"Don't take it business, it's just personal" – ganz unten auf seiner Homepage fasst Hrdvsion so zusammen, worum es in der Musik geht: Freiheit. Egal wie schwierig die Zeiten sind. Oder der Ort.
Text: Multipara aus De:Bug 96

What the fuck

Victoria, Hauptstadt von British Columbia, an der Südspitze von Vancouver Island, ganz im Südwesten Kanadas gelegen, ist kein Ort, von dem man gerne wegzieht. Nathan Jonson hat dort alles, was er braucht: eine mittelgroße Stadt mit netten Leuten, angenehmes Klima, einen Job, befreundete Artists wie Cobblestone Jazz, Matt Rose, Resfilter – “Die machen mit das Beste, was ich je gehört hab; ich würde mein Toilettenpapiergeld dafür hergeben, ihre Musik auf Platte zu sehen” – nur kein Publikum. Aber dafür gibt es das Internet: Tor zur Welt ist seine Homepage (auf der, kleiner Tipp, sich unter anderem zwei charmante Videos finden, die mit einer Webcam entstanden sind). Inzwischen sind Traum/Trapez auf ihn aufmerksam geworden, für die er zurzeit Musik schreibt. Sein Projekt heißt Hrdvsion.
Dessen dritte EP ist jetzt im September erschienen: “Sick Memory” auf Wagon Repair, dem Label seines Bruders Mathew Jonson, nach je einer auf Itiswhatitis aus Victoria (“Oh Techo Saves”) und auf Plak aus Genf (“Oxygen Sway”), alles innerhalb eines guten Jahres. In fast jeder Beschreibung seiner Musik fällt der Vergleich zu Aphex Twin. Und in der Tat nennt er, neben Familie und Freunden, das Feld um Warp, Rephlex, Planet Mu auch als Hauptinspiration. Anders als sein Bruder setzt er in erster Linie auf exzessive experimentelle Soundmanipulation am Rechner, wobei er als Quellen auch eine ganze Sammlung an akustischen Instrumenten und Spielzeugen einsetzt. Oder Material aus fremder Hand: So erschien zuletzt im Juli ein Remix für Dominik Eulberg auf Traum; als erstes erschien einer für Hot Hot Heat, einer Thrasher-Band aus Victoria auf Sub Pop. “Am liebsten mache ich schon meine eigene Musik. Aber Remixe machen eine Menge Spaß, und letzten Endes ist die Arbeitsweise nicht anders als bei eigenen Stücken. Ich nehme Parts auseinander, bis sie etwas völlig anderes sind, dann nehme ich das wieder auseinander und schließlich lande ich bei etwas, das ich mir vorher gar nicht vorstellen konnte, und das ist spannend. Live mache ich auch gerne Popremixe, damit kann man die Leute bei ihren sozialen Hemmungen packen … in der Form akzeptieren sie Popsongs, die sie sich ohne brutale Drumtracks drüber nie zugestehen würden. Ich sag’s gleich: Ich liebe Popmusik. Nichts ist besser als zu Hause zu sitzen und zu irgendeiner Jane Child in ein Bier zu heulen.” “Sick Memory” ist in der Tat vielseitiger geraten als die Vörgänger, was ganz im Sinne von Hrdvsions freiem und verspieltem Charakter ist. So findet sich dort etwa auch ein straightes Technostück, “Spanish Remix”. “Ich gab Mathew eine CD mit über 80 Stücken und er suchte sich seine fünf liebsten aus, darunter ganz neue, aber auch dieses, das schon sechs Jahre alt ist. Damals, noch ganz am Anfang, legte Matt Rose es gegen Ende einer Nacht in einer Bar auf – und zwei Leute fingen in einer Ecke an zu bumsen. Es war total crazy. Eine der Kellnerinen kam zu mir rüber, wir standen da und schauten uns das an und dachten ‘What the fuck’. Das beste Kompliment, das ich je bekommen hab!”

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Elektronische Lebensaspekte.