Text: Heiko H. Gogolin aus De:Bug 63

Hypo ist das New Kid on The Block des Bastard Pop. Der frische Franzose schenkt uns auf seinem zweiten Album “Karaoke A Cappella” 18 wuselige Sound-Miniaturen zwischen VV/M‘schen Plunderphonics, New Wave Abfallsrecycling, sarkastischen Liebesoden und tollem Kaugummi-Pop. Von der Club- und Labelsituation in Frankreich ziemlich frustiert, geht Anthony Keyeux erstmal auf Reisen und veröffentlicht eine Langspielplatte auf dem englischen Label Spymania (u.a. Jamie Lidell, Squarepusher), bis er im Heimatland bei Active Suspension endlich ein glückliches Zuhause findet. Seine Stücke dauern selten mehr als zwei Minuten und animieren einen mit ihren meist hippelig-umgedrehten Grooves, freudig wie ein Schneekönig in der Wohnung herum zu hüpfen, neue Tanzschritte zu erfinden und dabei irgendetwas zu singen, egal was, denn die Vocals bleiben eh oft dreckige Textur. Doch ehe man sich versieht, ist Hypo schon drei Ecken weiter.
“Ich mag es, wenn Musik mich frustiert. Und ich liebe kurze Stücke. Punk Rock oder Soul aus den 60ern dauert nie mehr als wenige Minuten. Etwa zwei Minuten ist die ideale Länge oder vielleicht wie beim ‘Commercial Album’ von den Residents sogar noch kürzer. Die Idee ist, einen Song auf das Essentielle zu reduzieren. Wenn ich ein Stück liebe, benutze ich den Repeat-Modus meines CD-Players und höre es mir 50 mal am Tag an.”

In einer gerechten Welt würde Hypo mit seinen Hymen ganze Stadien füllen. Das Album ist eine Sammlung von Liedern, die ohne wirklichen Masterplan über einen Zeitraum von zwei Jahren mit einem ganzen Batzen GastmusikerInnen wie Reiko Underwater oder Anne Laplantine (aka Angelika Köhlermann auf Tomlab) entstanden sind. Dabei sah sich Hypo eher als musikalischer Kurator denn als Schöpfer eines genuinen Werkes. Ohne verkrampfte Sammlerattitüde durchwühlt er sonische Mülltonnen und fördert weggeworfene Referenzen zu Tage, die, einmal durch die Mangel genommen, frisch und äußerst gut gelaunt in der Gegend herumkugeln – einfach Missy Elliott Vocals über beliebige Instrumentals zu kloppen, ist ihm dennoch viel zu simpel. Stets zwischen den Polen “richtiger” Song und Fragment oszillierend, fasziniert ihn an Bastard Pop am meisten die Möglichkeit des Unmöglichen, Karaoke A Cappella eben.
“Ich mag die Idee, Samples von Joy Division und Nina Simone im gleichen Stück zu verwenden. Es ist, als ob die beiden Sex miteinander haben würden. Kannst du dir Ian Curtis vorstellen, der mit Nina Simone Liebe macht? Vielleicht wäre er dann noch am Leben oder Nina hätte Selbstmord begangen, keine Ahnung.”

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Elektronische Lebensaspekte.