Hudson Mohawke ist der neue Sound-Wunderknabe auf Warp, dessen Debutalbum "Butter" mit Sample-Wahnsinn, Breaks und Ein-Finger-Soul-Melodien begeistert. Darüber hinaus ist Mohawke aber auch der Prototyp einer neuen Musikergeneration, für die Musik aus dem Internet und das Tonstudio aus der Playstation kommt.
Text: Sebastian Hinz aus De:Bug 137

Wenn Hudson Mohawke sein Roboterorchester unbekümmert eine hochtechnisierte Musik mit menschlicher Note spielen lässt, macht er sich zum Stellvertreter einer Jahrgangsstufe, die die medialen und technologischen Veränderungen der letzten Jahre nicht als Herausforderung, sondern als Alltag erlebt: Auf Samples basierende Kompositionen, HipHop-Breaks, Ein-Finger-Synthesizer-Soul-Melodien und mit kühler Präzision zerschnittene Electro-Beats dominieren sein Album “Butter”.

Neu ist auch, dass das Internet nicht nur als schnelle und günstige Vermarktungsmaschinerie genutzt wird, sondern die Verfügbarkeiten des Webs endlich als unerschöpflicher Quell von Einflüssen begriffen werden. Wie sonst sind die konkreten und sehr komplexen Sound-Vorstellungen dieses Jungspundes zu erklären? Und selbstverständlich hat das alles irgendwie mit der Krise zu tun. Wenn auch ex negativo. Das Jahr 2009 geht vorbei und wir schauen zurück auf ein Jahrzehnt, das die Art und Weise wie wir Musik hören, produzieren, verbreiten und konsumieren unumkehrbar verändert hat.

Diese Erschütterung in den Grundfesten führte vor allem zu einer Verunsicherung innerhalb der etablierten Geschäftsstrukturen, bestehend aus Label, Promoter, Journaille, Konzertveranstalter, Vertrieb und Einzelhandel. Und auch einige Produzenten stellen sich die Frage, wie ein Leben innerhalb dieses Systems noch finanzierbar ist. Doch daneben zeigt uns das Ende der Dekade nun eine neue Generation von Künstlern, die schon allein aufgrund ihres Alters einen anderen, ganz ursprünglichen Umgang mit der digitalisierten, beschleunigten Welt zu haben scheint.

Hudson Hype
“Im Grunde weiß ich gar nicht, wie es früher gewesen ist. Es ist einfach Normalität für mich“, erklärt der 22jährige. ”Ich lade selbst Unmengen von Zeug herunter, wie soll ich mich da beschweren, wenn sich andere Leute meine Musik ziehen?“ Die Klage über die durch technische Innovation hervorgerufenen Veränderungen in den letzten Jahren trifft hier weitestgehend auf Unverständnis. Vielmehr werden von Hudson Mohawke die bestehenden Verhältnisse als Chance begriffen.

”Dass mich überall auf der Welt die Menschen hören können, ebnet mir doch auch den Weg zu einem größeren Publikum. Umso mehr Menschen mich hören, desto größer ist die Zahl derer, die ich erreichen kann. Und vielleicht verkauft man dann auch mehr Platten. Vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich müssen wir andere Möglichkeiten finden zu überleben. Da wird sich doch was finden!“ Natürlich kann ein solcher Zugang leichterhand als kurzsichtig und naiv abgetan werden. Genauso wenig ist aber zu verkennen, dass darin sicherlich die Konzeption einer neuen Altersgruppe verborgen liegt, die so auch den Blick weg von den ökonomischen Belangen hin zu ästhetischen Ideen zu lenken weiß.

An Hudson Mohawke und seiner Musik ist also gut nachzuvollziehen, wie die Technologisierung der Welt und mithin die freie Verfügbarkeit von Musik, ein neues Selbstverständnis im Umgang mit Musik erzeugen. Genau darin liegt hier der spannende Moment. Mohawke ist nämlich kein Genie, und auch kein zweiter Richard D. James, der für den HipHop macht, “what Aphex Twin does for techno” (Mixmag). Nein. Er ist im Gegenteil nur ein ganz normaler, schüchterner Junge mit einem Faible für Musik. Geboren 1986 als Ross Birchard in der schottischen Stadt Glasgow, war er musikalisch zunächst geprägt durch seinen Vater, der eine Radioshow beim schottischen Rundfunk moderierte und damit unzählige Vinylscheiben den Ohren seines Sohnes zur Verfügung stellte.

Ein bisschen später, Ross war acht oder neun Jahre alt und Jungle und Rave richtig groß in England, steckte ihm sein sechs Jahre älterer Cousin hin und wieder Mixtapes zu. ”Etwas Vergleichbares hatte ich bis dahin noch nicht gehört. Vorher kannte ich doch nur die Popmusik, die mein Vater immer spielte. Dann habe ich diese verrückten Mixtapes bekommen und erst jetzt begann ich Musik regelrecht zu verinnerlichen. Das war die eigentlich Initialzündung.“ Inspiriert von Scratches auf diesen Tapes, begann Hudson Mohawke sich mehr und mehr für HipHop und Turntablism zu interessieren. Mittels eines leicht lädierten Hifi-Plattenspielers und eines Kassettendecks versuchte er sich erstmals im DJing. Die so entstandenen Mixtapes verkaufte er auf dem Schulhof.

Playstation Productions
Im Jahre 1998 kam dann ein Programm namens ”Music“ für die Playstation auf den Markt, das die Grundlage für seine ersten Gehversuche im Produzieren eigener Musik war. Mit 14 Jahren wurde er dann erstmals schottischer Meister im Turntablism. Zwei Jahre später wiederholte er das Kunststück. ”Ich hatte nicht so viele soziale Kontakte und konnte mich auch nicht fürs Fernsehen begeistern. Stattdessen stellte ich mich jeden Tag hinter die Plattenspieler.“

Nebenbei versuchte er sich ein wenig im Schlagzeugspiel. Seine Musik produzierte er inzwischen nicht mehr auf der Playstation, sondern mittels aus dem Internet heruntergeladener Software auf dem elterlichen Computer. Im Jahre 2006 veröffentlichte Hudson Mohawke schließlich eine Compilation mit eigenen Produktionen. Auf seiner MySpace-Seite. Die Resonanz war riesig. ”Unter anderem hat sich jemand von Warp gemeldet. Das war ein ziemliches Glück“, erzählt Mohawke stolz, ”denn sie haben die Strategie, sich keine Demos anzuhören. Sie wollen ihre Künstler entdecken!“ Und diese Aufgabe hat die Londoner Kaderschmiede um Steve Beckett einmal mehr mit Bravour erledigt. Sie haben sich da einen jungen Musiker in ihre Künstlerriege geholt, der, aus dem HipHop kommend, die freie Verfügbarkeit von Musik nutzt, um diese Grundlage unter Zuhilfenahme einer Vielzahl anderer Einflüsse, zu etwas eigenem zu verändern.

Vielleicht ist die Art und Weise wie Hudson Mohawke sich dem HipHop bemächtigt, vergleichbar mit dem, wie sich ein Kleinkind Sprache aneignet: In den Grundzügen entspricht die Artikulation schon den gängigen Vorstellungen von Sprache, nur die Grammatik ist eben noch nicht perfekt. Und genau das macht den Reiz der Musik von Hudson Mohawke aus. Sie entspringt einem komplett intuitiven Umgang mit zeitgenössischen Musikstilen wie eben HipHop, aber auch R’n’B, Club-Musik oder P-Funk. Es ist die Besonderheit seines Sounds, der Hudson Mohawke derzeit an die Spitze einer neuen Riege von Produzenten hebt, die zum einen geschickt Genrezuweisungen entweichen, zum anderen das Parameter der Zufälligkeit als winzige Sound-Entgleisungen wieder in ihre Produktionen einbauen.

Wonky my ass
Windige Journalisten haben diese fehlerhafte Musik, wie sie von Hudson Mohawke, seinem Glasgower Kumpel Rustie, aber auch von Flying Lotus oder Dabrye entworfen wird, entsprechend mit ”Wonky“ oder ”Glitch-Hop“ etikettiert. Der selbstbewusste Anspruch soll dabei sein, einer technisch hochperfektionierten Musik wieder Leben einzuhauchen. ”Die Herausforderung dabei ist“, erzählt Mohawke, ”Musik mit dem Computer zu machen, die klingt, als wäre sie von einer Band gespielt. Das Schlagzeug ist programmiert, aber es klingt, als wäre es live eingespielt.“

So ist der Sound auf ”Butter“, dem Debütalbum von Hudson Mohawke, gleichzeitig menschlich und unsentimental. Mohawke nähert sich seinen Klängen mit kühler Distanz. Er begreift die Musik nicht emotional, sondern technisch. Das macht ”Butter“ für Freunde elektronischer Musik interessanter als für Anhänger von R’n’B. Und doch gibt das Album allen angedeuteten Genres, der elektronischen Musik als auch R’n’B und Hip-Hop, neue Impulse. So spiegelt sich in der ausgefeilten und kenntnisreichen Musik von Hudson Mohawke die grundlegende Polarität, die allen menschlichen Aktivitäten eigen ist.

Diese Spannung zwischen Verfestigung und Evolution, die bei dem Versuch entsteht, alte Formen zu bewahren und gleichzeitig neue hervorzubringen. In dieser Musik ist der unablässige Kampf zwischen Tradition und Innovation spürbar, der Kultur erst entstehen lässt. Dieser Konflikt ist im Übrigen auch in der Debatte um die Krise der Musikindustrie zu vernehmen. Doch während wir noch auf die schlechte Reproduktion vorhandener Muster setzen, wählen junge Künstler wie Hudson Mohawke längst die Kreativität.

Hudson Mohawke, Butter, ist auf Warp/Rough Trade erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

3 Responses

  1. jiggy pro

    2.3.2010?

    ich dachte immer, de:bug sieht sich als avantgarde magazin oder so, warum dann so spät über jemanden schreiben, der fast schon wieder schnee von gestern ist, und das ganze mit “der NEUE sound-wunderknabe” betiteln…