Sie machen komische Geräusche und zwingende Melodien und singen schöner im Duett als Lennon/McCartney oder die Wilson-Brüder. Mit ihrem zweiten Album wollen Hot Chip endlich ihre verquer smarten Hits in den Charts sehen. Sonst brechen sie dir die Beine.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 102

Beim letzten Album ging es noch um Disco und die Frage, wie zur Hölle Stevie Wonder eigentlich Dinge sehen kann. Nun geht es um merkwürdige Sounds, nachhaltige Ambitionen, den hypothetischen Fall und den Rewind in der Berliner Panorama Bar. Debug traf Joe Goddard und Alexis Taylor von Hot Chip, um mit ihnen die Zukunft, Pop-Musik, Aphex Twin und die Beach Boys zu besprechen.

Und Jake verbindet mir doch nicht die Augen. Der Mann mit den blonden Locken hat es entweder schlicht vergessen oder das vorhin war nur ein Witz. So eine Art Triff-den-Star-Joke. Wir schlendern über eine Straße in London, die mit Charity Shops nur so gespickt ist. Oxfam, Pets who need Vets, immer schön einen Fuß vor den anderen und aufpassen: Linksverkehr. Kurz vor Joe Goddards Haus wispert mir Jake zu: “Das Tempo hat angezogen in letzter Zeit. Vielleicht liegt das auch an uns, aber Hot Chip gehen gerade ziemlich ab.” “An uns”, das bedeutet EMI, ein Major-Label. Rechtzeitig zum neuen Album, “The Warning”, hat die Band ihre Plattenfirma gewechselt. Dieser Schritt ist verständlich, denn das Projekt Pop-Musik verlangt nach Raum, nach Größe, nach Hysterie, Postern und Klingeltönen. Und Hot Chip haben vielleicht das Zeug dazu. Nicht nur visuell, wenn sie auf der Bühne aufgereiht stehen wie ein Verein bunt gescheckter Nerds, sondern auch musikalisch. Die Band geht das Feld Pop gewissermaßen wieder aus der Depeche-Mode-Ecke heraus an. Mit Synthesizern, Drum-Machines, Live-Percussion und dem Unisono-Gesang der beiden Band-Gründer Alexis Taylor und Joe Goddard. “The Warning” ist im Vergleich zum letzten Album “Coming on Strong” rauer, wirrer, pathetischer und zugleich aggressiver. Disco-Vergleiche erübrigen sich diesmal weitgehend und Adjektive werden am besten gleich durch Querverweise ersetzt. Devo, Aphex Twin, Brian Wilson. Die Tür springt auf, Hände werden gereicht und geschüttelt, Grußformeln getauscht. Ein kurzer Blick hinein ins Haus, Tatsache: ein Schlafzimmerstudio. Zwischen Kopfkissen und Bettdecke liegt eine Roland 505 Drum-Machine. Ein voll gestopftes Bücherregal thront in der Mitte des Raumes. Hinter Kabelsalat, Synthesizern und Keyboards lugt eine Flasche Jack Daniels hervor. Stimmt es eigentlich, dass ihr euch beim Ringen kennen gelernt habt? Seit wann singt ihr denn eigentlich? Und gibt es jetzt tatsächlich schon Poster? Bestimmte Gespräche haben in England ihren festen Ort. Joe sagt: “Lass uns bitte in den Pub gehen.”

Hot Chip will break your legs, snap off your head

Zehn Minuten später nimmt Alexis Taylor einen kleinen Schluck Orangensaftmischgetränk und schaut lustig ernst durch die Gläser seiner Opa-Brille: “Nein, wir haben uns eigentlich in der Schule kennen gelernt, da waren wir aber auch gemeinsam beim Ringen. Natürlich könnte ich jetzt etwas im Stil eines Treffens bei Wrestlemania 6 erzählen. Aber das hat ja keinen Sinn … Nein, es war der Schulhof. Und eine ziemlich gewöhnliche Art des Kennenlernens. Ach ja, und ich singe etwa, seit ich sechs oder sieben bin.

Ihr zählt die Beach Boys und Prince genauso wie Aphex Twin, Kraftwerk und Soundhack zu euren Einflüssen. Wie geht das zusammen?

Joe: Wir mögen sehr einfache Songs mit klaren Lyrics und lieblichen Melodien. So wie die Beach Boys. Zur gleichen Zeit stehen wir aber auch sehr auf verdrehte Musik wie Aphex Twin. Seltsame Pop-Musik. Seltsame elektronische oder experimentelle Musik. Wir wollen etwas machen, das schön ist und leicht zu hören ist, aber zur selben Zeit diese interessanten Details hat. Das versuchen wir wohl zu verbinden.

Alexis: Und sowieso kann man sagen, dass auch jemand wie Aphex Twin ein Händchen für Pop hat. Nicht bei allen seinen Sachen. Aber er hat schon einen Sinn dafür. Wenn du Aphex Twin von einer Seite betrachtest, siehst du ihn als experimentell. Wenn du ihn von der anderen Seite betrachtest, hast du plötzlich schöne Synth-Lines und Melodien in manchen Stücken. Oder zum Beispiel Sun-Ra, auch jemand, den wir sehr mögen. Auf der einen Seite macht der natürlich Free-Jazz-Platten. In seiner Karriere hat er aber auch oft ganz andere Dinge gemacht. Bei seinen früheren Sachen produzierte er Doo-Wop. Ziemliche Pop-Musik. Wir sind an diesen zwei Gesichtern interessiert und versuchen das in drei oder vier Minuten zu pressen.

Joe: Wenn wir einen Song machen, der zu hübsch und glatt ist, dann bauen wir sehr gerne eine Bremse ein, irgendwo. Dann packen wir ein paar kuriose Vocals und eigenartige Dinge hinein. Wir mögen es nicht, wenn die Musik zu leicht verdaulich ist. Deswegen sind die Melodien zwar oft sehr eingängig, aber die Texte sind dann sicherlich nicht das, was du erwarten würdest. Wir möchten, dass der Hörer sich fragt, warum das so ist. Man soll verwundert sein.

Nehmen wir doch mal das neue Album. da gibt es ziemlich pathetische Momente und dann liegen da diese witzigen und stellenweise echt aggressiven Texte darüber, I’m looking for a face to attack …

Joe: Das bedeutet auch einfach, dass man sich nicht so ernst nimmt. Mit Gesang ist das ja so eine Sache. Wir schreiben generell keine Lyrics. Wir reden nicht über Lyrics und setzen uns dann hin. Es ist nicht wirklich ein sprachlicher, bewusster Prozess. Wir machen es simultan, während wir beide im selben Raum sind, nur reden wir nicht miteinander.

Alexis: Eines der Dinge, die ich aufregend finde, ist, wenn es großartige Popmusik ganz oben in den Charts gibt. So etwas wie ein eigenartiger Timbaland-Track, der klanglich interessant und trotzdem Nummer eins ist. Das finde ich aufregend. Ich bin da eigentlich sehr ehrgeizig, und das ist wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum wir von unserem früheren Label Moschi Moschi zu einem Major gewechselt haben. Ich möchte interessante Musik machen, die gleichzeitig Pop ist. Mir gefällt diese Idee. Eine Menge unserer Lieblingsbands haben das geschafft. Paul McCartney, Brian Wilson, Phil Spector oder Brian Eno. Die haben Pop-Musik gemacht, die absolut verrückt war. Diese Faszination kommt wahrscheinlich daher, dass man als Kind die Chart-Programme hört, und die sind meistens kompletter Müll. Aber dann gibt es auch immer wieder herausragende Künstler darunter.

Joe: Wenn ein großer Teil der Musik, die du als Kind gehört hast, Pop-Musik ist, die allerdings so viel interessanter ist als das, was man heute so nennt, dann ist es natürlich nahe liegend, etwas zu machen, das in die Richtung, sagen wir, der Beach Boys geht. Ich sage jetzt nicht, dass Hot Chip so klingen, aber vom Ansatz her zielen wir genauso auf die oberen Plätze der Charts. Dafür muss man sich nicht schämen, oder?

Gewonnen
Seit ihr denn mit “The Warning” in den Charts angekommen?

Alexis: Ja. “Over and Over” ist in die Charts eingestiegen und steht auf Nummer 32. Aber das ist gar nicht so schwierig bei dem heutigen Single-Markt, man muss nicht so viel verkaufen, um dort hinzukommen. Aber ich bin trotzdem recht glücklich darüber. Die letzte Single, ”Playboy“, ist auf Nummer 129 eingestiegen.
(lachen)

Joe: Alexis hat ein Foto auf seinem Telefon, das kann er ja mal zeigen. Die Top Ten von 1968.

(Alexis kramt in der Tasche und scrollt in seinem Telefon herum)

Alexis: Die Songs, die in dieser Woche in den Charts waren, sind einfach unglaublich. Bob Dylan, die Beach Boys, die Beatles, Righteous Brothers, all diese großartigen Songs.

Joe: Heute sind das Klassiker, und alle standen damals nebeneinander in den Charts. Im Gegensatz dazu erinnert sich jetzt kaum jemand mehr an Songs aus den Charts der letzten fünf Jahre. Mit Ausnahme einiger weniger Tracks.

Ist die Qualität so gesunken? Ihr hattet ja auch ”Crazy Frog“ bei euch auf Nummer eins …

Joe: (Lacht) Oh ja. Der ”Crazy Frog“ hat Coldplay von der Nummer eins verdrängt. Nichts von dieser Popmusik wird bleiben, gar nichts. Das ist komplett zum Wegwerfen. Sogar die Leute werfen die CDs dieser Bands nach sechs Monaten weg. Es gibt heute sehr wenige Gruppen, die diesen Bands aus den Charts der 60er entsprechen. Damals gab es natürlich auch sehr viele miese Popbands. Bands, die die Beatles nachgemacht haben und echt schlechte Songs produziert haben. Trotzdem war der Anteil richtig guter Pop-Musik höher.

(Eine Stimme erklingt im Hintergund: Uhhuhuuuu-huhu Baby, Please don`t go)

Alexis: Das ist eines von Joes Lieblingsliedern.

Joe: Chicago. Die Qualität der Vocal-Harmonien ist umwerfend.

Trotz Pop-Ambitionen steht ihr ja immer noch mit einem Fuß im Untergrund. Zum Beispiel hast du, Joe, doch vor ein paar Wochen erst morgens um 11 in der Panorama Bar in Berlin aufgelegt …

Joe: (Lacht) Oh nein.

Wirst du das auch noch machen, wenn du erst mal in den Top 10 bist?

Alexis: Was? Sich betrinken? (lacht)

Joe: Das hat Spaß gemacht, auch wenn ich nicht mehr in der richtigen geistigen Verfassung gewesen bin, Platten aufzulegen. Ich erinnere mich aber, dass den Leuten zumindest einige der Songs ganz gut gefallen haben. Einige, nicht viele. (lacht) Wir spielen als DJs eben nur die Songs, die wir mögen, nicht Minimal-House oder so. Ich habe Jungle, Garage und Fun House gespielt. Auch Theo Parrish und so was. Oh, und ich habe ”Original Nutter“ gespielt (lacht). Mit Rewind. Der Promoter von dort lehnte sich rüber zu Al, der mit mir aufgelegt hat, und sagte: Keine Rewinds! Ach, ich hatte Spaß.

Was wird sich mit dem neuen Album ändern?

Joe: Ich glaube, weil wir jetzt bei einem Major sind, werden mehr Leute Gelegenheit haben, es zu hören. Es gab beim letzten Album keine Poster und so was, eigentlich gar keine Promotion. Jetzt wird es dagegen sehr wahrscheinlich Plakate beim Albumstart geben.

Habt ihr keine Angst vor den Dingen, die in der Pop-Maschinerie passieren könnten?

Joe: Doch, wir fürchten uns eigentlich schon ein bisschen vor dem, was kommen könnte.

Alexis: In unserer Situation und mit unserer Musik ist es aber überhaupt nicht möglich, uns zu Medienstars zu machen, wenn du das damit meinst.

Joe: Man weiß nie, wie lange so etwas anhält. Viele Bands haben eine Erfolgsperiode von ein oder zwei Jahren, wo ihr Label ihnen Geld zum Leben gibt, aber das kann sehr leicht wieder enden, wenn die Platte sich nicht verkauft. (lacht) Naja. Vielleicht müssen wir dann irgendwann einfach wieder zu unseren Tagesjobs zurück.

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Elektronische Lebensaspekte.