Der Wahlberliner Paul Davis spielt die Minimalhouse-Klaviatur als Junkie Sartre und Bass zu den Songwriter-Kapriziosen von "Dominique". Unter seinem Alias Richard Davis striegelt er nun auf seinem Album "Safety" den amerikanischen Kern deutschen Minimalhouses seidig - und schafft ein stilles Fanal von Pop als Wagnis und Deepness als Kritik.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 67

Never Catchy, Indeed!

Ein Merve-Band über Paul Richard Davis müsste wie folgt beginnen: Ein Archivar ohne Material ist in der Stadt geblieben. Fast unmerklich. Er ist Suchender und erstellt eigene Karten. Nicht nur elektronische. Ein anderer Text geht so: Plötzlich verzögert sich die Abreise nach London. Fallin‘ in Love, irgendwo in einer dieser unscheinbaren Bars Berlins, irgendwann vor fünf Jahren, aber nicht mit irgendwem. Auf einmal wird aus dem Londoner Archivar eines nationalen Archivs für populäre Musik, das wie eine Erfindung des New Labour-Leaders Tony Blair klingt, jemand also, der after Work elektronische Musik produzieren muss, ähnlich dem Schriftsteller, der tagsüber behutsam Versicherungsbögen bearbeitete und später ganz anderes niederschrieb, kurzum: Aus Paul Davis wird ein durch verschiedene musikalische Welten Tanzender, ohne ständig von Clubby People umgeben werden zu müssen. Wenig verwunderlich erscheint es da, dass Davis Popmusik liebt, wozu er den Besuch eines Kraftwerk-Konzerts im Jahre 1981 zählt, aber auch die Beach Boys, Talking Heads, die Punkphase zwischen 1976 und 1979, Bass-Spielen in einer richtigen, dann auch noch 7-köpfigen Band für den Berliner Act Dominique. Nur nicht unbedingt die Pet Shop Boys. Nein? Okay. Natürlich zählt House. Davon handelt sein Album ”Safety“.

Beklemmende Wohnlichkeit
Mit Paul Davis beginnt House in seinen diversen minimalistischen Stilrichtungen an progressiven Pop-Entwürfen zu arbeiten, die eigentlich schon immer vorhanden waren, nun aber noch stärker ihren ideologischen Impact einbüßen, d.h. ihren Kitsch-Charakter, ihre pompösen Gesten, ihren versteckten Allmachtsanspruch auf den einen, natürlich so nicht existenten musikalischen Raum.
”Safety“ katapultiert sich aus diesem fast schon luxuriösen Dilemma, weil Subtilitäten beibehalten, zur Bedingung einer überraschend unprätentiös vollzogenen Zäsur mit minimalen Weichspüler-Sounds werden, über deren Folgeschäden bislang nur spekuliert werden kann. Nichts weiter, als dem sauberen Image von Minimal House ganz sauber die Stirn zu zeigen, die ein oder andere gelangweilte Fratze zu entreißen, ist Davis dabei gelungen. Und noch viel schöner: Dieser Vorgang ist ein fast ”stiller“ Nebeneffekt geworden, weil Dekonstruktion nicht notwendig mit Destruktion zu tun hat. ”Safety“ ist zwar aus einem abgesicherten Modus entstanden, weil nicht alles gleich neu geschrieben werden sollte, weil die Bau-Pläne von House eben variiert werden mussten, weil die leidenschaftlich zur Schau gestellte Verkopplung elektronischer Musik, von Orten, Menschen und Praktiken in einen atmosphärischen Strom, die Pop für sich in den Wohnzimmern, Boutiquen, Schulen und Redaktionshallen, an den immer schon konkreten, gar sicheren Orten beansprucht, mitgetragen werden sollte. Daher existiert für Davis die Frage, inwieweit House plötzlich eine beklemmende Wohnlichkeit annehmen könnte, ein becoming slick im schlechtesten Sinne, so nicht. All das hat schließlich längst stattgefunden, zeitgleich zu anderen Praktiken. Dort in den sprichwörtlichen vier Wänden, wo Decken einfallen können, hat es immer schon ein konkretes, soundästhetisches Integrations-Angebot für driftende Clubflaneure gegeben, weil auch diese zwischendurch müde geworden waren von ”We Are Homeless“ – Gesängen. ”Für mich hat es diese Grenzziehungen nie gegeben. Trotzdem ist mir wichtig, bei all den unterschiedlichen Projekten in keinen Crossover-Gestus zu verfallen, blöde Verbindungen herzustellen, sondern konsequent hineinzugehen, wie in diesem Fall in House-Music.“

Temperierte Wortbretter
Und weil nun Paul Davis unter Richard Davis veröffentlicht – es gibt tatsächlich noch einen anderen Paul Davis – wäre zu fragen: Was ist es nur, was Richard Paul eingehaucht hat, was Junkie Sartre eventuell schon wusste, nur nicht berücksichtigte? Nun, sich dem Populären zu öffnen, ohne eine populäre Stimmung aufzugreifen, sich in einem ölverschmierten House-Hafen niederzulassen und ausbalancierte, aber nicht geglättete Pop-Kicks zu schustern. ”I don‘t like this catchy pop-house“, sagt Davis. Genau. Und Herberts Definition of House findet bei Davis auch nicht diesen Anklang. Deep&dirty ist die Vorlage, die über den großen Teich herüberschwappt, More Americanized House, wie Paul sagt, z.B. Mr. Parrishs Deep House-Ebene: Diese Minimalismus-Konzepte zu studieren, sie alltäglich werden zu lassen, sich dabei der Illusion auszuliefern, einen einschränkenden und stereotyp gewordenen Gegenwartsbezug elektronischer Musik eigenständig überschreiten zu können und etwas weiterzuentwickeln. Das ist die Erdung von ”Safety“, um timeless zu werden und die Schleifen musikalischer Momentaufnahmen, den techno-philosphischen Grundzug der kurz aufblitzenden und verglühenden 12“es möglichst unendlich auszudehnen, ein ”Maximal rather than Minimal“ also: ”An einem Album zu arbeiten, ist auch mit der Hoffnung verbunden, nicht nur 2 bis 3 Wochen in einer DJ-Tasche mitgeschleppt zu werden und dann wieder zu verschwinden.“ Von Verschwinden kann aber keine Rede sein, gerade nicht bei einem Track mit prägnantem, sich wohl lange Zeit eingrabendem Speech-Act mit dem Wortlaut: ”Don’t look for meaning in my words.“ Das muss Richard von Paul erfahren haben? Lieber die Frage streichen. Yes, indeed, sagt Davis. ”Als ich einem Freund in England die Platte schickte, fühlte er sich von diesem Vocal fast angegriffen und fragte mich, was ich denn damit meine.” (grinst) So soll nicht erzählerisch, gar aus einer Beschreibung von Alltagssituationen eine vermeintlich reale Aussage entstehen, die fast unvermeidlich zu weiteren Kalk-Ablagerungen führen könnte, sondern eine Szenerie hervorrufen, in der liebevoll unterkühlte und erhitzte Wortbretter gesetzt werden und konsequente Sinn-Entleerung und Sinn-Produktion anschieben, bisweilen Vocals und Sound ineinander verschieben lassen und ein Fabulieren ermöglichen, statt über den Zustand der Zeit, in der man lebt, abgestorbene Kritikflächen, Testamente der Angst zu legen? Genau, Deepness als Kritik. Woanders könnte aber auch stehen: Es scheint so, als wolle sich dieser Archivar mit nichts anderem beschäftigen als mit Aussagen.

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Elektronische Lebensaspekte.