Text: felix denk aus De:Bug 35

/house Was vom Strande übrigbleibt Isolée Konsenstrack! Ein Urteil, das ähnlich sexy klingt wie “Bausparvertrag!”. Den kennt auch jeder, viele haben ihn und trotzdem ist er nicht identitätsstiftend (vermutlich). Zumindest nicht wirklich. Im Prinzip muss das, worauf sich alle einigen können, glatt sein, so dass sich niemand verschlucken kann, allerdings distinktiv genug, damit es Wiedererkennungswert besitzt. Ästhetisch gesehen also der klassische Kompromiss. Rezeptionsfazit: ein gepresstes Stück Langeweile! Eigentlich muss der Konsenstrack also der natürliche Feind sein, wenn es um Distiktion, Verfeinerung oder zumindest Nischen- und Expertentum geht. Eine gewisse Einsamkeit Ð jedem seinen Beat statt “one nation under one groove” – nimmt man doch im Pantheon der Geschmackselite gerne in Kauf. Will man das also, eine Platte, die jedem gefällt? Fühlt man sich auf den Schlips getreten, wenn die Lieblingsscheibe plötzlich im Radio läuft? Muss ich in so einem Fall meinen UR Kapuzenpulli hergeben? Nein, muss nicht, wie uns das Beispiel “Isolée” lehrt. Dessen Track “Beau Mot Plage” fanden alle gut. Alle sind in diesem Fall aber nicht 1000 Maxikäufer von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen (die auch), vor allem aber alle von Stockholm bis New York, via London und auch sonst überall. Die Classic Lizensierung inklusive Remixen spielte da mit rein, Remixe von Joe Claussel und Jerome Sydenham sind angekündigt. Sogar die Englische Bravo – “Mixmag” – fand das gut. So gut, um genau zu sein, dass sie “Beau Mot Plage” in den grau unterlegten Konsumimperativ-Kasten Five to Buy aufnahmen, und Ð nur zum Vergleich – einen Punkt mehr als für “King of my Castle” vergaben. In der nächsten Ausgabe war Isolee dann unter den 10 Producers for Tomorrow aufgeführt. Allerdings nur an 10. Stelle. Wir fordern: Gerechtigkeit für Rajko Müller!!! COVER ENDE Ein Lob von der falschen Seite ist nicht unbedingt eine affirmative Erfahrung. Wenn Mixmag also plötzlich Isolée gut findet, dann ist das zwar überraschend, braucht Rajko Müller aber nicht zu kümmern. Er hat ja nichts falsch gemacht. Im Gegenteil. Er hat ein wundervolles Stück produziert, das auf wundersame Weise Leute an den selben Strand brachte, die normalerweise nicht mal im selben Ozean baden gehen würden. Dass “Beau Mot Plage” konsensfähig wurde, ist in der Rezeption entstanden und wurde nicht in den Track eingebaut, und nur, weil am Strand auch mal die Sonne scheint, ist das keine Referenz an “The Sun is Shining”. Vermutlich ist Rajko Müller über den Erfolg von “Beau Mot Plage” am meisten überrascht: ”Ich war natürlich sehr zufrieden mit dem Stück, weil ich es sehr gelungen fand. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass es so im Club funktioniert. Weil es doch ungewöhnlich ist, von der Struktur nicht so gerade und auch kein so Housestomper, dass ausgerechnet das eines von den clubbigsten Stücken geworden ist. Das hat mich erstaunt, aber auch gefreut. Gerade dass etwas, das doch ein bisschen anders war, da so gut lief.” Dass “Beau Mot Plage” plötzlich in einer Liga spielt, wo man Tracks lieber mit Schlüsselreizen aufbrezelt, um auch ja die Zielgruppe komplett und mit allen Randausläufern zu erfassen, ist schon lustig, eben weil Rajko Müller um jede Form von Eindeutigkeit einen möglichst grossen Bogen macht: “Ich möchte, dass immer alle Bedeutungsebenen – auch wenn ich sie vielleicht nicht bewusst gedacht habe – bei der Auswahl erhalten bleiben.” Bloss nicht dem Hörer auf die Ohren treten, heisst da die Devise. Suggestion, das zarte Pflänzchen, muss gehegt werden und darf nicht durch auktoriale Interpretationshoheit zertrampelt werden. Bei Isolée ist der Kunde König, vielleicht auch King in seinem Castle. Text vs. Textur Jüngster Beweis hierfür ist sein Album “Rest”, das dieser Tage erscheint. Konfusion am Plattenladentresen ist vorprogrammiert: Denn Rajko Müller wäre nicht er selbst, würde er uns Ð möglicherweise mit phonetischen Hieroglyphen – zu verstehen geben, ob der Titel nun Deutsch, Englisch oder Französisch auszusprechen ist, was den möglichen Bedeutungsumfang deutlich anwachsen lässt. Text ist allerdings bei Isolée eher von ästhetischer, denn inhaltlicher Qualität. Also eigentlich eher Textur. Die Stimme soll die Atmosphäre beherrschen, weniger den Inhalt vorgeben, was auch ein Argument für die meist französischen Vocals ist. Ein anderes Beispiel ist “I Owe You”, die erste Auskopplung aus Rest, die auch nicht direkt etwas mit Arthur Bakers gleichnamigen Stück zu tun hat. Als Referenz funktioniert der Titel dann doch: “Eine Inspiration war es schon, da ich popsozialisiert bin und Überreste davon immer mal wieder aufscheinen.” Der ÜberRest Popsozialisierung ist auf “Rest” nicht zu überhören. Der Rhythmus, ohnehin bei Isolée mit der Tendenz zur Holprigkeit, ist noch stolperiger, vor allem auch breakiger, elektroid, aber wenn schon mit EBM im Hinterkopf, nicht Hiphop. Oft wird eher der Faden der 7″ auf Hal 9000 weitergesponnen als die eher im Housekontext anzusiedelnden 12″ auf Playhouse, wobei auch hier die Gemeinsamkeit die Unterschiedlichkeit der einzelnen Veröffentlichungen war. Auch der Umgang mit Harmonien ist nicht aus dem luftleeren Raum gegriffen. Zwar lässt sich erahnen, dass die 80er Jahre Soundästhetik da Pate stand, allzu klare Referenzen werden aber nicht preisgegeben. Dann schon lieber Dissonanzen: “Music …”, eines der beiden B Seiten Stücke, wirkt wie ein Hit, der keiner werden durfte, weil Rajko es sich anders überlegt hat. Die Streicher zu Beginn rutschen vom Hymnenhaften ins Alptraumartige und lassen den Vokalpart “Music keeps me alive” von einer Liebeserklärung an die Musik zu einer Schicksalsgemeinschaft mutieren. Auch der Junkie liebt sein Heroin. Der frankophile Frankfurter zur Weiterentwicklung seiner Soundästhetik: ”Ich möchte keine vorhersehbare Platte machen. Eher schon eine, die im Nachhinein Sinn macht. Dadurch, dass ‘Beau Mot Plage’ so erfolgreich war, hat sich für mich Druck aufgebaut. Das war die Messlatte, und alles was ich danach mache, wird daran gemessen. Dann eher schon einen richtigen Break. Natürlich schon noch immer Isolee und Playhouse, nichts neu erfinden. Bei “I O U” ging es schon darum, sich ein Stück von “Beau Mot Plage” zu emanzipieren. Von der Erwartungshaltung, die man bei den Leuten spürt, die meinen, dass man vielleicht nochmal so ein Stück macht wie ‘Beau Mot Plage’. Da wollte ich gleich einen Strich ziehen. Deshalb war ich ein Stück weit befriedigt bei der Reaktion, dass sich manche Leute zum Teil erstmal schwer damit getan haben.” Das liegt vielleicht auch daran, dass auf “Rest” weniger Housestrukturen verwendet wurden als auf den bisherigen Isolee Produktionen. Wobei Rajko Müller das mit dem House nicht so eng sieht: “Ich begreife mich nicht als Vertreter von House. Es ist schon eher ein Bezugspunkt.” Wie Rajko Müller es elegant-eliptisch ausdrückt. Ein Bezugspunkt, der allerdings bei früheren Produktionen an prominenterer Stelle zu finden war, oder? “Ja sicher, weil es ja auch Maxis sind. Im Prinzip sind das die Spielregeln, die ich einhalten muss. Und ich versuche mir da Freiheiten zu schaffen. Natürlich kann ich mich auf dem Album dann völlig davon loslösen. Ich finde das persönlich besser, da ich ja auch kein Dj bin und eigentlich eher die Position des Musikhörers habe und es lieber mag, wenn man eine Platte auch zuhause hören kann, als wenn das so reine DJ Tools sind.” Put da Needle on the Leinwand Was strukturell noch Funktionskriterien unterliegt, hat mit Club als Bezugspunkt nicht mehr so viel zu tun, wobei er nicht ausgeschlossen wird. Vielleicht dann schon eher Club, wie Rajko Müller ihn im Kopf hat: “Es ist meine eigene Vision von Musik, die ich im Club gerne hören möchte. Track hat was von unvollendet, bzw. kann noch ergänzt werden, und ich will schon was vollendet machen. Aber ich stelle mir das schon im Club vor. Allerdings “Club” als eine Möglichkeit, wo ein Publikum das wahrnehmen kann. Das gilt zumindest für die Maxis, für das Album weniger. Mein Verhältnis zum Club hat sich verändert, ich gehe da oft noch hin, aber er hat nicht mehr so die Wichtigkeit.” Vielleicht ist auch das ein Grund, warum es bisher keinen Live Act Isolee gibt, obwohl Rajko Müller auch daran arbeitet: ”Es wird vermutlich kommen. Ich werde mich der Realität stellen. Eigentlich hat aber der Live Act keinen Platz in meinem Produktionsablauf. Ich mache Musik, um sie auf den Tonträger zu bringen. Das ist der Weg, und dazwischen ist eigentlich kein Platz. Da ich auf den Platten oft mit relativ simplen Mitteln arbeite, befürchte ich, dass das, was man darstellt, entwertet würde, wenn man sieht, wie es hergestellt wird. Grundsätzlich hat jeder die Möglichkeit, in die Musik hineinzuprojizieren, was er will. In dem Moment, wo man auf der Bühne steht, denke ich, dass die Leute erwarten, dass man etwas visualisiert. Damit ist die Chance genommen, dass jeder seine eigenen Gedanken in die Musik einbringt. Und das ist ja das, womit man beim Musikmachen spielt, dass man da so kleine Sachen einbaut, die dann verschieden gedeutet werden können. Ich untergrabe also meine eigenen Absichten. Ganz konsequent gedacht, ist das eigentlich mehr was für eine Band. Bei der ist der Tonträger der Ersatz für den Live Act. Bei der Elektronik ist das dagegen umgedreht und deshalb irgendwie absurd. Das geht soweit, dass das, was elektronische Musik eigentlich ausmacht, nämlich dass sie programmiert ist, wieder rückgängig gemacht wird. So dass da jemand eine Elektro Bassline mit der Hand zu spielen versucht.”

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Elektronische Lebensaspekte.