Wer braucht schon eine Szene, wenn in Kananda alles voll ist mit der schönsten Natur, die als Resonanzraum für Minimal- und Technogespinste, fein wie Spinnenweben, rund ums Jahr kostenfrei zur Verfügung stehen? Itiswhatitis - Kanada, eben.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 79

Die Natur, du weißt schon
Kanadas Techno-Label Itiswhatitis

“British Columbia ist einer der schönsten Plätze auf der Erde! Die Natur und so, du weißt schon. Die Musik von der Westküste ist viel variabler als an der Ostküste in Montreal oder Toronto. Es gibt eine Menge Open-Air-Festivals, auf denen alle Arten von Beats gespielt werden. Dafür ist die Minimal- oder Technoszene sehr klein. Aber wer braucht schon eine Szene?!” So fasst Spencer Drennan, Labelchef des kleinen kanadischen Labels Itiswhatitis, die eigene Situation im Jahr zwei nach dem großen Kanada-Hype zusammen.

Mit acht Releasen in knapp drei Jahren haben sich Itiswhatitis nicht gerade für den Titel des produktivsten Labels aufgedrängt, dafür ist aber jeder ein kleiner, auf den ersten Blick vielleicht ein wenig unscheinbarer Hit. Tracks, die man kauft, gut findet, im lauten und schnelllebigen Clubleben dann auch gerne mal kurz vergisst, um sie dann zum Beispiel beim ziellosen Stöbern in der eigenen Plattensammlung wieder zu entdecken und ihnen dann gänzlich zu verfallen. Lieblingstracks also, die manchmal eine Weile brauchen, bis man sie so richtig zu schätzen weiß, einen dafür dann aber nicht mehr aus dem Kopf gehen. “Ich liebe deeeepen Shit!”, bemerkt Spencer lakonisch und fügt dann an: “Musik aus British Columbia wird immer sehr organisch klingen. Die Natur, du weißt schon.”

Und tatsächlich vermitteln die Tracks perfekt zwischen kühler minimalistischer Technoästhetik und organischer Wärme. Wenn es nicht so abgedroschen klingen würde, könnte man sagen, dass die Tracks einfach Soul haben, Bleeps, Melodiebögen und Basslines perfekt arrangiert sind. Nicht umsonst stand ein Transmat-Klassiker von Derrick May für den Labelnamen Pate. Wirf noch ein paar frühe Bleeptracks der alten Warp-Schule zu den Detroiteinflüssen mit in die Waagschale und man hat eine ganz gute Vorstellung davon, in welcher Umlaufbahn sich Itiswhatitis bewegt. Aber der Name soll nicht nur auf die Geburtsstätte von Techno verweisen, das ist Spencer wichtig, sondern eben auch die eigene Offenheit im Umgang mit musikalischen Genregrenzen repräsentieren (die neueste Maxi von Hrdvision ist dann auch eher knorrig-fusseliger DSP-Elektronika als blühender Detroit-Techno): It is what it is!

Bekanntester Labelact ist Mathew Jonson, der bei fünf der acht Veröffentlichungen involviert war, mit Luciano auf Perlon eine Maxi veröffentlicht hat und spätestens mit seiner letzten Itiswhatitis-Maxi “Tightrope”, die, nur in einer handvoll Plattenläden stehend, über Monate so einige Trainspotter ins Schwitzen gebracht hat und auf so manchem A&R-Zettel auftauchen dürfte. Egal ob solo oder als ein Drittel des Projektes Cobblestone Jazz, das er mit Daniel Tate und Tyger Dhula betreibt, zeichnen sich seine Tracks durch ihre Lust an fast schon epischer Breite aus, während sie gleichzeitig Robert Hoods Minimal Nation verpflichtet sind. Breitwandformat zu den Bedingungen von Minimal-Techno. “Mat is the most moody fucker i know. Aber auch der musikalisch eigenständigste!” So Spencers knappe Charakterisierung seines Aushängeschildes. Wie auch immer, wir freuen uns derweil auf weitere Geniestreiche, denn: It is what it is.

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Elektronische Lebensaspekte.