Hyperdub ist das Lieblings-Label aller Dubstep-Affiniados, die lieber analysieren als tanzen. Übersetzt heißt das einfach nur: Nach fünf Jahren Labelarbeit ist Kode 9 immer noch Lichtjahre vorne dran und weiß schon jetzt, wie sich das Genre entwickeln wird. Interviews sind seine Sache nicht, also haben wir Cooly G, Kevin Martin und Darkstar in London getroffen und es uns in der Nische des Sonic Warfare gemütlich gemacht. Es gilt, die Welt zu retten.
Text: Alexandra Droehner aus De:Bug 138

5 Jahre Hyperdub. London SE26. Entfernt vom üblichen City-Rummel, sonnt sich Sydenham unter einem knallblauen Herbsthimmel. Die Ödnis des Außenbezirks in gleißendem Licht. Immerhin kommt Jason Stratham aus der Gegend, genauso wie der Erfinder des Fernsehers, keine ganz schlechte Nachbarschaft also für Cooly G, die coolste Frau der Welt. Im Juni diesen Jahres veröffentlicht Merrisa “Cooly” Campbell mit “Love Dub” ihre erste Single auf Hyperdub, ein zweiter Track, “Weekend Fly”, erscheint auf der “Hyperdub – 5 Years Of Low End Contagion”-Jubiläums-CD. Die E.P. “Cooly & the Gang” folgt kurz darauf, ein Album steht für das Frühjahr 2010 auf dem Plan, Arbeitstitel: “Uncategorized”. Ein Name, der sich ebenso gut als Unterzeile für 2009 eignen würde, das Jahr, in dem Dubstep in tausend Stücke zersprang.

Fast bis zur Decke türmt sich buntes Spielzeug im kleinen Apartment von Cooly G, die End-Zwanzigerin ist alleinerziehende Mutter eines so lebendigen wie niedlichen Jungen, der wenig Verständnis für die Promo-Pflichten seiner Erzeugerin hat. Gleich neben der raumgreifenden Spielzeugecke lugt ein winziger Tisch mit Studioequipment zwischen Fernseher und Couch hervor.

Hier produziert Merrisa bis tief in die Nacht ihre schweren, rauchigen Tracks, mit Logic und der gelegentlichen Hilfe ihres guten Freundes und persönlichen Engineers Jamie, der die temperamentvolle Musikerin mit einem beruhigendem “Breathe in!” wieder auf Spur bringen kann. Nötig hat Merrisa die technische Beratung selten, sie selbst unterrichtete jahrelang Sound Engineering an einer gemeinnützigen Schule, Kinder ab 10 und Erwachsene bis 40 – Community Work.

(Cooly G)

Als eines von sieben Geschwistern in einem ausgesprochen musikalischen Elternhaus: “Mein Vater stand auf Reggae und meine Mutter auf Acid House”. Sie ist an den täglichen Anblick des analogen Tonstudios ihres Dads gewöhnt und auch daran, sich um ihren eigenen Kram zu kümmern. Sie spielt semi-professionell Fußball, praktiziert Martial Arts und bringt sich mit 17 selbst Produzieren und Auflegen bei. Erst als sie die Lehrer-Stelle bekommt, offenbart sie ihren Eltern ihre “musical side”, die sie aus Sorge nicht Ernst genommen zu werden, unter Verschluss gehalten hatte: “Mein Vater ist jetzt sehr froh über meine Karriere.

Und das macht mich glücklich. Meine Mutter ist sowieso immer happy, aber für meinen Vater bedeutet mein Erfolg viel, gerade weil er es selbst als Musiker niemals geschafft hat, schließlich musste er sieben von uns durchbringen. Nicht dass ich der totale Überflieger wäre, aber ich bin in einer hübschen, kleinen Ecke erfolgreich.”

Kühle Hand auf heißer Stirn
Das Telefon klingelt: “Is that my doggy?” fragt Merrisa in den Hörer. Kode 9 ist am anderen Ende der Leitung. Wahrscheinlich ist Cooly G die einzige Künstlerin, die ihren hochrespektierten Labelboss jemals so angesprochen hat. Als Cooly ihm irgendwann davon erzählte, dass Ikonika, die zweite Frau auf Hyperdub, Angst vor ihm habe, war Kode 9s Antwort: “Und ich habe Angst vor dir.” Keine schlechte Balance. Erst jetzt wird Cooly nach und nach bewusst, dass sie mit dem Hyperdub-Signing auf einem der wichtigsten (Underground)-Labels der Dekade gelandet ist.

(Kode9)

Als Kode 9 aka Steve Goodman sich nur drei Tage nachdem sie “Love Dub” auf ihre Myspace-Seite gestellt hatte, bei ihr meldet und den Track veröffentlichen will, hat Cooly keine Ahnung, wer er ist, kennt Hyperdub nicht und nur wenige ihrer Label-Kollegen. Eigentlich kommt sie vom HipHop, Dub und House, sie liebt Conscious Lyrics und Slow Jams.

Die Essenz ihrer Vorlieben bildet die Basis für ihre seltsam dringlichen, warm pulsierenden R&B-Retuschen, selbst eingesungene Vocals schweben über den Tracks wie eine kühle Hand auf heißer Stirn, ungeduldige Beats mit metallischen Kanten und morbidem Kern drängeln sich durchs Hardcore Continuum. Und natürlich wird sie überhäuft mit Definitionsversuchen: Mutant Funk, Step-dies, Future-das, sie hasst es: “Ich betrachte meine Musik nicht als irgendeine Art von Form, ich möchte sie nicht labeln, ich möchte, dass es reine Beats sind.

Das Album, an dem ich arbeite, hört sich an, wie nichts anderes vorher. Es gibt keinen Namen dafür, es ist next-level-Zeug, Vibes, Gefühle, das bin ich.” Trotzdem muss Cooly G es sich gefallen lassen, als Flaggschiff des aktuell prominentesten Cubsounds gehandelt zu werden: UK Funky. Oder neuerdings Funkstep, ein gefälliger Groove, der seine Beatstruktur vom südafrikanischen Pretoria House oder ivorischen Coupé Décalé entliehen hat, in all seinen Ausformungen zwischen Kitsch und Wobble, den legitimen Nachfolger von Garage und 2Step darstellt und den offiziell irgendwie niemand mag, aber (fast) alle auflegen, auch Kode 9 oder Ikonika. Letzterer gelingt es damit wenige Tage zuvor bei “Nail the Cross”, einer misslungenen Studentenparty am elitären Londoner Goldsmith College, wenigstens die letzten der etwas zu sehr von sich selbst und dem Bier in ihrer Hand begeisterten jungen Kunstis vor die Hyperdub-Bühne zu locken, nachdem Joker und Darkstar mit seriösem Dubstep nur ein paar Kopfnicker verbuchen konnten.

Roundtable um den dunkle Stern
James Young von Darkstar ist es dann auch, der die Party als “Zeitverschwendung” kommentiert, als er sich zu einem Roundtable mit seinen Labelkollegen Kevin “The Bug” Martin und Roger Robinson von King Midas Sound in einer bekannten Café-Kette in der Nähe der U-Bahn-Station Angel einfindet. Genau wie Cooly G haben alle drei ein Problem damit, in irgendeiner Form kategorisiert zu werden.

Unisono erklären sie, keinen Dubstep zu machen, sondern Songs, Pop-Songs gar, mit klassischem Aufbau und einer weit größeren kompositorischen Herausforderung als das übliche Club- oder DJ-Tool. Darkstar, das ist mit James Young und Aiden Whalley die erste “Band” auf Hyperdub und das vielleicht beste Beispiel für das veränderte Soundgefüge im Label-Universum. Ihr fantastischer 2009er Track “Aidy’s Girl Is A Computer” hat ihnen endgültig den vollen Support der Presse eingebracht und wer sich beim Hören eines “Indie”-Gefühls nicht erwehren kann, liegt richtig.

(darkstar)

James gibt Joy Division und Massive Attack als Referenzen an, ihre Tracks spielen sie fast vollständig mit Gitarre und Piano ein, bevor sie sich an die elektronische Übersetzung und Einbindung in ihre Erlebniswelt aus John Carpenter Reminiszenzen, Space-Ennui, Vocoder-Stimmen und genau den melancholischen Synthesizer Riffs machen, die Kode 9 auf sie hat aufmerksam werden lassen und die sich in ähnlicher Frequenzqualität auf fast allen Hyperdub-Neuzugängen seit dem 2007er 8Bit-Lamento “Sunset Dub” von Quarta 330 finden.

Melancholie, Intimität und Lovers Rock
Auch das gerade erschienene King-Midas-Sound-Album “Waiting for you” handelt mit Melancholie und Intimität, soulful, deep, slow. Kevin Martin brauchte eine Auszeit vom zu eng gewordenen The-Bug-Korsett und fand in Roger Robinson die perfekte Ergänzung, um seinen Entwurf eines zeitgemäßen Lovers Rock umzusetzen. Die androgyne Stimme des sorgfältig gekleideten Sängers aus Trinidad tastet sich verschwitzt über trippige Basslandschaften.

Tatsächlich wurden die Songs im Sommer im viel zu heißen Studio von Kevin aufgenommen, der sich eine Etage mit Asian Dub Foundation, Jamie Vex’d und Medasyn teilt. Roger erzählt: “Ich habe die Vocals ohne Shirt in glühender Hitze eingesungen und dachte, das wäre perfekt, musste aber doch ständig von vorn anfangen, weil Kevin meinte, dass ich falsch lag.””Ja, Roger wollte klingen wie Luther Vandross.”

Kevin Martin ist der vielleicht aufrechteste Haudegen im Bassgeschäft, Dubstep kann ihn, zumindest gerade, nicht mehr begeistern: “There is no Dub in Dubstep.” Und erklärt die Misere so: “Guten Leuten wie Skream, Loefah oder Mala wird einfach zu viel Geld hinterhergeworfen, das korrumpiert und verleitet zu Wiederholungen. Der momentane Status Quo von Dubstep ist Scheiße.” Ein Grund mehr, Hyperdub-Chef Steve Goodman zu lobpreisen, den er schon aus einer Zeit kennt, als Hyperdub noch ein Blog über Dubstep und UK Bass war und kein Label. “Steve ist immer neugierig und offen geblieben. Für uns ist es eine Überraschung zu sehen, wen er als nächstes signt, und gleichzeitig auch ein Ansporn, selbst am Ball zu bleiben.”

(King Midas Soundsystem)

Alle Augen auf Steve Goodman
In Hyperdubs fünftem Jahr und anlässlich der epischen Geburtstags-Doppelcompilation sind alle Augen auf Steve Goodman gerichtet, auch wenn niemand so recht weiß, wie der kamerascheue Enddreißiger eigentlich aussieht. Die Journalisten geben sich die Klinke in die Hand, um die Parameter der visionären One-Man-Show zu ergründen. Goodman, Doktor der Philosophie, hält als Dozent Vorlesungen zum Thema “Sonische Kultur” und “Sound Design” an der University of East London, sein Buch “Sonic Warfare”, eine wissenschaftliche Publikation zur Schallforschung und sonischen Kriegsführung, erscheint zum Jahresende (siehe auch De:Bug 136, Oktober 2009).

(Joker8)

Der Wunsch, über das Wesen von Musik zu schreiben und zu forschen, entsteht erst, als er 1999 den legendären Poptheoretiker Kodwo Eshun und Mark Fisher liest und Mitglied der CCRU (Cybernetic Culture Research Unit) wird. Er hosted die FWD>> Show auf Rinse.FM, stellt ab 2000 seinen Hyperdub Blog ins Netz, wandelt ihn 2004 auf Anraten von Kevin Martin in ein Label um und released die Prince-Adaption “Sign of the Dub” zusammen mit Daddy Gee. Als er 2005 Burial entdeckt und mit “South London Borroughs” die bis dahin erfolgreichste Maxi des Labels veröffentlicht, rückt Hyperdub endgültig in den Focus des allgemeinen Interesses.

Parallelen zu den Erfolgsgeschichten von Warp, XL oder Metalheadz können gezogen werden. Was Goodman gefällt, wird released und 2009 sind das vorrangig die schrägen, and den Rändern in den Orbit ausfransenden Synth-Sequenzen von Joker, Zomby, Darkstar oder Ikonika, die ihn an der richtigen Stelle im Hirn kitzeln. Hyperdub transzendiert Dubstep und stellt eine sonische Realität jenseits von Begrifflichkeiten und Begrenzungen her.

Falls der DJ-Mix, den Kode 9 im Oktober bei Mary Anne Hobbs 1xtra Show präsentiert, ein Indikator für neue musikalische Präferenzen sein sollte, könnte die nächste Zukunft des Labels in perkussive, fast tribalistische Bahnen gelenkt werden. Goodman wird es wissen, sobald er nur den richtigen Track zur richtigen Zeit hört. Hyperdub soll sich wie Seuche ausbreiten, hat er irgendwann einmal gesagt und es sieht ganz so aus, als wäre die Pandemie auf dem besten Weg. Hyperdub soll sich wie Seuche ausbreiten, hat er irgendwann einmal gesagt und es sieht ganz so aus, als wäre die Pandemie auf dem besten Weg. In Steve we trust.

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Elektronische Lebensaspekte.

3 Responses

  1. Rock'n'Roll, Baby!

    @debug_magazine Hyperdub: Dubstep, Funkstep, Nostep?:
    5 Jahre Hyperdub. London SE26. Entfernt vom üblichen City-R… http://bit.ly/chGyWc

  2. Fred

    Yo, massive recepst Joker! Always been a huge fan of your tunes since I first heard one. The bass music community is forever indebted, in my opinion. You changed the game. Keep it fresh and raw as always! Please let me know where I can find other tour dates for USA, I’ve only been able to see your stop off at NYC as of late. Also if you need any graphic design work, I would be honored to help you out. Holla at me contact @sargdesigns.com