Was haben wir dem neuen Album von Luomo entgegengefiebert. Mit "Vocalcity" hatte Vladislav Delay als Luomo House die gespenstisch romantische Nebelkappe übergezogen. Das neue Album "Present Lover" pustet das Konzept ordentlich durch und um. Katja Hanke beschreibt die Schwierigkeiten, einem Künstler auf seinen nicht mehr verschlungenen Wegen zu folgen.
Text: Katja Hanke / Jan Joswig aus De:Bug 72

Wenn sich Schleier lüften

Erhebende Unausgeglichenheit
Ambivalenz, Doppelwertigkeit, Uneindeutigkeit: Damit steht und fällt die Kunst und Literatur der Moderne. Reinheit und Eindeutigkeit sind langweilig. Hitzige Diskussionen über Bücher und Filme: Ist es so oder so gemeint?
War Joseph Conrad nun durch und durch ein Rassist, da sein Protagonist Marlow in der Erzählung “Heart of Darkness” durch das Herz Afrikas reist und den Kontinent als düsteren Ort, deren Einwohner als Wilde beschreibt? Oder ist er Humanist, jemand, der das barbarische Ungeheuer Kolonialismus demaskiert und kritisiert? Vielleicht stecken auch beide Seiten in ihm. Das Nebeneinanderexistieren von Gegensätzen. Bewunderung und Abscheu, Ernüchterung und Leidenschaft, Axe Moschus und Wohlgeruch. Der Kunst tut Ambivalenz auf jeden Fall gut. Und Musik ist Kunst.

Vor fast drei Jahren faszinierte Vladislav Delay als Luomo mit seiner Platte “Vocalcity”. Ein Album, das Schwermut und Melancholie neu aufführt, Erinnerungen und Sehnsüchte, das aber gleichzeitig einen positiven Grundton transportiert durch ein immer wieder aufflammendes Moment nicht zu bändigender Zuversicht.
Musikalisch hatte Delay seine Dub-Ambitionen in einen House-Kontext gestellt, der Disco, Soul, Funk und die Vocals eher verhalten antickte, als sie wirklich aufzuführen. Ein weitläufiges, zerklüftetes House-Experiment, das sich unter einer massiven Discokugel abspielt.
Wie aus einem Guss fließen die sechs Epen ineinander. Jedes einzelne Stück entsteht aus klanglichem Durcheinander, befreit sich langsam aus dessen Asymmetrie und entwickelt gemächlich Geradlinigkeit. Der Beat klingt nach der Gelassenheit eines Menschen, der es nicht eilig hat. Weit öffnet sich die elektronische Dub-Kammer: Lässig groovt und hallt, knistert und klöppelt, knarzt und schnalzt es.
Unaufdringliche Stimmen singen kurze Textpassagen, mal von ganz nah, dann wie aus einem fernen Raum. Mal sind nur Stimmfetzen zu hören. Sie tauchen auf und verschwinden wieder. Wie die ganz speziellen Momente. Wie die Stücke an sich: Sie entfalten einen weiten Raum und engen ihn zunehmend wieder ein, um dem nächsten Stück den notwendigen Platz zu geben. Noch nie wurde so ernüchternd und zuversichtlich zugleich von einer Trennung gesungen wie in “Tessio”. Keine kokettierende Dramatik, sondern eine Subtilität, die sowohl Trauer als auch Hoffnung umgibt. Genau davon lebt die Platte. Erfüllt von der Ambivalenz seliger Melancholie.

Vladislav Delay mochte diese Platte nie. Misslungen fand er sie. Viel zu lahm und überhaupt nicht clubtauglich. Das sagt er laut und deutlich. Und auch das passt irgendwie ins Bild der Uneindeutigkeit.
Als Force Tracks ein paar Monate später die Compilation “Digital Disco” veröffentlicht und damit der Laptop-Generation, die sich vorgenommen hatte, Disco neu zu kreieren, einen treffenden Namen gab, brillierte Delay mit einem neuen Luomo-Stück. “Present Lover” war kompakter, technisch ausgefeilter und konzentrierte sich jetzt mehr auf die Vocals. Ein deepes, sympathisches Stück. Auch die folgende 12″ “Body Speaking” zeigte, dass er sich weiter auf die Geradlinigkeit von House zubewegte – weg von weitläufigen Dubs und weichen Echos. Die untermalen jetzt knackigen House und kreieren die unverkennbar warme, runde Klangästhetik eines Luomo.
Nun ist sein neues Album auf BMG Modul erschienen. “Present Lover“ heißt es – so wie das Stück der Digital Disco Compilation. Nur: Jetzt klingt es völlig anders. Alles an Mittelgrund ist in den Vordergrund gestülpt. Wie auf dem ganzen Album. Die klaren Song-Strukturen dominieren jedes Stück. Sie beginnen mit langen pathetischen Flächen, Stimmen und gehen dann – zack – in einen soliden House-Beat über. Hier muss sich nichts mehr mühevoll aus Undefinierbarem herauspellen. Die Vocals ziehen die volle Aufmerksamkeit auf sich. R&B-Stimmen sollen ohne Umweg verführerisch sein.
Manchmal, da bricht Delay die Stimmen auf, experimentiert mit ihnen, setzt Stücke als Rhythmus-Elemente oder sogar Instrumente ein. Trotzdem, “Present Lover” ist woanders angesiedelt. Das Experiment ist, die Experimente von “Vocalcity” aufzuheben. Obwohl der Aufbau der Stücke sich nicht drastisch verändert hat, ist sein Sound jetzt völlig anders. Die Zwischenelemente hat er beibehalten, sie aber schattenfrei angestrahlt und komprimiert. Die warmen Klänge sind weg, die runden, wohligen. Die Bedeutungsintensität der Musik ist eine andere. Der Raum ist kleiner geworden. Er war unendlich, jetzt hat er die Ausmaße einer Großraumdisko. Natürlich klackert und klickt es noch. Das tut es aber perfekt und mechanisch.
Ist “Vocalcity” wie ein Spaziergang durch ein mysteriöses, geheimnisvolles Märchenland, in dem es vieles zu entdecken gibt, dann ist “Present Lover” ein Gang durch eine funkelnde Shopping-Mall. Verirren kann man sich in ihr nicht. Ungewissheit und Zögern existieren nicht, die Ambivalenz ist weg in ihren dezenten Abwägungen und subtilen Momenten. Diese Platte will keine Hintertüren, sie ist bis ins kleinste Detail ausgefeilt, sauber produziert und zudem sehr funky. Der Soundtrack für ein gefälliges Leben. Sexy und unbeschwert. Man wird sich an die Platte gewöhnen, sie akzeptieren, für das, was sie ist. Aber der empathische Sog ist irgendwo steckengeblieben, zwischen Trauer und Freude. Bei der infamen Frage, ob Leiden und innere Zerrissenheit doch die schönere Kunst produzieren.

Die zufriedene Eindeutigkeit
Vladislav Delay lächelt zaghaft. Das Büro im Innenhof, da sei es ihm zu kalt, sagt er. Er sitze lieber draußen in der Sonne, im Café. Längere Haare hat er jetzt, dunkelblond, wie ein Bilderbuch-Finne eben. Weiße Hose, weißes Hemd und eine große braune Sonnenbrille.
“Ich denke nicht an die Leute und ob sie meine Platten mögen oder nicht”, sagt er mit leiser, doch bestimmter Stimme. Er scheint auf Kritik vorbereitet. “Darum geht es mir beim Musikmachen nicht. Wenn mir etwas gefällt, dann ist es genau richtig. Ich verändere mich ständig, mache unterschiedliche Sachen und es gibt immer jemanden, der es gut findet. Da mache ich mir keine Sorgen.”
Eine neue Platte als Vladislav Delay hätte er auch gerade fertig produziert, erzählt er. Diese Dub-Ambient-Klangmalereien, die er unter seinem Namen veröffentlicht, seien sowieso viel mehr er selbst. Seine spezielle Art von Jazz, den er über alles liebt. Gelernter Jazz-Drummer ist er und aus seinen Bemühungen, diese Musik elektronisch zu erzeugen, wurde “Vladislav Delay”. “Elektronischer Jazz”, so nennt er es. Oder auch “druggy music”. Von der wollte er sich mit dem Luomo-Projekt erholen. Weil alles zuviel wurde, damals vor drei Jahren.

“Ich hatte keine Lust mehr auf die verdrogten Ambient-Dinge. Meine langjährige Beziehung war zu Ende und mein Leben ging den Bach runter. Ich wollte etwas ganz anderes tun. Wollte alles rausschreien, auf eine positive, gefühlvolle Art. Ich hatte kleine Texte geschrieben, die in meinem Kopf herumschwirrten. House hatte ich bis dahin gehasst und kannte auch niemanden, der es mochte. Aber ich wollte mit Vocals arbeiten. Ich habe also meinen musikalischen Hintergrund genommen und mit House experimentiert.”
Schwer gelitten habe er damals. “Am Ende bin ich fast durchgedreht. Mit dem Album war ich nicht zufrieden und mochte auch den Hype darum nicht.” Mittlerweile habe er es akzeptiert, wie man “sein Kind im Guten wie im Schlechten akzeptiert. Glücklich bin ich immer noch nicht darüber, aber froh, dass ich es gemacht habe. Ich sehe seinen Wert.” Es sei eher eine Art Missgeschick gewesen. “Es ging damals nicht besser, obwohl ich wollte. Den Leuten hat es gefallen, weil es anders war.” Warum, das sei ihm immer noch ein Rätsel, sagt er und guckt dabei höchst verwundert.
“Das neue Album ist so, wie das alte eigentlich sein sollte”, ergänzt er immer noch leise. Laute Worte sind sowieso nicht seine Art. Ein Art Zwischenschritt war es, zum eigentlichen Ziel. Dort ist er jetzt angelangt. “Ich wollte ein poppiges House-Album machen. Das habe ich getan.” Der Unterschied zwischen den Alben läge vor allem darin, dass sein Leben jetzt völlig anders sei. “Die Musik ist ausgewogener, so wie ich selbst ausgeglichener bin. Ich habe allem mehr Zeit gegeben, sich zu entwickeln.” Darum habe es so lange gedauert. “Als das alte fertig war, wusste ich, dass etwas, das ich als Luomo tun wollte, hier fehlte.” Das hätte er noch erledigen wollen – egal wann. “Ich weiß, dass es sehr entworfen klingt, sehr sauber. Genauso sollte es sein. Ich hasse es, mich zu wiederholen. Ich wollte Pop-Musik machen, die nicht verdrogt ist und nur ein klein wenig dubbig. Sie sollte vor allem positiv sein und easy going.” Musik, die ausdrückt, dass es ihm gut gehe.

Frisch und erholt sieht er aus und das, obwohl er viel durch die Gegend fliegt und heute morgen um 5.30 Uhr aufgewacht sei. Da habe er eben Musik gemacht. “Ich arbeite jetzt auch anders. Viel konsequenter. Ich nehme keine Drogen mehr, wenn ich produziere. Das ist ein Grund dafür, dass das erste Luomo-Album sich so warm und rund anhört. Ich habe ständig geraucht, habe nicht darüber nachgedacht, was ich mache. Ich bin irgendwie rumgeschwebt und hatte dann auf einmal das Album in der Hand. Ich mochte es nicht.”
Die Arbeit mit Vocals habe ihn von Anfang an fasziniert. “Ich wollte noch ein pures Vocal-Album machen. Eigentlich müsste das neue ‘Vocalcity’ heißen. Es ist Pop, hat aber immer noch andere Sachen, die ich mag, wie ein paar Clicks und Cuts und den funky Basslauf. Ich vermische Stile sehr gern. Die Stimmen sind eindeutig R&B. Es war toll, mit ihnen zu experimentieren. Flüstern oder subtile Sachen wie auf der alten Platte gibt es nicht mehr.” Das wollte er nicht mehr verwenden. Wie noch auf dem “Disconize Me/ Body Speaking”-Teaser. “Das klang noch zu sehr wie die alten Stücke. Wenn ich produziere, ändert die Musik sich ständig. Es ist dann meine eigene Entscheidung, wann etwas fertig ist, ob es also auf dem alten Level bleiben sollte oder ob ich es weiter führen möchte.” Jetzt hat er es weiter geführt. Und seine Begeisterung für amerikanischen R&B, Hip Hop und 2Step habe dabei eine wichtige Rolle gespielt. “Solche Musik mag ich schon lange. Ich wollte ein Justin-Timberlake-House-Album produzieren. Diese lockere, leichte Musik gibt mir ein gutes Gefühl und das ist viel wert.” Die Arbeit an dem Album wäre doch sehr anstrengend gewesen. Immerzu Energie und Heiterkeit. “Es ist eben nicht meine Natur, aber ich wollte es tun”, sagt er, lächelt und sieht dabei sehr zufrieden aus.

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Elektronische Lebensaspekte.