch die Gläser seiner Brille schaut. Alexis Taylor ist das musikalische Mastermind hinter vielen Hot-Chip-Songs. Owen Clarke spielt Gitarre und Keyboards.

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De:Bug: Wie einigt man sich unter fünf Leuten auf einen Albumtitel wie Made in the Dark?

Owen: Wir hatten ein Veto-System. Es gab viele Vorschläge, aber wenn eine Person es nicht mochte, dann wurde es das eben auch nicht. Es klingt zwar total offensichtlich, aber dies war der einzige Titel, auf den wir uns einigen konnten.

Alexis: Der gleichnamige Song existierte schon vor dem Albumtitel. So hat der Song auch seine eigene Begründung, warum er so heißt. Ich mag den Ausspruch sehr gerne und er beschreibt ganz gut, wie Hot Chip ihre Musik machen: auf eine etwas gedankenlose und unbewusste Weise. Die letzten zwei Alben hatten diese leicht ironischen, aber doch sehr eindeutigen Titel. Außerdem dachte ich, dass es gut wäre, wenn man den ruhigeren Liedern auf dem Album einen höheren Stellenwert einräumt.

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De:Bug: Made in the Dark hat viel mehr ruhigere Songs als eure letzten zwei Alben.

Owen: Es ist komisch, wenn man ein Album macht. Es geht darum, die Songs in einer Sequenz zusammenzubringen, und wir haben uns bei diesem Album etwas mehr Freiheit erlaubt.

Alexis: Teilweise passiert mein bestes Songwriting in diesem ruhigeren Format und ich bin oft viel stolzer darauf als auf andere Tracks, weil ich das Gefühl habe, dass mehr Arbeit drin steckt. Nicht im Sinne von reinen Arbeitsstunden, mehr auf die Poesie, die Texte und die Einfachheit der Struktur bezogen. Manchmal fühle ich mich gezwungen, Texte für eine bestimmte Stimmung zu schreiben, in der ich mich nicht notwendigerweise befinde. Deshalb bin ich sehr froh, dass es diese ruhigeren Tracks glücklicherweise auf das Album geschafft haben.

Owen: Ich glaube, es hat nichts mit Glück zu tun. Das sind einfach gute Songs.

Alexis: Jeder in der Band hat eine andere Definition seiner idealen Platte. Für mich sind es oft sehr eklektische Alben, wie das White Album der Beatles zum Beispiel. Dort ist es überhaupt nicht weird, wenn man nach einem Up-Tempo-Song direkt einen traurigen Song hört. Das ist für mich völlig normal. Aber heutzutage sagen die Leute: Hey, ihr seid eine Danceband, warum macht ihr jetzt solche Tracks? Das verstehe ich einfach nicht.

Owen: Ich glaube, es hat damit zu tun, wie Musik funktioniert. Jeder versucht seine Nische zu finden. Aber daran glaube ich nicht. Manchmal ist man eben glücklich und manchmal traurig.

Alexis: Genau. Ich wollte schon auf The Warning einige dieser Songs herausbringen. Dann wäre es mehr wie dieses Album gewesen und vielleicht wären die Leute nicht so erstaunt darüber, dass auf Made in the Dark einige Balladen sind. Es geht nur darum, wie man sich in der Öffentlichkeit präsentiert. Wir haben viele energetische Liveshows gespielt, also denken die Leute, das ist Hot Chip. Aber Hot Chip ist eben nicht nur das.

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De:Bug: Ihr habt für The Warning sehr viel live gespielt. Hat sich das auf eure Musik ausgewirkt?

Alexis: Bevor wir The Warning gemacht haben, hat sich unsere Musik verändert, weil wir vom Live-Spielen beeinflusst waren. Joe hat angefangen, mehr darüber nachzudenken, wie die Musik klingen würde, wenn sie in der Band gespielt wird. Jetzt hat es sich wieder verändert, weil es mehr Songs auf dem Album gibt, die von allen zusammen eingespielt wurden. Es gibt eher ein Live-Gefühl bei den offensichtlichen Tracks wie Out at the Pictures, Hold One oder One Pure Thought. Aber diese Liveness gibt es auch in anderen Tracks, weil wir viel mehr Songs zusammen in einem großen Raum eingespielt haben. Auch die Tracks, die wir im Studio aufgenommen haben, fühlen sich mehr nach Live an, weil wir alle zusammen neue Parts improvisiert haben, anstatt nur zu zweit oder alleine vor dem Rechner zu hocken.

Owen: Ich glaube auch, dass es immer eine Reaktion auf das Live-Spielen gibt. Man macht Sachen, die man live nicht machen kann, z.B. dem Willen nachzugeben, auch ruhigere Songs zu veröffentlichen. Und dann gibt es auch die Sachen, die man vom Live-Set ins Studio übertragen kann, dann wiederum die Sachen, die man live nicht machen kann. Also ist es dreiseitig. Ist es vielleicht ein Prisma? Auf jeden Fall ist es eine Prisma-ähnliche Erfahrung.

Alexis: Es war bisher immer so, dass wir bei unseren Livesets 9/10 Uptempo-Songs gespielt haben und einen Song dazwischen, der alleine stand. Einfach eine Ballade einzuwerfen, verwirrt die Leute oft. Auf den ersten zwei Alben war das ähnlich. Aber ich denke, was wir mit der Tour für das neue Album probieren könnten, wäre einen Rahmen zu finden, in dem man aus dem Fakt, dass das Album von einem Extrem ins andere geht, etwas machen kann. Das ist sicher nicht leicht, aber ich erinnere mich an den Live-Act von Spiritualized, die immer eine unglaublich dicke Wand an Sound aufbauen, mit Gitarren- und Saxophonsolos, um dann nach diesem großen Crescendo Shine a Light zu spielen, das ein unglaublich leichter Song in einem ganz anderen Tempo ist. Ich glaube, dass wir das auch mit Hot Chip machen könnten, von einem Extrem wie Out at the Pictures zu einer der Balladen zu gehen.

Owen: Das ist sehr schwer, weil die Energie der Leute auf einem Konzert so fokussiert auf die Bühne ist. Es ist ganz anders, wenn du mit Kopfhörern durch die Stadt läufst oder Musik auf einer Party hörst. Da knüpft man automatisch visuelle Verbindungen oder guckt die Menschen an, die um einen herum sind. Aber wenn man sich eine Band auf der Bühne anguckt, dann ist die Erfahrung sehr körperlich und es ist sehr schwer, sich mit seinem Körper zu artikulieren, außer eben zu tanzen. Und das ist bei Balladen wohl eher schwer.

Alexis: Man muss den Moment, wo man ruhigere Songs spielen will, eben genau auswählen. Vielleicht wenn das Publikum müde ist oder das Gefühl hat, dass sie jetzt eine Pause verdienen könnten.

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De:Bug: Ihr scheint mit eurem Auftreten auch das Image des coolen Nerds gefestigt zu haben. Glaubt ihr, dass ihr etwas mit dem kollektiven Auftritt vieler Rave-Kids zu tun habt?

Alexis: Ich glaube, wir haben etwas damit zu tun, aber ohne es zu wollen. Owen hat mir mal diese grünen Sonnenbrillen gekauft, ich habe meine Gläser reingetan und sie eine Zeit lang getragen, bis ich merkte, dass auf einmal alle solche Sonnenbrillen tragen. Da habe ich aufgehört, sie zu tragen, weil ich es hasste, wie sie zu einem Szeneobjekt geworden waren. Sobald ich das Gefühl habe, mit etwas verbunden zu sein, höre ich auf, es zu tun. Ich mag es nicht, mit bestimmten Gruppen oder einer Szene assoziiert zu werden. Aber manche Leute wollen unbedingt Teil von etwas sein. Das ist auch total OK so, aber nichts für mich.

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De:Bug: Habt ihr das Gefühl, dass sich Leute nicht nur von eurem Look, sondern auch von eurer Musik beeinflussen haben lassen?

Alexis: Als wir angefangen haben, Musik mit Keyboards zu machen, die aber immer noch eine Songstruktur hatte, gab es nicht viele andere, die das so gemacht haben. Wir waren nicht die ersten, tausend Leute haben das schon vor uns gemacht, aber gerade zu dieser Zeit gab es nicht viele Bands, die das so gemacht haben, zumindest nicht in London. Aber wenn man sich jetzt umguckt, gibt es sehr viele Bands, die auch mit Keyboards arbeiten oder eine MPC auf der Bühne stehen haben.

Owen: Das heißt nicht, dass die Leute uns imitieren. Von mir aus sollte jeder einfach das machen, was er will. Eine Geige mit auf die Bühne nehmen oder was auch immer.

Alexis: Ich glaube nicht, dass sich viele Leute das nicht trauen und denken, dass zu einer Band ein Drummer, ein Bassist, ein Gitarrist und ein Sänger gehören. Es ist eher andersrum. Viele Leute versuchen bedeutsam zu sein, indem sie große Brillen tragen, Keyboards benutzen, fluoreszente Kleidung anziehen und ein bisschen out there aussehen. Sie verstehen nicht, dass es mittlerweile normal ist. Und langweilig.

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De:Bug: Was glaubt ihr denn kommt nach dieser Blase?

Owen: Ich habe letztens von Post-Nu-Rave gehört und danach soll glaube ich Nu-Post-Nu-Rave kommen. Hoffentlich kommt danach wieder etwas Originelles. Ich glaube, es ist mehr als alles andere ein ästhetisches Phänomen und das wird wie jeder Trend schnell wieder verschwinden.

Alexis: Wir verbringen eigentlich keine Zeit damit, über Nu-Rave nachzudenken. Wir könnten nie Teil einer Szene sein, weil in jedem Song tausende von verschiedenen Einflüssen stecken. Auch wenn ein Song mal etwas ravig klingt, heißt das doch lange noch nicht, dass wir Nu-Rave machen.

De:Bug: Ihr habt letztes Jahr eine DJ Kicks aufgenommen und die dort veröffentlichten Tracks als aktuelle Einflüsse beschrieben. Wie würde die CD aussehen, auf der die Einflüsse für Made in the Dark kompiliert sind?

Alexis: Bei mir sind es Terry Riley, R Kelly, Franco Battiato, Paul Simon – also seine Solosachen, nicht das gesamte Oeuvre von Simon & Garfunkel – und Willie Nelson.

Owen: Willie Nelson muss auf jeden Fall da drin sein.

Alexis: Ich bin wirklich sehr auf Willie Nelson abgegangen und habe viele seiner Platten entdeckt. Das Gleiche gilt für Terry Riley. Ich habe einfach alles gekauft, was ich finden konnte. Aber es ist natürlich auch so, dass wir alle auflegen, also höre ich ganz viel verschiedene Musik, wenn ich auflege. Es ist immer schwierig für andere zu sprechen, aber ich weiß, dass Joe (Anm. d. Red. Joe Goddard) im letzten Jahr viel afrikanische Musik gehört hat. Und viel neue Dance-Sachen wie Reggae, Raggaton, Garage, Dubstep und House. Er kauft konstant neue Platten und hört sich besonders die Rhythmen in Hinsicht auf seine Produktionen an.

Owen: Er ist auf der Rhythmus-Jagd.

Alexis: Felix und Al haben viel deutsches House- und Minimalzeugs für sich entdeckt und das hat sich auch in einiger unserer Musik niedergeschlagen und wie wir live performen. Die hören viele Künstler, die ich nicht wirklich kenne oder höre, aber durch diesen Einfluss habe ich wiederum andere Künstler entdeckt wie z.B. Justus Köhncke, der neben seinem minimalen Zeug auch singt und performt. Auch eine Band wie Nôze war ein großer Einfluss für uns alle. Wir fanden es alle cool, dass sie auch performen und live spielen. Aber ist es eben nicht so, dass alle von uns zu Hause sitzen und Willie Nelson oder Raggaton hören. Wir erlauben es einfach, alle verschiedenen Einflüsse in Hot Chip einfließen zu lassen, anstatt die ganze Zeit zusammenzusitzen und sich auf Musik zu einigen. Also schauen wir einfach, was passiert. Wenn ich ein trauriges Lied machen will und Joe einen Garagetrack, dann passiert das eben.

Owen: Dann machen wir einfach Sad Garage.
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Elektronische Lebensaspekte.