Egal ob Komponieren oder Programmieren, Phill Parnell, ursprünglich Jazzpianist aus New Orleans, jetzt hauptsächlich Londoner, öffnet seine Augen für die weite Welt der Vielfalt. Zwischen Herbert-Support und Improvisation praktiziert er die Kunst der Querverweise und des Austauschs.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 66

Ulrich Wickert wird VJ auf Viva. Biz Markie versteckt sich hinter Prefuse. Jean-Michel Jarre nennt sich jetzt Kaito. Ok. Erwischt. Das ist geflunkert. Phil Parnell geht aber einen Weg, dem diese Vergleiche nahe kommen. Weil er pfiffig ist, würde er das jedoch nie von sich behaupten.

New Orleans. Die Stadt am Mississippi-Delta. Dort wo sich Alligatoren nur noch zeigen, wenn sie Bares in Form von Marshmellows von den Touristen zugeworfen bekommen. Die Mutter des Jazz. Frühstück. Einen Bagel und einen “Vorsicht-Kaffee-ist-kochendheiß“-Eimer schwarzer Brühe in den Händen am Ufer des Stromes sitzen. Die antike Straßenbahn rumpelt hinterrücks die ersten Besucher gen French Quarter. Unter freiem Himmel zu essen, ist hier noch möglich. Doch die Bank auf den Holzplanken des Steges hätte es wohl nicht sein sollen. Komische Blicke der Jogger und Powerwalker. Das ist diese neue Modesportart, bei der meist Frauen mit Gewichten in den Händen die Siebenmeilenstiefel auspacken und rudernd ihre Runden gehen. Wenn ich jetzt ein gerade geschlüpftes Vögelchen wäre, würde ich meinen, die angenehm warme Brise kommt von den heftig schlenkernden Armen der Frau, die in ihrer zu großzügig geratenen Sportswear meinen Panorama-Blick kreuzt. Ich habe das aber nur bei Gorki gelesen. Ein Saxophonist mit weißem Hemd und Strohhut spielt Jazzstandards. Der Instrumentenkoffer liegt zur Geldannahme bereit. Ein ehrwürdig ergrautes Ehepaar schlendert herbei, bleibt stehen, schaut sich in die Augen: Weißt du noch, damals. Hinter dem Trio fläzt sich direkt am Ufer des grauen Wassers eine Mall in die urbane Landschaft. In ein paar Jahren wird hier ein Frachtkahn reinsemmeln.

Das alles ist acht Jahre her. Der Jazzpianist Phil Parnell macht sich gerade auf den Weg. Mit 18 Jahren hat er beschlossen, nicht wie andere Musiker noch mit 50 auf der Bourbon Street den Touristen Jazzevergreens zu kredenzen. Oder gar in der Preservation Hall aufzutreten, dem Club, in dem die Olympic Brass Band, die als älteste Jazzcombo der Welt gilt, residiert. Inzwischen hat er mit Größen wie Astrud Gilberto und Bo Diddley gespielt. Mit Jazz-, Latin-, R’n’B-Bands musiziert. New Orleans ist ausgereizt. Parnell ist schlau. Darum zieht es ihn nun mit Ende dreißig in die weite Welt.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Seine Frau Mandy, eine Britin, findet in New Orleans nur schwer einen Job. Tontechniker sind von Mama Jazz nicht wirklich gefragt. Der Sohn, der damals geboren wurde, soll eine gute Ausbildung bekommen. Auf nach Europa. Hier spielt Phil ohnehin seine meisten Konzerte. Auf nach London. Hier kann er sich von den Klischees eines Jazzpianisten befreien. Inzwischen schätzt er an Europa besonders “die ungefilterte Zugänglichkeit von Nachrichten und Informationen, die es so in den USA nicht gibt. Je länger ich hier lebe, um so mehr bin ich über das enttäuscht, was in den USA passiert. Mein Blick auf die Welt hat sich gewandelt. Ich bin nicht mehr so blind wie manche Amerikaner, die diesen Tunnelblick haben. Vor allem Bush: Dieser Mann ist gefährlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dort wieder zu leben. Das Leben an verschiedenen Orten auf dieser Welt öffnet die Augen.”

Austauschprogramm

Phil Parnell ist auf seinem Weg die Speerspitze einer Bewegung, die der US-amerikanische Kultur- und Bestsellersoziologe Richard Sennett beschrieben hat: Die kulturelle Stagnation in den USA führt zu einem Auszug junger Menschen, die ein Leben in Europa dem in den Vereinigten Staaten vorziehen. Er selbst lebt jetzt hauptsächlich in London. Sein Sohn ist Neueuropäer. Madonna lebt dort mit britischem Ehemann. Und in Berlin wird die GI-Generation des alten Ami Rick DeLisle vom Nachwuchs aus Übersee verdrängt. Sennett vergleicht die Situation mit den Zwanziger Jahren, als sich Künstler und Wissenschaftler in den USA nicht mehr wohl fühlten. Die 20er-, 30er- und 40er-Jahre waren auch die Zeit des Jazzpianisten und -komikers Fats Waller, der die damals noch hauptsächlich als Kirchenorgel genutzte Hammondorgel in den Jazz einführte. Wallers Auftritte wurden von den Kirchen als Teufelsmusik, als sündig gebrandmarkt. Damals waren sie Avantgarde, rebellisch. Von Fats Waller stammt der Text zu “I got the feelin’ I’m fallin’“, dem Song auf Phils Album “Do your living in the night“, der etwas von der Rolle fällt. Das Lied erweckt beim ersten Hören den Eindruck, nach durchtanzter Nacht den Heimweg zu versüßen. Es ist aber mehr. Es sagt aus: Ein guter Song ist ein guter Song. Egal wie alt. Die von Herbert inspirierten Sounds stellen Waller in einen zeitgemäßen Kontext. Sie unterstreichen die Klasse der Textzeile. Das Wissen um die Geschichte macht die ständig variierte und wiederholte Textzeile “I got the feelin’ I’m fallin’“ bedeutungsschwanger und metapherschwer.

Mit dem Lied verschränkt Parnell seine Herkunft und seine neue Heimat. Er hat einen respektablen Schritt gemacht, ähnlich wie Sennett, der sich mit bald Sechzig einen neuen Lebensmittelpunkt sucht und als gestandener, namhafter Universitätsprofessor wieder Vorlesungen besucht, um Evolutionstheorie und Informationstheorie zu pauken. Parnell öffnet sich neuen Dingen, legt sich Logic, Harddisk und Synthesizer zu. Dann suchte Matthew Herbert jemanden, der ihm ein paar Pianokniffe zeigt. Phil sah sich aber weniger als Lehrer. Vielmehr bestand er darauf, einen Austausch zu starten. Du zeigst mir, wie ich am besten mit dem neuen Equipment arbeite. ich zeige dir, wie das mit den Tasten geschmeidig geht. Dieses Austauschprogramm startete vor fünf Jahren. In den vergangenen vier Jahren ist Phils Album entstanden. Die beiden sind mit Dani zusammen getourt. Nach Einfluss und Inspiration muss man nicht fragen. Man hört es. Die Jazzherkunft ist natürlich präsent.

Zweimal Parnell – einmal Parnell

Mit seinem Zugang zu elektronischer Musik hat sich Phil ein neues Publikum erarbeitet. Bei den Konzerten mit Matthew und Dani hat er Erlebnisse gehabt, die ihn als Musiker vorangebracht haben. “Bei den Konzerten ging es darum, exakter zu arbeiten, die Soli wegzulassen. Ich wollte auch weniger als Jazzmusiker auftreten. Für das Album haben wir die eher jazzigen Stücke weggelassen. Die kommen bald auf dem Perlon-Label raus. Mein Jazzpublikum, für dass ich immer noch Konzerte und Tourneen mache, würde sich meine elektronische Musik nicht anhören. Das ist recht festgefahren. Mir geht es aber um Vielfalt.”

Umgekehrt ist es schwer vorstellbar, dass sich Freunde der dicken Bassdrum zu einem Jazzergemucke verirren. Dank der Vielfalt vereint Phil die Qualitäten eines elektronischen Produzenten und die eines organischen Komponisten. Für ihn ist es egal, wenn er nach einem Tag mit seinem Sohn auf dem Spielplatz mit einer Idee nach Hause kommt und diese Idee dann programmiert oder komponiert. Phil Parnell ist zu jemandem geworden, der von Studienräten und Househeads respektiert wird. Nur in New Orleans hätte er mit seinen Harddiskprodukten wohl niemanden von der Bourbon Street weg in eine Bar gezogen. Oder ist es möglich, dass es in naher Zukunft Straßenmusiker mit Laptops gibt, die die Portabletasche für die Spendenannahme öffnen? In New Orleans zumindestens nicht.

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Elektronische Lebensaspekte.