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Text: oliver marchardt aus De:Bug 02

How to become a rebel

Über die Produktion von Subkultur.
Anmerkungen zu subversiven Techno-Theorien.

Oliver Marchart

GAME ONE: Use Mouse to click-on Revolution of choice

Sie waren nie ein Teil einer Rebellion? Sie haben nie durch riskantes Sprechen und Handeln ihren Arbeitsplatz, ihre Karriere und – z. B. auf einer verbotenen Demonstration ihre Gesundheit riskiert? Sie sind aber trotzdem an einem rebellischen Image interessiert? Kein Problem. Sie können z.B. “AktivistIn der Kunstszene” werden und dort einen kritischen Diskurs über die Möglichkeiten einer elektronischen Systemstörung eröffnen. Unter total subversiver Ausnutzung der “legitimierten Autorität des Kunstwerkes” können Sie ein avantgardistisches (also gesellschaftlich anerkanntes) “öffentliches Forum für Überlegungen zu einem Modell von Widerstand” schaffen. Auf diese Weise setzen Sie sich gleich an die Spitze der Revolution, was zudem den Vorteil hat, daß Sie ihren Widerstand auch beruflich nachgehen können. Einen Überblick über technikfetischistische und modernisierungsavantgardistische Subversions- und Guerilla->Strategien< im Zusammenhang mit den Neuen Medien.
GAME TWO: Future Rhythm

Die Medientheorie ist bekanntlich nicht gerade für ihr wissenschaftliches Ethos berühmt. So wie ein bestimmter Teil der Medienkunst im Verdacht stand, das Schöne (bzw. Bloß-Hübsche) in der Kunst rehabilitieren zu wollen, so hat sie sich über lange Jahre den Ruf erarbeitet, nicht mehr zu bieten als begriffliche Dekoration. Schlagworte wie Simulation, Fraktalität, Virtualität schmücken die Symposien und werden je nach Saison abgelöst durch Körper, Kontext, hybridity, reflexivity. Diese Art von Mickey-Mouse-Theorie gilt inzwischen als niedrigste Wissenschaft im post-modernen Theoriekanon, selbst in Top-Form selten heranreichend an auch nur durchschnittliche Texte des gegenwärtigen Feminismus, der Psychoanalyse, cultural studies, Filmtheorie etc. Medien-WissenschaftlerInnen ernähren sich ganz gut vom abgesunkenen Theoriegut anderer. Es stellt sich erstens also die Frage: Gibt es eine politische Theorie der Neuen Medien jenseits aller Kittlers oder Bolzens? Mediendeterminismus (1) läßt sich die Behauptung nennen, Medien seien einzige Ursache gesellschaftlicher Organisation und Veränderung, a lˆ “die Grenzen meiner Medien sind die Grenzen meiner Welt”. Für Sabeth Buchmann (von der Berliner Künstlerlnnen Gruppe “Minimal Club”) wird Technologie nach solchen deterministischen Theorien als Substanz, d.h. als ein eigenständiges Wesen mit Willen zum Fortschritt vorausgesetzt, wogegen sich politisch aufzulehnen sinnlos sei. Am Ende macht es keinen Unterschied, ob die sich daraus ergebenden Gegenwartsanalysen und Zukunftsprognosen pessimistisch (vgl. z. B. Baudrillard), optimistisch (vgl. z.B. Flusser, Weibel) oder zynisch neutral (vgl. z.B. Bolz) gemeint sind. Entscheidend ist vielmehr, daß die Konzepte von ÈKulturÇ, ÈGesellschaftÇ, ÈGeschichteÇ und ÈNaturÇ technikdeterministisch gedacht werden. Es stellt sich zweitens die Frage, was solchen Theorien entgegenzuhalten wäre. Bisher waren als Antwort zu diesem Technikdeterminismus (Beispiel: Kittlers ÈDie Schreibmaschine hat den Feminismus verursachtÇ-Theorie) hauptsächlich Subversions-, Guerilla- und Sabotagephantasien ins Feld gefühlt worden. Die einzige Alternative weit und breit schien eine Art life-style-techno Anarchismus (etwa um Semiotext/e in New York, Agentur Bilwet in Amsterdam und dem 121 Centre in London) mit einem gewissen deleuzeianischen Touch. Subversions- und Undergroundstrategien sind in letzter Zeit aber unter Beschuß gekommen. Im Anschluß an die deutsche Repolitisierungsdebatte erwies sich auch das Konzept Subkultur endgültig als problematisch. So schrieb etwa Günther Jacob in 17¡ Celsius: ÈPop-Subkultur ist heute ein Industrieprojekt. Die Underground-Mainstream-Dichotomie wird von der Kulturindustrie als unvernichtbares Identifikationsangebot gesponsort.Ç (2) Mit Subversion und Subkultur waren immer auch ÈStrategienÇ verbunden wie Störung, Avantgarde, Piraterie. Terrorismus, Guerilla, Hijacking und nicht zuletzt der Begriff Strategie selbst. Von der Infragestellung solcher Konzepte dürften auch sowohl Medientheorien, die auf subversive wisdom setzten, als auch Subversionstheorien, die auf die Neuen Medien setzten, betroffen sein. Schließlich hatte besonders Medientheorie – keiner weiß warum – immer einen subversiven radical chic (3). Ein paar Beispiele (Opponent Personal File Page):
das Konzept ÈDatendandyÇ von der (via Edition ID-Archiv bekannt gewordenen) Amsterdamer Agentur Bilwet, insbesondere von Geert Lovink. Für Bilwet löst der Datendandy den Cyberpunk ab. Er hat eine Art feudales Verhältnis zu den Daten, er sammelt Informationen, um damit zu prahlen und sich im Spiegel des Bildschirms offenbar in sich selbst zu verlieben. Ganz offensichtlich geht diese ÈStrategieÇ auf das Pop-Modell von Subversion zurück.
das Konzept ÈT.A.Z.Ç (Temporäre Autonome Zone) von Hakim Bey, alias Peter Lamborn Willson, dessen Buch ebenfalls in der Edition ID-Archiv erschien. Das hat etwas mit einer anarchistischen Nomadologie zu tun und wird bevorzugt von DeleuzeInnern rezipiert. Eine Ètemporäre au- tonome ZoneÇ öffnet sich – wie etwa das Internet – für einen Moment und gibt Piraten, Èontologischen TerroristenÇ, ÈKunstsaboteurenÇ und anderen Helden Beys die Gelegenheit, sich darin zu tummeln. Sobald sich die TAZ schließt, ziehen sie wieder weiter.
das von der Beute propagierte Konzept ÈElektronische StörungÇ und digital activism vom Critical Art Ensemble, einer Künstlergruppe, die innerhalb und außerhalb der elektronischen Medien tätig ist. Das CAE will im Rahmen des Kunstbetriebes ein ÈModell von WiderstandÇ etablieren: Das ÈVokabular des Widerstandes (kann) erweitert werden, indem die Mittel der elektronischen Störung einbezogen werden. Genauso wie die früher verankerte Macht durch Demonstrationen und Barrikaden getroffen werden konnte, muß die Macht, die sich selbst im elektronischen Feld verankert hat, mit elektronischem Widerstand ge- troffen werden.Ç (4)
das Konzept ÈTV- und Video-Guerilla< (Paper Tiger TV und unzählige andere). Mit der Verbreitung von Handycams hat sich massenhaft die Möglichkeit eröffnet, optisch ÈzurückzuschießenÇ. Der prominenteste Fall von Video Guerilla war wohl die Aufnahme der Polizeiübergriffe auf Rodney King. Das geht bis zu Versuchen, Gegen-lnformationsnetze, Nachrichtendienste oder einfach kritische community-TV aufzubauen.
GAME THREE: Digital Underground vs. Laclausche Hegemonietheorie

Solche partikularistischen bzw. individualistischen Konzepte erscheinen nun aus zumindest zwei Perspektiven ungenügend: aus der Sicht der Kulturindustriekritik und aus jener der Hegemonietheorie. Aus der Sicht der Kulturindustriekritik sind vor allem pop-kulturelle Subversionsstrategien entweder immer schon eine Branche des Marktes (sog. independent labels erfüllen Scout-Funktionen für die majors, etc.), was etwa die Position Günther Jacobs ist: ÈEs gibt heute keine kulturelle Opposition zur Kulturindustrie mehr, die nicht selbst bereits Teil der Kulturindustrie wäre.Ç Oder jeder subkulturelle Widerstand wird früher oder später vom Kapital ÈvereinnahmtÇ bzw. ÈreterritorialisiertÇ, wie das bei Deleuze und Guattari heißt. Eine Position, die etwa auch Katja Diefenbach vertritt: ÈRadio-Piratinnen, Techno-DJs, Hacker usw. sind subkulturelle Beispiele für die Aneignung und Umfunktionierung von technischen Maschinen. Aber solange sie in der subkulturellen Nische marginalisiert sind, bieten sie keine Perspektive der gesellschaftlichen Veränderung und müssen vollkommen kapitulieren vor der Potenz des weltweiten KapitalismusÇ (5). Offenbar stellt sich die Frage, ob solche Störungskonzepte hegemoniefähig sind. Eher sieht es so aus, als könnten hit and run -Strategien (Terrorismus, Sabotage, Guerilla, Avantgarde) die zur Hegemonie notwendige Fixierungsleistung von Bedeutung eben nicht bringen, denn unter normalen Umständen ist keine Äquivalenzierung mit anderen Forderungen möglich. Was heißt das ?

GAME FOUR: Pathos und Politik

Heute ÈanormalÇ wären Umstände wie sie Laclau unter dem Begriff ÈPopulärer BruchÇ gefaßt hat. Gemeint sind Revolutionen und Systemwechsel. Voraussetzung dafür ist eine weitgehende Homogenisierung des symbolischen Raums um einen einzigen Antagonismus. Laclau hat eine vollständig antagonisierte Gesellschaft mal so beschrieben: Du fragst jemanden nach der Uhrzeit, und er haut dir in die Fresse (das zeigt schon, daß eine vollständige Antagonisierung so gut wie unmöglich ist). Wenn wir davon ausgehen, daß die Französische Revolution aus einer so hochgradig in zwei symbolische Felder geteilten Konjunktur entstand, dann ist die Behauptung nicht völlig unsinnig, daß das Glitzern einer Manschette oder das Hochziehen einer Augenbraue die Revolution ausgelöst habe. Jemand hat im richtigen Moment Ènach der Uhrzeit gefragtÇ. Das heißt, unter Bedingungen der weitgehenden Homogenisierung des politischen Feldes haben individual-interventionistische Strategien tatsächlich eine gewisse Chance: das Sprengen eines Telefonmastes wäre hier u.U. auch von so großer symbolischer Sprengkraft, daß es zu einem populären Bruch kommt. (Wohlgemerkt, die Voraussetzung der Homogenisierung muß vorgängig gegeben sein.) Wir könnten das eine modernistische Form von Politik nennen. Diese modernistische Form von Politik hat einen ganzen Kanon ästhetisch rhetorischer Pathosformeln im Schlepptau, die in spät- oder mindermodernistischen Politiken antiquiert erscheinen. Es ist nicht nur die nationale, völkische oder Klassen-Einheit, welche über pathetische Riten beschworen werden soll, auch aus der Sicht der jeweiligen Dissidenz ist das Feld antagonisiert. Das führt zum bekannten Pathos der Subversion. D.h. die modernistische Variante der Politik ist tatsächlich eine Variante der Demokratie (Claude Lefort etwa hat Totalitarismus nicht als Gegenteil von Demokratie beschrieben, sondern als spezifische Form der Demokratie). Der populäre Bruch ist ein Sonderfall einer üblicherweise eher dispergenten Antagonisierung, eine Vielzahl von Antagonismen auf verschiedenen Ebenen, die (noch) nicht miteinander gekoppelt sind. (6) Der Prozeß der Homogenisierung/Blockbildung – der Koppelung dieser Antagonismen – läuft über die Aquivalenzierung divergenter politischer Forderungen zu einer Kette: der Titel für diesen Prozeß ist Hegemonie. Doch in einer wenig homogenisierten Situation sind pointilistische Aktionen nicht hegemonierelevant.

GAME FIVE: Currently un-available but coming soon!

Nun scheint sich auch für Bey/Wilson die ÈTemporäre Autonome ZoneÇ (Paradebeispiel: elektronische Netzwerke) im gleichnamigen Buch noch als eine plausible Widerstandsstrategie gehandelt, inzwischen (spätestens seit der Komplementierung des T.A.Z. Konzeptes durch das Konzept Permanenter Autonomer Zonen / P.A.Z.) – als so nicht haltbar erwiesen zu haben: ÈThe P.A.Z. serves a vital function in the T.A.Z. web, a meeting place for a wide circle of friends and allies who may not actually live full time on the >farm< or in the village.Ç
Das Abschreckende am Zitat ist erstmal die ÈpermakulturelleÇ Idee, pseudo-ländliche Gemeinschaften zu stiften. Deshalb dürften ja auch David Koresh und seine Davidianer bei manchen so beliebt sein, nämlich weil jener eine ÈGemeinschaft gestiftetÇ hat. Eine Farm auf dem Land, genug Muße zum Hühnerfüttern und den Zusammenbruch des Kapitalismus selbstversorgt abwarten. (Solche Phantasien verführen Bey sogar zur Behauptung, daß, wenn alle Demo-Linken und 3rd Party-Liberalen ihre Energien in die Einrichtung einer Untergrundökonomie gesteckt hätten, die Revolution schon längst da wäre.) Bei den um das Brixton-Rd.121-Center herum organisierten Gruppen (Praxis, Autonomous, Astronauts) übernimmt diese Sozialfunktion das Internet, eben nicht als technisches Instrument, sondern als ÈcommunityÇ. Nennen wir das den Lebensform- oder Lifestyle-Irrtum, der auf einer Verwechslung des Politischen mit dem Sozialen beruht.
Zweitens gibt Hakim Bey mit dem Text zu daß das vom Nomadismus inspirierte T.A.Z. Konzept nicht ohne P.A.Z.-Homebase funktioniert bzw., daß die einzelnen Fäden des Gegennetzwerkes irgendwo permanent verknüpft werden müssen. Damit macht er einen notwendigen zweiten Schritt, den man an der sogenannten post-strukturalistischen Theoriegeschichte immer wieder verfolgen kann: nach dem De- kommt das Re-. In den Sechzigern waren diese Theorien ausgezogen, um dem Strukturalismus die Offenheit und De-zentriertheit der Struktur, das Spiel der Differenzen, den flow der Libido oder des ÈSemiotischenÇ zu Iehren. Am Ende des Tages mußte jedoch nicht nur endlich mal festgestellt werden, wie Bedeutung gleitet (was eben gegen starre Konkurrenztheorien der Zeit gerichtet war, so wie gegen das ÈPräsenzdenkenÇ abendländischer Metaphysik), sondern es mußte darüber hinaus geklärt werden, wie Bedeutung sich in diesem Flux dann doch partiell fixiert. Ansonsten behielten die üblichen Habermasianischen Kritiken nämlich auf triviale Weise recht, die dem Post-Strukturalismus ein Konzept von Sprache als bloßem poetischen Spiel vorwerfen, das einerseits weder Inseln von Rationalität in diesem Fluß ausreichend erklären kann, noch Abbrüche des Spiels durch Entscheidungen und Machtkämpfe.
Dadurch empfahl sich ein zweigeteiltes Theoriedesign um Paare wie Destruktion / Dekonstruktion, Deterritorialisierung /Reterritorialisierung – Bey geht jetzt mit T.A.Z und P.A.Z. durch diese Erfahrung-, oder allgemein signifikationstheoretisch gesprochen, um das Paar Fixierung/Defixierung bzw. Defixierung/Refixierung von Bedeutung. Auf der allgemeinsten Ebene kann Hegemonie als Fixierungsleistung von Bedeutung verstanden werden. Die Laclausche Theorie geht auch immer stärker diesen Weg hin zu einer allgemeinen Theorie der Signifikation. Aus der Sicht der Laclauschen Hegemonietheorie würde ich also mal eine Antwort versuchen, warum punktueller Interventionismus nicht hegemoniefähig ist.
Nehmen wird das Beispiel der ÈElektronischen StörungÇ des Critical Art Ensemble. Wenn es ein ÈgesichertesÇ (übereinstimmendes) Ergebnis poststrukturalistischer Medien-, bzw. Kommunikationstheorie gibt, dann, daß es nicht nur keine Kommunikation ohne Rauschen (Störung) gibt, sondern sogar, daß Störung Bedingung der Möglichkeit von Kommunikation ist (Serres etc.). Wenn es also zur Funktionslogik von Kommunikation gehört, partiell gestört zu sein, wieso sollten Störungsstrategien subversive Effekte haben?
Ein zweites Problem taucht sofort auf. Zwar kann davon ausgegangen werden, daß interventionistische Strategien tatsächlich zu Effekten führen (nach Althusser führen sogar Interventionen in der Philosophie – als Klassenkampf in der Theorie – zu Effekten sonstwo), aber nur unter Annahme eines deterministischen Verhältnisses zwischen dem Feld der Produktion / Intervention und dem Feld der Effekte kann die Art der Effekte vorhergesagt werden (d.h. sie könnten auch vollständig kontraproduktiv sein). Von so einem deterministischen Verhältnis läßt sich aber in keiner Konjunktur ernsthaft ausgehen.
Genau an diesem Punkt erweist das Beispiel mit den blitzenden Manschetten seine ganze Kraft. Es läßt sich eben nicht vorhersagen, wann und wo ich meine Manschetten in die Sonne halten muß, um eine Revolution zu entzünden. Hier liegt ein Grundproblem jedes ÈsubkulturellenÇ Interventionismus a lˆ Sabotage, Guerilla, Störung oder Piraterie.

GAME OVER !

(Für Linke bleibt die Frage, wie eine kapitalismuskritische Medientheorie aussehen müßte, die sich weder in einem Mediendeterminismus noch im subversiven Chic verfängt.)

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Elektronische Lebensaspekte.