Durch selbstinduzierten Hospitalismus in den Betonwänden des Bedroomstudios zum Experimente mit dem Ich als neue Elektroclash-Therapie. Kunststudenten und ehemalige Sneaker-Pimps-Mitglieder entdecken den Zen-Existentialismus neu.
Text: Sandra Sydow aus De:Bug 87

I Am X
Rebel, Rebel.

London bereitet sich langsam auf den grauen, tristen Winter vor, hier in Deutschland darf man sich erstmal auf schillernde Solo-Eskapaden von Sneaker Pimps’ Frontmann Chris Corner einstellen. 2004 ist das neueste Album der Sneaker Pimps in der Entstehungsphase. Chris Corner allerdings ist mehr als angefixt von seinem eigenen Material und bastelt seit gut fünf Monaten an seiner neuen Identität und dem dazu passenden Album. “Merkwürdige Beziehungen, Leidenschaft, Liebe, Tod … darauf sollte die Platte aufbauen. Je länger ich alleine in meinem kleinen, dunklen Zimmer saß und an den Songs arbeitete, desto weiter entfernte ich mich von dem, was man als moralisch anständig bezeichnen kann. Ich war wie besessen von dieser Entwicklung und musste es auf dem entstandenen Weg zu Ende bringen.“ Musik als selbst gewählte Kunstform scheint einen leicht an den Rand des Wahnsinns zu bringen. Chris Corner möchte jetzt ”I Am X“ genannt werden und – weil er ein Kind großer Gesten und Worte ist – wird auf der dazugehörigen Platte ”Kiss + Swallow“ versucht, elektronische Kühle mit dramatischem Glamour auf dem Tanzboden zu vereinen. Er nennt diese Platte einen Weg aus seiner eigenen Hölle, den er mit Leidenschaft und Grenzüberschreitungen gehen muss. Dabei bietet er einem eine Alternative zum eigenen Schicksal, so das ”I Am X”-Manifest, durchsetzt von Sex, Wirklichkeit und Poesie. ”Es ist eine schizophrene Platte. Es ist der Teil von mir, den ich sonst nicht herauslassen kann. I Am X ist meine Therapie.” Dreizehn Songs als Selbsttherapie, die irgendwo zwischen 80er-Synthesizern, Hüftenschwingen auf Kunststudentenpartys und britischem Songwriting gelagert sind. Textlich wollte Chris Corner mehr auf Statements fokussieren, musikalisch alles klar und schlicht umsetzen und nicht auf großes Pathos verzichten. I Am X will Gegensätzlichkeiten thematisieren und dabei dem emotionalen Kontrollverlust wieder Struktur geben. Auf der Bühne soll das eine Mischung aus Wanderzirkus und japanischen Pornos mit wechselnden Akteuren werden: ”Mit mir auf der Bühne stehen Freunde, Geliebte und Freaks. I Am X ist offen und prozesshaftig. Ich möchte keine starren Grenzen setzen, weder in der Musik noch in der Umsetzung vor Publikum.“ Einschränkungen durch Majors möchte Herr Corner ebenfalls nicht und deshalb wird “Kiss + Swallow“ im jeweiligen Vertriebsland auf Indielabels erscheinen, wie in Deutschland auf Tennis-Schallplatten aus Hamburg. ”Mit kleineren Labels zu arbeiten ist symbiotischer. Sie bringen die Platte raus, weil sie die Musik lieben. Diese Leute sind echt und machen ihre Arbeit aus Leidenschaft. Ich hab genug Bullshit und Lügen von Vermarktungsmaschinerien erlebt und will mich diesmal ganz bewusst davon abgrenzen. Die Basis von I AM X sind Herzblut und Engagement.“ Selbstinszenierung pur und Besinnung zum kleinen Mann der Plattenindustrie – großes Tennis. So pocht I Am X auf Individualismus und Rebellentum und beißt dabei trotzdem nicht in die Hand, die ihn füttert, läuft doch alles parallel zu Corners erfolgreicher Karriere. Die beinhaltet neben den Sneaker Pimps und momentan I Am X auch noch die Produktion diverser anderer Künstler wie zum Beispiel das letzte und auch das kommende Album der “Robots in Disguise“. Ab Anfang November kommt Chris Corners hentai-eske Show zusammen mit Client auf auch zu uns. ”Das Publikum wird eine Orgie erleben und nach Hause gehen mit tränenden Augen und blutenden Ohren.“ Hoffen wir’s nicht.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.