Die Design- und Schriftschmiede "House Industries" aus Delaware verarbeiten typisch amerikanische Grafik, Kultur und Musik in spielerischen Schriften, die im Handumdrehen Cerialien-Packungen, Fernsehshows und Ausstellungen für sich erobern. Debug traf House Industries auf der Typo-Berlin und sprach mit ihnen über ihr jüngst erschienenes Buch "House" und die Monotonie in Amerika.
Text: Moritz Sauer aus De:Bug 84

Uramerikanische Zeichenkultur
Buchstaben und mehr mit House Industries

Die Typo-Berlin zog in diesem Jahr mit ihrem Thema Schrift nicht nur ein rein typographisches, sondern angenehm vielseitiges Publikum an, das gut gelaunt den Vorträgen in Typohall und -Show folgte. Designer, Agentur-Köpfe und Typographen sprachen in ihren Vorträgen weniger über ihr eigenes Schaffen, wie sonst auf derartigen Konferenzen üblich, sondern über Themen, zu denen sie aufgrund ihrer spezifischen Design-Erfahrung sprechen und ausgewählte Arbeiten zeigen konnten, nah am schriftlichem Gegenstand und so gut wie immer unterhaltsam und selbstironisch. Stefan Sagemeister erzählte rührende Geschichten über die Typographie und das Glück, Markus Hantzinger erklärte, welche Farben es im Fernseh-Design schwer haben, Mirko Borsche, der früher beim Jetzt-Magazin und aktuell bei Neon das Design diktiert, verfolgte selbst etwas überrascht, wie Writing seinen Illustrations-Stil geprägt hat. Underwear aus Delaware launchten ein Typo-Radio (www.typeradio.org), das auch gleich die Typo-Vorträge über FM und MP3 übertrug. Und die amerikanischen “House Industries” brachten Gitarren und MCs zur Vermittlung ihrer Schrift-Arbeiten mit, die aber auch schon für sich genommen, vom Papier aus laut zu schreien scheinen, zumindest bis man sie genauer anschaut.

Monster-Fonts à la Hollywood

Bei der ersten Begegnung mit den Schriften, Illustrationen, Comic-Zeichnungen und aufgeblasenen Logos von House Industries beschleicht einen unweigerlich das Gefühl, man säße im Las Vegas der Gestalter-Szene. Die Art, das Aussehen und der Umgang mit visuellem Stil könnte uramerikanischer nicht sein und dennoch spielen House Industries mit diesen Klischees. Ob nun Themen wie Hawaii, schnelle Autos, Planet der Affen oder Monster-Fonts … man befindet sich scheinbar immer in einem Hollywood-esken Designer-Traum. Und ihre Buchstaben sind in diesem Traum nie klein, nein, sie leben und spielen sich direkt in den Vordergrund. Ein Retro-Chic, der retro-modern ist. Wie spielerisch das sein kann, zeigt auch beeindruckend ihr Buch “House”, das aktuell im Berliner “Die Gestalten Verlag” erschienen ist und fleißig auf der Typo signiert wurde. Es illustriert mit aufwendiger Drucktechnik auf transparentem als auch “normalem” Papier, wie das Team arbeitet, scribbelt und styled. Außerdem zeigt es, wie sie immer wieder humorvoll und selbstironisch amerikanische Clichés durchpflügen, um ihnen ihren eigenen Stempel aufzudrücken.

Gegründet 1993 in Wilmington, Delaware

House Industries selbst sind mittlerweile ein gewachsenes Unternehmen mit ca. zwölf freiwillig arbeitenden Menschen. Gegründet 1993 in Wilmington, Delaware, wurde unermüdlich eine Fangemeinde aus (Groß)Kunden und Design-Freaks aufgezogen. Zwar wurde House Industries von Rich Roat und Andy Cruz gegründet, zum Kern der Mannschaft gehören jedoch auch noch dessen Bruder Adam Cruz sowie Ken Barber. Die vier Freunde haben in den vergangenen zehn Jahren nicht nur zusammen gearbeitet, sondern zusammen gelebt, jeder mal mit jedem. Und sie spielen heute noch in der gleichen Band.
Aber auch wenn die Jungs im Interview konstatieren, dass es bei ihnen in allererster Linie darum geht, sich selbst zu unterhalten, so darf man jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass hier neben jeder Menge Liebe auch harte Arbeit investiert wird. So musste eine australische Kundin bei einem Besuch ernüchtert feststellen, dass die Mannschaft weder bekifft im Designersessel herumlungert, noch dass House Industries ein Haufen chaotischer Verrückter ist.

Exploiting every american cliché

“Egal, wo du in den USA hinfährst, die Zeichen sehen alle gleich aus, abgesehen von ein paar regionalen Unterschieden”, erklärt Ken Barber. Resultat der begeisterten Verarbeitung dieser Monotonie ist nicht nur ein bloßes Mausschubsen, sondern auch eine fundamentale Kenntnis der amerikanischen Designgeschichte und deren verschiedensten Techniken, wie sie entstanden sind und warum. Ob Ballpen, Glasgilding oder Bleistift, jede Technik wirkt sich anders aus, hat seine eigene Geschichte. Dabei verleiht das Medium dem einzelnen Individuum seine eigene “Handschrift”, seinen Style. Gerne nutzen sie auch Computer, sind aber davon überzeugt, dass gerade die verschiedensten Arten mit dem Umgang von Material und Werkzeug etwas Besonderes entstehen lassen.

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Elektronische Lebensaspekte.