Zu Gast in Dean & Ingas Lo-Fi-Schießbude
Text: Michael Döringer aus De:Bug 151

Hype Williams ist eigentlich der Typ, der seit 20 Jahren bei MTV-Blockbuster-Videoclips Regie führt. Seit einigen Jahren benutzen Dean Blunt und Inga Copeland seinen Namen und verkehren die Bling-Bling-Universen des Regisseurs seitdem in ihr Gegenteil. Hype Williams sind dabei, LoFi unter den crispen und glänzenden Sound großer elektronischer Labels zu schmuggeln. Believe the Hype!

Er könnte so an jedem Berliner U-Bahnhof sitzen, mit Bier im Anschlag. Sein Künstlername ist Dean Blunt, aber nach eigenem Bekunden interessiert er sich für Mode und liest lieber die Vogue als ein Musikmagazin. Was man dem Mittzwanziger aber nicht ansieht, wie er so in Jogginghosen, grüner Bomberjacke und kahlem Kopf daherwippt. Zum ersten Mal treffen wir uns in einer Kreuzberger Markthalle.

Warum dort? Weil dummerweise der Waffenladen Dienstags geschlossen hat, der wäre seine erste Wahl gewesen. Übrigens ein guter Geschäftszweig, um das nötige Kleingeld reinzubringen, das die Kunst ja nicht immer abwirft. Das meint er todernst, obwohl er ansonsten ein ziemlich lustiger Zeitgenosse ist. Er ist die eine Hälfte von Hype Williams, an deren Sound sich momentan die Geister scheiden. Ganz allein sind sie damit nicht.

Hypnagogic Pop
Stichwort Hypnagogie, das ist ein Bewusstseinszustand zwischen Wachsein und Einschlafen, ein halluzinatorischer, verschwommener State of Mind, den jeder Tagträumer bestens kennt. “Hypnagogic Pop” ist eine Wortschöpfung des Wire-Autoren David Keenan, der damit einen Sound beschreibt, der sich vor allem in Schlafzimmerproduktionen manifestiert und analoge New-Age-Synthesizer-Schleifen mit entrücktem, verhallten Gesang und Samples aus dem popkulturellen Erbe der 80er und 90er kombiniert.

Den Kurzschluss, dass sich hier eine Generation von Endzwanzigern in Kindheitsnostalgie suhlt, verteufelte Keenan dann selbst vor kurzem in einem Quasi-Abgesang auf H-Pop: “Hypnagogic Pop war, wie es seine abenteuerlichsten Vertreter James Ferraro, Spencer Clark, Daniel Lopatin und Sam Meringue zu verstehen gaben, in erster Linie ein Prozess, ein Inventar an Werkzeugen um das Gedächtnis abzufragen und Sehnsüchte freizusetzen, etwas, das es der oft hermetischen Welt des Undergrounds erlaubte, einen fantasiehaften Dialog mit konsensuellen Arten der Erinnerung einzugehen. Im reduktiven Blendlicht der Mainstream-Medien wurde dies aber schnell zu einem Stichwort für eine billige Form des Revivals und eine Aufwertung von schlechtem Musikgeschmack.”

Ob Hype Williams eine neue Ausprägung von H-Pop darstellen oder aber schon den Bruch mit dieser Tradition, ist schwer auszumachen. Die Band taucht jedenfalls im selben Netzuniversum auf und teilt viele der erwähnten musikalischen Merkmale, ganz zu schweigen von dem Eindruck, den ihre Musik hinterlässt. Dean Blunt und Inga Copeland, die zwei kreativen Köpfe hinter dem Projekt, sind definitiv unfreiwillige Verwandte der Cliquen aus LA und Brooklyn, denn diese zwei Welten trennt nicht nur räumlich ein ganzer Kontinent. Über dem Sound von Hype Williams hängen der dystopisch-grimmige Dunst urbanen Verfalls und ein fieser Londoner Witz statt der Heiterkeit eines sonnengebleichten Strandlebens an der Westküste.

hype williams / paradise sisters – untitled by cplnd

Die Anti-Buzzband
Die Aufregung um Hype Williams begann vor etwa einem Jahr und seitdem erschienen bereits zwei hochgelobte Alben, über einen mittelgroßen Connaisseure-Kreis kam der Ruhm aber nicht hinaus. Und das obwohl diese Wissensgrenzen längst fragwürdig sind, seit Großorgane wie der Guardian die neuesten Buzzbands im selben Tempo abfrühstücken wie dein favorisierter Underground-Blog. Zwei Gründe, wieso der ganz große Hype-Williams-Hype wohl dennoch ausbleiben wird: Zum einen ist da ihr Katz-und-Maus-Spiel mit der Öffentlichkeit, ihr vernebeltes Camouflage-Dasein im Netz hinter fremden Gesichtern und Rauchschwaden.

Das verwirrt erstens und erweckt zweitens den Eindruck, dass sie sich unbedingt vor den Scheinwerfern der Medienaufmerksamkeit verstecken wollen. Inga gibt kaum Interviews, auch diesmal hat sie verzichtet. Beide zusammen später noch mal für ein Foto zu treffen war, gelinde gesagt, schwierig, und zu einem geraden Blick in die Kamera hat es schon nicht mehr gereicht. Dean zeigt sich im Gespräch aber offen und beteuert, ihre bescheidene Kommunikation mit der Außenwelt liege ganz banal an der eigenen Verpeiltheit, sie seien einfach ständig mit ihrer Arbeit beschäftigt. Wozu auch stundenlanges Quarzen zählt, logisch.

Kommst du klar?
Grund Nummer Zwei, wieso Hype Williams wohl dauerhaft unter dem Radar der Pop-Massen fliegen, ist ihr musikalischer Auswurf, Spalter-Musik vor dem Herrn. Improvisierter Avantpop, akustische Zerreißproben, Glo-Fi HipHop, you name it! Ihre Produktionen sind Lo-Fi von Anfang bis Ende, genial dilettantisch und affirmierter Amateurismus. Der Referenzrahmen, den Hype Williams dabei abstecken, ist allerdings amtlich. Im Ganzen klingt es, als hätten Cabaret Voltaire ihr “Voice Of America” in einer Post-HipHop-Zeit Ende der 90er aufgenommen und sich an deren Bruchstücken bedient.

Als Grundelement brummendes Kassettenrauschen und analoge Boom-Box, einen Bass voll stotterndem Funk und wunderschön naive Keyboard-Melodien, dazu kommen Overdubs aus Drones, Vocalsamples von MTV-Rappern, R’n’B-Sternchen und aus Cartoons, zuletzt noch lange, verzerrte Spoken-Word-Salven, deren Ursprung nicht mal Google kennt. Unüberhörbar ist das Vermächtnis von DJ Screw, also die primitiven Beats und Rap-Fetzen, gerne im Rückwärtsgang, den Pitchregler dabei immer tief im Minus und Hometapes als zusammengekleisterte Cut-Ups wie Burroughs-Romane. Kommst du klar?

Hypnancholie
Hype Williams’ Mixtape für FACT legt weitere Einflüsse offen: Jede Menge Songs von Steely Dan, Deans erklärten Helden, Roots Reggae, Grime, The Fall und noch mehr Pop aus vergangenen Tagen, ein verträumter Blick zurück. Und dann ist da dieser eine Track, die Blaupause eines Hype Williams-Stücks: “Suicide With An Escape Clause” aus Blue Jam, eine einst von Chris Morris konzipierte, ambiente Radioshow, die Ende der 90er auf BBC Radio 1 lief. Das Stück, in dem ein Erzähler den absurden Verlauf eines Selbstmords schildert, ist Melancholie in Reinform, sanft unterlegt mit einem Loop, der unter die Haut geht. Ist es das, was hypnagogisch meint?

Es fühlt sich vertraut an, es ist ein ganz heimeliges Gefühl, in dem man gänzlich aufgehen möchte, obwohl es einem das Herz unerträglich schwer macht. Und viel zu unbestimmt, um nostalgisch zu sein. Ganz wie “The Throning” von ihrem zweiten Album, eine verspulte Coverversion von Sades “The Sweetest Taboo”. Pures Gefühl, welches auch immer. Die neue LP “One Nation” führt Hype Williams’ Methoden, ihren Sound konsequent, sogar noch radikaler fort.

“Wir haben in London auf der Frieze Art Fair gespielt, danach sind wir bei Denna zuhause abgestürzt. Ein Kumpel brachte massenweise Mitsubishis mit, richtig gute Es, die haben wir alle genommen und einfach 48 Stunden lang aufgenommen, ohne zu schlafen. Was du also auf der Platte hörst, ist genau, was in dieser Zeit passiert ist, nichts war wirklich vorher überlegt. Das war bei den anderen Platten auch so, aber keine wurde so präzise in einem Take gemacht wie die neue.”

Denna existiert
Wer ist das eigentlich, diese oben erwähnte Denna Frances Glass, deren Name immer im Zusammenhang mit Hype Williams fällt? Dean amüsiert sich köstlich über die allseitige Neugierde. Manches brauche man einfach nicht wissen. Aus Gründen. “Denna existiert, sie ist eine Freundin, die sich um Dinge kümmert und uns unterstützt. Sie ist ein großer Bestandteil des Projekts, sie ist genau genommen Hype Williams. Ich weiß dass es etwas seltsam ist, aber wir können nicht so viel über sie preisgeben, außer dass sie alles koordiniert.” Für Personality- oder Celebrity-Geschichten fehlt ihm jedes Verständnis. Das lenke nur von der Kunst ab, denn selbstverständlich, nur darum gehe es.

Aber unter uns: Dean ist in Hackney, East London und Inga in Estland aufgewachsen, sie haben sich vor Jahren in Englands Hauptstadt getroffen, machen seit 2008 gemeinsam Musik und andere Kunst und leben seit kurzem in Berlin. Allerdings hat Denna, so geht die Legende, das Projekt Hype Williams Anfang der 90er aus der Taufe gehoben, das die zwei seit ein paar Jahren weiterführen. “Das meiste, was Denna damals gemacht hat, kennen nicht mal wir”, gibt Dean zu. Neben den offiziellen Vinyl-Veröffentlichungen liegt massenweise Zeug im Netz verstreut.

Direkt, roh ohne Nachbessern
Vor allem auf YouTube tummeln sich ihre Amateurfilmchen, die genau so aussehen, wie ihre Musik klingt: mit einfachsten Mitteln produziert, verlangsamt, rückwärts abgespielt, drogeninduziert, unvermittelt und herausfordernd. Ihr Clou besteht genau in dieser Zumutung: die Konsumenten in unserer durchgestylten Welt mit freiem Zugang zur ganzen Bandbreite von Mediengestaltung mit solch formalen, fast schon anstößigen Unzulänglichkeiten zu konfrontieren. Genau das macht die Werke von Hype Williams aus: die Unmittelbarkeit, das Unfertige, bei dem das kreative Moment viel bedeutender ist als jede Form der Postproduktion. Ihre Kunst direkt, roh und ohne Nachbessern.

Dean kann keine Software bedienen, findet das auch gut so und gibt sich pragmatisch: “Es liegt vor allem daran, welche Mittel man zur Verfügung hat. Wenn du kein Geld hast und dennoch etwas aufnehmen will, holst du dir eben einen Taperecorder. Daran haben wir uns sehr gewöhnt. Man hat uns vorgeschlagen, in den 4AD Studios aufzunehmen, aber das will ich wirklich nicht. Außer unserem 8-Track kenne ich mich mit nichts aus, und für mich reicht das. Es ist so unmittelbar: Wir fangen an zu spielen, drücken auf ‘Record’, fertig.”

L’art pour l’art
Die Tapes stapeln sich und ein Video nach dem anderen landet im Netz, bald auch Pornos und Boxvideos. Daneben fabrizieren die beiden auch ernste Kunst, wenn man so will, Skulpturen und Plastiken. “Ich bin gerade mit einer Nachstellung von Black Flags “TV Party”-Cover mit Tierpräparaten beschäftigt und Inga gestaltet Sachen aus Harz. Es kommt ständig Neues hinzu, und es gibt schon einen Haufen Pläne für die kommende Zeit.”

Es klingt verdächtig nach verklärter Künstlerromantik, wenn Dean über Selbstverständnis und Arbeitsethos redet: “Die meisten Menschen denken heute, dass jeder, der in irgendeiner Form Kunst macht, ein karrieristisches Ziel verfolgt. Ich glaube, dass man sich die eigene Kreativität nicht zwangsläufig aussucht. Das alles ist nicht sehr schlau, man könnte sich einen Job suchen, ein relativ vernünftiges Leben führen und beruhigt wissen, woher jeden Monat das Geld kommt. Aber es gibt Gründe, sich für diesen zurückgebliebenen Lebensstil zu entscheiden, wo man um 4 Uhr morgens aufwacht und Videos oder anderen Kram produziert. Das macht nicht wirklich Sinn, aber es fühlt sich wie eine Notwendigkeit an.”

Karriere lässt sich nicht verneinen
Vollblutkünstler oder faule Tunichtgute? Kunst um der Kunst willen, hier und jetzt, wir sind viele, nur wir beide, und brauchen keinen! Die Chillwaver und Witchhouser drüben in den Staaten, sie alle gehen hier ganz sicher d’accord. Und doch – Hype Williams sind ihre eigene Szene, noch. Aber die Karriere lässt sich nicht ewig verneinen. Im März gehen sie mit Lee “Scratch” Perry auf Tour, sie werden einen Track für die bald erscheinende King Midas Sound Remix-Platte beisteuern und Dean spricht von einer kommenden Albumveröffentlichung auf einem “well known electronic UK-label”, vielleicht ja auch Hyperdub. Klar, offensichtlich sind sie nun Teil von dem, was sie nicht interessiert, Teil von dem Business, das sie verachten, wie Dean unzweideutig erklärt:

“Es basiert alles so sehr auf Vetternwirtschaft und anderem Dreck. Wir haben letztens mit Pariah gespielt, und der Typ machte mich wahnsinnig, sobald er nur den Mund aufmachte. Der hatte so richtigen Industrie-Sprech drauf, und ich dachte mir nur: Wovon zur Hölle redest du?! Jemand wie du wird nie irgendetwas von Bedeutung zustande bringen, wenn du deinen ganzen Geschmack nur an dieser ‘next-big-thing’-Sache ausrichtest. So sollte Musik meiner Meinung nach nicht funktionieren.”

Ausgerechnet jetzt wollen sie auch noch ihren Namen ändern. Für ein paar Releases. Und für ordentlich Realness, ab ins Versteck. “Das macht es für mich wieder etwas interessanter. Ich bin den Namen schon leid, kann ihn nicht mehr hören. Vielleicht nennen wir uns wie früher Paradise Sisters”. Fragt sich, ob denn der aktuelle Namenspatron mittlerweile Genugtuung gefordert hat? “Nein, noch hat er nicht angerufen, aber der Tag kommt mit Sicherheit. Er wartet bestimmt so lange, bis wir wirklich Geld hiermit verdienen, dann kommen sie vorbei und schnappen sich alles.”

Hype Williams, One Nation, ist auf Hippos In Tanks erschienen.

http://www.hipposintanks.net

3 Responses

  1. Tropics – Parodia Flare - Leben mit Musik | AUFTOUREN.DE

    […] Man weiß nicht so genau, was es ist, man kann nur beschreiben, was es mit einem macht. „Es fühlt sich vertraut an, es ist ein ganz heimeliges Gefühl, in dem man gänzlich aufgehen möchte, obwohl es einem das Herz unerträglich schwer macht. Und viel zu unbestimmt, um nostalgisch zu sein“, so bestimmte Michael Döringer von De:Bug im Mai noch die einnehmende Wirkung von Songs des Hypnagogic-Pop-Duos Hype Williams in seinem sehr lesenswerten Artikel. […]