Wenn Christopher Bleckmann und Hannes Wenner nicht gerade in einer der angesagten Kölner Bar- und Clublocations abhängen, stecken sie vermutlich wieder im gemeinsamen Studio und arbeiten an einem ihrer vielen ambitionierten Projekte. Jüngstes Ergebnis ist das misc.-Album "in between", eine State-of-the-Art-Aussage zur aktuellen Techhouse-Landschaft.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 68

Halb daneben ist voll getroffen
misc.

DEBUG:
Ihr habt zu zweit auf ganz unterschiedlichen Labels mit unterschiedlichen Projekten Musik veröffentlicht. Dabei deckt jedes Projekt eine etwas andere Facette und Stilrichtung elektronischer Musik ab. Wie würdet ihr die musikalische Idee und das Konzept der einzelnen Projekte Monophace, Van Delta, Niederflur, misc. und Clubsessel erklären?

MISC.:
Monophace als unser erstes releastes Projekt hat ja den Weg von Drum and Bass zu experimentellem Breakbeat genommen. Die Idee zu unserem letzten Album auf K2o kam, nachdem wir von Drum and Bass als reine Format-Clubmusik genug hatten und mit unseren neuen Tracks bei allen Labels abgeblitzt sind. Da haben wir uns gesagt: Jetzt machen wir nur noch das, was uns an Breakbeat gefällt, ohne Rücksicht auf Format, Geschwindigkeit oder Clubfunktionalität. Da wir ab da soundmäßig alles durften, haben wir uns vor Output fast überschlagen, das war sehr befreiend.
Van Delta war und wird bald wieder unser erstes Projekt an verschiedenen Schnittstellen von House, Techno, Breakbeat und HipHop. Der Stilmix auf Basis unseres D’n’B-Produktionswissens, also D’n’B-artige Basslines, distorted Beats, lo-fi-Funkyness usw. ist uns hier sehr wichtig. Nach der Trennung von Groove Attack haben wir zwar noch Tracks produziert, aber dafür nie ein Label gesucht. In Zukunft wollen wir aber auf Basis des bereits geschriebenen Materials mit Gesang arbeiten.
Niederflur war ein irgendwie akademisches Konzept, bei dem zuerst ein Plan auf Papier bestand und dann erst die Musik produziert wurde. Wir haben uns zuerst über das kölsche Idiom der Bahnansagestimme in der örtlichen U-Bahn amüsiert und nach einem Wort-Battle um die kölschesten Bahnansagen das Konzept ausgedacht. Tragender Bestandteil sollten neben den Stimmen vor allem auch die Sounds aus der U-Bahn sein. So sind wir dann nach einem vorher gefertigten Plan nächtelang durch Köln gefahren und haben mit einem kleinen DJ-Sampler alle möglichen Geräusche gesampled und in die Tracks eingebaut. Wichtig war uns auch die Endlichkeit des Konzepts, also dass nach drei EPs Schluss ist. Dass kam auch Richie Hawtin sehr entgegen, der uns dasselbe vorschlug. So haben wir auch nie mehr als 13 Tracks für dieses Projekt produziert, die dann auch alle releast wurden.
misc. ist unser Tech-House-Projekt, das neben einigem Pop-Appeal auch eine technoide Seite hat, die dann vor allem beim Label “Sender” ihren Platz findet. Dabei ist der Name auch Konzept: misc. steht für Verschiedenes; daher hat dieses Projekt alle Freiheiten im Genre Techno/House. Gerade die Schnittstellenmusik Techhouse hat uns dazu bewegt, selbst Tracks in diese Richtung zu produzieren, da wir beide Genres ja gerne vermischen, um etwas Neues entstehen zu lassen.
Clubsessel war wieder so ein Fluchtpunkt, nachdem wir sehr lange an misc.-Tracks gearbeitet hatten und uns einfach die Puste ausging. Wir hatten einige Zeit zuvor bereits zwei Ambient-Tracks für ein Artperformance-Projekt an der Expo 2000 geschrieben, das sich dann aber im Sande verlief. Auf Basis des damals entstanden Materials haben wir acht Tracks produziert, die so auf dem ersten Album auf K2o erschienen sind. Hier wollten wir diesmal nicht alles anders und neu machen, sondern einfach Musik entwerfen, die uns aus unserem damaligen Produktionstief herausholte. Daher ist das Album auch ein wenig dark geraten.

Rote Fäden harter Kreativität

DEBUG:
Gibt es trotz der breiten Palette so etwas wie einen roten Faden bei euren Produktionen? Und ist das auch der rote Faden für euer Musikverständnis als Produzenten?

MISC.:
Der rote Faden in allen Produktionen heißt: Jedes Musikstück ist Ergebnis einer harten kreativen Auseinandersetzung. Wobei die Vermischung von mehr oder weniger Unvereinbarem schon häufig vorkommt. Der unterschiedliche musikalische Ansatz von uns beiden und die musikalischen Präferenzen außerhalb des Studios sind immer wieder ein Konfliktpunkt, über den wir hinwegkommen müssen. Jeder Track ist ein fairer Kompromiss zwischen uns beiden, quasi eine basisdemokratische Entscheidungsfindung. Daher sagen uns Leute auch immer wieder, dass man uns beide aus den verschiedenen Projekten “heraushören” kann.

DEBUG:
Welche Produktionstechniken verwendet ihr? Entstehen die Tracks alle mehr oder weniger gleich oder machen sich je nach Stil- und Projektrichtung auch andere Produktionsmethoden bemerkbar?

MISC.:
Bis vor kurzem haben wir ja noch mit einer Mischform von Hardware-Equipment und Software gearbeitet. Das Equipment stieß aber schon seit längerem an seine Grenzen und wir hatten das Gefühl, dass da nicht mehr herauszuholen ist. Dann haben wir komplett auf Computerproduktion umgestellt, weil diese Arbeitsweise einfach Möglichkeiten eröffnet, die wir mit Hardware nicht realisieren konnten. Teile unseres alten Studios haben wir aber behalten, um zum Beispiel unsere über Jahre gewachsene Sound-Library weiter nutzen zu können. Für ein analoges Feeling benutzen wir auch oft die Wandler unseres Akai-Samplers, um Sounds in den Computer zu sampeln oder schließen einen alten Synthie an, um einen bestimmen Sound herauszubekommen.

DEBUG:
Christopher ist ja auch als DJ tätig. Beeinflusst diese Erfahrung auch gewisse Track-Gestaltungen, beispielsweise für misc.?

MISC.:
Mit Sicherheit. Christophers DJ-Erfahrungen fließen vor allem bei misc. in die Tracks ein. Da dieses Projekt schon direkter auf den Club zielt, soll es dort auch funktionieren. Das gibt natürlich auch ein wenig das Arrangement eines Stücks vor, gerade auf 12″. Also Zeit zum Rein- und Rausmixen für den DJ, gerne ein längeres Break in der Mitte, aber ohne ganz so toolig zu sein. Die Cluberfahrung hilft auch zu bestimmen, welche Frequenzen im Track wie anzulegen sind: So kann eine dicke Kickdrum im Studio supertoll klingen, im Club aber alles totschlagen. Man denkt beim Produzieren, gerade für 12″, schon den Club mit und meist stimmt dann auch der Sound vom Vinyl im Club.

Ein Hut für viele Köppe

DEBUG:
Wie schafft ihr es zeitlich nur, so viele unterschiedliche Projekte unter einen Hut zu bringen?

MISC.:
Wir arbeiten phasenweise immer nur am einem Projekt, d.h. wir nähern uns dem Sound des jeweiligen Projektes mit ein, zwei Tracks an und bleiben bei dem Stil so lange, bis wir merken, dass es Zeit wird, sich einem anderen Sound zuzuwenden. Dieses blockweise Arbeiten am Projekt erspart uns die typischen Ermüdungserscheinungen, die aufkommen, wenn man sich ewig an seinem eigenen Trademark-Genre-Sound abarbeitet. Oft ist dann ein Wechsel in ein anderes Projekt so fruchtbar, dass wir in sehr kurzer Zeit das Material für ein Album beieinander haben. Man begeistert sich im Moment dann so stark für den aktuellen Sound, dass Innovationen, über die man sonst vielleicht ewig hätte debattieren müssen, einfach wie von selbst in das neue Musikmaterial einfließen. Dann sitzt man dann abends vor einem fertigen Track und wundert sich: Das ging jetzt ja irre schnell und klingt auch noch gut!

DEBUG:
Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?

MISC.:
Wir haben uns beim Arbeiten in einer Videothek in Münster kennen gelernt. Christopher hatte ein kleines Home-Studio daheim, auf dem er damals vor allem Instrumental-HipHop produzierte. Hannes hatte nie aktiv Musik gemacht, war aber stark an der Möglichkeit interessiert, selbst Musik zu produzieren. So haben wir uns dann gemeinsam Mitte der Neunziger zusammengesetzt, um Jungle-Tracks zu produzieren, ein Genre, dass uns zu dieser Zeit gerade sehr faszinierte. Wir haben aber auch schon damals alles Mögliche ausprobiert und ausgetestet. Dann kam 1997 die erste 12″ von Monophace auf Precision und wir merkten, dass neues Equipment her musste und wir die Zeit zuvor eigentlich sowieso nicht viel anderes mehr gemacht hatten als zu jobben und zu produzieren. So haben wir dann einfach die Musik in den Vordergrund gerückt und sind seitdem dabei geblieben.

DEBUG:
Euer neues misc.-Album hält auf wunderbare Art und Weise die Balance zwischen Dancefloor und Homelistening. Inwiefern ist euch diese Qualität wichtig?

Antistatik für Zuhause

MISC.:
Schon zu unseren D’n’B-Zeiten fanden wir reine Tool-Musik langweilig. Nicht jeder, der Vinyl kauft, legt dauernd in Clubs auf und kann die Statik eines Technotool-Tracks mit einem coolen Mix brechen. Daheim machen solche rein funktionalen Tracks keinen Sinn. Wir wollen aber Musik machen, die im Club und daheim funktioniert, daher findet sich auch immer auch ein wenig Pop in unseren Stücken, ohne die Erforderlichkeiten eines Clubtracks zu vernachlässigen. Daher kann man alle Stücke des neuen Albums auch sehr gut auflegen.

DEBUG:
Die Titel des neuen Albums sind teilweise recht poetisch, teilweise assoziativ, teilweise bezogen auf verwendete Vocal-Samples. Hat die Wortwahl hier eine höhere Bedeutung für euch oder ist das einfach Zufall, Einfall oder eine Laune des Moments?

MISC.:
Der Titel des Albums “in between” deutet an sich schon auf das hin, was den Hörer erwartet: Stücke, die zwischen Club und Daheimhören liegen, alle sind zwar noch dem Genre Techhouse angehörig, aber jedes besitzt eine andere Facette. So haben wir bei “vice/versa” ein Akkordeon als Lead-Instrument benutzt, da deutet sich schon die Spannung aus technoidem Sound und einem rein akustischen Instrument im Track-Titel an. Wir wollten bei der Namensgebung der Titel vermeiden, dass das ganze so nach Techno klingt.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.