Text: Sven von Thülen aus De:Bug 79

Brothers in Arms
Sasse & Henrik Schwarz

Sasse, Freestyle Man, Mr. Negative Man, Klaus Wunderbaum. Klas Lindblad hat so viele Alter Egos wie musikalische Leidenschaften. Mit Henrik Schwarz hat er einen der Durchstarter der letzten House-Saison für sein Label ‘Mood Music’ gesignt. Dessen Track ‘Chicago’ macht, seitdem ihn Gilles Peterson und andere britische Geschmackshipster bei jeder Gelegenheit rauf und runter spielen, die Deep House-Gemeinde auf der Insel wuschig. Aber auch hierzulande sind die Ohren gespitzter denn je. Zusammen haben sie jetzt das Label ‘Sunday Music’ ins Leben gerufen. Und auch sonst gibt es viel zu erzählen.

DEBUG:
Ihr kennt euch aus Frankfurt, oder?

Sasse:
Aus Ravensburg.
Henrik:
Nein, aus Friedrichshafen.
Sasse:
Äh, ja, stimmt. Der Henrik hat dort damals einen Club gemacht, der hieß Jojo und irgendwann hat er mich dahin eingeladen. Wann war das, 1998? Oder 99?
Henrik:
Ja, so was.
Sasse:
Auf jeden Fall war das eine coole Deephouse-Nacht. Coole DJs und coole Sauferei. Der Henrik hat damals schon immer mit dem Laptop live gespielt.
Henrik:
Laptop und Platten gemischt.
Sasse:
Genau. Damals entstand auch das erste Demo von ihm. Das hab ich übrigens nie bekommen. Leider …
Henrik:
Wie, wirklich nicht? Ich dachte, ich hätte dir …
Sasse:
(grinst) … ja, ein Jahr später.

DEBUG:
Ich hab gehört, du machst eigentlich schon seit Ewigkeiten Musik und hast die Schubladen voller fertiger Tracks. Warum hast du nicht früher etwas veröffentlicht?

Henrik:
Hm, die Schubladen sind voll, das stimmt. Ich habe mich in letzter Zeit auch öfter mal gefragt, warum ich nicht schon früher mal eine Platte gemacht habe. Damals hatte ich noch einen festen Job und irgendwie wollte ich nie, dass Musik machen von Stress beeinflusst wird. Abgesehen davon fehlte wohl einfach die Person, die mich hätte pushen können.

DEBUG:
Dafür passiert jetzt gleich alles auf einmal.

Henrik:
(stochert in seinem Chicken Curry) Oh ja. Seitdem ‘Chicago’ rausgekommen ist, überschlagen sich die Dinge. Ich war gerade in London und hab da live gespielt. Die Reaktionen waren schon krass.

DEBUG:
Inwiefern?

Henrik:
Na ja, seitdem Gilles Peterson die Platte in seiner Sendung ‘Worldwide’ so pusht, kennen in England einfach eine Menge Leute den Track. Mit so viel Begeisterung hätte ich niemals gerechnet.

DEBUG:
Das freut den Labelinhaber.

Sasse:
(spielt vergnügt mit seiner Gabel) Ja, für das Label ist das natürlich super. Der gute Export. Aber wir haben da auch lange dran gearbeitet. Es hat über anderthalb Jahre gedauert, bis der Track überhaupt rausgekommen ist. Wie war das noch, … du hast ihn irgendwann mal live gespielt …
Henrik:
Rudimente davon. Wenn ich live spiele bin ich zwar vorbereitet, aber ich weiß nicht, wo es hingehen wird. Ich habe nichts vorproduziert und spiele das dann vom Band. Auf jeden Fall war ich für einen Live-Gig in Köln, du (guckt zu Sasse) warst durch Zufall auch da und irgendwann habe ich dann das, was dann später ‘Chicago’ werden sollte, gespielt. Und plötzlich stand Sasse vor mir und rief: “Hey, was ist das? Daraus müssen wir unbedingt eine Platte machen.”

Sasse:
(schüttelt den Kopf) Und dann gab es so viele verschiedene Versionen. Mannomannomann.
Henrik:
(entschuldigend) Ich musste ja erst mal aus einem Teil eines Livesets einen fertigen Track machen. Das hat ein bisschen gedauert.
Sasse:
Irgendwann kam sie dann halt raus, und das finde ich immer cool. Als Labelbetreiber ist mir sowieso der Prozeß, vom ersten Demo bis zur fertigen Platte, am wichtigsten. Wenn sie in den Läden steht, dann entscheiden die Leute, ob sie sie mögen und kaufen, aber das interessiert mich dann nicht mehr wirklich.

DEBUG:
Mit ‘Senator’ hast du jetzt noch ein Label gegründet. Dein drittes.

Sasse:
Ja, ‘Senator’ ist eigentlich der George (Spruce) und ich. Das ist eher so ein Funprojekt für unsere knackigeren, clubbigeren Sachen. Aber ‘Moodmusic’ ist meine Haptsache und dann gibt es natürlich noch ‘Sunday Music’, das ist Henriks Baby, bei dem ich noch mit mache.

DEBUG:
Die erste Sunday Music war auch gleich ein kleiner Hit.

Henrik:
Ja, aber viel leiser.

DEBUG:
Es gab ja auch keinen Gilles Peterson, der sie rauf und runter gespielt hat.

Henrik:
Irgendwie ist mir das fast lieber so. Für den Künstler und für die Verkäufe ist die Aufmerksamkeit, die so etwas bringt natürlich super, aber wenn sich das so langsam stetig entwickelt und man sich nicht fragt, ob viele Leute den Track nur wegen des Hypes mögen, ist das schon faszinierend.
Sasse:
Das ist schon abgefuckt; Gilles Peterson spielt es, alle kaufen es, aber kaum einer interessiert sich für die Platte davor oder danach. Aber damit müssen wir wohl leben. Was ich an der ersten Sunday Music so toll finde, ist, dass heute noch, sechs Monate nach Release, Leute in Plattenläden kommen und nach der Platte fragen. Das ist echt ein Erfolg, wenn das Interesse so lange anhält.

DEBUG:
‘Jimmyz’, den Track, den du für Diamonds and Pearls gemacht hast, ist viel härter, als alle deinen anderen Tracks. Mit einer 808,ein wenig Jeff Mills-Feeling und einem ganz schönen Wall of Sound.
Henrik:
Oh, ich bin großer Jeff Mills-Fan. Er ist der Größte. Bei ‘Jimmyz’ habe ich meinen Synthie durch einen Gitarrenverstärker gejagt. Eigentlich habe ich mit Gitarren ja ein Problem, deswegen habe ich den Track wahrscheinlich so lange vergessen. Das ist nämlich einer aus meiner Schublade, den wir durch Zufall wieder entdeckt haben. (lacht) Ich glaube ich wollte meinen ganz eigenen Gitarrentrack machen.
Sasse:
(grinst) Mit langem Solo.
Henrik:
Ja, aber ein anderes Solo.
Sasse:
Also ich mag Gitarren. Wenn ich ein Instrument spielen könnte, würde ich Gitarre spielen. Heavy, heavy Solos.

Henrik und DEBUG:
(ungläubig schmunzelnd): Heavy?

Sasse:
Ja. Nicht so rockig, sondern von der Funkseite. Aber mit krassen, heavy Sounds, wie manche Wave- und Disco-Sachen.

DEBUG:
Lass und mal über Klaus Wunderbaum reden.

Sasse:
Was ist mit dem?

DEBUG:
Das bist doch auch du, oder?

Sasse:
Das ist mein altes Rave-Alter Ego. Von Anfang der Neunziger, als ich noch Hardcore aufgelegt habe. Mit Klaus Wunderbaum versuche ich, diese Zeit wieder einzufangen. Ich habe viele Persönlichkeiten in meinem Kopf, und die hören alle unterschiedliche Musik. Deswegen kann ich nicht nur einen Stil verfolgen, sondern mache mal eine ganz deepe Platte, dann eine Ravenummer und danach irgend einen schrägen Track als Mr.Negative Man.

DEBUG:
War euch eigentlich beim Produzieren von Anfang an ein guter Klang wichtig?

Sasse:
Am Anfang wollte ich nur das umsetzen und selber machen können, was ich im Club am Wochenende gehört hatte. Heute geht es mir eher darum, ein Zeitfenster zu öffnen. In dem Sinne, dass ich einen Track direkt für einen bestimmten Moment, eine bestimmte Uhrzeit oder Stimmung des Clubabends produziere.
Henrik:
Mir ist wichtig, wie man die Sounds in Beziehung setzt. Ich kann ein total mies klingendes, von einer knirschenden Platte kommendes Sample nehmen, das dann mit irgendeinem schlecht klingenden alten Plug-In oder GM-Klangerzeuger bearbeiten und es danach durch einen wahnsinnig teuren und gut klingenden High Tech-Filter jagen. Die Kombination ist wichtig. Wie man die Sounds benutzt, damit der Track spannend bleibt.

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Elektronische Lebensaspekte.