Seit neun Jahren feilt der Kölner Mathias Schaffhäuser mit seinem Label Ware an der poppig pragmatischen Definition von Minimaltechno. Jetzt ist ein ganzes Album voller Remixe rausgesprungen. Der aktuelle Spitzenreiter seines Labels ist der Auch-Kompakt-Boy und ”Regensburg”-Protagonist Markus Guentner mit eigenem Album. Grund genug also für ein bisschen Mailverkehr zwischen Köln-Nordstadt, Köln-Ehrenfeld und Regensburg.
Text: Florian Sievers aus De:Bug 70

Waren-Zirkulation

In dem so geräumigen wie gemütlichen Loft im Kölner Stadtteil Ehrenfeld greift Mathias Schaffhäuser, 41, zum Telefon, wählt und spricht. ”Der schläft noch? Ja, grüß ihn mal schön. Und er soll mich mal anrufen.“ Bald darauf klingelt es zurück. Markus Guentner, 21, ist jetzt zwar wach, kann aber in den nächsten Tagen nicht aus Regensburg anreisen – zu wenig Geld, zu wenig Zeit. Dann also ein E-Mail-Roundtable, CCs in Kreisen, eine Konversation in Zeitlupe. Und am Ende schließlich ein CutUp der zirkulierten Zeichen.

DEBUG: Mathias, deine neue CD “Re:“ ist eine Auswahl deiner Remixe für andere Künstler. Du hast das neulich als dein neues “Album“ bezeichnet. War das Zufall oder Absicht?
MATHIAS: Dazu würde ich gerne den ehemaligen Debug-Mentor Tobi zitieren, der in seiner Kritik zu “Re:” schrieb: “Nicht nur rechtlich, sondern auch atmosphärisch-musikalisch hat diese Zusammenstellung etwas von einem Album, weil man ja als Remixer noch viel stärker als ohnehin schon auf die Gewohnheiten des eigenen Sounds zurückgeworfen wird, nicht nur, weil man dafür bezahlt wird, sondern weil es ein Urgedanke des Remixes an sich ist, das Material neu einzufärben, und zwar mit den eigenen Pinseln.“ Schöner hätte ich’s nicht sagen können.

DEBUG: Deine Remixe zeichnen sich aus durch diese dicken, präsenten, irgendwie rund laufenden Basslines.
MATHIAS: Da komm ich nicht drum herum – bei Ware, bei Remixen und auch bei anderen Labeln nicht. Ich versuche oft, mal so meta-hörbare Basslines zu produzieren, wie sie viele einsetzen, und muss dann doch immer wieder einen richtig präsenten Bass addieren, weil mir sonst was fehlt. Da machste nix …

DEBUG: Das Programm von Ware wandelt zwischen radiokompatiblen Popentwürfen und diskofunktionalen Tooltracks. Du musst das Label schon immer ausbalancieren, oder?
MATHIAS: Na ja, eigentlich nicht, weil die so genannten “Hits“ ja nicht wie Sand am Meer in meinem Briefkasten liegen. Dafür aber echt viele gute Tools. Im Gegenteil, ich hätte nix dagegen, wenn viel mehr abgefahrene Stücke eintreffen würden, die sowohl tolle Musik als auch Hitpotenzial zu bieten haben. Aber das ist herzlich selten. Wenn ein klasse Stück, das Ware-Fans und Leute wie du und ich und unsere besten Freunde unterschreiben können, auch irgendwie von der Großindustrie und der Masse gemocht wird, dann ist das doch ein Fortschritt für die Musik überhaupt. Ich fänd’s klasse, wenn auf den nächsten Bravo-Compilations Stücke von Kompakt und Plug Research und Karaoke Kalk und Ware wären.

DEBUG: Markus, ein Hit von Ware war ja dein “Such a Shame“-Cover. Hast du die gespaltene Reaktion darauf mitbekommen?
MARKUS: Es war von Anfang an klar, dass es gespaltene Meinungen zu “Such a Shame“ geben wird. Vor allen Dingen im Ware-Pop-Kontext. Ich allerdings wollte nur endlich mal zusammen mit Dana Grey (die ich schon seit längerer Zeit kenne) einen Track machen. Da die Entfernung nach Berlin nicht gerade klein ist, haben wir uns für eine Coverversion entschieden (es war für beide einfach leichter zu arbeiten). Es war uns beiden eigentlich ziemlich egal, wie die Meinungen sein werden.

DEBUG: Du veröffentlichst das Stück jetzt noch mal unter dem Namen Réplique feat. Shirin beim Major WEA.
MARKUS: Ja, Réplique feat. Shirin bin ich und Shirin Falcke. Das Stück läuft als Lizensierung, deswegen auch ein Projektname. Da Dana Grey zuviel mit ihrer Band und Arbeit beschäftigt ist, habe ich mir eine neue Sängerin geholt: Shirin, die Freundin von Mario Thümmler, mit dem ich auch einen Track auf meinem neuen Album “Audio Island“ gemacht habe, und jetzt auch Regensburgerin. Sie hat auch schon die Vocals für die “Such a Shame“-Remixe (Ware 35) beigesteuert. Wir werden in nächster Zeit mehr miteinander machen.

DEBUG: Wie seid ihr beiden, Mathias und Markus, eigentlich zusammengekommen? Du, Markus, hast vorher ja auch auf Kompakt und Festplatten veröffentlicht.
MARKUS: Mathias und ich haben uns Ende 2000 in Regensburg kennen gelernt. Mathias hat in einer Disco gespielt, in der ich für den Abend Support gemacht habe.
MATHIAS: Dann gab’s bald die ersten Demos (oder sogar schon in dieser Nacht … oder sogar schon vorher per Post?), die mir gleich gefallen haben, und ziemlich bald darauf auch die erste Platte.
MARKUS: Kurze Zeit später habe ich “Re-Form“ produziert. Der Track hätte nicht wirklich zu Kompakt gepasst, also habe ich ihn Mathias mit der Bitte um seine Meinung geschickt. Mathias meinte, wenn ich ihm noch einige andere Tracks schicke, könnten wir vielleicht eine Ware-Maxi machen. So hat’s angefangen.

DEBUG: Du bist ja bekannt geworden durch das Pop Ambient-Stück “Regensburg“.
MARKUS: Eigentlich dachten Wolfgang Voigt von Kompakt und ich, “Regensburg“ wird das Ambient-Projekt von Markus Guentner für Kompakt. Es hat sich erst nach einiger Zeit so ergeben, dass jeder gesagt hat, die “Regensburg“-Scheibe von Markus Guentner. Ich muss aber auch sagen, dass der Titel für die Platte trotzdem nicht besser hätte gewählt werden können. Regensburg, als Stadt, als Lebensort ist für mich unglaublich entspannend. Die Stadt mit seinen kleinen Gassen und schönen Plätzen wirkt wahnsinnig beruhigend. Die elektronische Musik hat sich erst in den letzten zwei bis drei Jahren allmählich entwickelt. Seit die Gebrüder Teichmann mit Festplatten angefangen haben und die “Neue Heimat“ (frühere “Suite 15“) gestartet ist, hat sich alles ganz positiv entwickelt.

DEBUG: Markus, du wohnst mit deinen Eltern zusammen. Können sie diese Art von Musik, ihre Ästhetik, ihre Produktionsweise nachvollziehen?
MARKUS: Meine Mutter hat schon mehr mit meinem Beruf zu tun als mein Vater. Anfangs war es für meine Eltern natürlich schwer zu verstehen, wieso ich lieber mein Leben der Musik widme, als eine anständige Berufsausbildung zu machen. Aber nach und nach (bei den ersten Veröffentlichungen, Interviews usw.) kam dann auch das Verständnis und die Unterstützung. Man muss ja sagen, dass meine Mutter wirklich immer die erste Person ist, die meine neuen Tracks hört. Je mehr ich mit dieser Arbeit zu tun habe, desto mehr bekommt sie natürlich auch mit. Es gehen ja auch viele Leute, mit denen ich zu tun habe, ein und aus bei mir. Aber meine Mutter findet das sehr anregend und ist da sehr aufgeschlossen.

DEBUG: Noch mal zu dir, Mathias. Wie sehr siehst du dich mit Ware eigentlich als typisches Kölner Label?
MATHIAS: Ich wohne in Köln, also ist Ware ein Kölner Label. Und noch dazu war Wolfgang Voigts Studio 1-Projekt ganz klar das Türen und Ohren öffnende Ding für mich. Er ist sowieso so etwas wie ein Role Model, ähnlich wie Kolossale Jugend oder Blumfeld in Hamburg.

DEBUG: Musik ist aber mehr als nur eine Ware, oder?
MATHIAS: Na klar, in diesem Namen steckt auch eine ordentliche Portion Augenzwinkern. Aber eben auch ein Kommentar zur damaligen Diskussion von Vergänglichkeit und dem Warencharakter von Techno, von Anonymität und so weiter. Auch ein Verweis darauf, sich und die ganze Musik-Kultur nicht über Gebühr ernst zu nehmen. Und das nächste Label heißt dann Feuilleton Records … 😉

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Elektronische Lebensaspekte.