Drew Daniel, eine Hälfte von Matmos und quirliger Kleinteil B-Boy lädt zum Fist-Funk auf Matthew Herberts Label Soundslike. Eine Auftragsarbeit, die der gute Drew nicht ablehnen konnte und sich gleich als The Soft Pink Truth auf seinem Debutalbum ins Zeug gelegt hat, wertkonservativen House-Freunden kräftig in den Arsch zu treten.
Text: Gerd Ribbek aus De:Bug 68

Sounds like Disko Dru

Soft Pink Truth

Igitt – laut Jahrespoll wollen De:Bug-Leser mehr Sex. Wie wäre es also mit einer Runde Fist-Funk, Bareback-Breaks und Schwanztanz-Diskoclaps? Drew Daniel, die quirlige Hälfte des Konzeptronic-Duos Matmos, fummelt als The Soft Pink Truth beherzt an den Nippeln seines Equipments und seift die durch Minimal-Missbrauch geschändeten PAs der Swingerclubs mit gepfeffertem Ejakulat ein. “Do you Party?”, sein Debut-Album auf Soundslike, ist die schön obszöne House-Interpretation für alle, die beim Orgasmus am liebsten laut lachen.

Dabei steht der Begriff “soft pink truth” eigentlich für das Gegenteil: Impotenz, schlaffer Schwanz, Schwäche. Den Namen lieh er sich in der Nachbarschaft: Ein Türsteher der Schwulenbar “The Stud” in San Francisco nannte einen befreundetet DJ immer “Soft Pink Missy”, weil der soviel Speed nahm, dass die Erektion ausblieb. “Aber vielleicht deutet die softe rosa Wahrheit auch mein Schamgefühl an, als schwuler Mann House zu machen, vielleicht ist es gar die schreckliche Wahrheit über mein Coming-Out, dass nach all den Jahren des rauen, lauten, bizarren oder konzeptionell orientierten Zeugs nun diese lächerliche Musik hervorploppt”, rätselt The Soft Pink Truth und stellt fest: “The name implies that I was soft and pink all along.” Und das stimmt, Drew Daniel ist in jeder Hinsicht vom Fach. Sein Coming-Out vor den Eltern nimmt er “zufällig” auf Tape auf und veröffentlicht es später auf Lucky Kitchen zum Thema “Familie”. Er arbeitet in Unterwäsche als Go-Go-Tänzer in einer Bar und lernt dort seinen Partner M.C. Schmidt kennen, der mit seiner Industrial-Band Iacore ein Konzert gibt. Zu zweit gibt es kein Halten mehr: gemeinsam machen sie die Musik zu holländischen Hardcore-Pornos mit so vielversprechenden Titeln wie “Fistful Thinking”, “The Punch Hole” und “Powerfist”. Scheinbar wie nebenbei hat Daniel zwei B.A.s in Renaissance Literature an der UC Berkeley und per zweijährigem Stipendium an der Oxford University gesammelt und sitzt nun an seiner Dissertation mit dem Thema “Melancholie in Malerei, visueller Kunst und Literatur zwischen 1580 und 1630”. Wuff! Den Balance-Akt zwischen akademischer und musikalischer Karriere sieht er pragmatisch. “Ich denke, du kannst nicht Astronaut und Feuerwehrmann gleichzeitig sein, aber das ist mein Traum. Ich möchte nicht allein von der Musik als Geldquelle abhängen, denn es könnte einen schlechten Einfluss auf die Entscheidungen haben, die ich dann treffen würde.”

Make a house record

Auftragsarbeiten sind so eine Sache. Doch jemand wie Matthew Herbert muss nicht lange bitten, auch dann nicht, wenn der Lieferant nur spärlich mit House zu tun hat und im Genre allenfalls die Musik des Auftraggebers selbst sowie ein paar Theo Parrish-, Playhouse- und Kompakt-Sachen gut findet. Und mit Matmos vor allem einen konzeptionelle Ansatz verfolgt, so geschehen auf ihrem letzten Album “A Chance to Cut is a Chance to Cure”, für das sich das Duo in den OP-Saal einer Schönheitsklinik einschlich, um Sounds einzufangen, die etwa beim Fettabsaugen entstehen. Nur diesmal ist Drew Daniel solo, und ein mulmiges Gefühl zwischen Angst und Ehre beschleicht ihn ob der Aufgabe. Was solls: “Make A House Record” – das reicht erstmal als Konzept. “Das funktioniert wie bei Yoko Onos konzeptionellen Sound-Arbeiten, beispielsweise ’Laugh Piece – Keep laughing for a week’. Der Auftrag wird zur Maschine, die die Arbeit geschehen lässt. In diesem Fall dachte ich an die blanken Knochen des House, schwere Kick-Drums, Snares auf die 2 und 4, große warme Akkorde, rein- und rausschießende geloopte Stimmen, und versuchte nach diesem Rezept zu arbeiten. Formen sind nicht notwendigerweise dumm oder einengend. Nimm das Sonett, das ist eine feste Formstruktur, und dennoch so flexibel. Es ist einfach schade, dass die meiste House-Musik echt langweilig ist.”

Von Langeweile kann bei “Do You Party?” keine Rede sein. Zwar ist das Gebinde “Album” für Tanzmusik eher unpassend, wie Daniel findet, aber stundenlange Fahrten durch das nächtliche San Francisco haben schließlich dazu geführt, die 10 Songs mit schweren Kick-Drums ohne Eintönigkeit in eine Reihenfolge zu bringen. Neben den bereits auf Soundslike erschienen beiden 12” enthält die CD zwei neue Tracks. “Satie (Grey Corduroy Suit)” reflektiert als einziger Song den Minimalismus und basiert auf einem einzigen Sample aus Erik Saties Komposition “Trois Gymnopédies”. Ein ruhiger, warmer, melodischer und für das Album ungewöhnlich “schöner” Track, der vielleicht gerade deshalb Fragen aufwirft: Wird hier etwa leise Kritik an der, äh, Beliebigkeit minimalistischer Musik impliziert? Oder umgekehrt? Man könnte beides in Betracht ziehen, schließlich ist Drew Daniel konzeptioneller Musiker und versteckt schon im Titel Hinweise, wie zum Beispiel die Tatsache, dass sich Satie von einer kleinen Erbschaft sieben identische graue Corduroy-Anzüge kaufte, Musik auch als Raumausstattung verstand und eine eigentümliche Einstellung zur Langeweile pflegte: “Langeweile ist tief und geheimnisvoll”; sein gesamtes Wissen über die Langeweile widmete er seinen Feinden. “Big Booty Bitches” dagegen ist Sex-Tech pur und verspricht alles, was man für eine Ghetto-Party braucht. Daniel spielt mit den Charakteristika aus 30 Jahren Diskothek, ergründet Klischees des Dancefloors und Toilettenbereichs gleichermaßen. In jedem Track arbeitet er einen anderen speziellen Sound heraus, der ihm besonders gefällt: Tech-House Kick Drums, Claps und Snares von frühen 80er-Breakdancehymnen, bis zur Perversität gepushtes R&B-Keuchen und Röcheln mit dieser wimmernden und bettelnden Art zu singen, garstige Synth-Stabs aus Dazz Band-Platten, zerborstene Hiphop MCs. “Ich wollte etwas, dass die Punkte zwischen den vielen Sounds, die ich mag, mit einem Gefühl verbindet, das irgendwo zwischen einer House-Party für College Kids und dem billigen Vibe einer schwulen Sex Club Muzak schwingt, etwas, das zu albern ist, um es gänzlich ernst zu nehmen, aber das auch irgendwie böse ist.”

Other people’s records

Natürlich verstößt “Do You Party?” so ziemlich gegen jede Regel in Matthew Herberts PCCOM “Personal Contract for the Composition of Music”, im krassen Gegensatz zu der Arbeit von Matmos, die überwiegend die Bestimmungen einhalten. Drew Daniel sieht The Soft Pink Truth als liebevolles Archiv einer ganzen Garage voll anderer Leuts Platten, ohne sie könne der Act nicht bestehen. Sein Ansinnen, allen Albernheiten zum Trotze, ist die Chancengleichheit der Wertigkeit von großen Stars und teuren Produktionen auf der einen und den wirklich obskuren, geheimnisvollen Demos und überlebten Styles auf der anderen Seite. Politisieren lässt sich The Soft Pink Truth nur schwer, warum sollte man auch, schließlich geht es hier um “party rockin’ jamz yo”. Bittere Ironie findet sich dennoch. “Ein paar Soft Pink Truth-Songs sind gänzlich aus Platten gemacht, die ich in einem Wohltätigkeitsladen in San Francisco gekauft habe, der von Schwulen und Lesben betrieben wird und wo ganze Plattensammlungen von schwulen Männern verkauft werden, die an AIDS gestorben sind. In gewisser Hinsicht archivieren und bewahren diese Tracks die Ästhetik jener Generation von schwulen Männern und feiern sie, wenn auch in einer kitschigen und albernen Art.”

The Soft Pink Truth ist für Drew Daniel das erste Solo-Projekt seit vielen Jahren. Sein Partner M.C.Schmidt spielt zwar ein paar Synthie-Passagen und Bongos, doch wie so oft bei Musikerpaaren, siehe Tina und Ike Turner, kann es zu Konflikten kommen. Als Soft Pink Truth zuviel Zeit von Matmos klaute, wurde er schon böse, meint Daniel, “nun muss ich mein schändliches House-Geheimnis vor ihm verstecken”. Das dürfte ihm schwerfallen, denn längst hat sich The Soft Pink Truth verselbstständigt. Soeben ist der Remix von Björks “It’s in our hands” erschienen und Remixe für den Schweden Smyglyssna und dem Engländer Brooks stehen als nächstes an, Europa-Gigs sind für den Sommer geplant.

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Elektronische Lebensaspekte.