Uneindeutigkeit muss sein. Benjamin Wild zieht Rhabarbersaft trinkend durch St.Pauli und plaudert dabei über seine persönlichen Tricks für die Minimal Nation, Zwischenhaftigkeit und Kollaborationen mit Kantoren finnischer Seemansskirchen. Darauf ein Astra.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 72

Unvertuschte Tracks
Unterwegs mit Benjamin Wild

Was tut Benjamin Wild an einem Samstag Nachmittag in Hamburg-St. Pauli: von seinem Studio an der Sternbrücke vorbei die neu gestaltete Schanzen-Piazza mit dem Hinguck-Contest umlaufen. Dann gemächlich Flohmarkt und Rhabarbersaft trinken in der Beta Lounge. Das Wetter gibt sich verhangen, kurz vor einem fälligen Regen. Und das wird es doch nicht. Ganz wie die Stimmung von Benjamin: Jemand, der beim Tanzen mit dem Körper nicht unsympathisch nach vorn und hinten schwingt, als ob er zwischen zwei ausstehenden Entscheidungen hin- und herschlängelt. Der dynamische Prozess einer Urteilsfindung, die nirgends ankommen will.
So verhält es sich mit “Wie es sein wollte”, seinem Album ein Jahr nach seiner letzten LP. Ein Album gewidmet der Minimaldisko mit dubbigem Unterton, schwankend zwischen groovigen und ambienten Anteilen. “Wie es sein wollte”, nicht wie es sein sollte. Benjamin: “Ich glaube langsam zu wissen, wie sich das anfühlt, wie ein Stück entsteht, das frei ist.” Selbst gemacht, sich selber machend, sich von selbst weiterbewegend. Oder so. “Es ist besser, nicht zu eindeutig zu sein, eine zu definierte Aussage zu haben”, sagt er. Umgesetzt bedeutet das Samplevariationen, die einen durch den Track geleiten, und dann hört der Track irgendwann unvermittelt auf. “Aber das heißt, dass es auch weitergehen könnte”, sagt er. Seine Stücke wirken wie Fragmente, die nie zum Endpunkt kommen wollen und wieder diese Zwischenhaftigkeit haben, sich alles offen zu lassen. Das Im-Raum-Stehen, dass es weitergehen könnte, ist gleichzeitig aber keine Versprechung auf mehr. Der Track ist nicht klassisch dreiteilig. Benjamin: “Ich will nicht vertuschen, dass es ein Track ist. Ich baue kein Intro.” Entscheidend ist die “Reduzierung auf eine minimale Struktur und die detailliert auszuarbeiten.” Deshalb sind die Tracks nicht vage. Konkret bleiben sie durch eine minimale Struktur so fest wie Strickmaschengewebe. Als eine Art gleichförmiges Lavieren auf der Homogenitätsspur vom Minimalen.
Was das mit Hamburg zu tun hat? Benjamin: “Hier ist die Stadt, in der ich den Freiraum habe, so ein Album zu machen.” Weil er auf sich zurückgeworfen ist. Die nächsten minimalen Verwandten sitzen in Köln und in Frankfurt, wo er vor vier Jahren wegzog. Denn Benjamin ist kein flippy Flink und Verhaltenheit ist seine Zier. Innen wie außen. Er hat sich eingerichtet und kann das bisweilen anstrengende Hamburger Stylemanieristentum vorbeiziehen lassen. Diese Humorspacken. Es ist öfter vorgekommen, dass Leute, denen gegenüber sein Name erwähnt wird, vielsagend Luft holen und seinen Namen wiederholen – englisch ausgesprochen. Trotzdem steht sein Studio am Rand der Schanze. Die kann auch ein Soziotop sein für diverse Zusammenarbeiten, weil es unvermeidlich ist, dass man öfter übereinander stolpert. Gerade gibt es eine Kollaboration mit Timo Valtonen, Ex-Kantor der finnischen Seemannskirche, mit dem er an mehreren Tangostücken werkelt. Plan war, eine Tango-Single auf der Maschine des Silly Walks-Soundsystems, das im selben Hinterhof wie Benjamin residiert, zu pressen. Und im März hat Benjamin mit Meta83 und Johannes Kratzert sein eigenes Label “Liebe | Detail” gegründet. Der Name und seine Schreibweise geben die Struktur vor und lassen Möglichkeiten offen, die doch streng abgesteckt sind. Möglichkeiten sollen da sein für minimalen Techno. Geplant sind Stücke von Alex Cortex und Einmusik. Vielleicht eine Folgerung von Benjamin, der sich selber nie wirklich heimisch bei einem einzigen Label gefühlt hat und Stationen machte auf Festplatten, Source, Force Tracks oder Kompakt. Wo ich vielleicht bin, ist hier.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.