Der Berliner B-Boy Housemeister baut unermüdlich ein Universum aus Elektro-Puppen, Techno-Köpfen und Punk-Robotern. Und weil so ein Universum ganz schön unhandlich ist, klebt Housemeister seinen Partyschuppen ohne Baugenehmigung einfach mit Acid-Superkleber an die Fassade der alten Welt.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 107

TECHNO

HIRNLOSER OPTIMISMUS
HOUSEMEISTER MACHT ALARM

Housemeister ist ein hirnloser Optimist, der auch innerhalb der Fortschrittspartei als ganz schwerer Fall gilt. Hirnlos bezeichnet dabei wohlgemerkt kein Denkdefizit, sondern die Portion Irrationalität, die man braucht, um in ganz abgefuckten Situationen weder die Flinte ins Korn zu werfen, noch die Realität zu verdrängen, nur damit man Optimist bleiben kann.

Da braucht es eine gezielt eingesetzte Dosis Hirnlosigkeit, um Widersprüche im charmanten und gerne auch mal leicht anrüchigen Paradox aufzulösen. Und wie klingt so was 2006? Housemeisters Debut-Langspieler “Enlarge your Dose” kommt ein bisschen daher wie die gesammelten Haudrauf- und Ravehorn-Knaller der letzten Dekaden elektronischer Musik, aber ohne den Eskapismus, nach dem das erst mal riecht. Vielleicht auch einfach: das Gegenteil von Minimal, aber immer noch Techno genug, um atmosphärisch nicht zu zerfleddern. Definitiv durchgehend elektronische Anmutung, sogar im Bratzgitarren-Stück “We Need The Retro” mit der Happy-Mondays-Anmutung. Sommer der Liebe ´89, da war Housemeister gerade 11, hat das als Ostberliner Lümmel aber mit großer Wahrscheinlichkeit “Ölf” ausgesprochen. Dann gab es Englisch zum Russisch in der Schule, aber wer nicht völlig einen an der Waffel hatte, durfte sich ´90 in Berlin definitiv nicht mit Vokabellernen beschäftigen: Als hyperaktiver Lümmel in der Pubertät gehst du mit deinen Kumpels Mickey-Maus-Hefte klauen, und nach dem Durchlesen macht man rüber: “Bei den Grenzkontrollen sind wir immer mit unseren Fahrrädern hinter einer Familie durchgerutscht.” Comics auf der Straße des 17. Juni vercheckt und dafür Pommes mit Ketchup und Mayo klargemacht. Dann kam der Jugendclub “BBC” in Lichtenberg, wo Sascha Funke und Paul Kalkbrenner manchmal Techno aufgelegt haben – zwischen 18 und 24 Uhr. Und dann der “Walfisch”, erster Club, der um 6 Uhr morgens öffnete, wenn man es als Teenager denn hinbekam, sich Sonntagmorgen rauszuschleichen: wo die Älteren gerade aus dem Tresor kamen. Und dann das E-Werk. So schnell kann das gehen: Und schon hat der junge Mann Flausen im Kopf, schmeißt das solide Comic-Geschäft hin und fängt an, sein Universum zu bauen.

RAUCHEN VERBIETEN
Housemeister sitzt auf der Sofakante in seinem Wohnzimmer-Studio, vor dessen Fenstern die Frankfurter Allee so laut tönt, dass drin Diskolautstärke kein Problem darzustellen scheint. Housemeister sitzt auf der Sofakante, meistens auf dem Sprung, um eine Single aus den 60ern mit einem komischen Pitcheffekt vorzuspielen, einen Synthie-Sound zu demonstrieren oder eine Karl-Lagerfeld-Compilation rauszusuchen, auf der er mit einem Track vertreten ist. Housemeister raucht dabei permanent, genau wie auf seinen Kollagen, die prinzipiell so hergestellt werden: in guter Punk-Fanzine-Manier alle vorhandenen Köpfe auf einem Foto mit immer dem gleichen Housemeister-Kopf überkleben. Und dann noch ein paar Extra-Housemeister-Köpfe auf Hundekörper setzen quer über die Szenerie gestreut. Housemeister erklärt unterdessen fröhlich, dass er gerne raucht, aber jetzt sollten sie das schon verbieten in den Clubs: “Wie viele sinnlose Zigaretten man da raucht. Jedenfalls bin ich jetzt als Starkraucher für das Verbot. Habe das neulich in Glasgow gemerkt, dass das auch ohne geht. Ich habe ja schon alles durch, Nikotinpflaster, Akupunktur und so weiter. Wenn ich nicht mehr rauche, brauche ich wahrscheinlich so’n Gebetskettchen, so ein türkisches, habe ich schon drüber nachgedacht, aber wie sieht das denn aus? Ich bräuchte da so ‘ne modernisierte Version, keine mit braunen Holzkügelchen.” Widersprüche im charmanten Paradox auflösen eben, mit ordentlich Schmackes und manischer Energie. Man kann jedenfalls davon ausgehen, dass Housemeister jede sinnlose Club-Zigarette mit Elan raucht und dass er das genauso bis zu seiner wirklich letzten Kippe halten wird.

FLUGZEIG EINSCHALTEN
Heiteres Widersprüche-Bashing ist auch einer der Grundpfeiler des Housemeister-Universums, das einerseits völlig selbstbezogen und konsistent daherkommt, andererseits ständig offen für Neues ist: Hermeneutisch und unersättlich neugierig. Der hirnlose Optimist ist ein Getriebener mit einem riesigen Ego, aber kein Besserwisser, sehr höflich, wach und kein bisschen präpotent. Housemeister kann sich richtig schön uncool für neue oder gerade entdeckte Dinge begeistern, und das muss er auch teilen, weshalb er schon wieder von der Sofakante springt, um eine deutsche Punkplatte vorzuspielen. Wenn es um Musik geht, heißt Widersprüche auslösen: Warum sollte man sich mit schlechter Musik beschäftigen oder sich gar darüber aufregen, wenn es doch so viel Großartiges zu entdecken gibt, über das man sich einen Ast abfreuen kann? Diese Haltung erfordert natürlich eine prinzipiell unendliche Menge Energie, aber das stellt für Housemeister kein Problem dar: “Im Kindergarten und in der Grundschule durfte ich während der Mittagsruhe nicht dableiben, da musste mich meine Mutter immer abholen.” Kann man sich blendend vorstellen: Ein sechsjähriger Stepke mit Baseballcap, Sonnenbrille und Kippe im Mundwinkel, der alle anderen Kinder mit seiner Nervosität ansteckt – die ja nicht über seine Kopfstärke verfügen und deshalb durchdrehen. Heute nennt man das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und behandelt die betroffenen Kinder mit dem Amphetamin-Derivat Ritalin. Housemeister wurde damit glücklicherweise noch verschont, und mittlerweile hat er seinen unerträglich anstrengenden Aktionismus in einer Selbsttherapie kanalisiert und kultiviert: “Ich bin hyperaktiv und brauche Beschäftigung, muss immer was spielen. Mit meinen Maschinchen kann ich super spielen. Und wenn ich keine Musik mache, dann mache ich eben Grafik.” Angefangen hat Housemeister mit Aufklebern, die er immer gerne und prompt zu jedem neuen Anlass herstellt, wie die “On/Off”-Pickerl mit dem Lichtschalter drauf für sein gleichnamiges Projekt mit Fabian Feyerabendt. Die kann man wunderbar überall dahin kleben, wo es wirklich viele Schalter gibt, zum Beispiel unauffällig beim Einsteigen in Flugzeuge, da können sie schon mal ein paar Wochen kleben bleiben.

ENDE ENDE ENDE
“Apfel C, Apfel V ist großartig. Ich kenne die zehn wichtigsten Photoshop-Funktionen, Pickel wegretuschieren eher nicht, aber das reicht.” Warum er dabei immer seinen eigenen Kopf benutzt und sich damit selbst als Ikone einsetzt? Weil sein Ego so groß ist oder weil er über sich selbst lachen kann? “Beides. Ich mag den Trash-Effekt, immer wieder der gleiche Kopf …” Aber die beharrliche Nachfrage nach Intention und Folgen machen ihn “ganz wuschig”. Deshalb gibt man ja hyperaktiven Kindern heute Ritalin, weil sie sich dadurch besser auf eine Sache konzentrieren können. Housemeister löst das Problem, indem er pendelt, wieder von der Sofakante hochgesprungen, um die Musik-Software auf der Playstation-Portable vorzuführen. Gut, dass der Mann auch noch Perfektionist ist, aber mit der Energieversorgung hat er ja kein Problem: Sein Debüt-Album “Enlarge your Dose” auf Kid Alex’ Boysnoize-Label hat er “bestimmt hundertmal gehört, in allen möglichen Situationen, beim Fahrradfahren, zu Hause, auf schlechten Boxen und sogar auf einem Boot”. Das Ergebnis ist die Bändigung seines Ideenflohsacks zu einem konsistenten Album klassischen Zuschnitts, Intro mit Computerstimme und atmosphärischer Schlusstrack inklusive: “Früher war mein Ansatz: so krass wie möglich, so große Kontraste wie möglich, und trotzdem immer noch alles irgendwie fangen.” Inzwischen hat sich Housemeister etwas selbst gebändigt, was seinen Tracks gut tut, die zwar immer noch am Anschlag operieren, aber allzu offensichtliche Hysterie vermeiden: “‘Enlarge your dose’ kommt aus einer Spam-Mail: ‘Do you know, that russians and americans have more sex, than any nation in the world?’ Und wenn dir Sex an 365 Tagen im Jahr nicht reicht, dann sollst du einfach deine Dosis erhöhen. Höher, schneller, weiter … aber das ist natürlich auch geil. Ich finde, wir leben in spannenden Zeiten, ständig kommt neue, tolle Technik!” Housemeister ist eben ein hirnloser Optimist: Einfach die Dosis erhöhen und öfter mal mit dem Kopf wackeln!

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Elektronische Lebensaspekte.