Kommt von der Insel die Hoffnung für alle Minimal-Ermüdeten? Fidget-House überzeugt in seiner Sample-breakigen, zappeligen Albernheit so unterschiedliche Geschmackslager wie Panoramabar-DJs und das Ministry-of-Sound-Magazin. Die Open-Air-Saison hat einen neuen Sound.
Text: Felix Denk aus De:Bug 103

Normal lässt ein DJ Platten für sich sprechen. Er selbst bleibt stumm im Halbdunkel der DJ-Booth. Manchmal aber reicht das nicht. Als Jesse Rose zum ersten Mal in Berlin auflegte, war der Club eher halb leer als halb voll und, schlimmer, niemand wollte tanzen. Die wenigen Leute, die sich an diesem Samstagabend ins Kinzo verirrt hatten, standen an der Bar rum, nippten an Drinks oder kniebelten das Etikett von ihren Faschen herunter. Alle schienen unschlüssig, was aus dieser angebrochenen Nacht denn nun werden soll.

An Jesse Rose lag das nicht. Er unterhielt das spärliche Publikum nach allen Regeln der Kunst, mixte sich tight von hypnotischem Minimal-Techno von Rob Hood zu Next Evidences vollmundigen Deep-House mit nur einem Zwischenschritt und wieder zurück – hoch motiviert und von begeistertem Kopfnicken begleitet. Doch auf der Tanzfläche zuckten nur die Lichtkegel der Scheinwerfer. Irgendwann, so gegen halb drei, wurde es ihm zu blöd. Er drehte die Musik aus und rief Richtung Bar: “Hey, hört mal alle zu: Das ist ein Club! Klar könnt ihr den ganzen Abend an der Bar rumhängen. Aber eigentlich geht es hier ums Tanzen. Wenn ihr nicht tanzen wollt, dann könnt ihr im Prinzip auch gleich nach Hause gehen.“

Seit kurzem wohnt Jesse Rose in Berlin. Und er lacht immer noch, wenn man ihn auf sein Plädoyer von vor drei Jahren anspricht. ”Einige Leute sind damals wirklich nach Hause gegangen. Aber die, die geblieben sind, haben dann doch bald getanzt. Es wurde noch recht lustig und ziemlich spät.“ Manchmal muss man zu ungewöhnlichen Mitteln greifen, um zu unterhalten. Das weiß Jesse Rose genau, er ist gewissermaßen Spezialist in dieser Disziplin, ebenso wie Trevor Loveys und Josh Harvey. Sie gehören zu jenen House-Produzenten aus England, die House weiterdenken und damit die Lücke füllen, die Classic hinterließ, nachdem das Label mit der 100. Platte überraschend, aber konsequent den Laden einfach dicht gemacht hat.

House 2006
Die Tracks von Jesse Rose, Trevor Loveys und Josh Harvey sind weder retro noch minimal. Und weder ein deep noch tech drängt sich als Vorsilbe auf. Sie haben einen Modernisierungsanspruch, aber auch ein gewisses Maß an Traditionsbewusstsein. Klingt beliebig, gar konturlos? Ist es aber nicht. Im Gegenteil. Ihr Stil hat sogar einen Namen: Fidget-House, zu Deutsch: Zappel-House. ”Das Tolle ist: Der Name ist so blöd, dass man ihn eigentlich nicht verwenden kann, zumindest nicht ernsthaft. Minimal klingt irgendwie interessant, Fidget total dämlich. Trotzdem passt er zu dem, was wir machen. Wahrscheinlich hat es schon einen Grund, warum es dafür jetzt ein eigenes Wort gibt“, findet Jesse Rose. Wie Fidget klingt, beschreibt “You’re all over my head“, die aktuelle EP von Jesse Rose auf Dubsided. Ein solider Beat marschiert voran, eine rotzige Synthie-Bassline stolpert hinterher und einige Vokal-Schnipsel verdrehen den Track ein Stück weiter. Bis hierhin ist “You’re all over my head“ eine brauchbare Minimal-House-Platte. Nach einer Minute aber nicht mehr – der Fidget-Break torpediert das eng geschnürte Rhythmuskorsett: Aus dem Nirgendwo taucht plötzlich ein etwas angestaubt klingender Liebesliedsänger auf und schmachtet zur verhallten Klavierbegleitung einer Verflossenen hinterher. Oder so ähnlich, denn kaum hört man das Sample, wird es schon wieder zercuttet und verschwindet so abrupt, wie es aufgetaucht ist. Und der Beat marschiert weiter, ganz als wäre nichts gewesen – bis zum nächsten Break. Der Fidget-Style ist hyperaktiv, albern, agil und überraschend. Trevor Loveys erklärt: “Der Begriff kommt von unseren Edits, dieses Zerhechseln und Zerschnipseln von Samples, das was Jesse, Dave Taylor und ich so angefangen haben. Aus kleinen, merkwürdigen Samples Grooves bauen, die nervös sind – bisschen so im HipHop-Style.“

Ungeplante Aufmerksamkeit
Dass Fidget-House jetzt eine Minikarriere als neue Bindestrich-Spielart macht, war nie geplant. Es war kein Versuch, da ein Branding einzuführen. Noch nicht mal als Witz. Josh Harvey: “Wir haben das im Studio immer so als Wort benutzt. So: Das muss noch zappeliger werden. Das es jetzt die Musikpresse auch verwendet, ist ein bisschen komisch. Ich weiß gar nicht, wo die das aufgeschnappt haben. Etiketten sind für Musiker ja immer schwierig. Man will nicht eingeengt werden. Andererseits ist es schön, etwas zu tun, was als distinktiv, als etwas Eigenes und Spezielles wahrgenommen wird. Das ist ja schon ein Anspruch, der sich da erfüllt. Es ist doch sehr einfach mit all der Software, die es gibt, durchschnittliche Musik zu machen. Um etwas Besonderes zu machen, muss man bisschen erfinderisch sein. Und wenn das so wahrgenommen wird, ist das natürlich schön. Unser Trick ist eben, mit kleinen Bewegungen den Track am Laufen zu halten. Das erzeugen wir mit den Samples. Die Basslines darunter sind eher minimal.“ Trevor Loveys ergänzt: “Bei viel House-Music weiß man doch sehr genau, wo die Samples herkommen. Das ist doch langweilig. Minimal House ist da kreativer.“ Und wieder Josh Harvey: “Genau. Wo die Samples herkommen, ist nicht so wichtig – manche Produzenten samplen immer Disko oder Funk – uns ist egal, was es ist, es geht um die Bearbeitung. Die Quellen können auch Filme sein, alte Platten. Wichtig ist, dass es viele verschiedene Teile sind. Wir alle bemühen uns, Dinge zu finden, die vorher nicht verwendet wurden. Wenn wir es schon gehört haben, dann wollen wir es nicht.“

Gemeinsam Banden bilden
Mit “Wir“ meint Josh Harvey nicht nur seinen Produktionspartner Trevor Loveys, sondern auch Jesse Rose und Dave Taylor. Die vier Produzenten hängen auf komplizierte und etwas verwirrende Weise zusammen. Als Jesse Rose eine Liste schreibt, wer mit wem welches Projekt betreibt und wer auf welchem Label was veröffentlicht hat, bricht er manchmal ab und muss noch mal nachdenken, ob er nicht irgendeine Verbindung vergessen haben könnte. Als mathematische Gleichungen ließe sich das so darstellen: Rose + Loveys = IZIT, Loveys + Harvey = Speakerjunk (neues Label und Produktionsalias) + Boomclack (neues Label). Rose = Front Room, Made to Play und Lounging (alles Labels).

Schwieriger wird es, als Jesse Rose die Variable Dave Taylor einführt. Jetzt füllt sich sein Zettel merklich. Ein paar Pfeile zur graphischen Verdeutlichung werden notwendig. Dave Taylor ist Solid Groove, betreibt das Label Dubsided, auf dem Rose, Harvey und Loveys veröffentlicht haben. Mit Dave Taylor produziert Jesse Rose als Induceve (Classic) und Put it on, und Dave Taylor und Trevor Loveys waren Switch, die nach ihrem Hit “Get your Dub on“ (2003 auf Freerange) mit Remixaufträgen von Branchengrößen wie Basement Jaxx, Chemical Brothers, Kylie und Busta Rhymes überhäuft wurden. Dave Taylor ist gleichzeitig Geburtshelfer und Randgestalt von Fidget-House. Mit seinen Produktionen und seinem Label prägte er den kleinteilig-nervösen Sound. Allerdings arbeitet er viel an ganz anderen Baustellen. Aktuell produziert er das neue Album der englischen M. I. A. Irgendwo in der Karibik.

Jesse Rose, Trevor Loveys und Josh Harvey bauen zwar an einem distinktiven House-Sound – aber eigentlich kommen sie aus völlig unterschiedlichen musikalischen Ecken. Trevor Loveys, der älteste, war immer Fan von Ron Trent, Chez Damier und Abacus, ein klassischer Deephouse-Hörer also. Seine erste eigene Platte erschien 1996 auf Nuphonic, eines der Label, die House Mitte der 1990er Jahre einen entscheidenden Modernisierungsimpuls lieferten. “Soul Motive“ wurde ein Hit, was ihm manche Türen öffnete. Mit dem Kollektiv ”House of 909“ folgten Alben auf Pagan, Glasgow Underground und Alola, wo er auch als 2nd Nature ein Downtempo-Album produzierte. Sein hervorragender Deephouse-Leumund brachte ihn – siehe oben – mit Dave Taylor zusammen, mit dem er als Switch einige House-Hits für die Peaktime ablieferte.

Trevor Loveys: “Ich komme ja mehr vom Deephouse. Ich mag die musikalischeren Spielarten. Das war immer ein Einfluss für mich und davon hört man auch sicher heute noch was in meinen Stücken.“ “Falls ich das nicht verhindere!“, geht Produktionspartner Josh Harvey dazwischen. “Trevor baut immer irgendwo Keyboard-Akkorde ein. Wenn er mal nicht hinhört, nehme ich sie dann wieder raus.“ Josh Harvey hasst nämlich Deephouse. “Dieses angeblich so Musikalische dieser Musik nervt mich. Drei Akkorde, die sich dann sieben Minuten wiederholen. Ein paar Klavierstunden und das kann jeder.“ Er muss es wissen, spielte er doch jahrelang in Bands. Mit Erfolg. Von seiner letzten Band Klint stammte der Soundtrack zu Snatch, dem Erstlingswerk des Regisseurs und Madonna-Gatten Guy Ritchie. Für Dance Music interessierte sich Josh Harvey aber immer. 2001 gründete er das Label Tomorrow Records, worauf er selbst als Tomorrow People Electro-Pop-Stücke mit Dance-Appeal und Electronica-Nummern veröffentlichte. Der Projektname stammt von einer englischen Sci-Fi-Fernsehserie aus den 1970er Jahren, die von Teenagern mit telepathischen Kräften handelte. Wie passend für Josh Harvey, der gerne nach vorne blickt. Retro hält er für Zeitverschwendung – alte Stücke hören ist ok, neue Stücke hören ist deutlich besser, aber warum Neues alt klingen soll, will ihm nicht einleuchten.

Bitte frisch
In Speakerjunk-Stücken wie ”Scratch up the Music“, dem ersten Release des gemeinsamen Labels von Trevor Loveys und Josh Harvey, blitzen beide musikalischen Vorlieben auf.
Kurze Harmonie-Fetzen spenden eine vage Hoffnung auf Erlösung, die aber gleich plattgetrampelt wird von bouncenden Beats und nervösen Sample-Kaskaden. Die Deephouse-Skepsis siegt über die Sentimentalität, und doch sind beide Elemente in die Tracks einprogrammiert. Trevor Loveys: “Manchmal klingen unsere Stücke ein bisschen wackelig. Aber wir möchten eben nichts wiederholen, was schon so oft gemacht wurde. Gewisse klassische House-Sounds kann ich einfach nicht mehr hören. 909-Drums zum Beispiel. Und wenn man mit Akkorden arbeitet, muss man sie schon irgendwie verdrehen.“ Josh Harvey konzediert: “Man kann Deepness schon verwenden, aber eben nur als ein Element oder einen Teil des Tracks. Dann muss ein Break, eine alberne Bassline oder etwas Funkiges kommen.“

Ist er allein im Studio, lässt Trevor Loveys seiner Liebe zu Melodien, Akkorden und Synthesizern deutlich mehr lauf. Zum Beispiel auf Digital Watch, seiner aktuellen Maxi-Single auf Front Room, schneidet er auf die minimal-hypnotischen Basslines allerlei 80s Synthie-Sounds, die eine Ahnung von Disko und Garage vermitteln. Ähnlich klingen die Tracks, die Trevor Loveys mit Jesse Rose produziert. Auf “Drop what your Doing!“ werden ein paar gedämpfte Strings, ein kurz angetipptes Piano und ein paar Vocalsnippets von einem locker trabenden Minimal-Groove zusammengehalten. Anders als bei Speakerjunk, so scheint es, geht es hier weniger um Traditionsskepsis als um einem Überdruss an traditionellen Arrangements.

Jesse Rose modernisiert moderat aber vielseitig, und das klingt derzeit unglaublich frisch. Seine “More than One“-LP (Frontroom) versammelt neben “Drop what your Doing!“ mit Trevor Loveys weitere Studiokollaborationen mit so unterschiedlichen Leute wie Roskow Kretschmann von Jazzanova, Domu, aber auch Rob Mello, Chris Duckenfield und Henrik Schwarz. Jesse Roses Begeisterungsfähigkeit fängt eben irgendwo bei Deephouse an, macht vor Vocals nicht halt und reicht von minimal-bleepiger Disko bis zu maximal-rumpeligem House. Das war mal anders: “Vor zehn Jahren wollte ich unbedingt sein wie Masters At Work! Die haben eine ganz klare Idee, schreiben tolle Songs mit tollen Grooves und setzen die mit den besten Musikern im Studio um. Irgendwann wurde mir klar, dass ich das nicht kann. Also musste ich etwas anderes machen.“

Zum Beispiel die besten Musiker in den Arbeitsspeicher des Samplers laden. Die “Jazz Chops“-EP, die Jesse Rose 2001 mit Dave Taylor als Induceve auf Classic veröffentlichte, besteht aus Samples von über 30 Jazz-Platten. Neun Monate Arbeit flossen in die Tracks, was den Erfolg hatte, dass auch ausgewiesene Jazz-Experten nicht mehr die Quellen nennen konnten. “Ich habe die Sachen Jazzanova vorgespielt und als die die Samples nicht erkannten – immerhin Sachen von John Coltrane und Miles Davis -, war mir klar: Das kann ich so veröffentlichen.“

Ganze Loops hat Jesse Rose eh nie gesamplet. Das ist unfair gegenüber den Musikern und uninteressant aus Produzentensicht. Spannender ist das Ausgraben und die Bearbeitung: “Als ich noch in London gewohnt habe, bin ich abends oft auf den Portobello-Market gegangen. Da standen all die Platten rum, die keiner wollte. Ich hab die alle mitgenommen und gesamplet. Egal ob das Country-Platten sind oder was auch immer. Letztlich ist es egal, woraus man den Groove bastelt. Die Produktion muss gut sein. Der Groove, die Bassline, die Keyboards – das muss alles stimmen. Wenn man zu dem Punkt gelangt ist, kann man machen, was man will. Die Albernheiten lenken die Aufmerksamkeit sogar wieder auf den Groove. Aber der muss eben stimmen.“

Das kann man auf seiner LP “What do you do if you don’t“ prüfen, die aktuell auf Dubsided erscheint. Hier wimmelt es nur so vor albernen Fidget-Party-Breaks. Jesse Rose wundert sich, dass er mit diesem Sound in Deutschland durchkommt: “Ich hätte nie gedacht, dass die Dubsided-Sachen hier so gut laufen. Viele deutsche DJs bauen ihre Sets sehr hypnotisch und langsam auf. Aber Stücke wie ‘You’re all over my head’ mit den strangen Samples werden scheinbar oft in der Panorama-Bar oder im Weekend gespielt. Ich finde das total verrückt. Vielleicht denken die DJs irgendwann in der Mitte des Sets: Zeit für einen Witz jetzt.“ Bei allen Soundgimmicks – Anknüpfungspunkte zu minimalem House haben Jesse Roses Platten schon. Gerade seine Produktionen für Made to Play arbeiten etwas sparsamer mit dem Sample-Wahnsinn. “Als DJ spiele ich immer das, was ich gerade spannend finde. Das können ganz unterschiedliche Sachen sein. Aktuell viel Luciano oder Guido Schneider. Sicher hört man das auch auf meinen eigenen Platten. Es ist lustig, dass das in Deutschland gut ankommt. Ein Zirkel: Ich verkaufe euch das, was ich mir von euch abgeschaut habe“ (lacht).

Oder ein Dreieckshandel: Denn auch in England läuft Fidget gut. Schon will das große Club- und Musikbusiness auf den Zug aufspringen. Der Track ”A-Sided“, den Jesse letztes Jahr auf Dubsided veröffentlichte, war in England ein massiver Hit, der es auf die “Ministry of Sound“-Compilation schaffte. “You’re over my head“ könnte eine ähnliche Karriere bevorstehen. Mixmag wählte es bereits zur Platte des Monats. “Komisch. Normal ist das immer Tiësto oder so jemand“, wundert sich Jesse Rose. Dass er in der aktuellen Ausgabe in der Rubrik “Four Producers for Tomorrow“ genannt wird, beeindruckt ihn ebenfalls eher mäßig. Außerdem steht eine Mixmag-Tour im Raum, die alle Dubsided-Artists durch die Großraumclubs in England und natürlich Ibiza scheuchen will.

Der Applaus, über den sich Jesse Rose wirklich freut, kommt aus einer ganz anderen Ecke. Faith, das Fanzine der Balearic-House-Ikonen Terry Farley und Pete Heller, haben ein Interview mit ihm gemacht. Jesse zeigt es stolz her. Zwischen den Stories “Amnesia: People who really went in the 80s“ und “A brief history of (some) gay clubs in London” ist ein zweiseitiger Artikel über ihn, der mit einer Top 5 seiner Lieblingsplatten endet. Neben einer Northern-Soul-Scheibe und einem Disko-Stück hat Jesse Rose “Touch me“ von Samantha Fox und den Dancefloor-Trash ”Cotton Eye Joe“ von den Rednex untergejubelt. Vielleicht ist das ja Sample-Futter für künftige Fidget-Breaks. Oder blüht das etwa Clubbesuchern, wenn sie mal wieder nur faul an der Bar rumhängen, statt zu tanzen?

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Elektronische Lebensaspekte.