Als die New Yorker Sonntagstanzmatinees im Afrogeklöppel ersoffen, war Jerome Sydenham vorne dabei. Jetzt hat er neu Luft geholt und seine afrikanischen Wurzeln mit europäischer Trendmusik abgeglichen, zum Beispiel DJ Koze.
Text: Felix Denk aus De:Bug 104

Jerome Sydenham, Ibadan // Afrika, minimal

In einer Talsohle, zwischen den Steppen und den Wäldern der nigerianischen Provinz Oyo, liegt Ibadan, eine Stadt von 3,8 Millionen Einwohnern. Sie gilt als geistiges Zentrum des Landes und beheimatet die Ibadan School, eine einflussreiche afrikanische Historikerschule, die sich mit der vorkolonialen Geschichte und Identität des Kontinents beschäftigt. Jerome Sydenham tut das auch, mit House-Music. Er stammt aus Ibadan und sein Label hat der Sohn eines Engländers und einer Jamaikanerin nach seinem Geburtsort benannt. Musikalisch ist er dem Erbe seines Heimatlandes stark verbunden, auch wenn er seit den frühen 80er Jahren in New York lebt.

Ibadan steht für organischen Deephouse mit einem Hang zur polyrhythmischen, synkopierten Perkussion und gelegentlichen esoterischen Elementen. Westafrikanische Musikstile wie Hi-Life, Makossa und Afrobeat sind eine tragende Säule des Sounds. Aus dieser Grundhaltung entwickelte Ibadan in den letzten Jahren eine reduzierte Ästhetik. Die dicht gestrickte Afro-Perkussion wurde etwas entflechtet, Juju-Gitarren und Vocals nach hinten gemischt oder ganz herausgenommen. Neue Ibadan-Tracks wie “Timbuktu”, “Son of Raw” oder “The Undertow” kreisen um eine mächtige Kickdrum, ihr Build-up ist langsam und sie klingen weniger organisch, sondern eher elektronisch und techy. Ibadan-Tracks sind zwar noch Deephouse, aber selten klang Deephouse so rave- und partykompatibel. Den Minimal-Floor kann man damit bestens beschallen. Jerome Sydenham nennt das Pan-African Electro – soll heißen: “Der afrikanische Einfluss ist schon auch bei den elektronischeren Produktionen da, nur eben deutlich subtiler. Es geht darum, beide Elemente zusammenzubringen.”

Pan-African Electro

Natürlich wird bei Pan-African Electro noch getrommelt, natürlich wird dort Fela Kuti verehrt. Folkloristisches aber fehlt. Die Referenzen an traditionelle afrikanische Musik sind nur noch paraphrasiert, so dass die Maschine über das Menschliche im Klangbild der Tracks dominiert. Das liegt vielleicht daran, dass Joe Claussell nicht mehr so präsent auf Ibadan ist, weder als Artist noch als Studiopartner von Jerome Sydenham: “Joe kümmert sich im Augenblick um seine eigenen Labels Spiritual Life und Sacred Rhythm. Aber wir sind in Kontakt und werden auch wieder zusammen arbeiten.”

Das Studio teilt Jerome Sydenham nun vor allem mit Dennis Ferrer, der in den frühen 90er Jahren Technotracks auf Synewave veröffentlichte und mittlerweile mit der New-Jersey-Legende Kerri Chandler das Label Sfere betreibt, und eben Chandler selbst, der gerade als Produzent seinen geschätzten zwölften Frühling erlebt. Genau wie House aus New York, der wieder viel präsenter auf den Tanzflächen der Club-Welt ist.

Gerade in England schlagen Ibadan-Tracks ein. Defected lizenzierte 2004 das elegische Stück “Sandcastles”, das Jerome Sydenham mit Dennis Ferrer produzierte. Und BBE veröffentlicht aktuell die Mix-CD “Casino J Introduces the Electronic Pussycat” von Jerome Sydenham. Neben neuen Ibadan-Tracks dropt Sydenham darauf auch Minimales von Mathew Johnson und Maximales von DJ Koze. Die Klammer bildet Carl Craig, ohne den derzeit gar nichts geht. Ein weiter Style-Bogen statt Deephouse-Orthodoxien: “Ich habe immer fanatisch Musik gesammelt. Und zwar jede Form von Musik. Meine Favoriten reichen von Wagner-Opern wie ‘Tristan und Isolde’ bis zu Fela Kutis Album ‘Zombie’. Bei beiden interessiert mich auch der politische Aspekt der Musik. Meine verschiedenen Vorlieben zeige ich jetzt deutlicher.”

Mittlerweile tut Sydenham das weltweit. Seine DJ-Reisen brachten ihn in den letzten Jahren nach Asien, vor allem Japan, aber auch an Orte, die erst seit neuestem von internationalen DJs bespielt werden. Zum Beispiel Kambodscha. Die Reisen bereicherten das Ibadan-Programm um internationale Produzenten wie Tiger Stripes aus Norwegen und Nature Soul und 32 Projekt aus Japan. Letzteres betreibt Hiroshi Watanabe, der als Kaito auf Kompakt Platten veröffentlichte.

Auch in New York wird wieder mehr zu House getanzt, wie Jerome Sydenham erzählt: “Seit kurzem gibt es hier eine Menge kleiner neuer Clubs und Parties, bessere Soundsystems und mehr internationale Bookings. Im Augenblick passiert in New York mehr als seit langem.” Das Echo kann man sogar bis nach Europa vernehmen.

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Elektronische Lebensaspekte.