10 Jahre De:Bug - Musikdistribution
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 115

Ob die Musik durch das Internet gewonnen hat oder nicht, wissen wir wohl erst, wenn De:Bug seinen 20. Geburtstag feiert. Bis dahin gilt aber: Blogs wie Hype Machine haben unseren Umgang mit der Musik extrem verändert. Das Problem dabei: Jäger und Sammler, die MP3-Fanatiker, haben keine Zeit mehr, sich mir ihrer Beute auch wirklich zu beschäftigen. Aber warum lädt man Dinge, die man sich nicht anhört? Hendrik Lakeberg ist nicht amüsiert.

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Wir hatten die eigentümlichen Regeln und Hierarchien des Plattenladens schon lange akzeptiert. Wir waren hypnotisiert vom coolen Wissen, das in den Vinylstapeln darauf wartete, entdeckt zu werden. Der Typ hinter dem Tresen war eine Autorität. Ein anerkennendes Nicken oder eine genuschelte Empfehlung – das hat uns den Tag gerettet. Der Plattenladen war ein magischer Ort, an dem sich Eingeweihte trafen und revolutionäre Musikstile ihren Anfang nahmen.

Dort öffnete sich eine Tür zu einer anderen verheißungsvollen Welt voller rätselhafter Chiffren und Codes. Den anderen einen Schritt voraus zu sein, in immer neue Nischen, neue unerschlossene Bereiche vordringen – darum ging es uns. Ein Freund erzählte mir neulich, wie spannend es war, Leute über Jahre beim Plattenkaufen zu beobachten. Wie sich ihre Kleidung änderte, je nachdem, an welchem Regal sie die längste Zeit verbrachten. Der Laden, in den wir regelmäßig gegangen sind, hat vor kurzem Pleite gemacht – wie so viele andere kleine lokale Läden in den letzten Jahren. 

Meterdicke Patina

Heute hört sich das alles furchtbar altmodisch an. Allein das Wort Plattenladen klingt, als hätte es eine meterdicke Patina angesetzt. Der Plattenladen mit seinen sozialen Gesetzmäßigkeiten, seine Stellung als quasi religiöser Ort der Subkultur liegt in den letzten Zügen. Den Platz eingenommen haben Beatport und iTunes, Blogsuchmaschinen wie Hype Machine und elbo.ws oder Social Networking Tools wie Myspace, Last FM oder Pandora. Mit Exklusivität und Geheimwissen haben die aber etwa so viel zu tun wie Josef Ratzinger mit dem Berghain. Oberstes Ziel ist die Gemeinsamkeit, nicht die Differenz. “Leute, die xy gekauft haben, kauften auch …” Auf der Suche nach Musik im Internet bewegt man sich durch endlose Netzwerke aus Empfehlungen, in denen man sich wunderbar verlieren kann, bis man irgendwann vergessen hat, nach was man ursprünglich mal suchte, als man den Browser geöffnet hatte.

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Noch nie wussten wir so viel über Musik, noch nie haben wir mehr Musik gehört. Doch über zehn Jahre nach Filesharing und iTunes-Boom hat Musik ihre exklusive Kostbarkeit verloren, die sie besessen hatte, als es für uns Nischenhörer nur den kleinen Plattenladen gab. Gerade habe ich auf der ARD-Homepage einen Artikel über die Hype Machine gelesen. Hype Machine ist ein Music-Blog-Aggregator, der Blogs ausschließlich nach MP3s durchsucht. Der Schwerpunkt von Hype Machine liegt vage auf Indie-Musik – vom Justice-Remix der Klaxons über M.I.A. bis Arcade Fire. Neben den Tracks befinden sich zusätzlich zum Link auf den jeweiligen Blog, wo man das Stück herunterladen kann, Links auf iTunes und Amazon. Dass sich dieser Hinweis auf der ARD-Homepage befindet, hat vor allem zwei Gründe: Erstens will sich auch der öffentlich-rechtliche Rentnersender ARD wenigstens im Internet einen hippen, jungen Web2.0-Anstrich geben und zweitens: Auf Hype Machine gibt es die coolsten Indie-Tracks für lau – und von der Musikindustrie geduldet.

In den meisten Fällen kann ich von Band XY nur den Hit runterladen. Den Facettenreichtum einer Band oder eines Musikstils bekomme ich in den meisten Fällen gar nicht mehr mit. Das eine Stück reicht. Alles andere verpufft und läuft ins Leere. Nu Rave passt wunderbar in die Hype-Machine-Ära. Die Indie-Kultur, die so lange auf musikalische Subtilitäten und ideosynkratischen Stilwillen setzte, wird plötzlich von einer Idee dominiert: Hauptsache es knallt beim ersten Hören. Nu Rave nimmt sich die Peaktime-Elemente aus HipHop, Techno, Electro und Rock und verdichtet sie zum müden postmodernen Cliché, das in Berechenbarkeit und Sicherheitsdenken fast bieder wirkt.

Klangtapete

Übrigens finden sich auch auf Geizkragen.de oder Sparportal.de kleine Artikel zur Hype Machine, dem Woolworth der Indie-Kultur. Musik ist vor allem dann kostbar, wenn man sie sich erobern und erschließen muss. Wenn sie einem aus allen Kanälen entgegenbrüllt, dann ist sie irgendwann keinen Pfennig mehr wert. Natürlich können wir die tausende von Stücken auf unserem iPod nicht alle hören. Vor allem können wir uns der Musik gar nicht mehr richtig zuwenden. Wenn Musik keine Zeit hat, Bedeutung zu entfalten, wenn ihr der lokale Resonanzraum fehlt, dann stehen wir vor einem ernsthaften Problem. Musik verliert ihren Status als Bedeutungsträger und wird zu einer geschmackvollen oder geschmacklosen – je nach Hörer – Klangtapete.

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Für umme schnell bei Hype Machine den neuen Indie-Hit runterladen, dann schnell zu Last FM und den “Freunden” vom neuen Superhype erzählen, die einem auch schon in den Ohren liegen, man solle doch endlich mal soundso hören. Es gibt gerade viel zu viel – und oft erstaunlich gute – Musik dort draußen, die leider in atemberaubendem Tempo verbrennt. Musik ist eben nicht nur Musik, sondern auch die Plattencover, die Klamotten, die Musiker tragen oder nicht tragen. Und vor allem: Musik braucht einen Ort, einen Club, eine lokale Szene außerhalb des Netzes, um sich richtig zu entfalten.

Musik ist zunehmend ein Mittel zum Zweck geworden. Entweder, um auf den Social-Networking-Seiten möglichst viele Gleichgesinnte zu finden. Oder um aus den tausenden MP3s auf dem iPod oder bei Last FM die Stücke auszuwählen, die am besten zu meiner Laune und einem vage artikulierten musikalischen Geschmack passen. Bei Last FM gebe ich zum Beispiel das Tag Electronica ein und bekomme einen Stream mit Stücken von der Thievery Corporation, Timo Maas, Daft Punk und Broadcast vorgesetzt. Tags ebnen die alten, konstruktive Differenzen ein und ordnen Musik völlig neu.
 

Effektive Marketing-Tools

Egal ob Myspace oder Last FM, die Botschaft ist bei Web2.0 weniger der Inhalt, also die Musik, sondern Kommunikation und Vertriebsstruktur. Das Gute an Seiten wie Myspace oder Last FM ist, dass sie für Labels und Musiker effektive Marketing-Tools sind, und auch die Nutzer profitieren davon, dass Labels ihren Content teilweise online stellen. Aber so toll es auch war, dass mit Web2.0 der Inhalt auf einmal in den Händen der Nutzer lag, so bedenklich ist es mittlerweile, dass die scheinbar so revolutionären Social-Networking-Seiten Großkonzernen gehören.

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Es sollte einem doch quer gehen, dass man nach jeder stundenlangen Myspace-Session eigentlich den ganzen Tag für Rupert Murdoch gearbeitet hat, der in dieser Zeit ohne großen Aufwand Millionen an Werbegeldern akkumuliert hat. Auch Last FM verdient viel Geld mit Werbung. Die Labels aber, ohne deren Musik Last FM überhaupt nicht funktionieren würde, stellen die Musik kostenlos online zur Verfügung in der Hoffnung, dass es sich als Promotion lohnt. Von dem dem Geld, das Last FM verdient, sehen sie keinen Pfennig. Keinen Auftritt bei Last FM, Myspace und ähnlichen Plattformen zu pflegen, kann sich jedenfalls kein Label mehr leisten.

Früher haben wir ungeduldig auf die ersehnte Platte gewartet und sind am Veröffentlichungstag sofort in den Laden gerannt. Heute läuft das heiß ersehnte Album von XY bereits zwei Monate vor Erscheinen auf meinem iPod, weil ich es via Soulseek oder Hype Machine längst runtergeladen habe. Ich muss mich auch nicht mehr in die manchmal seltsamen sozialen Hierarchien einer lokalen Subkultur fügen. Ich kann selbstbestimmt entscheiden und aus einem breiteren Angebot auswählen, welche Platte es mir wirklich wert ist, sie zu kaufen. 

Waren- und Objektfetischisten

Aber dennoch: Irgendwo im digitalen Ätherrauschen ist der Musik ein großes Stück ihrer Aura abhanden gekommen. Ihr fehlt der Resonanzraum – entweder in lokaler und sozialer Form, wie es der Plattenladen mal war, wie es Clubs sind, oder in Form des physischen Tonträgers. Musik ist immer weniger ein Bedeutungsträger und Ausdruck von Differenz. Wir sind Waren- und Objektfetischisten – dazu werden wir unser Leben lang erzogen. Wir wollen Dinge besitzen. Wir begehren, was wir nicht haben, und wenn wir es nachgeworfen bekommen, dann ist es nicht mehr interessant. Mir ist es jedenfalls immer noch lieber, ein Album auf Vinyl zu kaufen statt auf iTunes als MP3. MP3s bekomme ich qualitativ hochwertig und ohne zu bezahlen genauso schnell bei Soulseek. 

In den letzten Jahren hat die bildende Kunst zunehmend einen Platz in den Popmedien gefunden. Einer der Gründe dafür ist sicher, dass man ihn dort noch hat, den Anspruch auf Originalität, den Anschein von Exklusivität – das macht sie begehrlich. Die Musik muss sich genau das zurückerobern. Dringend. Rein virtuell kann das nicht gelingen. Ein paar Plattenläden gibt es da draußen ja noch.

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Elektronische Lebensaspekte.