Rappende Pimps sind eine Standardfigur im HipHop-Film.In Hustle & Flow darf Protagonist DJay dabei mit seinen Frauen so unwidersprochen chauvinistisch umgehen, als hätte es das Wort "Emanzipation" nie gegeben. Das ist durchaus amüsant – unfreiwillig.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 97

Stolpern im Klischee

DJay geht seinem Job nach wie jeder andere. Seine Schicht bedeutet, im Auto zu sitzen und als Zuhälter mit der Nutte Nola (Taryn Manning) abzuhängen, bis ein Kunde vorbeirollt. Dazwischen kümmert er sich um seine Frisur und labert Nola mit seinen Ideen voll, den moralischen Ansichten eines Pimps und einer Self-made-Philosophie geboren aus einer schwelenden Lebenskrise. Er will auch nur irgendwohin, wie jeder, der an den sozialen Aufstieg noch glaubt. Alles muss fließen – wenn du verstehst, was ich meine. Denn eigentlich, ja eigentlich hat er einen coolen Beruf mit Verantwortung und so.
Zumindest die ersten fünf Minuten von “Hustle & Flow” preschen so gekonnt retro heran, dass man auf der Stelle an einen Neo-Blaxploitation glauben darf. Ungeachtet dessen, wie wenig korrekt das alles bislang war. Immerhin hat den Film kein anderer als John Singleton mitproduziert und sogar Isaac Hayes hat einen Cameo-Auftritt als Barmann. Und da fängt die Zwiespältigkeit dieser HipHop-Geschichte an. Die hält sich wirklich für die Wiederkehr eines Genres, ohne ein Fünkchen an das zeitgemäße Updaten zu verschwenden. Nur ist das ganz und gar keine zynische Komödie, die das in Reimen vorträgt, sondern völlig ernst gemeint von Autor und Regisseur Craig Brewer: DJay (Terrence Howard) hat zu Hause drei Münder zu stopfen. Zwei seiner drei Damen gehen für ihn anschaffen und er ist der Herr im Haus und der Vorstand, der das Geld verwaltet. Dafür coacht er seine “Bitches”; wirklich eine nobel altruistische Initiative von DJay. Denn eine von ihnen, besagte Nola, ist offensichtlich in diesem Berufsfeld gelandet, weil ihr nichts Besseres eingefallen ist. Wenigstens am Schluss wird sie neue Sinnhaftigkeit finden, als Radiopromoterin vielleicht.
Schnell dreht sich jedoch “Hustle & Flow” um die Versuche von DJay, sich was Eigenes aufzubauen: Er will raus aus der häuslichen Armut und reich und berühmt werden mit seinem Rap, aufgenommen in der Abstellkammer. Auch dieses Vorhaben ist wiederum männlich besetzt: “Every man has the goddam right to contribute a verse”, sagt sein Soundbastler (Anthony Anderson) sehr richtig und hemdsärmelig euphorisiert. Die Mädchen dürfen, wenn alles gut läuft, den Refrain einsingen. Das ist nur eine der Stellen, in denen sich der Film immer wieder ziemlich lächerlich macht und damit ungewollt zum komödiantischen Drama wird – und das ist gerade das Lustige daran. Ein Milieufilm auch, in dem sich die Homies in der eigenen Nachbarschaft sicher fühlen. Sind sie aber aus dem Kontext, erstarren sie ehrfürchtig: Eine Träne fluppt an DJays Wange runter, als er bei einer Klassik-Aufnahme lauschen darf. Im Kontext von 50Cents Pseudo-Bio “Get Rich Or Die Tryin`”, die im Januar anläuft, ist das amüsant. Hier wie dort, wie bei Eminems “8 Mile” werden Möglichkeit und Scheitern des Erfolgs durchgespielt. Richtig überzogen wird es nämlich, als DJay einen bekannten Rapper (Ludacris) in seiner ehemaligen Kneipe treffen will, um ihm sein Demo-Tape zu geben. Gleichzeitig ist das überaus vergnüglich, wie die Klischees so trocken durchgespielt werden: DJay holt dafür die Golduhr des Vaters aus der Kommode, zieht die gute Sonntags-Lederjacke über und die fette Kette, wie es auf MTV en vogue ist.
“Hustle&Flow” war ein Überraschungshit beim Sundance, bekam den Publikumspreis und den für die beste Kamera. Inzwischen dreht Craig Brewer wieder was Kathartisches: diesmal mit Christina Ricci als Nymphomanin, die mit Blues-Musik geheilt wird. Es helfen Justin Timberlake und Samuel L. Jackson. Klingt ähnlich viel versprechend.

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Elektronische Lebensaspekte.