W3C vs. WHATWG und H.264 vs. Ogg Theora vs. VP8, ok?
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 143

Mit HTML werden die grundlegenden Regeln fürs Web definiert, die kommende Version HTML5 ist daher zweifellos die Zukunft des Webs. Ob der rasanten Dynamik in der Netz-Realität ein Update des Fundaments mehr als überfällig, HTML4 hat nämlich schon mehr als 10 Jahre auf dem Buckel. Janko Röttgers erklärt woran die Verabschiedung von HTML5 hakt und hängt.

Da ist es wieder, das altbekannte Stottern. Ein Video-Stream in einem Browserfenster, ein paar Tabs mit Websites in einem anderen, alle mit ruckelnden Werbebannern – und schon fängt das MacBook an zu stöhnen. Der Lüfter dreht auf Hochtouren, der Prozessor schwitzt im roten Bereich, und der HD-Video-Stream sieht plötzlich aus wie Videokunst Anfang der Neunziger. Mac-Nutzer kennen solche Probleme zur Genüge, und auch im Windows-Camp schließt man in derartigen Situationen schnell mal notgedrungen ein paar Firefox-Tabs und flucht laut: Flash sucks.

Vielen Computer-Nutzern sprach Steve Jobs deshalb aus der Seele, als er im April einen Artikel mit dem Titel “Thoughts on Flash” auf der Apple-Website veröffentlichte. Jobs erklärte darin, warum Apple auf iPhone und Co kein Flash unterstützt und ließ dabei kein gutes Haar an Adobes Multimedia-Umgebung. Flash sei für PCs entwickelt worden, doch für mobile Geräte sei es nicht mehr zeitgemäß, so Jobs. Flash sei proprietär, unsicher, verschwende zu viele Ressourcen und sei in Zeiten offener Web-Standards wie HTML5 ganz einfach unnötig. “Vielleicht sollte Adobe sich lieber darauf konzentrieren, bessere HTML5-Tools für die Zukunft zu bauen, anstatt Apple dafür zu kritisieren, dass wir die Vergangenheit hinter uns lassen”, so Jobs.

Jobs ist nicht der einzige, der derzeit Loblieder auf den kommenden Web-Standard HTML5 singt. Googles CEO Eric Schmidt erklärte im April, dass HTML5 derzeit bei weitem die wichtigste Entwicklung im eigenen Hause sei. Und Dean Hachamovitch, bei Microsoft für die Entwicklung des Internet Explorers zuständig, schrieb im April, HTML5 sei “die Zukunft des Webs”. Doch was ist eigentlich HTML5?

1999 vs. 2010
HTML, kurz für Hypertext Markup Language, ist das Fundament des Webs. Jede Website besteht aus HTML und jeder Browser interpretiert HTML, um Websites zu verlinken und Text und Bilder richtig darzustellen. Die erste Version wurde 1990 praktisch im Alleingang von Tim Berners-Lee entwickelt, dem wir auch den ersten Browser zu verdanken haben. Mit der Kommerzialisierung des Internets in den Neunzigern begannen Browser-Hersteller wie Netscape und Microsoft damit, HTML um eigene Elemente zu ergänzen. Das Resultat war, dass viele Websites nur in einigen Browsern funktionierten. Endnutzer waren verwirrt, und Webdesigner rauften sich die Haare. Berners-Lee und anderen Web-Pionieren gefiel dies überhaupt nicht. Sie gründeten deshalb 1994 das World Wide Web Consortium (W3C), das als gemeinnützige Organisation über Web-Standards wachen sollte.

Das W3C erarbeitete in den Neunzigern wacker eine Reihe von HTML-Spezifikationen und veröffentlichte schließlich 1999 HTML 4.01. Und dann passierte erstmal lange Zeit überhaupt nichts. Beziehungsweise, eigentlich passierte natürlich eine ganze Menge. Web2.0-StartUps, Online-Applikationen, Cloud Computing, YouTube, Twitter, ortsgebundene Anwendungen, Browser auf Mobiltelefonen und neue Geräte wie das iPad: Das Web von 2010 hat nur noch wenig mit dem Web von 1999 gemein. Außer HTML 4.01, denn die 1999 veröffentlichte Spezifikation ist immer noch der letzte vom W3C veröffentlichte HTML-Standard.

Daten vs. Nutzer
Dass es seit elf Jahren kein Update für HTML gegeben hat, hat viel mit zwei entgegen gesetzten Visionen von der Zukunft des Webs zu tun. Die Vordenker des W3C glaubten Anfang des vergangenen Jahrzehnts an das Internet der Dinge. Dachten, dass bald alle möglichen Endgeräte auf Web-Ressourcen zugreifen würden, und dass es deshalb essentiell sei, die nächste Version von HTML semantisch und maschinenlesbar zu machen. Browser-Herstellern wie Mozilla, Apple und Opera war das alles viel zu weit hergeholt. Angesichts der Web2.0-Welle wollten sie lieber Widgets und ausführbare Anwendungen zu einem Kernbestandteil von HTML machen und es Entwicklern ermöglichen, derartige Applikationen ohne Flash und Javascript direkt im Browser auszuführen. Anders gesagt: Beim W3C dachte man zuallererst an Daten, bei Browser-Herstellern an ihre Anwender.

Das W3C bemühte sich deshalb einige Jahre vergeblich darum, einen besser strukturierten HTML-Nachfolger auf der Basis von XML zu entwickeln. Vertreter von Opera, Mozilla und Apples Safari-Team gründeten dagegen eine unabhängige Splittergruppe namens ”Web Hypertext Application Technology Working Group” (WHATWG), die 2004 damit begann, an den Grundlagen für HTML5 zu arbeiten. Beim W3C erkannte man schließlich, dass ein Alleingang in Sachen XML nichts bringen würde, und erkor die Arbeit der WHATWG offiziell zu HTML5. Seit 2007 arbeiten beide Gruppen gemeinsam an diesem Standard, der Web-Applikationen ermöglichen soll und dabei auch den Austausch strukturierter Daten ermöglicht. Theoretisch könnte dies das beste beider Welten sein, doch die parallele Struktur führt immer mal wieder zu Reibereien – etwa, wenn der Adobe-Vertreter beim W3C mit den Flash-Gegnern der WHATWG in die Haare gerät.

H.264 vs. Ogg Theora
Meinungsverschiedenheiten gab es auch bei HTML5 Video, dem wohl bekanntesten Teil des neuen Web-Standards. HTML5 ermöglicht es Web-Entwicklern, Video-Dateien ganz ohne Flash-Player direkt in eine Website einzubinden. Populär wurde dies insbesondere durch Apples iPad. So nutzt die Website der New York Times HTML5, um iPad-Besitzern kurze News-Clips vorzuspielen. Der US-Fernsehsender CBS bietet iPad-Nutzern per HTML5 ganze Serienfolgen im Browser an. YouTube experimentiert seit Anfang des Jahres ebenfalls mit HTML5 Video und Wikipedia will HTML5 dazu nutzen, sich zu einer Multimedia-Enzyklopädie zu entwickeln. HTML5 Video wird mittlerweile von Safari, Chrome, Firefox und Opera unterstützt. Microsoft will ab IE9 ebenfalls mitspielen.

Von Einigkeit kann trotzdem keine Rede sein. Apples Safari setzt für HTML5 auf den Video-Codec H.264, der sich in den letzten Jahren zum Quasi-Standard gemausert hat und damit gewissermaßen so etwas wie MP3 für Online-Videos geworden ist. Die Mozilla Foundation entschied sich dagegen früh für den Open Source-Codec Ogg Theora, da H.264 patentiert ist. Google war jedoch von Theoras Qualität enttäuscht und setzte deshalb für YouTube ebenfalls auf H.264. Die Entwickler von HTML5 schauten dabei in die Röhre und verabschiedeten sich schließlich von der Idee, für das HTML5-Video-Tag gleich auch einen Standard-Codec zu empfehlen.

Eine Lösung könnte in diesem Fall von Google kommen. Der Suchmaschinen-Riese kaufte Anfang des Jahres den Codec-Hersteller On2 und mit ihm den Video-Codec VP8, der qualitativ besser sein soll als Theora und H.264. Wenn diese De:Bug-Ausgabe die Läden erreicht, wird Google aller Voraussicht nach VP8 unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlicht haben. Open-Source-Befürworter glauben, dass Google VP8 damit in Allianz mit Mozilla und Opera zum Quasi-Standard machen können, dem sich auf lange Sicht auch Microsoft und Apple nicht verschließen können.

Utopie vs. Realität
All das könnte ein paar Jahre dauern. Doch für HTML5 sind solche Verzögerungen nichts Ungewöhnliches. Das W3C ging ursprünglich davon aus, bis Ende 2010 eine fertige Version des HTML-Standards zu haben. Ein erster Entwurf sollte bereits 2008 vorgestellt werden. Dazu ist es bis heute nicht gekommen. Ian Hickinson von der WHATWG geht mittlerweile davon aus, dass der ganze Prozess bis 2022 dauern könnte. Wohlgemerkt: Hickinson ist in solchen Sachen Pessimist, seiner Meinung nach ist auch HTML4 immer noch nicht so richtig fertig.

Glücklicherweise haben Browser-Hersteller trotzdem bereits damit begonnen, eine Reihe von HTML5-Elementen in ihre Software zu integrieren. Geräte wie das iPad und Fehden wie die zwischen Apple und Adobe werden diesen Prozess nur noch weiter beschleunigen. Und wir werden irgendwann HD-Videos in unserem Browser anschauen können und dabei simultan fleißig Web-Applikationen bedienen, ohne unser MacBook ins Schwitzen zu bringen. Klingt das wie eine Utopie? Mag sein. Aber Ian Hickinsons E-Mail-Signature lautet nicht umsonst: Things that are impossible just take longer.

Fotos: Ji-Hun Kim

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Elektronische Lebensaspekte.

7 Responses

  1. I/O

    Geht bei mir nicht. Wie immer klicke ich auf das Internet-Icon mit dem ‘e’ in XP – aber die Seiten sind alle kaputt wo HTML5 drauf steht.

    Wenn ich das mit dem Internet nicht angucken kann – das ist doch doof!