Interview mit Brian Leeds: Welchen Einfluss nehmen Columbus und Kansas City auf "Colonial Patterns" ?
Text: Bjørn Schaeffner aus De:Bug 176

Huercos
Brian Leeds folgt auf seinem Debütalbum “Colonial Patterns” dem Ruf der Heimat Kansas City und lässt dabei so etwas wie Prärie-House gedeihen: enturbanisiert, rau, unglamourös. Im Interview spricht der 22-Jährige über sein abgebrochenes Kunst-Studium, Gründerspirit und Loop-Finding vor den Zeiten von Christoph Kolumbus.

Text von Bjørn Schaeffner

Der Werdegang ist typisch für einen Protagonisten dieser jungen amerikanischen House-Generation: Als 16-Jähriger spielt Huerco S. in Hardcorebands, später entdeckt er via Drum and Bass dann House. Weniger typisch ist, dass Brian Leeds in Kansas City im US-Bundesstaat Missouri auf den Geschmack von Theo Parrish, Omar-S und Ron Hardy kommt. Mitten im Mittleren Westen, in der konservativen Provinz, weit weg von jeglichen relevanten Clubströmungen. Huerco S. verortet sein Album “Colonial Patterns” als Hommage an seine Heimatregion um Kansas City. Gleichsam will es Geschichte atmen: Kontextualisiert wird gemäß der liner notes das Amerika vor seiner Entdeckung und während der anschließenden Kolonialisierung. Und noch eine Referenz gibt es: die pyramidenhafte Hügelstadt Cahokia, die einst die Ureinwohner errichtet hatten. Und noch eine: die Theorie der “Arkology” des Architekten Paolo Soleri, die eine Fusion zwischen Architektur und Ökologie beabsichtigt.

Raunt da etwas viel Konzeptwirken durch den Äther? Ist Huerco S. ein übereifriger Kunstdebütant, der sich vor lauter Referenzentum verdaddelt? Natürlich hätte etwas Zurückhaltung nicht schaden können. Aber am Ende ist
das doch ziemlich sekundär, weil nämlich die Musik gut ist. Und so kann man den amerikanischen Frontier-Geist dieses Youngsters nur begrüssen. Blame it on the Optimismus. Als Talent hat sich Brian Leeds spätestens mit seiner EP als Royal Crown of Sweden auf dem Label seines Freundes und Upstarters Anthony Naples angekündigt. Und zuletzt demonstrierte Huerco S. auf dem Washingtoner Label Future Times mit “Apheleia’s Theme” vollendetes Dubhouse-Können. “Colonial Patterns” wird vom Brooklyner Label Software veröffentlicht, wo auch schon Leeds’ Vorbild Oneohtrix Point Never Platten machte.

Allgegenwärtig ist der Nebel, durch den man als Hörer auf “Colonial Patterns” watet. Tracks wie “Prinzif” erinnern an frühe Theo-Parrish-Produktionen, mit einem grandiosverschlingerten Bläsermotiv. “Skug Commune” klingt wie
Microhouse à la Akufen. Industriell gebleicht sind Tracks wie “Plucked from the Ground towards the Sun” und “Quivira”. Loops mäandern immerzu auf und ab, speziell auf Nummern wie “Canticoy” oder “Anagramme of My
Love”. Die Platte? Nennen wir sie eine ziemlich verstrahlte Endzeitschönheit.

Brian, du bist vor ein paar Tagen nach Brooklyn umgezogen. Aus den offenkundigen Gründen für einen jungen amerikanischen Produzenten und DJ?

New York ist als Basis natürlich ideal, einerseits, weil man hier im Unterschied zu Kansas City tatsächlich Gigs spielen kann, andererseits, weil man gut mit dem Rest der Welt verbunden ist. Dann kommt hinzu, dass ich mein ganzes
Leben in Kansas City verbracht habe. Es war der richtige Zeitpunkt, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Gibt es in Kansas City überhaupt so etwas wie eine
elektronische Szene?

Nein, überhaupt nicht. Zwar gibt es ein paar Leute, die
ähnlichen Sound hören wie ich, aber das sind alles Freunde von mir. Klar, manchmal stellen wir Plattenspieler auf und legen gemeinsam auf. Aber das
sind keine richtigen Partys. Es gibt aber Raves in der Gegend.

Da läuft dann sicher Dubstep à la Skrillex?

Genau. Und Trance ist groß. Dort treffen sich die Raverkids mit pelzigen Stiefeln, Hulla-Hoops und Leuchtstiften. Die typischen Vertreter der amerikanischen Ravesociety. Seriösen House oder Techno hört eigentlich niemand.

Du hast in Kansas City Installationskunst und Keramikdesign studiert, später aber das Studium abgebrochen. Warum?

Auf dem College begann ich, meine Installationen immer häufiger
mit Sound zu ergänzen. Musik wurde einfach immer wichtiger.
Und finanziell wurde mir die Belastung zu groß. Ein Studium in den USA kostet ein kleines Vermögen! Dann hast du am Ende deinen Kunstabschluss, gut und schön, aber du hockst auf einem Schuldenberg von 100.000 Dollar. Und für einen Künstler sind die Aussichten auf dem Stellenmarkt besonders düster. Du bist eigentlich vom Anfang an doomed! Du schaffst es auch allein, ohne diesen Fetzen Papier, davon bin ich fest überzeugt.

Dein Name fällt öfter im Zusammenhang mit dem unglücklichen Label “Outsider House”.

Schon den Begriff finde ich befremdlich. Es gibt diese Tendenz, die Freaks labeln zu wollen. Experimentelle, leftfield Clubmusik ist ja nichts Neues. Ich finde es schwierig, wenn man jetzt versucht, uns unter diesen gemeinsamen Tag fassen zu wollen. Kürzlich wurden Delroy Edwards als typische Vertreter des Outsider House bezeichnet. Vielleicht haben wir ähnliche Musikinteressen und einen vergleichbaren Background, das mag ja sein. Aber das, was Delroy und ich machen, ist doch etwas komplett anderes.

Inwiefern siehst du dich in der Tradition von House und Techno, Musikrichtungen, die ja im Mittleren Westen entstanden?

Mich beeindruckt vor allem dieser Gründerspirit. Das Entdeckertum, das die frühen Produzenten in Chicago oder Detroit an den Tag legten. Wenn sich bei denen etwas gut anfühlte, gingen sie auch Risiken ein. Sie kannten keine Angst vor Experimenten. Das versuche ich mit meiner
Musik ähnlich zu halten.

Dein Album “Colonial Patterns” hast du ausschließlich
in Kansas City produziert. Dein Label behauptet, das würde man auch hören.

Hier aufzuwachsen, unweit der Natur, inmitten dieser Prärien, hat mich schon stark geprägt. Auch die Sounds aus der Gegend. Normalerweise ist Clubmusik ja eine sehr urbane Musik. Präzise und strukturiert. Sie ist wie die Großstadt, neu und aufregend. Ich fand es spannend, Clubmusik in einen anderen Kontext zu stellen. Wo sie dreckig wird. Wie die Erde selbst. Ländlich. Wo die organischen Teilchen ins Extreme gesteigert werden, um einen
Flow zu erzeugen.

Viele der Tracks haben ein mäanderndes Wesen.

Ich habe viel mit mit Loops experimentiert und wollte ein ritualistisches Feeling erzeugen. Inspiriert hat mich da die Hügelstadt Cahokia, die einzige prähistorische Stadt Nordamerikas. Ich habe mir vorgestellt, wie die Ureinwohner diese pyramidenmäßigen Hügel errichtet haben. Wie die Arbeiter
immerzu Erde ausgegraben und aufgeschüttet haben. Immer wieder aufs Neue.

Du verortest dein Album im Amerika vor der Entdeckung durch Christoph Columbus. Weshalb?

Ich habe mich immer schon stark für Geschichte interessiert. Gerade dieses Zeitalter vor der europäischen Invasion fasziniert mich. Und wie die eingeborenen Stämme später gen Westen vertrieben wurden. Darum heißt das Album auch “Colonial Patterns”.

Von wegen Invasion: Nimmst du EDM auch als eine Bewegung wahr, die House und Techno in den USA
verdrängt?

EDM stellt hier tatsächlich eine Konkurrenz zum native House und Techno dar. Das ist aber auch eine Chance: EDM zwingt die Produzenten dazu, noch kreativer zu werden. Sich neu zu erfinden. Und es ist schon interessant,
wie House und Techno hier als etwas europäisches angesehen werden. Hey, ich muss die Leute ständig dran erinnern, dass das ja amerikanische Erfindungen sind.

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