Mit Hilfe der Dehomag und IBMs konnten die Nazis ihre Massenvernichtung planen und reibungslos durchführen. Edwin Black zeigt in seinem Buch "IBM und der Holocaust" die Relevanz über das Wissen dieser gelungenen Kooperation bis heute.
Text: anton waldt aus De:Bug 46

IBM Lochkarten

Datensammlung und Massenvernichtung

Die Datenbanken, in denen “Rassejuden” und andere Gruppen erfasst wurden, sind eine Vorstufe der Massenvernichtung gewesen. Ohne die Datenbestände, in denen Wohnort, Beruf, Alter, Abstammung und andere Kriterien erfasst wurden, wäre der Völkermord an den europäischen Juden weder in dieser kurzen Zeit, noch mit der von den Nazis an den Tag gelegten einmaligen Vollständigkeit und Effizienz durchführbar gewesen. Der Grund, dass dieser Zusammenhang erst jetzt öffentlich diskutiert wird, liegt an dem Stellenwert, der der Informationstechnologie eingeräumt wird. Edwin Blacks Buch “IBM und der Holocaust” weist aber auf keine Schlappe bisheriger historischer Forschung hin, sondern ist schlicht die Neuinterpretation zumeist bekannter Ereignisse und Fakten mit dem Selbstverständnis der heutigen Informationsgesellschaft.

Lochkarten und Nebelwerfer
Im deutschsprachigen Raum ist Blacks Buch leider durch den unsäglich langweiligen und gleichzeitig reaktionären Finkelstein-Reflex ziemlich kläglich untergegangen. Dabei beschreibt Black jenseits der Schuldfrage IBMs zum ersten Mal ausführlich die Bedeutung der automatisierten Datenverarbeitung mit Vorläufern heutiger Computer für den Holocaust und die unheimliche Effizienz der deutschen Kriegswirtschaft. Den Nazis stand zwar kein Silizium zur Verfügung, aber die Funktionsweise und der Einsatz der damals modernsten Lochkartentechnologie unterschied sich nicht grundsätzlich von heutigen Anwendungen wie der statistischen Bearbeitung von Volkszählungsdaten oder aktueller Logistikaufgaben. Die Nazis wickelten allerdings keine Amazon-Buchsendungen oder Nahverkehrs-Bedarfszahlen ab, sondern unter anderem die Massentötung aller als “Rassejuden” eingestuften Europäer und die gleichmäßige Auslastung der Todes- und Arbeitslager inklusive dem dazugehörigen Eisenbahnverkehr. Die Maschinen, die dies ermöglichten, stammten zu mehr als 95 Prozent von der deutschen IBM-Tochter Dehomag (Deutschen Hollerith-Maschinen-Gesellschaft), die kontinuierlich schon vor 1933 und bis heute (als IBM-Deutschland) von der New Yorker Zentrale geführt wurde und auch durchgehend in deren Mehrheitsbesitz war. Die nach dem IBM-Ahnen und deutschstämmigen Erfinder Hermann Hollerith benannten Lochkartenmaschinen hatten dabei in den 30er und 40er Jahren schon ein Leistungsspektrum, das bei dem Gedanken an Papierkarten als Datenträger heute absurd erscheint. Die Maschinen waren in der Lage, auch enorm große Datenbestände in kurzer Zeit nach bestimmten Kriterien zu sortieren und statistisch zu durchdringen. Die Nazis hatten kein Problem damit, die insgesamt mehreren Millionen Gefangenen der Konzentrationslager vor ihrer Vernichtung optimal auszubeuten, da mit einer Verzögerung von nur einem oder zwei Tagen die zentrale Häftlingskartei in Berlin wusste, wie viele Gefangene sich in jedem einzelnen der Lager befanden, welche beruflichen Qualifikationen sie besaßen und in welchem körperlichen Zustand sie sich befanden. Dies ist umso erstaunlicher, als die gesamte Lagerkapazität Nazi-Deutschlands nie mehr als 700.000 Menschen gleichzeitig umfasste.
Volkszählung und Völkermord
Grundlage für die Verfolgung und Vernichtung der “Rassejuden”, Zigeuner, Homosexuellen und anderer, als unerwünscht eingestuften Gruppen waren Volkszählungen in Deutschland und später im besetzten Europa. Denn den Rassefanatikern waren Pogrome oder ähnlich unkoordinierte Aktionen prinzipiell ein Grauen. Ihr Ziel war die Vernichtung der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas und nicht SA-Randale vor jüdischen Geschäften und Synagogen – diese Aktionen hatten für sie höchstens propagandistische Effekte. Im Zweifelsfall waren sie sogar hinderlich, weil sie eine umfassende Kontrolle gefährdeten. Die erste Volkszählung, in der die “rassische Abstammung” festgestellt wurde (mit zwei Ahnen-Generationen), fand deshalb noch 1933 statt und wurde natürlich von der Dehomag durchgeführt. Durchgeführt im Wortsinn, denn IBMs Geschäftsmodell sah niemals einen Verkauf der Lochkartenmaschinen vor. Die Geräte wurden lediglich vermietet, und die Angestellten und Arbeiter, die sie bedienten, wurden von IBM-Personal geschult und überwacht. Dazu hatte IBM sich ein Monopol auf die Software gesichert: Lochkarten, mit denen die Maschinen reibungslos funktionierten, kamen ausschließlich von IBM, die Herstellung nach patentierten Verfahren kam damit einer Lizenz zum Gelddrucken gleich: Zwischen 1933 und 1945 lieferte die Dehomag, bzw. IBM aus den USA Milliarden von Lochkarten an die Nazis. Außerdem mussten die Maschinen für jede Aufgabe neu eingerichtet und die dazugehörigen Karten entworfen werden. IBM hatte also in den 30ern und 40ern sowohl die Stellung Microsofts, Ciscos und Intels gleichzeitig inne – und noch dazu umfassender als diese heute. Die Volkszählungen mit maschinellen Datenverarbeitungsmethoden waren die einzige Möglichkeit für die Nazis, ihr Vernichtungsprogramm durchzuführen. Eine handliche Auswertung der Ergebnisse allein der ersten Erhebung von 1933 hätte wahrscheinlich drei bis fünf Jahre gedauert, so konnte sie innerhalb einiger Wochen durchgeführt werden.
Cyberkrieg-Gewinner
Natürlich leistete IBM nicht nur Nazi-Deustchland, sondern auch den Alliierten, allen voran den USA, unersetzbare und extrem lukrative Dienste im Krieg. Dabei waren alle Kriegsparteien in einem Ausmaß auf die IBM-Technologie angewiesen, dass sie das Unternehmen nicht ernsthaft enteignen oder brüskieren konnten. Die Nazis stellten die Dehomag nach Kriegseintritt der USA lediglich unter Zwangsverwaltung, ein paradiesischer Zustand für IBM, der somit eine gewissenhafte und gewinnbringende Unternehmensführung garantierte. Die Nazis wussten wiederum, dass die Dehomag ohne einen kontinuierlichen Know-How-Fluss via der Schweiz ihre Leistungen nicht voll erbringen konnte. Eine Enteignung kam also auch jenseits der unternehmensfreundlichen deutschen Zwangsverwaltungsgesetze nicht in Frage. Die USA waren ebenfalls von IBMs Technologie abhängig und konnten den Konzern daher nicht wegen seiner offensichtlichen Arbeit für den Kriegsgegner belangen. Vor diesem Hintergrund erscheint es auch folgerichtig, dass IBM nach dem Krieg für seine Kollaboration mit den Nazis nicht belangt wurde, sondern das deutsche Tochterunternehmen schnellstmöglich wieder unter die Regie der New Yorker Zentrale gestellt wurde – in ihrem Besitz war es sowieso durchgehend. Nach der Kapitulation wurden die Dehomag-Maschinen und -mitarbeiter dringend benötigt, um das besetzte oder befreite Europa zu verwalten, so dass IBM schon 1945 gewohnt lukrativ und effizient als offiziell wiedervereinigter Konzern agierte. Der Standort der meisten Maschinen war IBM sowieso bekannt, den Rest der Arbeit erledigten die “IBM-Soldaten”: Spezielle Einheiten der US-Armee, die sogenannten “Machine Record Units” (MRUs), die mit teils mobilen Rechenzentren der Front folgten. Da diese durchgehend IBM-Technologie verwandten, bestanden sie selbstverständlich aus IBM-Angestellten, die für den Militärdienst freigestellt waren, aber ihre Tätigkeit eigentlich nur in einer anderen Uniform verrichteten. Stießen die MRUs auf Hollerith-Machinen in gerade besetzten Gebieten, analysierten sie nicht nur den Daten- und Maschinenbestand für die Militärführung, sondern auch für ihr Unternehmen.
Mordzählungen und IT-Krieg
Die Konsequenz aus der Verwendung von Informations-Technologien durch die Nazis muss heute ein entschiedener und aggressiver Datenschutz inklusive dem Kampf um weiße und graue Flecken in den Datenbeständen der Staaten und Unternehmen sein. Die Konsequenz aus der Rolle IBMs, die größer und langlebiger als jeder Weltkrieg war, muss die Diversifizierzung und Öffnung von Hard- und Software-Systemen sein: Monopole müssen gebrochen und Codes freigegeben werden, die Datensphäre muss unvollständig und uneinsehbar bleiben.

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Elektronische Lebensaspekte.