Zwischen Minimal und CutUp-Disco, London und der Schweiz haben sich Radovan Scasascia und Laurent Benner eine dreckig heimelige Nische ausgebaut: Dreck Records. Unser Geheimtipp für unter den Gabenbaum.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 78

Schnitzeltechnik
Dreck Records

Ein Märchen. Zu schön. Dreck Records. Als das kleine Londoner Label vor kurzem mit der 12“ ”It’s okay, I’ve overstood“ den dritten Knaller von Secondo rausbrachte, da wurden wir endgültig ganz zittrig. Großes geschieht da in der Oldstreet. An allen vorbei und unter der Decke. Da staunt man dann natürlich nicht schlecht, wenn ein unbekannter Artist auf einem unbekannten Label mit wunderlichem Namen Dancefloor-Massaker zwischen Minimal und Disco-CutUp veranstaltet, als hätte er noch nie was anderes getan. Das war gigantisch. Und während wir also zitternd und zuckend vor den Boxen saßen, da kamen Fragen auf: Wer wagt es, wer macht das? Wo soll das hinführen? Wo kommt das her?

Und so landet man dann in Zürich. Von dort kommen Radovan Scasascia und Laurent Benner, jene Dreck-Records-Macher, deren fünf Releases aus dem Nichts ins Schwarze trafen. Beide kennen sich seit der Schulzeit und das gemeinsame Musikinteresse schweißte sie schon früh zusammen. Jeden Mittwoch wurde Latein geschwänzt, weil die neusten Platten beim Record-Dealer ankamen. Direkt aus London. Und warum soll man am verschlafenen Limmatquai bleiben und auf die LPs warten, wenn man genauso gut zu ihnen fahren oder sie selbst machen kann.

Benner wagte es zuerst, studierte am Royal College of Art, entwirft heute Fonts, stellt aus, ist bei Dreck vor allem für die visuellen Angelegenheiten zuständig und macht ”0,7 Tracks pro Jahr“. Sagt Scasascia. Der macht seit 10 Jahren Musik und ist in dieser Hinsicht natürlich produktiver. Als Secondo oder AM/PM. Fünf Jahre nach seinem Freund kam er in London an. Die Metropole an der Themse, ein Kulturschock für die Eidgenossen? ”Es tut eher gut, aus der zig-fach versicherten und abgesicherten Schweiz in ein etwas realeres, überteuertes, chaotisches und dreckiges Umfeld zu kommen. Außerdem denkt man mit 20, dass das alles hip und cool ist“, meint Scasascia. Also mal eben ganz hip ein Label in die Welt setzen?

”Die Idee war schon immer da, wahrscheinlich seit wir die ersten von Hand beschriebenen 12″ zu Gesicht bekamen. Zum ersten Mal konkret wurde es dann 2000, als wir die Dreck/Reala-Compilation veröffentlichten. Zu der Zeit waren wir jedoch beide sehr beschäftigt und somit dauerte es weitere drei Jahre bis zum zweiten Release.“
Secondos ”Watch what you’re saying“ brachte das junge Duo unvermeidlich in das Bewusstsein einer größeren Hörerschaft und in England schrie man aufgeregt: ”No, this is not a german label, but it rocks dreckig!“ Es gibt wohl leichtere Aufgaben, als sich als Neulinge mit geringem Budget Aufmerksamkeit zu erkämpfen. Laurent Benner kann das bestätigen: ”Da ist erst einmal Investieren auf allen Ebenen angesagt. Also finanziell, arbeitsmäßig und auch auf emotionaler Ebene.“

Leckere Sampling-Rezepte

Aber seien wir ehrlich: Das war zu gut, um ein Geheimtipp zu bleiben, was da in feine Cover gehüllt zu uns rüberlächelte. Mit seiner ”Schnitzeltechnik“ hackt sich Secondo über Tanzflächen, wütet mit Samples um sich und kreiert einen wahnsinnigen Deep- oder Micro-House, der funkend mit Stakkatosteinen im Popglashaus um sich wirft. Radovan Scascascia zerstückelt und rekonstruiert, tötet, um zu reanimieren. ”Die Samples, die ich für jeden Track jeweils nur aus einem bestehenden Song nehme, sind sehr kurz und ergeben für sich allein oft keinen Sinn. Diese Palette an brauchbaren und unbrauchbaren Sounds verwende ich dann kompromisslos, um damit etwas Neues zu kreieren. Es ist, als würde man ein Gericht mit den Zutaten eines anderen Gerichtes kochen. Dass man einen Song an der Atmosphäre wieder erkennen kann und nicht nur an einer Melodie oder Bassline, fasziniert mich. Die Originale scheinen demnach bei Secondo immer irgendwie durch.“
Und so landen dann schon mal Terry-Stabs und HipHop-Einflüsse auf dem Teller. Lecker, das. Vor allem wurde dieses konzeptionelle Herangehen von Release zu Release ausgereifter.
Secondo – in der Schweiz nennt man so die Kinder von Einwanderern. Scascasias Eltern immigrierten in die Schweiz, er selber zog nach London weiter und in seinen Tracks finden unterschiedlichste Sounds eine zweite Heimat.

Mit der aktuellen 12“ Single ”It’s okay, I’ve overstood“ beweist er nun, dass man mit seiner strikt eingehaltenen Technik (”kann auch frustrierend sein“) nicht nur krachen kann. Vielmehr sanft und schüchtern erklingt auf der B-Seite ein Hauch von Frauenstimme und bildet den Rahmen für zarte Minimal-Sphären. Diese andere Seite von Secondo lässt sich als Einstimmung auf Radovans zweites Projekt unter dem Namen AM/PM sehen. Das bald erscheinende Mini-Album ”The Ends“ klingt sachlicher, schleicht über warme und melancholische Klangteppiche. Es wird wieder fleißig gesamplet, diesmal dienen lediglich die Enden (daher der Titel) von existierenden Musikstücken als Ausgangsmaterial.

Der totale Kontrast zum Secondo-Clubappeal? Nein.
”Dass die meisten Secondos so clubtauglich geworden sind, liegt eher am Ausgangsmaterial. Bei AM/PM verwende ich Teile von Stücken, die ganz klar nicht das Original repräsentieren. Das Ende eines Songs bleibt meist ignoriert und bekommt vom Rest getrennt eine völlig neue Bedeutung. Die gesampleten Enden stammen von unterschiedlichsten Stücken, von fröhlichen Popsongs bis zu melancholischer Kammermusik. Trotzdem wirken sie sehr homogen und aufeinander abgestimmt, wenn man sie kombiniert.“

Ja. Im nächsten Jahr werden beide Projekte fortgesetzt, wird weiter releast. Ganz langsam, ohne Druck. Es bleibt auch noch genug Zeit neben dem Labeldasein.
Live wollen Scasascia und Benner die Symbiose aus Klang und Bild noch optimieren, im Londoner Umfeld gibt es sowieso noch viel zu entdecken, denn ”uns interessiert ja nicht nur elektronische Musik“, so Benner. ”Wir sehen verschiedene Disziplinen nicht isoliert, sondern als Teile einer Kultur oder des Lebens halt: Fußballspielen, Musik, Kochen, Architektur, Kaffee trinken und so weiter.“ So simpel kann das sein, tolle Platten herauszubringen. Und so schön. Da bekommen Debug-Rezensenten Gänsehaut und die Welt mitsamt Musikindustrie hat wieder klar-klischeehafte Verhältnisse.
Die Großen und das Geld sind woanders. Das hier sind einfach nur die Guten.

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Elektronische Lebensaspekte.