Tobias Thomas, Anfang der 90er aus dem Badischen in die große Stadt am Rhein aufgebrochen, ist nicht nur Redakteur der ”Spex”, für immer sweeter Produzent und DJ-Kompanion von Michael Mayer und Superpitcher im Kölner Raveschuppen Studio 672, sondern angeblich auch Bayern München Fan. Auf Kompakt ist gerade sein neues Mixalbum ”Smallville” erschienen. Für Debug Anlass genug, mal genauer nachzufragen.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 73

Ein Mann, ein Wir

Debug: Nach ”Für Dich” (1999) hast du nun mit ”Smallville” dein zweites Mix-Album auf Kompakt herausgebracht. Auf den ersten Blick scheint ”Smallville” weniger persönlich ausgefallen zu sein. Kein Blumfeld-Intro, statt persönlicher Widmung auf dem Cover ”Für Roque Santa Cruz und Yves Saint Laurent” (was vielleicht sehr viel persönlicher ist?).
Tobias Thomas: Ohne den “persönlichen” Aspekt kommt bei mir nichts aus. Bei “Für Dich” stand das “Persönliche” selbst im Mittelpunkt des Konzepts, bei “Smallville” ist das Konzept ein anderes, aber auch ein “persönliches”. “Für Dich” hatte eine Behauptung aufgestellt: Ein DJ-Mix ist kein geschlossener Raum, sondern eine offene und zielgerichtete Erzählung. Der DJ-Mix spricht für sich für dich, das Verhältnis zwischen DJ und Publikum ist ein kommunikatives, der ganze Akt ein komplexes Gespräch. Und dies erlaubt dem DJ, “persönlich” zu werden. Ich erinnere da immer wieder gerne an Larry Levan, der es verstand, sich mit Freunden auf der Tanzfläche zu “unterhalten”, indem er sie ganz direkt durch eine ganz bestimmte Auswahl von Songs, Accapellas, Bedeutungsfragmenten ansprach. Diesmal ging es mir, relativ abstrakt, um ein soziales System: das der “Smallville”, der Kleinstadt. Was erstmal auch mit meiner Herkunft, meinen Prägungen zu tun hat, aber auch mit meiner aktuellen Arbeit. Die beiden von dir erwähnten Widmungen haben mit alldem eine Menge zu tun, aber das ist tatsächlich sehr persönlich.
Debug: Obwohl deine beiden Mixalben im Studio 672 aufgenommen worden sind, gehorcht ”Smallville” sehr viel stärker dem Rave-Prinzip: nach ruhigem Anfang am Ende das Feuerwerk. Soll ”Smallville” möglichst nahe an der Cluberfahrung liegen?
Tobias Thomas: Schön wäre es, wenn das gängige “Rave-Prinzip” überall so interpretiert würde. “Smallville” sollte auf jeden Fall körperlicher werden, weil mich diese zarte, minimale und verhuschte Ästhetik, die man gerne mit dem “Kölner Sound” verbindet, ein wenig gestört hat. Ich wollte mehr Vehemenz, die trotzdem deep und sexy ist, zwar Andeutungen von Hysterie und Rumgebratze hat, die aber ohne zuviel stumpfe Härte warm und strukturiert bleibt und Reste von Freundlichkeit aufweist. Ursprünglich sollte es noch viel mehr rocken, als der Mix es nun tatsächlich tut. Weil ich “Für Dich” für mich selbst auch in dieser “Unschuld” eh nicht mehr toppen konnte. Aber “Rocken” als Konzept war mir dann auch zu dürftig, dann kann man ja auch gleich in den Club gehen. Die Dramaturgie, die auch “Für Dich” schon innewohnte, dieses Verkürzen einer Nacht auf knapp 70 Minuten, das ist immer mitgedacht. Aufgenommen ist das übrigens ohne Publikum, aber auch (fast) ohne Nachbearbeitung.
Debug: Apropos Forever Sweet: Es halten sich nicht nur in Berlin hartnäckige Gerüchte, ihr produziert wieder ein neues Album?
Tobias Thomas: Ich finde es zutiefst bemerkenswert und schön, dass Forever Sweet, einst ja wirklich als eine Art elektronische Popband gedacht, immer noch, getreu gewissen Pop-Strategien, als Phantom herumgeistert, über das gesprochen, gerätselt und gerüchtet wird. Nun ist viel Wasser den Rhein heruntergeflossen und Reinhard Voigt, Michael Mayer und ich sind keine postpubertären WG-Jungs mehr, sondern drei recht erwachsene, recht professionelle Menschen geworden, die sich vorstellen können, wieder gemeinsam Musik zu machen. Nicht mehr, nicht weniger.

Total Confusion mit Justin Timberlake

Debug: Im Gegensatz zu Michael Mayer hast du nach Forever Sweet und einigen Stücken für die Kreisel 99-Serie nur noch Remixe produziert. Haben dich eigene Produktionen nicht mehr gereizt oder wolltest du dich eher auf dein Journalisten-Dasein bei der Spex konzentrieren?
Tobias Thomas: Ich habe relativ früh die Entscheidung getroffen, dass ich kein Produzent bin. Natürlich reizt mich das Musikmachen und ich freue mich, wenn Stücke, an denen ich aktiv beteiligt war, eine gewisse Wertschätzung bei DJs und Tänzern erreichen. Aber ich kenne mich gut genug, um zu merken, dass mir zwei Plattenspieler und Microsoft Word näher stehen als Midi-Kreisläufe und Plug Ins.
Debug: Als Journalist stehst du nach wie vor für einen ”anderen Blick” und ein Schreiben jenseits von journalistischer Promotextverdopplung oder total verkopfter Musiksoziologie. Sollte Musikjournalismus wieder mit mehr kontroversem Meinungsjournalismus betrieben werden und weniger Fanzine-Attitüde, die keinem mehr weh tun will? Ich denke vor allem an deine Justin Timberlake-Coverstory in der ”Spex”, die meinen Freundeskreis bis heute spaltet.
Tobias Thomas: Der “andere Blick” wird ja gerne gefordert, wenn man ihn aber einnimmt, erzeugt er auch oft Unverständnis. Gleiches gilt für “Kritik”: Es wird immer verlangt, “seid doch mal was kritischer!”, in zweiter Linie heißt das aber, “bitte nicht dann, wenn es um meine Band geht”. “Meinungsjournalismus” ist ein schwieriges Wort, – eine Meinung ist etwas ziemlich Weiches, lieber sind mir da schon Überzeugungen, die ich auch über Jahre, dementsprechend modifiziert, an einem Magazin oder einem bestimmten Autor, ablesen kann. Wichtig ist mir, dass in einem Text eine persönliche Idee, eine zweite Ebene, auch etwas Unverwechselbares, das auf den Autor verweist, ohne dabei narzisstisch zu sein, auszumachen ist. Meine “Meinung” zu Justin Timberlake ist nicht so wichtig, eher die Art, in der ich darüber schreibe. Man kann den Typ ja scheiße finden, aber muss vielleicht zugeben, dass der Text über das Subjekt hinaus Dinge anspricht, die es wert sind, angesprochen zu werden. Und ganz generell: Wer Justin Timberlake ignoriert, der sollte vielleicht nicht unbedingt ein “Magazin für Popkultur” machen. Schließlich haben dann auch ungefähr zwanzig, durchaus ernst zu nehmende Magazine nach uns den Kleinen aufs Cover genommen. Ganz so exotisch war unsere Einschätzung demnach nicht.

Rave Politics am Rhein

Debug: Sowenig Berlin einen übergreifenden Sound mit Wiedererkennungswert hervorgebracht hat, mit dem man sich auch gern identifizieren möchte (”Electropunk” winkt da z.B. im Angebot, huh), so sehr wird an Köln die Identifikationserwartung herangetragen, sich doch zu seinem ”Sound of Cologne” zu bekennen. Gleichzeitig steht Kompakt nun mit seinen auswuchernden Sublabels, neuem, schickem Plattenladen und quasi geschmacksmonopolistischem Vertrieb an der Schwelle vom interessierten Fachhandel zur ”Firma als Gesamtkunstwerk” (Wolfgang Voigt).
Tobias Thomas: Über Kompakt ist, glaube ich, erstmal alles gesagt. Ein paar große Geschichten in der Presse sind schön, aber der Tänzer, der im Club über den Teller linst und sieht ”aha, von Kompakt” ist viel wichtiger. Kompakt ist eben jetzt Bayern München. Viel geliebt und viel gehasst. Um solche Zuschreibungen und Erwartungshaltungen zu unterlaufen, ist unsere Art aufzulegen oft ja das beste und charmanteste Mittel. Desweiteren denke ich, dass mit der Marke “Sound Of Cologne” immer auch eine bestimmte Haltung, ein nicht-musikalischer Stil verbunden war, der weit über “minimal” etc. hinausgeht. Ich denke, viele Veranstalter laden “die Kölner” nicht ein, um die ganze Nacht trockene Snares zu hören, sondern weil sie diese bestimmte Art, Clubkultur und Sozialpolitik zu betreiben, interessant finden und das darin enthaltene Kommunikationsangebot gerne annehmen.
Debug: Die vorhandene oder fehlende Verbindung von Musik und Politik ist ein gern diskutiertes Thema. Fühlst du dich in deinem Tun von einer politischen Einstellung beeinflusst? Wie z.B. findest du so ein Konzept wie das des Hamburger Labels ”Dial”: mit linker Gesinnung und minimaler Ästhetik zu wunderschöner Musik? Oder beispielsweise der (ehemalige) Berliner Club ”Ostgut”, der einen Teil seines legendären Rufs der gemeinsamen Party von sexuell verschieden denkenden Menschen verdankt. Sind Party, Sex und Liebe schon politisch, wenn sie sich im halböffentlichen Raum des Clubs inszenieren? Kann eine Party politisch sein?
Tobias Thomas: Ich wünschte, es gäbe ein Wort, das “Politik” ersetzen und nur annähernd beschreiben würde, was das ist, was man da tut. Was Dial konzeptionell macht, ist ja etwas Ähnliches wie das von mir Beschriebene: einem an sich erstmal relativ leeren Zeichen, einem Mix, einem Label, einer Platte etwas mit auf den Weg geben, wodurch Anschlüsse über das hinaus, was die ästhetische Ebene alleine leisten kann, möglich werden. Das sind dann meist relativ feine Pop-Zeichen, weniger große politische Gesten. Aber sie sind da, diese Zeichen, und sie werden auch gelesen und kommuniziert, und das ist besser, als sie wegzulassen. Wenn das Ostgut ganz bewusst einen Raum anbietet, in dem Sexualitäten verschwimmen sollen (wobei das meiner Beobachtung nach auch da seine Grenzen hatte, aber immerhin …), dann ist das für mich eine große soziale und (sub)kulturelle Leistung, die etwas ermöglicht, woran reale “Politik” gemeinhin scheitert. Wenn Politik zu betreiben jedes zielgerichtete Verhalten meint, so macht man sicher andauernd und ganz bewusst Politik, auch politische Partys, aber eben immer in den allerkleinsten Subnischen von Politik, mit den Vorsilben Mikro-, Sozial-, Kultur-, Sexual-, etc. Aber all das wird ja auch, nicht zuletzt von mir, ganz schön überstrapaziert.
Debug: Deine Sets im Studio 672 fallen vor allem dadurch auf, dass du gegen Ende keine Angst vor Mainstreamhits hast. Auf den Insiderremix vom Spartenlabel folgt gern auch Madonna, New Order oder Pet Shop Boys. Kölsches Partyprimat oder queeres Antipuristenstatement?
Tobias Thomas: Angst hat man immer. Unsere Reihe – und auch unsere generelle DJ-Philosophie bei externen Gastspielen – heißt “Total Confusion”, und das beinhaltet eben auch, mit sinnstiftenden Kontrasten zu arbeiten, mit verschiedenen Styles zu jonglieren, ohne aber “konfus” zu werden im Sinne des Privatparty-DJs oder eines ”Achtziger Landdisco für jeden etwas”-Eklektizismus. Das hat schon immer eine Linie und eine Idee. Wenn man ein tolles neues “Mainstream”-Stück hört, überlegt man sofort, wie und in welcher Version man das irgendwo in die elektronische Tanzmusik einbauen könnte, weil es da ja auch hingehört. Zum Schluss eines Abends ist das leichter, weil dann die Ohren und Poren des Publikums im besten Fall weiter und weicher sind als vorher. Puristen waren wir ohnehin nie, dass muss man nicht extra mit musikalischen Statements untermauern, Richie Hawtin und Black Box haben sich bei uns immer schon bestens miteinander vertragen. Die von dir angesprochenen Beispiele tragen natürlich auch musikgeschichtliche Bedeutungen mit sich herum, auf die wir immer wieder gerne hinweisen. Und letztlich geht es auch um Schönheit, um etwas Lichtes. Was nehme ich am Ende mit in den Morgen, nach den ganzen Tools und Tunes? Lieber einen Song oder noch ein überhitztes Bassdrumgewitter?

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Elektronische Lebensaspekte.