Das Joakim Lone Octet ist tot. Es lebe Joakim Lone. Mit dem Album "Fantomes" hat der Pariser seinen früheren Daddeldownbeat ordentlich kielgeholt und House den Spiegel der Abweichlerdisco vorgehalten. Alle Ausgehromantiker mit der Suche nach dem Borderlinegefühl danken's ihm.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 73

Unfassbarer Mix für unfassbare Zeiten

Hits. Alles Hits. “Are You Vegetarian” und “Come Into My Kitchen” von Joakim Bouaziz rocken die Dancefloors nach wie vor und produzieren jedes Mal dieses dezente Borderline-Gefühl, dessentwegen man überhaupt ausgeht. Und die sind ausgerechnet von jemandem, der früher Musik gemacht hat, die man vielleicht vage zwischen Elektronika, Jazz, Broken Beats (das es damals so noch nicht mal gab, denn sein letztes Album ist ja 3 Jahre her) eingeordnet hätte.

Von einem Franzosen, der sich früher, ab in die Kissen, heulen, Joakim Lone Octet genannt hat. Jemand, der (sind wir etwa schon in der Progressive Rock Phase von Disco) augebildeter Pianist ist und trotzdem den einzigen Musik-StartUp dieses Planeten als A&R und fleißiger Webschreiber betreut hat, den Frankreich, die Grande Nation des Minitel, überhaupt hervorgebracht hat: TigerSushi. Wo war er hin, wieso war er weg, warum taucht er jetzt wieder auf und was war dazwischen alles los? Wir löcherten.

Debug: Zwischen deinen letzten Releases und dem neuen Album gab es lange nichts von dir zu hören. Warst du zu sehr mit Tigersushi beschäftigt? Hat der Erfolg der Webseite vielleicht sogar deine Musik beeinflusst?

Joakim: Ja, Tigersushi hat wirklich viel Zeit von mir in den letzten zwei, drei Jahren gefordert. Das Gute an meinem Job bei Tigersushi ist, dass ich ständig Berge von Platten hören kann und dabei sowohl nach neuen wie nach alten Sachen Ausschau halten darf.

Debug: “Fantomes” ist als Album schwer zu fassen. Denke mal, das soll der Titel wohl auch bedeuten. Ein einfaches Wort mit vielen Bedeutungen. Was war die Hauptidee hinter “Fantomes”? Eine musikalische, diese seltsamen und schwer zu verstehenden Mixturen von Stilen durch die “Fantomes” geistert? Oder hat es mit anderen Teilen deines Lebens zu tun?

Joakim: Das haben mich natürlich schon ein Dutzend Leute gefragt und ich habe immer noch keine präzise Antwort. Es ist etwas von all dem, was du gesagt hast. Ich hatte den Titel, nachdem ich, nach Monaten Arbeit, endlich fertig wieder aufgetaucht bin. Es hat natürlich auch mit meinem persönlichen Leben zu tun. Ich begegne einer Menge Geister. Manchmal fühle ich mich auch selbst wie einer. Vor allem wenn die reale Welt so verrückt und schwer zu fassen scheint.

Abweichlerdisco

Debug: Auf der Webseite von Versatile wird dein Album u.a. mit Punk beschrieben. Es gibt zwar eine Ruffness in manchen Tracks, aber meist ist es doch eher technisch sehr smart, manchmal sogar lyrisch. Was ist das Punkige in Joakim?

Joakim: Stimmt, definitiv ist das kein Punk-Album. Ich habe sicher viele Einflüsse aus dem Feld von (Post) Punk und Abweichlerdisco. Auf manchen Tracks wollte ich sehr direkt sein, aber es ist dann doch wieder etwas zarter geworden. Vielleicht bin ich einfach zu nett. Aber ich werde auf jeden Fall in Zukunft weiter in Richtung lautere, krachigere Musik gehen und mehr mit der Intensität von Sound spielen.

Debug: Es gibt eine Tendenz auf dem Album, mit Erwartungen zu spielen. Das “I am your automatic …”-Sample z.B., das in völlig unerwartete Richtungen führt, oder dieses Piano auf “L’amour c’est pas”. Würdest du sagen, dass “Fantomes” dein verspieltestes Album ist?

Joakim: Auf jeden Fall. Ich liebe Überraschungen. Nicht da zu sein, wo man mich erwartet. Vielleicht werde ich auch einfach sehr schnell gelangweilt, wenn ich schlechte Musik höre. Vor allem im Studio. Ich mache meist dutzende Versionen von Tracks, bevor sie mir gefallen. Ich mag auch seltsame Mixe in Musik, die ich selber höre. Wie Arthur Russell z.B., an der Grenze von Disco, Jazz und Avant-Rock.

Debug: Hat diese anvisierte Direktheit deines neuen Albums auch dazu geführt, dass die Tracks sich immer mehr hinter Vorhängen, Interludes und anderem verstecken? Ist das verschwundene “Lone Octet” in deinem Namen jetzt einfach in die Musik gewandert?

Joakim: Ich wollte diese Interludes vor allem, weil es ja ein Album werden sollte, dass man sich wie eine Geschichte von Anfang bis Ende anhört. Manche geben einem Hinweise darauf, wie man die Tracks verstehen soll, wie z.B. “Johns Interlude” oder “Commercial Break”, das ein Gegenpart zu “Resistance On An Island” sein soll, ein für mich eher schwieriger Track. Ich dachte auch, dass diese kleinen Stücke mittendrin das Album irgendwie leichter machen. Wie ein frischer Atemzug. Vermutlich sind das sogar die spontansten Tracks, die ich bislang gemacht habe. Am liebsten ist mir das “Clown Interlude”, das auf der CD “Into” heißt.

Masken musikalischer Grammatik

Debug: Was für Musik hast du in den letzten Jahren gehört? Es gibt gelegentlich so ein wenig präelektronisches Gefühl, ein wenig Disco Nouveau, manchmal klingst du sogar nach den Freaks, anderes nach gar nichts. Es wirkt ein wenig so, als wolltest du sagen, seht her, ich kann alles, kann aus jeder Vergangenheit etwas rausholen.

Joakim: Ehrlich gesagt finde ich, dass es immer noch zu viele klare Referenzen auf dem Album gibt. Ich habe alle möglichen Arten von Musik gehört in diesen letzten Jahren. Von Folk über Country bis Elektronika, frühe Housetracks, No Wave, Jazz, Contemporary Music, sogar traditionelle Weltmusik. Ich glaube, jede Art von Musik hat seine eigenen historischen Einflüsse, und je mehr ich höre, desto wahrer wird das für mich. Steve Reich z.B. hat traditionelle indonesische Musik kopiert. Aber das ist nicht der wichtige Punkt. Es geht vielmehr darum, dass man sich seine Einflüsse komplett aneignet. So als wäre es deine natürliche Sprache. Ich selbst muss immer möglichst viel Verschiedenes von einer Musikrichtung hören, bis ich so eine Art Grammatik all der Arten von Musik, die ich mag, verstanden habe. Es ist für mich wie ein Spiel. Eine Maske aufziehen und mal sehen, wie es aussieht.

Debug: Es gibt nur einen Track auf dem Album, den ich nicht mag: “Resistance On An Island”. Irgendwie ärgert der mich. Was soll ich tun?

Joakim: Skip ihn. Weißt du, dass ist auch nicht mein Lieblingstrack.

Debug: Ist Frankreich für dich wichtig? Diese neue Diversifizierung von Leuten von Active Suspension über Deco, von Cabanne bis Ark, Duriez bis Phil Weeks usw,. usw?

Joakim: Tatsächlich verorte ich mich nie so sehr in Musik, auch nicht französischer. Vielleicht auch weil meine beiden Eltern aus anderen Ländern kommen. Aber es passieren eine Menge frischer Dinge in Frankreich. Dieser “French Touch” ist glücklicherweise vorbei. Und die Freshness ist wieder da. Krikor hast du vergessen.

Debug: Du lebst in Paris. Hat das einen Einfluss auf dich?

Joakim: Ja, ich bin der Nachbar von Amelie Poulain. Da kann ich den ganzen Tag lang Harpsichord genießen. Ich mag Paris gern. Es ist so schön. Allerdings auch sehr aggressiv. Die Franzosen können schon ziemlich derbe sein. Es hat einen Einfluss auf meine Musik, aber wie, kann ich dir nicht sagen. Mein Studio ist in meiner Wohnung. Und wenn ich nicht mehr arbeiten kann, dann gehe ich durch die Straßen und habe dieses Gefühl, komplett unwirklich zu sein und zwischen den Menschen wie ein Geist herumzufließen. Im Studio habe ich das dann immer noch im Kopf. Ich weiß nicht, wie es in einer anderen Stadt sein würde, aber ich reise sehr gern.

Debug: Wo würdest du dein Album am liebsten aufführen?

Joakim: Ich würde sagen nachts. Auf einem Hügel, im Bett, vielleicht in einem Kino, aber vermutlich denke ich nur daran, weil ich grade Liveperformances in Kinos mit ein paar der Tracks für einen Stummfilm mache: The Fall Of The House Of Usher.

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Elektronische Lebensaspekte.