Wir treffen Ricardo Villalobos in der spanischen Atlantikmetropole Vigo. Es ist mitten am Tag. Eine Clubnacht ist zu Ende gegangen. Was passiert? Wir wollen einen immer wiederkehrenden Moment rekonstruieren, eine Privatheit aufstöbern, einfach alles ganz genau wissen. Schließlich geht es doch um Details, oder nicht? Z.B. darum, dass Ricardo Villalobos einmal einen Flug verschoben hat, weil er eine Folge der Krankenhausserie St. Angela nicht verpassen wollte.
Text: Aljoscha Weskott, Sami Khatib aus De:Bug 75

Die Amerikanische Nacht

Debug: Also auf nach Vigo …
Ricardo: Das ist die krasseste Koks-Stadt Europas! Da kommt für den gesamten südeuropäischen Raum das Koks rein. Klar war ich schon mal da. Es war schön dort. Ich wüsste jetzt allerdings nicht, ob ich tatsächlich im Hotel schlafen sollte …

Debug: Nun. Gehen wir mal davon aus. Du überlegst, dich zurückzuziehen, vielleicht sogar schlafen zu gehen. Du sperrst also die Hoteltür zu und dafür geht die Kühlschranktür der Minibar auf. Welcher Drink lacht dich sofort an?
Ricardo: Nach so einem Abend nehme ich mir eine Flasche guten, aber billigen spanischen Rotwein, die aber nicht im Kühlschrank steht.

Debug: Damit beginnt die Entspannungsphase?
Ricardo: Die beginnt damit, dass ich mir eine Tüte drehe.

Debug: Und in einer Stadt wie Liverpool? Wäre der Ablauf dann anders?
Ricardo: Nein. Der Rotwein ist wegen seiner Inhaltsstoffe gut zum Einschlafen. Überall.

Debug: Richtest du dich ein bisschen ein in den Hotelzimmern?
Ricardo: Ich komme rein, schmeiße meine Sachen in irgendeine Ecke, trinke den Rotwein, dreh die Tüte und schlafe meist bei laufendem Fernseher ein.

Debug: Was läuft? CNN oder BBC?
Ricardo: Auf keinen Fall. Ich schalte einen Musikkanal oder irgendeine englische Talkshow an.

Debug: Entspannend.
Ricardo: Das stört mich überhaupt nicht, weil ich dann sofort einschlafe. Es sei denn, wir sind in Vigo. Fernsehen aber ist überhaupt keine Ruhestörung, eher so ein vertrautes Rumgemurmel.

Debug: Sind Hotels deine zentralen Begegnungsstätten?
Ricardo: Auf jeden Fall. Es sind sehr funktionale Situationen, die man nicht mal mehr im Kurzzeitgedächnis einspeichert.

Ricardo: Wenn ich alleine bin, versuche ich, meine Zeit mit schlafen zu gestalten. Aber allein mit mir selbst? Selten.
Debug: Dann gibt es natürlich noch so Sachen wie Pay TV.
Ricardo: Auf jeden Fall. Super cool.

Debug: Wegen der Pornos?
Ricardo: Zum Teil wegen der Pornos. Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich die weltweit sind. In Holland sind die Pornos grenzenlos: Da sieht man alles, was geht. In Südamerika ist es eher so ein klassisches Ding. In England dagegen wird alles nur angedeutet.

Debug: Wie angedeutet?
Ricardo: Man sieht die Körper, wie sie sich bewegen, und alles dauert ganz furchtbar lange, Vorspiel und alles wird kaschiert. Keine Genitalien.

Debug: Keine Cum-Shots?
Ricardo: Auf keinen Fall.

Amerika als Schlaftablette

Debug: Worüber unterhalten sich Musiker momentan auf ihren Reisen?
Ricardo: Meistens über Platten und wo man das letzte Mal gerade gespielt hat. Dann wird erzählt, ich hab da und da schon mal gespielt usw. und dann kommt das Gespräch darauf, dass man eigentlich gar nicht mehr nach Amerika will, weil das nicht unterstützenswert ist. Ja, über Amerika redet man sehr oft. Amerika ist das außermusikalische Thema.

Debug: Lass uns über Amerika reden.
Ricardo: Dieser ganze Clan um Dick Cheney und den alten Bush. Den tollpatschigen Sohn aber als Arschloch zu bezeichnen, wäre ein bisschen gemein. Er ist ja nur der Handlanger seines Vaters, der sein Berater ist.

Debug: Bereitet dir das Schlafstörungen?
Ricardo: Nein, im Gegenteil, wenn ich darüber ausgiebig reden kann, kann ich sogar besser schlafen.

Debug: Welcher DJ bereitet dir Schlafstörungen?
Ricardo: Die, die völlig unmotiviert ein Bier nach dem anderen trinken und einem total das Ohr abkauen.

Debug: Was hältst du von Leuten wie Moodyman oder Theo Parrish, die gewisse Gesten im internationalen DJ-Set unterlaufen. Sie manifestieren damit einen Bruch und sagen: Diese eine heilige universale Rave-Community existiert nicht ….
Ricardo: Ihr Verhältnis ist gebrochen und sie handeln aus dem Komplex heraus, dass sie in der Gesellschaft, von der weißen Community nicht für voll genommen werden. So z.B. Moodyman, der der weißen Community vorwirft, sie hätten bei der schwarzen gestohlen. So etwas ist natürlich extrem unmusikalisch. Wenn man anfängt zu sagen, alles wurde gestohlen und Musik kommt eigentlich aus Afrika, wo wäre Musik dann heutzutage, wenn Musiker so denken würden?

Leinwand ist nicht leiwand

Debug: Man kann immer sagen: Na gut, ihr seid auf Separatismus aus, aber das ist nicht der Punkt. Es geht ja darum, wenn sie hinter Folien spielen, sich verstecken -dieses ganze Disappearing-Moment -, dass es eine performative Politik gegen diesen gute Laune-Terror der DJs gibt. Einen Bruch in der Zeit des Vergnügens im Vergnügen.
Ricardo: Das hat aber trotzdem etwas sehr Unfreundliches für die Zuhörer.

Debug: Das ist ja genau das, was ich meine …
Ricardo: Ja, dann braucht man doch gar nicht in eine Diskothek zu gehen, um Spaß zu haben, wenn irgend so ein Typ sich hinter einer Leinwand versteckt, weil er es nicht für angemessen hält, von den Weißen überhaupt angesehen zu werden.

Debug: Diese Folie reflektiert doch einfach nur etwas.
Ricardo: Dann brauche ich nicht in den Club gehen. Ich kann dann wirklich auch zu Hause bleiben und dabei fernsehgucken …
Debug: … und DJ-Sets streamen und nicht mehr anwesend sein?
Ricardo: Ja, soll jemand in irgendeiner amerikanischen Radiostation auflegen und an 20 verschiedenen Plätzen auf der Welt stellen sich 20 Leute mit Afro-Perücken hin und tun so, als würden sie auflegen.

Die “Amerikanische Nacht” emigriert

Debug: Könnte man nicht sagen, das größte Versprechen liefert die ”Amerikanische Nacht”?
Ricardo: Ja klar.

Debug: Heißt das nicht, dass man Amerika ganz anders affirmieren muss? Kann der ganze Traum von Rave und allem, was man an Soundpolitiken erzeugen kann, daran gar nicht vorbeigehen?
Ricardo: Ja, das war mal so. Aber mittlerweile haben die Amerikaner den Rave-Act verabschiedet und NYC ist von der aufregensten Stadt zur langweiligsten mutiert.

Debug: Ist nichts mehr übriggeblieben?
Ricardo: Auf keinen Fall. Das Einzige ist der musikalische Fortschritt, der immer wieder aus Amerika kommt. Labels, Musiker, Kreative, die auch aus ihrer Realität heraus gute Musik machen. Detroit etc.

Debug: Aber die Amerikanische Nacht – metaphorisch betrachtet – bleibt faszinierend. In den USA haben sich, so restriktiv die Gesetze auch immer waren, popkulturelle Räume eröffnet. Von Christopher Street Day bis hin zu Paradise Garage …
Ricardo: Ich sehe vermehrt, dass Amerikaner nach Europa gehen, um diese Amerikanische Nacht zu leben.

Debug: Weiterzuleben an einem anderen Ort?
Ricardo: Mit der Ortsungebundenheit entfällt die Gebundenheit an Amerika, während sie an andere Orte gleichzeitig wächst.

Debug: Warum sollten politische Statements in Musik hörbar gemacht werden?
Ricardo: Ich wäre als halber Südamerikaner völlig fehl geraten, wenn ich keine politische Message in meine Musik einbringen würde. Man kann politische Statements dadurch setzen, dass man wie Ultra Red Demonstrationsparolen aufnimmt und wie einen Chor als Gesang einsetzt und mit elektronischer Musik paart. Die Aura des entstanden Stücks hat etwas sehr Protesthaftes.

Debug: Aber nicht im klassischen Sinne, weil dieser Chor etwas Gespenstisches hat.
Ricardo: Ja, er bespielt nur den Hintergrund des Stücks, dennoch spürt man die Aura dieser Masse. Es gibt viele Ebenen des politischen Statements in einem Stück, z.B. durch eine bestimmte Titelwahl. Als Musiker oder DJ ist man durch die Aufmerksamkeit, die man erfährt, verpflichtet, in Interviews oder durch die Musik, durch die man wahrgenommen wird, politische Statements zu setzen. Ich habe Protestmusik oder Aufnahmen wie die der letzten Rede des chilenischen Präsidenten (Allende) wegen meiner linken Eltern schon immer gehört und deshalb Derartiges bereits in anderen Stücken benutzt.

Debug: Es geht dir aber primär um den Club als Raum?
Ricardo: Es geht zentral um die Rhythmik, um den Raum, den die Musik einnimmt und schafft.

Debug: Kann mit dieser Musik auch ein Hotelzimmer zum Club mutieren?
Ricardo: Ja, auch. Die Zeitungebundenheit ist letztlich das, wonach wir uns sehnen, warum wir auch so lange in Diskotheken bleiben, 30, 40 Stunden.

Makro-politisch UND mikro-rauschhaft

Debug: Was ich nicht verstehe, ist dieses Verhältnis von Real- und Mikropolitik. Wie sieht der realpolitische Anschluss aus, wenn doch alle Soundpolitiken darauf ausgerichtet sind, einen Diskozustand auszudehnen, zu verlängern, um aus der vorgegebenen Zeitrechnung in eine eigene, kollektive Zeit zu verschwinden. Wo ist da die Realpolitik? Mit Protestbewegungen in Südamerika ist das nicht vergleichbar.
Ricardo: Ich sehe unsere ganze Clubszene eher wie eine Art Siesta, weg aus der Realität. Die Politik ist das, was man in dieser Siesta, diesem Traum oder den Gesprächen in der Clubsituation erlebt und in die Realität überträgt.

Debug: Ist das wirklich möglich? Was ist mit der Trennung zwischen makro-politisch und mikro-rauschhaft?
Ricardo: Wenn die Trennung zu stark wird, höre ich auf, Musik zu machen.

Debug: In welche Zeitschriften blätterst du zwischendurch? Face oder ID?
Ricardo: In keiner.

Debug: Welche Mode beeindruckt dich auf Ibiza?
Ricardo: Der krasse Gegensatz von Hippietum und Glamour. Die Touristen wollen in die Nähe des Glamours, etwa im Amnesia, wo im V.I.P.-Bereich der Champagner schon mal 1000 Euro kostet, während im Norden der Insel von der Hand in den Mund gelebt wird. Dieser Widerspruch zieht mich an. Und der Wunsch, auch mal neben Puff Daddy zu sitzen.

Debug: Also doch auch Lifestyle?
Ricardo: Ich nehme mir gerne etwas von diesem Kuchen, bin aber nicht Teil davon.

Debug: Auch nicht für den Moment?
Ricardo: Naja, nicht von dieser Glamourwelt. Es gibt dort gemietete V.I.P.-Räume, in die niemand – nicht mal die Polizei – rein darf. Das wird alles von einer Armee von Securityleuten geregelt.

Der Fernseher läuft noch. Es ist 15 Uhr morgens. Der Aufbruchsloop des Auscheckens beginnt.

Debug: Wie ist das?
Ricardo: Wenn man wegfährt, dann will man einfach nur noch weg. Ich habe meinen Job getan. Entweder nach Hause oder zum nächsten Gig. Mit dem Kopf bin ich schon bei der nächsten Station. Der Prozess des Auscheckens ist völlig automatisiert. Es ist etwas, an das ich mich auch nie erinnere.

Debug: Ist man als DJ dann jeden Morgen am falschen Ort?
Ricardo: Theoretisch ja. Der Sinn ist verflogen. Man möchte zurück zu den Menschen, die man liebt.

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Elektronische Lebensaspekte.