Chris Duckenfield und Richard Brown widerstehen mit ihrem House-Projekt "Swag" seit Jahren dem UK-Magneten Ibiza, geografisch wie musikalisch. Ihr Album "No such Thing" führt den Funk im digitalen Feinschliff vor, um britische Englischlehrer in Badehosen und "DJ irgendwas"-Schreiber zu düpieren.
Text: Katja Hanke aus De:Bug 70

Sonntag ist Kater-Tag

Es ist schon bekannt, dass Produzenten, wenn sie sich als DJs ausleben, in eine ganz andere Richtung ausholen können. Sich daran zu gewöhnen, ist jedoch etwas anderes. Chris Duckenfield und Richard Brown alias Swag, Englands Fast-Experimental-Houser, veröffentlichen gerade auf dem eigenen Label ”Version” ihr neues Album ”No Such Thing“: eine hypermoderne Funk-Platte, mit allem, was aus ihrem Hintergrund von Soul, HipHop, Acid-House und Electro nur möglich ist. Bis ins kleinste Detail ist die Produktion ausgefeilt: Perkussions, afrikanisch oder südamerikanisch, fette Disco-Funk-Bassläufe, Synthie-Flächen, unaufdringliche Jazz-Fusion-Elemente, Acid-Bleeps, durch Synthesizer ersetzte Funk-Gitarren und so weiter. Glasklar produziert, das alles. Die perfekte Kombination von Gewagtheit und Eingängigkeit. Die steht bei ihnen vor allem, seit sie sich vor vier Jahren vom Major Junior Boys Own und dem ravekompatiblen House verabschiedeten.
Chris ist seit 1989 DJ ist und legt auch dieses mal für Swag in einem deutschen Club auf. Swingender, minimaler House der Residents stimmt auf das Set des Gastes ein. Dann übernimmt er und ein massives House-Perkussion-Monster wälzt sich über den Tanzboden. Jemand sagt: ”Das ist doch Techno“, ein weiterer: ”Geil“. Andere ergreifen die Flucht. Wirbelnde Perkussions, stampfender Beat, englischer House. ”Es ist doch Samstagnacht“, sagt Chris später, ”da bin ich nicht experimentell.“ Damit meint er Musik wie seine Swag-Produktionen, die Raum lassen. Das spielt er Samstag Abend nicht. Also rollt es weiter, ohne Breaks und Höhepunkte, doch gipfelt im House der frühen Jahre. Ekstase, die auch die Nörgler mitreißt.

CHRIS: Ich war gestern überrascht, als du meintest, dass sich die Musik wie unsere alten Platten anhört. Ich hatte den Eindruck, dass die DJs vor mir viel eher retro waren. Ich spiele sehr gern in Deutschland, weil ich gerade finde, dass meine Musik gut zum deutschen Sound passt. Du bist wohl die einzige, die die Musik typisch englisch fand. Das ist doch alles House. Das Problem ist, dass es einfach zu viele Unterkategorien gibt.

DEBUG: Aber eine Affinität zu frühem House hast du schon, das kam bei Inner City’s ”Good Life” rüber.

CHRIS: Die Reaktion darauf hat mich gestern völlig überrascht. Ich spiele gern ältere Tracks, die mir viel bedeuten. Meist spiele ich aber vor jüngeren Leuten und die kennen die nicht. Für sie sind es keine Klassiker, sondern einfach nur Stücke, die sich alt anhören. Ist eigentlich dumm zu erwarten, dass jeder die selbe musikalische Entwicklung durchgemacht hat wie ich. Wenn aber die Leute so gut reagieren, ist es ein schöner Moment. Als ob man jemandem ein altes Foto zeigt.

DEBUG: Wie ist die Clubszene in England? Ist sie wirklich so schrecklich, wie wir denken?

CHRIS: Du wärst entsetzt, wenn du die Szene kennen würdest. Die Medien, die Radiosender und die Top-DJs halten sich gegenseitig in ihren festen Positionen. Zeitschriften wie Mixmag geben den Ton an. Die haben eine Zielgruppe von 18 bis 25, die sie bedienen. Sie wiederholen das selbe Zeug immer wieder.

DEBUG: Wo stehen Swag in dem Ganzen?

CHRIS: Da das neue Album jetzt rauskommt, müssen wir bei dem Spiel etwas mehr mitmischen. Wir müssen uns mehr als vorher auf die Medien einlassen. Eigentlich sind wir immer vor der englischen Presse weggelaufen. Das ist alles so einseitig. Es gibt eigentlich nur ein oder zwei gute Musik-Zeitschriften. Für eine schreibe ich sogar. Hey, ist das nicht erstaunlich, ein DJ, der richtig schreiben kann.

DEBUG: Wirklich?

CHRIS: Das hatte ich vor Acid-House an der Uni gemacht. Ich wollte sogar Englisch-Lehrer werden und nebenbei schreiben. Den Abschluss habe ich, aber dann habe ich viele Drogen genommen und Musik aufgelegt.

DEBUG: Was schreibst du denn?

CHRIS: Rezensionen. Bei Mixmag habe ich angefangen, wo wir davon reden. Dann ging der Redakteur zu Jockey Slut und ich mit ihm. Ich schreibe jeden Monat über ein paar Stücke. Einfach um auf interessante Musik aufmerksam zu machen. Sonst mag ich Musikjournalismus nicht. Musik, vor allem House, ist einfach nicht dazu da, intellektualisiert zu werden. Sie ist funktional. Eben so wie: Ich habe die ganze Woche gearbeitet, jetzt will ich ausgehen. Samstagnacht-Musik eben.

DEBUG: Das klingt typisch englisch.

CHRIS: Ja klar. Aber, dieses Buch, ”DJ irgendwas” von einem Deutschen …

DEBUG: DJ Culture von Ulf Porschardt?

CHRIS: Ach, das liest sich doch so zäh. Schrecklich. Es macht keinen Sinn. Es ist interessant, über die Personen zu lesen, aber bitte nicht Musik auseinander pflücken. Elektronische Musik zieht das förmlich an. Zumindest die experimentelleren Sachen wie Autechre und so.

DEBUG: Da geht das Reflektieren dann zu weit?

CHRIS: Ja, bei Musik schon. Geschrieben habe ich eigentlich immer. Ich denke auch, dass in jeder Person ein Buch steckt. Keine Ahnung, was für eins meines werden wird. Frag’ mich in fünfzehn Jahren, wenn ich mich zur Ruhe setze. (herzhaftes Lachen) Dann werde ich schreiben.

DEBUG: Was machst du denn normalerweise an so einem Sonntag Nachmittag?

CHRIS: Mit ’nem Kater im Flughafen sitzen. Das ist normalerweise mein Sonntag. Jede Woche. Außer wenn ich ein Wochenende frei habe – dann sitze ich zu Hause, auch mit Kater. (klopft sich auf die Knie und lacht) Wenn ich nicht arbeiten muss, gehe ich nicht in Clubs. Zumindest nicht in solche, in denen Musik, wie ich sie mache, gespielt wird. Dann eher Drum and Bass oder Konzerte. Irgendwas Entspanntes, ins Kino oder Essen gehen. Mein Sozialleben aufrecht erhalten. Das ist schwer: Gigs am Wochenende, drei Labels, das Studio. Aber ich liebe es und kann davon leben. Ich sehe Länder, die ich, wenn ich Lehrer wäre, nie sehen würde. Japan, Australien. Fantastisch.

DEBUG: Fährst du auch mal in den Urlaub?

CHRIS: Vor einem Jahr zum letzten Mal. Zu meinem 30. Geburtstag bin ich mit meiner Freundin nach Sardinien geflogen. Wundervoll war das. Gutes Essen, Sonne und nichts tun. Ich habe ungefähr zehn Bücher gelesen, obwohl ich die falschen mitgenommen hatte: nur deprimierendes Zeug. Da saß ich also auf dieser schönen Insel und las Sachen wie ”Die Akte Kissinger“. Etwas Leichteres wäre besser gewesen. Ich komme ja nicht oft dazu, Urlaub zu machen.

DEBUG: Als Lehrer wäre das anders.

CHRIS: Ja, klar, aber wer will schon in dem maroden Bildungssystem arbeiten. Viele verlassen die Schule und können nicht mal richtig buchstabieren. Auch die Lehrer sind irgendwie teilnahmslos, haben keine Lust. Mir ist es fast peinlich, dass ich das beinahe geworden wäre.

DEBUG: Da liegen Welten zwischen: soziales Engagement gegen egozentrischen Hedonismus.

CHRIS: Für viele ist Musik lediglich Selbstausdruck. Ich finde, dass ich dabei auch Verantwortung übernehme, eine, die man nicht leicht nehmen sollte. Ich bin verantwortlich für den heiligen Samstagabend der Leute. Irgendwie warte ich aber auf den Tag, an dem jemand zu mir kommt und sagt: ”Eh Mann, du bist zu alt, vergiss es. Mein Freund hier, der ist 19, der kann das viel besser.“ Es wird passieren, ich weiß es. (lacht vergnügt)

DEBUG: Wie schrecklich.

CHRIS: Ja, es ist ein young-men’s-game, wie Fußball. Mit fünfundzwanzig ist es vorbei. Bei mir ist aber noch etwas Leben drin. Für mich ist es eine Verantwortung: Die Leute bezahlen, sie wollen ein paar Stunden Spaß haben, tanzen und ihre Probleme vergessen. Und ich helfe ihnen dabei. In Spanien ist es am besten. Dort herrscht eine unvoreingenommene Party-Mentalität. Ein ganz einfacher Austausch ist das.

DEBUG: Und wie steht’s mit Ibiza als Mekka der englischen DJs?

CHRIS: Bin nie dort gewesen. Ich habe jedes Mal, wenn ich eingeladen wurde, abgelehnt. Dort ist es wie in England, nur dass die schlimmsten Elemente da sind. All diese Idioten an einem schönen Ort. Warum würde man sich das ansehen wollen?

DEBUG: Sie haben doch auch nur Spaß und wollen ihre Probleme vergessen.

CHRIS: Das ist auch in Ordnung. Das Problem ist, dass sie dafür einen schönen Ort zerstört haben. (lacht herzhaft) Eskapismus ist ja eine wundervolle Sache, so lange man damit niemandem anders weh tut. Damals war Ibiza wichtig, jetzt ist es ein Disneyland. Viel moderne Tanzmusik ist Einweg-Musik, so ist es einfach. Ich probiere immer, Platten zu finden, die Persönlichkeit haben, die lebendig sind, irgendwie individuell.

DEBUG: Als DJ?

CHRIS: Ich probiere es, ja. Ist das denn nicht rübergekommen?

DEBUG: Ähm, für mich nicht so. Sehr bombastisch und einheitlich war es. Da siehst du, wie individuell das ist.

CHRIS: (lacht) Ja, und jemand anderes würde sagen: Hey man, dieses deutsche Minimal-Zeugs ist zwar ganz nett, aber da passiert einfach nicht genug.

DEBUG: Ja, genau.

CHRIS: Ach, einfach nicht so viel drüber nachdenken.

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Elektronische Lebensaspekte.

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