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Text: felix denk aus De:Bug 32

Portier im eigenen Hotel Mathias Schaffhäuser Schon seine erste Plattenveröffentlichung von 1994 sorgte für einigen Wirbel, erschien sie doch auf John Aquavivas Label Definitive, was ja nun wirklich kein schlechter Einstand ist, vor allem, wenn man im Auge behält, dass das ja 1994 war, als die Houseszene in Deutschland noch in ihren Kinderschuhen steckte und der heisse Scheiss sowieso nur auf Importmaxis aus Amerika zu bekommen war. Wie gesagt, Wild Pitch rulte und schoolte, die angesagten Labels wie Strictly Rhythm machten 90% ihres Umsatzes in Europa, und man hatte den Eindruck, dass es gar nicht möglich sei, auf eine Houseparty zu gehen, auf der nicht gerade George Morel auflegte. Aber wie das so ist, die Zeiten ändern sich, die erdrückende Dominanz der US-Produktionen verminderte sich, teils aus einem Qualitätseinbruch und einer Übersättigung, aber auch weil jeder Vorstadtproll aus New Jersey, der eine Platte umdrehen konnte, ähnliche Gagenvorstellungen hatte wie DJ Pierre. Kurz und gut, die Weichen standen auf Neuorientierung. Zwar erschien noch eine zweite Maxi von Mathias Schaffhäuser auf Definitive, allerdings erst 1996, nachdem das Dat ein Jahr lang im Definitive Office in Toronto herumlag und man vor lauter selektieren und remixen es verschlief, die Tracks auch zu veröffentlichen. ãDie kam einfach ein Jahr zu spätÒ resümiert Mathias Schaffhäuser heute. Überhaupt war er zu dieser Zeit mit dem Kopf schon wo anders. Schliesslich war das Geschehen vor der eigenen Haustüre um einiges spannender als das, was so ins Importfach der Plattenläden trudelte. Studio 1, mal als pars pro toto für die ganze, sich gerade entwickelnde Kölner Schule genommen, zeigte neue Wege und Strukturen, die bei so manchem eine Veränderung und vor allem Sensibilisierung der Hörgewohnheiten mit sich brachte. Jetzt mal weniger Minimalismus hiess also das neue Credo und Mathias Schaffhäuser liess sich gerne davon anstecken. Und da er weder auf Klinkenputzen noch auf die ganzen organisatorischen Verzögerungsprozesse Lust hatte, die die Zusammenarbeit mit anderen Labels so mit sich bringt, beschloss Mathias Schaffhäuser, als Formic Distribution an den Start ging, auf den Zug mitaufzuspringen und mit Ware Records sein eigenes Label zu gründen. ãDas mit Ware gemacht zu haben, hat sich als absolut richtig und in jeder Hinsicht gut erwiesen. Output und Album, das Auflegen…alles hat sich dadurch entwickelt, dass es mit Ware eine Plattform gab und damit eine Kontinuität, die mit anderen Labeln sehr schwer herzustellen gewesen wäre.Ò Mittlerweile ein Houselabel, an dem man nicht mehr vorbeikommt, featured Ware auch befreundete Produzenten, wie zum Beispiel auf der Warenkorb Compilation, die im Februar mit Tracks von den Kitbuilders, Iven Schmid (der auch für die Ware 8 verantwortlich ist), Salz, Decomposed Subsonic und einem Reinhard Voigt Mix von Loom Service (Ware 4) in die zweite Runde geht. Im grossen Stil soll die Akquirierung neuer Artists für Ware allerdings nicht betrieben werden, wie Mathias Schaffhäuser anmerkt:ãIch möchte das nicht total zu einem Label ausweiten, das wahnsinnig viele Künstler hat, weil ich in erster Linie Musik machen will. Das ist ja auch nicht der Sinn der Sache, man hat irgendwann mal die normalbürgerliche Existenz aufgegeben, um was anderes zu machen, und plötzlich schreibt man die ganze Zeit nur Rechnungen.Ò Das geht natürlich am Ziel vorbei, auch wenn es immer noch um Klassen besser ist, als die ganze Zeit Rechnungen bezahlen zu müssen. Dass Mathias Schaffhäuser glücklicherweise auch dann und wann die Zeit findet, den Schreibtisch zu verlassen um sich der Muse, bzw. Musik zu widmen, dokumentiert Lido Hotel. Dies ist Mathias Schaffhäusers erstes Album, das Mitte Februar auf dem Force Inc. Houseableger Force Tracks erscheinen wird. Ein Hotel nach Mass Lido Hotel, der Name lässt bereits vermuten, was sich beim Hören bestätigt, ist ein gastlicher Ort, der zum längeren verweilen einlädt. Denn hier findet man garantiert neue Freunde, aber auch der ein oder andere alte Bekannte läuft einem über den Weg. Die alten Bekannten, Tracks wie Loom Service, Kurz und Gut oder Desire, die bereits auf Ware erschienen, wurden allesamt neu editiert und auf den Homelisteninggebrauch zugeschnitten. Von Desire beispielsweise fanden Regina und Günther Janssen aka Donna Regina ein Tape im Briefkasten mit der Bitte, es doch zu überarbeiten. Also fügten sie eine Gesangsspur begleitet von einer Slidegitarre hinzu. Selbstredend lässt sich das Ergebnis gut hören. Aber auch der erste Track von Lido Hotel, das düstere, klaustrophobe Nice to Meet You, dessen uhrwerkartige Präzision sicherlich vielen noch von der Blaou 4 in Erinnerung ist, wird durch eine sonderbar direkte, irgendwie luftige Gesangeslinie durchbrochen, so dass das Stück einen komplett neuen, songhaften Charakter erhält. Ein ähnlicher Kunstgriff gelingt bei dem Track Zeit rinnt, zu dem Antye Greie-Fuchs, die Sängerin von Laub, die Vocals beisteuert, was im Zusammenspiel mit den zurückgenommenen Beats eine ungewöhnliche Mischung aus den Komponenten Elektronik, Chanson und Pop ergibt. Damit der Eindruck nicht täuscht: Natürlich ist Lido Hotel kein Popalbum, und es befinden sich darauf auch nur drei Vokaltracks. Vielseitigkeit ist eine Tugend und kein Makel, und was sich auf seinen Maxis schon angedeutet hat, bestätigt sich auf dem Album, nämlich dass Mathias Schaffhäuser einer der Houseproduzenten ist, die nebenbei auch noch über grosse Songwriterqualitäten verfügen. So gesehen ist Lido Hotel mehr als ãnurÒ ein Housealbum. Das mag daran liegen, dass es stilistisch einen weiten Bogen schlägt – von Downbeat Stücken wie 6 Uhr Morgens und Desaster, Minimaltracks wie Prost oder Ach, das glauben sie ja selber nicht, die sofort auf den Punkt kommen, bis hin zu dem Breakbeattrack Lido Hotel. Die zentrale Leistung ist es allerdings, aus all diesen Zutaten ein Album zu formen, dass an keiner Stelle beliebig, zerfahren oder willkürlich ist. Eine gute Adresse, das Lido Hotel.

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Elektronische Lebensaspekte.